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Diagonale 2020 – Die Unvollendete

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Abgesagt aber nicht unsichtbar

Die Unvollendete, diesen schönen, musikalischen Titel haben die Diagonaleleiter Sebstian Höglinger und Peter Schernhuber ihrer abgesagten Ausgabe gegeben.
Gleichzeitig haben sie jetzt tatsächlich einen kreativen Weg gefunden, zumindest einige der Filme fürs Publikum sichtbar zu machen.

Diagonale goes Online

Geplant war die diesjährige Ausgabe vom 24.3. bis 29.3. in diesem Zeitraum werden jetzt an verschiedenen Orten im Internet Diagonale-Filme gezeigt.
FM4, das „Jugendkulturadio“ des ORF bietet auf seiner Webseite Livestreams an:

Am 24. März 3freunde2feinde von Sebastian Brauneis um 20:15 und um 23 Uhr.
Am 25. März um 20:15 läuft an gleicher Stelle Robin’s Hood von Jasmin Baumgartner
und am 26. März um 20:15 gibt es ein Kurzfilmfilmprogramm

Der wunderbare Dokumentarfilm Die Dohnal von Sabine Derflinger wird vom 27. März bis 3. April im KINO VOD CLUB gezeigt. Dort gibt es auch weitere, von Schernhuber und Höglinger kuratierte, aber ältere, Diagonale Filme zu sehen.

Kino zu Hause

Nichts davon kann ein Festival ersetzen, aber es gibt immerhin einen kleinen Einblick in das, was hätte sein können. Und auch das Livestreamen zu festgesetzter Uhrzeit vermittelt, ein klein wenig, Kinogefühl.
Man kann sich also, allein oder mit den erlaubten Mitbewohnern, dem Getränk der Wahl, die Beine hochgelegt, vor einen ausreichend grossen Bildschirm setzen und – hoffentlich – geniessen. Und, wer weiss, vielleicht kann man ja auch zu Hause für ein bisschen Glamour sorgen.

 

DiagonaleReport_Homeoffice (c) ch.dériaz
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Kunst und Kultur in Quarantäne

CrossingEurope_Absage

Schliessungen und Absagen

Als die Absage der Diagonale in Graz bekannt gegeben wurde, waren die Kinos und Theater noch geöffnet, es bestand noch Hoffnung auf, wenn auch reduzierte, Möglichkeiten der Unterhaltung und des Kunstgenusses.
Mittlerweile sind die Kinos und Theater geschlossen, das Leben spielt sich in Wohnungen ab und weitere Filmfestivals geben Absage oder zumindest Verschiebung bis auf Weiteres bekannt.
Das schöne kleine Festival Film:schweiz in Berlin zum Beispiel oder Crossing Europe in Linz. Cannes verschiebt von Mitte Mai auf einen noch nicht festgelegten Termin.
Die Verleihung des Schweizer Filmpreises findet ohne Zeremonie und ohne Publikum statt, aber immerhin, der Preis kann vergeben werden, findet doch die Abstimmung darüber ohnehin online statt. Die feierliche Übergabe der Preise soll während des Festivals in Locarno, also im August stattfinden.

Das Leben mit und für Kultur steht still

Das ist nicht nur traurig, es ist auch bedenklich für viele Kunstschaffende, die oft freiberuflich, selbständig oder sonst wie unabgesichert arbeiten. Dass das in Zeiten von Krisen – welcher Art auch immer – ein Problem sein würde, war schon immer klar. Das Ändern dieser Arbeitsverhältnisse stösst aber immer wieder auf Mauern. Im Fall von Film- und Fernsehschaffenden, auf Mauern der Ablehnung seitens Produzenten, Fernsehsendern, Verantwortlichen. Seit Jahrzehnten ist die immer wieder, mehr oder weniger offen genutzte, Antwort darauf: „dann macht es halt ein anderer“.
Trotzdem haben die meisten von uns weiter ihre Jobs gemacht, aus Freude am Beruf, aus Liebe zum Produkt, aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Und jetzt, wo nichts mehr geht, wo niemand ins Kino kann, wo es langsam schwierig wird, Sendungen in gewohnter Qualität aufrecht zu halten, zeigt sich wie wenig diese Loyalität wertgeschätzt wurde und wird. Das ist deprimierend.

Die E-Mails zu diesem Thema häufen sich, die Berufsverbände arbeiten mit Hochdruck daran Regelungen, die nicht gesetzeskonform sind, zu verhindern, Unterstützung zu bieten. Das ist bitter nötig. Nicht nur, weil Kollegen, wie in vielen anderen Branchen auch, vor einem wirtschaftlichen Desaster stehen, sondern weil irgendwann ja auch wieder gearbeitet werden wird. Die jetzt abgesagten Drehs, stillstehenden Produktionen, geschlossenen Kinos, all das wird irgendwann wieder weiter gehen.

Unterhaltung

Wie wichtig Kunst und Kultur für alle sind, zeigt sich dafür jetzt besonders deutlich.
Der Mensch will beschäftigt, will unterhalten werden. Lesen ist eine Möglichkeit, aber die meisten verbringen vermutlich genau jetzt die meiste Zeit damit, auf Bildschirme zu schauen. Fernsehen, wegen der Nachrichten, Mediatheken, Streamingdienste, all das dürfte zur Zeit Hochkonjunktur haben. All das wurde von Kollegen hergestellt, die jetzt nicht nur nichts tun können, sondern eben auch in Gefahr sind ihre Lebensgrundlage zu verlieren. Die Filmbranche wird also genauso Unterstützung brauchen, wie Fluglinien oder Autohersteller.

Österreichische Kinos kann man derzeit unterstützen, in dem man hier  Filme „on demand“ schaut. Ein Teil der, niedrigen, Leihgebühr geht an die Partnerkinos.
Und hier können österreichische Filme digital ausgeliehen und angeschaut werden. Film,- Kunst,- und Kuturschaffende leben nicht in lässigem Saus und Braus. Nur weil sie Unterhaltung schaffen haben sie nicht automatisch ausschliesslich Spass bei der Arbeit, wie alle anderen auch. Aber sie sind diejenigen, die für die Unterhaltung und die gelungene Freizeitgestaltung aller sorgen.

Diagonale 2020 abgesagt

Diagonale Absage

Diagonalefreies Jahr

Heute und morgen hätte eigentlich das Programm der Diagonale präsentiert werden sollen. Erst in Graz, dann in Wien. Es wären die Kataloge verteilt worden in hübschen Taschen mit den ikonischen Diagonale Streifen, es wäre – vermutlich – ein schönes grosses Brillen- oder Displayputztuch drin gewesen, eventuell ein paar steierische Kürbiskerne.

Die Festivalleiter Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger hätten kurz über die Filme gesprochen, sie hätten den Sponsoren gedankt und Lust gemacht auf den Start am 24. März.

Nichts davon findet nun statt.

Es wird also auch nicht der Bundespräsident Van der Bellen bei der Eröffnung sprechen, man wird auch nicht einschätzen können, wie die noch neue Regierung zur Filmkunst steht. Wäre die grüne Kunststaatssekretärin Ulrike Lunacek gekommen? Hätte sie sich unter die Filmschaffenden gemischt, ein offenes Ohr für deren Anliegen gehabt?

Nichts davon werden wir wissen.

Diese Absage, so verständlich sie auch ist, ist nicht nur ein wirtschaftlicher Verlust, sie ist auch ein grosses künstlerisches Problem.
Einen Film in der Leistungsschau des heimischen, also österreichischen, Films laufen zu haben ist mehr als nur erfreulich. Es bietet die Möglichkeit gesehen zu werden, von Kritikern aus dem In-aber auch aus dem Ausland, es bietet die Möglichkeit mit zukünftigen Geldgebern in Kontakt zu treten, Werbung für sich und seine künstlerische Arbeit zu machen. Eine Arbeit für die es oft genug zu wenig Geld gibt, nicht nur aber auch gemessen an der oft langen Zeit, die es braucht, bis ein Film von der Idee auf die Leinwand kommt.

All das wird es dieses Jahr nicht geben.

Keine Show, kein Austausch, keine Preise, keine neuen Eindrücke vom aktuellen österreichischen Filmschaffen.

Das ist sehr, sehr schade.

#FilmTipp Born in Evin

Born in Evin_Tafel (c) ch.dériaz
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Persönlich und politisch

Schauspielerin und Regisseurin Maryam Zaree macht sich in Born in Evin auf die Suche nach ihren Anfängen, stösst allerdings auf eine massive Mauer aus Schweigen. Zaree wurde im iranischen Gefängnis Evin geboren, ihre Eltern Gefangene des Khomeni Regimes.

 

Stadtkino_innen (c) ch.dériaz
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Von dieser Ausgangslage aus erzählt Zaree einerseits chronologisch von ihrer Ankunft als kleines Kind in Frankfurt, von ihrem Leben dort mit dem abwesenden Vater, der erst später Gefängnis und Iran verlassen wird, und flicht andererseits ihre Suche nach Antworten im Heute dazwischen.

 

Suche

Weiter als bis zu: „Du wurdest im Gefängnis geboren“ ist sie bisher nicht gekommen, mit über 30 also der Wunsch mehr zu wissen, und das auch filmisch festzuhalten. Wie in vielen Familien mit massiven Traumata ist aber das Schweigen und das Wir-haben-es-überlebt grösser als der Wille die traumatischen Erfahrungen zu teilen.
So reist sie nach Paris zu Verwandten, zu Tagungen von Exiliranern, nach London, in die USA.
In kleinen Schritten lernt sie mehr von den Zuständen in Evin kennen. Kleine Schnipsel an Erinnerungen, enthüllt von Frauen, die dort waren, Grausamkeit und Folter bahnen sich einen Weg an die Oberfläche, doch ihr persönliches Schicksal bleibt weiterhin diffus.

Verweigerung

Die Mutter verweigert sich, will, obwohl studierte Psychotherapeutin, nicht verstehen, warum diese Antworten wichtig für ihre Tochter sein sollen.
Rückschläge und kleine Fortschritte, viel Schweigen und dann doch Menschen, die ihre Geschichte teilen wollen. Und langsam findet die Regisseurin zu einem, für sie akzeptablen Ergebnis der Suche: nicht die blanken Antworten sind wichtig, sondern die präzise und laut gestellten Fragen an die Mutter.

Bilder

Born in Evin_Plakat (c) ch.dériaz
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Born in Evin ist aber nicht nur wegen seines Themas interessant, sondern auch wegen seiner filmischen Machart. Trotz der vielen sehr privaten Momente bleibt die Kamera sachlich, ohne es dabei an Empathie mangeln zu lassen. Die Mischung von privaten Video Aufnahmen aus der Anfangszeit in Deutschland gemischt mit den vielen Momenten, in denen Zaree sucht, nachfragt, lästig ist oder einfach still verzweifelt, ergeben einen sehr dichten Film. Und sie findet auch immer wieder sehr schöne, stimmige symbolhafte Bilder, die den Prozess des Suchens und Findens verdeutlichen und weitertragen, aber auch, durch ihre Künstlichkeit, entspannend wirken.
Und ganz nebenbei zeigt sich wie wichtig und universell das Thema der verdrängten Traumata ist.
Der Film ist aktuell im Statdkino in Wien zu sehen.

Stadtkino_aussen (c) ch.dériaz
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#FilmTipp FrauenPower

Die Dohnal_Plakat
Die Dohnal_Plakat
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  Die Dohnal

Kinokasse
Kinokasse
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Donnerstagabend, nicht gerade der beste Kinomoment möchte man meinen.
Aber Sabine Derflingers Dokumentarfilm Die Dohnal zieht Menschen ins Kino, auch in der bereits zweiten Spielwoche. Das Wiener Filmcasino ist voll.

 

 

Frauenpolitik

Johanna Dohnal, erste Frauenministerin in Österreich, eine starke, kämpferische und freundliche Politikerin. 16 Jahre, von den späten 70er bis Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, war sie massgeblich verantwortlich für frauenpolitische Themen und deren politische Umsetzung.

Derflinger nutzt das reichlich vorhandene ORF Material über die Politikerin, kombiniert es mit Interviews von Weggefährtinnen, Zeitzeugen, Familie und Frauen aus Kultur und Politik, die von Johanna Dohnal beeinflusst sind. Daraus entsteht nicht nur ein faszinierendes Porträt einer hochinteressanten Frau und Politikerin, es entsteht auch eine Art Geschichtsstunde über den Verlauf der Frauenpolitik, nicht nur in Österreich

 

Lästig bleiben

T-Shirts mit Dohnal Zitaten (c) ch.dériaz
T-Shirts mit Dohnal Zitaten
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Der Zuschauer lernt eine Frau kennen, die weiss, dass ihr Weg lang ist, dass sie Anfeindungen und Blödheiten wird trotzen müssen, die aber dennoch fast immer ein freundliches Gesicht zu wahren weiss und, noch wichtiger, die stets sachlich bleibt, und damit ihre Gegner schlecht aussehen lässt. Selbst Ex-Kanzler Vranitzky, der die Dohnal letztlich nach 16 Jahren aus der Regierung warf, sieht im heutigen Interview unsouverän aus, wenn er versucht zu erklären, warum er damals nicht schaffte, wie sein Vorgänger Kreisky, die Hälfte seines Kabinetts mit Frauen zu besetzen.


Szenenapplaus

Selten erlebt man ausserhalb von Filmfestivals, dass es im Kino Szenenapplaus gibt, dass munter reagiert wird auf Gezeigtes und dass ein Film Schlussapplaus erhält. Die Dohnal schafft das.

Der Dokumentarfilm zeigt letztlich, dass auch im 21Jahrhundert Frauenpolitik noch nicht beendet ist, ganz im Gegenteil.
Es gilt also weiterhin ein Dohnal Zitat: lästig bleiben.

Die Dohnal läuft weiterhin in Wiener Kinos.

 

Filmcasino_Dohnal (c) ch.dériaz
Filmcasino_Dohnal (c) ch.dériaz

 

#FilmTipp: It must be heaven

Vom Giessen des Zitronenbaums (c) ch.dériaz
Vom Giessen des Zitronenbaums
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Wahr, warmherzig, witzig

Vom Giessen des Zitronenbaum (It must be heaven) von Elia Suleiman ist weniger ein Filmtipp als eine dringende Empfehlung.

Der Film macht schlicht glücklich.

Eine zarte Posse, ein unverstellter Blick auf den Zustand der Welt, Slapstick ohne jedes Tempo und ein Regisseur-Hauptdarsteller, der sich in symmetrischen Bildern in Szene setzt, um mit stoischem Blick die Interpretation des Gesehenen dem Zuschauer zu überlassen.
Das klingt komplizierter als es ist.
Vom Giessen des Zitronenbaums bedient sich virtuos filmischer Stil- und Handwerksmittel. Etwas untersichtige Einstellungen, die eine kindliche Perspektive suggerieren, Schnittfolgen, die Beziehungen herstellen und so dialogisches Erklären unnötig machen, Bildausschnitte, die Unerwartetes mit grosser Leichtigkeit in Komisches verwandeln.
Mit diesen starken visuellen Mitteln erzählt der palästinensische Regisseur Suleiman seinen Alltag in Nazareth, zeigt skurrile Nachbarn und begibt sich auf eine Reise nach Paris und New York. Auch dort scheint der kindliche Blick bedrohlich Situationen einzufangen, während der Schnitt dann Absurdes enthüllt. Auf der Suche nach Finanzierung durch ausländische Produzenten wird die Geschichte gleichermassen grotesk und politisch.
Unangenehm wahr: die Szene bei einem Pariser Produzenten, der, spezialisiert auf Filme aus dem arabischen Raum, dem, wie ein Schuljunge beim Direktor, sitzenden Regisseur erklärt, der Film sei nicht palästinensisch genug; sprich: Das Drehbuch entspricht nicht den Erwartungen des Westens an eine Geschichte aus dem Nahen Osten.
Dass solche Szenen nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigt die lange Liste der koproduzierende Länder des fertigen Films: Kanada, Frankreich, Deutschland, Qatar, Türkei…
Poetisch-versponnen Filme passen nicht ins politische Konzept, obwohl, wie dieser Film zeigt, sehr viel Politik und universell Gültiges mit den Mitteln der Komik vermittelt wird.

Am Ende des Films möchte man sofort zurück zur Kasse gehen, sich eine neue Eintrittskarte besorgen, um den Film gleich noch einmal anzuschauen.

Zurzeit ist das in Wien im Top Kino und im Le Studio möglich.

Top Kino Wien (c) ch.dériaz
Top Kino Wien (c) ch.dériaz

 

#FilmFestival Solothurn 55_7

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Die Preise

Die 55. Ausgabe der Solothurner Filmtage, die erste Ausgabe unter der neuen Leitung von Anita Hugi endet mit folgenden Preisträgerfilmen:

Der Prix de Soleure geht an Boutheyna Bouslama für den Dokumentarfilm
A la recherche de l’homme à la caméra, leider nicht gesehen.
Der Prix du Public geht an Baghdad in my Shadow von Samir.

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Thematisch dominierten Familiengeschichten und, ganz stark, Filme, die Identitätsfragen zum Thema hatten. Seine Identität hat der schweizer Film längst gefunden, sie ist vielfältig, vielsprachig, neugierig. Die Regisseure und Regisseurinnen blicken in der Wahl ihrer Themen auf ihre Wurzeln, erschliessen sich neue Perspektiven und tragen so zu einer bunten Mischung bei. Der wahre Gewinner dieser Mischung ist auf jeden Fall das Publikum. Bleibt also dem Publikum ausserhalb der Landesgrenzen viele schweizer Filme zu wünschen.

Das, letztes Jahr, unterzeichnete Abkommen zur Gleichstellung und Diversität in der Filmbranche wurde insofern erfüllt, dass mehr Filme von Regisseurinnen gezeigt wurden, auch wenn die Zahl immer noch etwas niedriger ist, als Filme von Regisseuren, einzig bei den Kurzfilmen wurde eine 50:50 Verteilung erreicht. Bei den Gewinnerfilmen ist dieses Jahr die Verteilung ausgeglichen.

 

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Das genaue Datum für die Solthunrer Filmtage 2021 steht noch nicht fest, aber wer gegen Ende Januar noch nichts vorhat, könnte ja über eine Reise in die Schweiz nachdenken.

#FilmFestival Solothurn 55_6

FrühKino
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Sowohl als auch

Der letzte komplette Kinotag in Solothurn. Und ein weiterer Frühfilm.

Die Erwartunge an Al-Shafaq (Wenn der Himmel sich spaltet) von Esen Isik sind gross. Die Geschichte klingt spannend aber insgesamt verwirrt sie mehr als sie unterhält, was wirklich schade ist. Eine türkische Familie in Zürich, Burak, der jüngste Sohn kann es keinem recht machen, er scheint nicht genug im Glauben zu Hause zu sein, er trinkt, versucht verschämt mit einer Mitschülerin anzubandeln, bekommt Ärger zu Hause. Da scheint ein neuer, aus Deutschland kommender Imam gerade richtig, um ihn auf den rechten Weg zurückzubringen. Was dann passiert ist eine Radikalisierung, die keiner in der Familie wahrhaben will. Parallel geht es um zwei jesidische Brüder aus Syrien, deren Familie vom IS ermordet und verschleppt wurde und die in einem türkischen Flüchtlingslager feststecken, wo der ältere Bruder bei einer Explosion stirbt. Von Zürich aus macht sich Burak auf den Weg nach Syrien, wo er als IS Kämpfer stirbt. Rückblenden in verschieden zeitlichen Ebenen verweben die Geschichten und schliesslich treffen der trauernde Vater und der trauernde, verwaiste Junge in der Türkei aufeinander. Das alleine ist schon relativ komplex, das Problem liegt auf zwei weiteren Ebenen: Warum spricht der Vater neben türkisch hochdeutsch, während der Rest der Familie immer wieder ins Schweizerdeutsche fällt? Was spricht er mit dem kleinen Jungen? Türkisch? Kurdisch? Wenn Kurdisch, wieso spricht er das nicht auch zu Hause? Warum spielen die Darsteller alle, als stünden sie das erste Mal vor der Kamera?
Man kann an all diesen filmischen Ungereimtheiten natürlich freundlich vorbeisehen, nur das Drama sehen, das sich vor einem abspielt. Aber eben wegen der Komplexität der beiden Erzählstränge macht die mangelnde Logik oder Sorgfalt das ganze ärgerlich.

 

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Ein Dokumentarfilm über den Reise- und Dokumentarfilmer René Gardi, einzig aus dem veröffentlichten und unveröffentlichten Material Gardis entstanden: African Mirror von Mischa Hedinger. Gardi, der mit seinen Filmen aus Kamerun nachhaltig das mediale Bild Afrikas geprägt hat, entlarvt sich mit eigenen Mitteln. Die Filmbilder, Tagebuchauszüge und TV Auftritte zeigen, wie sehr hier die eigene romantisierte und vor allem kolonial geprägte Sicht mit allen Mitteln verbreitet wird. Aus damaliger Sicht (ab den 1950er Jahren) mag das Inszenieren von „Alltagssituationen“, das Verniedlichen, aber auch Herabwürdigen der Kameruner, übliche Praxis gewesen sein, aus heutiger Sicht sind die Kommentare, die Inszenierungen und Einschätzungen nur schwer zu ertragen. Hedinger hat das Material strukturiert und dramaturgisch positioniert, bleibt zu hoffen, dass er, anders als Gardi so sorgfältig und ehrlich vorging, dass das Bild das auf der Leinwand entsteht nicht in ähnlicher Weise einzig den heutigen ethischen Maßstäben genügt, sondern auch denen der Zukunft. Das vorausgesetzt, ein sehr bewegender Film.

Golden Age von Beat Oswald zeigt Alter als lukratives Geschäftsmodell. Eine luxuriöse Seniorenresidenz und ihre skurrilen Bewohner im Süden Floridas gleichzeitig präzise beobachtet und peppig geschnitten. Ein Einblick in ein – sehr amerikanisches – Modell vom Leben im Alter, bei dem man sich die ganze Zeit fragt, ob man lachen soll oder sich fürchten möchte. Andererseits ist die Residenz so teuer, dass sich die Frage für die meisten Zuschauer wohl eher nicht stellt und man kann dann doch hauptsächlich staunen und lachend den Kopf schütteln über all den Prunk, die Happy Hour, den Ringelpietz mit Anfassen. Ein fröhlicher Film, der sein Thema trotzdem ernst nimmt.

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Katalogtexte können einen wirklich in die Irre leiten, während Le pays von Lucien Monot spannend klang, erschien der im gleichen Programm laufende Sensing Bodies von Christoph Oertli eher öde. Genau das Gegenteil ist der Fall.
Le pays erzählt von zwei jungen Männern, die auf einem Fährschiff auf dem Genfer See arbeiten. Die Familie des einen ist ursprünglich aus Palästina, die des anderen aus Lateinamerika. Off Dialoge umreissen diese Biographien, während relativ beliebige Bilder des Arbeitsalltags dazu laufen; mühsame 45 Minuten lang.
Sensing Bodies zeigt in 48 kurzweiligen Minuten Menschen, die vor sehr aufgeräumter, gestalteter urbanen Kulisse vorbeihuschen, ihres Weges gehen, sich ausruhen, rauchen, immer wieder rauchen in dafür vorgesehenen und von der Umgebung abgeteilten Stellen. Einen ganzen Tageszyklus lang folgt man den Bewegungen, unterlegt hauptsächlich von sehr betonten Originaltönen, die Schritte klacken laut, musikalisch, Blätter rauschen, Stadtgeräusch, eine ganze Symphonie an Umgebungston. Nach ganz kurzer Zeit zieht einen dieser Film hinein ins Schauen und Staunen.

Der Dokumentarfilm des Journalisten und Regisseurs David Vogel, Shalom Allah behandelt ein Thema, dem selten und wenn, dann selten sachlich, Beachtung geschenkt wird: Islam Konvertiten. Vogel begleitet, befragt, 4 Schweizer, die zum Islam konvertiert sind. Befragt sie nach ihren Motiven, ihren Erfahrungen und muss sich dabei mit seinem eigenen, nicht praktizierten, ja abegelegtem Judentum auseinandersetzen. Der Film ist sowohl kritisch, als auch selbstkritisch, hinterfragt immer wieder in Ich-Form vermeintlich Feststehendes, setzt sich mit den eigenen Zweifeln in Bezug auf das Thema auseinander und lässt dabei seinen Protagonisten allen Platz und wird mit Offenheit belohnt. Die Welt ist eben nicht einfach und auch nicht schwarz-weiss, es ist sowohl als auch und bietet Raum für stetigen Wandel.

Morgen Abend gibt es in Solothurn den Prix de Soleure und den Publikumspreis, soweit war es auf jeden Fall ein erfreuliches, vielschichtiges Festival.

das war’s fast
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#FilmFestival Solothurn 55_5

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Dazugehören

Wer Filme macht, braucht einen langen Atem, fünf Jahre von der Idee zum fertigen Film hat Jonas Schaffter gebraucht. Sein Dokumentarfilm Arada (Dazwischen) ist eine eindrückliche, gesellschaftspolitische Geschichte. Drei Männer, zwei von ihnen in der Schweiz geboren, aber mit türkischen Pässen, wurden nach kleineren Straftaten und nach verbüssen ihrer Haftstrafen aus der Schweiz ausgewiesen. Wenn man sie anhört, sind sie einwandfrei Schweizer, vom Dialekt bis zu ihren Ideen, aber eben mit türkischen Pässen. Und so leben sie in einem Schwebezustand, in einem Land, das sie eher aus den Ferien kennen, denn vom Leben dort, ein Land in das selbst ihre, zuvor in die Schweiz ausgewanderten, Eltern nicht mehr zurückkehren. Videotelephonate und Callcenter Jobs bei Schweizer Firmen halten die Verbindung. Aber es bleibt ein Warten, für zwei auf unbestimmte Zeit, für einen mit einer besseren Prognose zurückzudürfen, da sein Einreiseverbot auf nur 5 Jahre angesetzt wurde. Fünf Jahre allerdings, in denen er seinen kleinen Sohn fast nie sieht und in denen seine Ehe scheitert. Was macht Heimat aus, was macht Zugehörigkeit aus? Fragen, die man sich in einer Welt, die Globalisierung predigt und Trennung praktiziert immer wieder wird fragen müssen. Der Film macht das auf interessante und bedrückende Weise klar. Dass Arada ein Hochschul-Abschlussfilm ist, sieht man ihm an keiner Stelle an.

Arada
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Mon Cousin Anglais von Karim Syad behandelt eine ähnliche Thematik. Der Cousin des Regisseurs hatte sich als Teenager von Algerien alleine nach London durchgeschlagen, mittlerweile lebt er fast 20 Jahre schon in England und ist doch irgendwie nicht dort zu Hause, allerdings ist er im heimatlichen Algerien auch nur noch fremd. Der Film ist in Kapitel unterteilt, in denen sich das Leben des englischen Cousins wie in Schleifen wiederholt. In England: früh aufstehen, arbeiten in der Fabrik, mit den Kumpels Bier trinken, auf dem Sofa dösen und alles wieder von vorne. Vorbereitung für die Reise nach Algerien: Einkäufe für die Familie, Gepäck wiegen, umpacken, wiegen… In Algerien: Ruhelosigkeit, Ziellosigkeit, auf dem Sofa dösen… Am Ende wird er Algerien zweimal vor den geplanten Ehen wieder verlassen haben, zurück nach England, den Kumpels, den miesen Jobs, dem Sofa. Nicht hier, nicht dort, schwebend.
Von den Wölfen direkt ins nächste Kino und zu einer Gruppe Exiliraker und ihrem Treffpunkt, einem Café in London. Das Exil ist in Baghdad in my Shadow von Samir aber eigentlich nur der offensichtliche gemeinsame Nenner, die Verbindung für eine Geschichte, die auf mehreren Zeitebenen spielt. Erinnerungen an Folter unter der Saddam Diktatur vermischen sich mit kulturellen Belangen in Bezug auch auf Sexualität und Selbstbild, Verschiebungen innerhalb und über die Generationen, Fragen nach Identität und Zugehörigkeit, religiöse Auslegungen und Verrat. Und das alles spannend wie ein Krimi, weil wirklich erst am Schluss alle Puzzleteile dieser komplexen Geschichte offen liegen. Die schweizerisch-deutsch-englisch-irakische Koproduktion hat alles um international ein Erfolg zu werden: Spannung, Witz, tolle Schauspieler, intelligente Dramaturgie, gute Kamera. Am Ende des Films herrschte erstmal eine ganze Zeit Stille, bevor der Film seinen verdienten Applaus bekam.

Der heutige Tag hat es deutlich gezeigt: Eintönigkeit kann man dem schweizer Film wirklich nicht vorwerfen.

bewegtes Logo
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#FilmFestival Solothurn 55_4

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Halbzeit in Solothurn, thematisch zeigen sich zwei grosse Blöcke so weit, einerseits Familienangelegenheiten, egal ob als Spiel – oder Dokumentarfilm und andererseits Themen, die aktuell politisch bewegen und die Nachrichten beherrschen, auch hier ist die Auseinandersetzung sowohl fiktional als auch nonfiktional.

Mit dem feuchtkalten Nebelwetter breitet sich über der Stadt ein Geruch von warmen Holzfeuern aus, das verwandelt das kleinstädtische Ambiente in etwas ganz und gar Heimeliges. Die Wege quer durchs Städtchen bekommen so ein olfaktorisches Kuschelplus.

 

Warteschlange Restplätze
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Sonntagmorgen, 9 Uhr Vorstellung, die Menschen drängeln sich in den Kinosaal oder stehen geduldig an der Kasse für die wenigen Restkarten; ins Kino gehen bleibt beliebt.

 

 

Verantwortung

Das letzte Buch von Anne-Marie Haller und Tanja Trentmann erzählt vom Leben der Autorin Katharina Zimmermann. Als Pfarrersfrau folgt sie ihrem Mann mit drei kleinen Kindern in den 60er Jahren nach Indonesien. Eine Zeit der politischen Umbrüche im Land und eine immense Herausforderung für sie. Sich selbst beschreibt Zimmermann nicht als Kämpferin, wenn man aber den Geschichten und Wendungen in ihrem Leben zuhört, dann kann man nicht anders, als sie genau dafür zu halten, eine Kämpferin. Neben allem, was sie in Indonesien für Aufgaben übernommen hat, fing sie dann auch an zu schreiben, Kinderbücher zunächst, dann Bücher für Erwachsene, und bis heute, mit über 80, schreibt sie weiter. Das titelgebende letzte Buch, das im Film ein wenig wie ein roter Faden auftaucht, ist dann doch nicht wirklich das letzte. So spannend diese Lebensgeschichte ist, gegen Ende weiss der Film nicht mehr so recht wohin, zu viel wird im letzten Drittel noch verhandelt, Themen, die unvermittelt auftauchen und den Film damit leider holprig werden lassen.

 

Platzspitzbaby
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900 Zuschauer fasst die Reithalle und um 11 Uhr ist sie für die zweite Vorführung von Pierre Monnards Platzspitzbaby restlos ausverkauft. Und von Anfang an ist man gebannt, hauptsächlich, weil die junge Hauptdarstellerin, Luna Mwezi, einfach unglaublich ist. Wo lernen Kinder das? Wie schafft sie diese Bandbreite an Emotionen glaubhaft zu spielen, von kindlich verspielt bis ins Mark erschüttert und verzweifelt? Sie spielt die Tochter einer Drogensüchtigen Mutter, die ihr immer und immer wieder verspricht mit den Drogen aufzuhören, aber diese Versprechen noch häufiger bricht. Und so kümmert sich das Kind um die Mutter, verteidigt, sorgt sich, stiehlt für die Mutter und besorgt ihr die Drogen. Ein Teufelskreis, der nicht gut gehen kann. Die Geschichte ist gut, wenn auch in der Konstellation nicht neu, aber wirklich sensationell wird sie aufgrund ihrer kleinen Hauptdarstellerin, die sich von der Leinwand direkt in die Herzen des Publikums spielt. Am Ende hörte man nicht nur aufgrund grassierender Erkältungen eindeutiges Schniefen.

Verspielt und surreal ist: Sekuritas von Carmen Stadler. Ein grosses Bürogebäude als Hauptdarsteller, es ächzt und knurrt, klickt und zirpt, Lichter, Schatten, lange Gänge und dazwischen Nachtgestalten. Die Hauptfigur, eine Frau vom Sicherheitsdienst, sie geistert durch die leeren Gänge, schmiegt sich an Heizkessel, scheint mit dem Bau verschmelzen zu wollen. Ein irakischer Putzmann taucht auf, die Wege kreuzen sich in einer sprachlosen Übereinstimmung, als Statisten des Baus. Aber auch der Direktor der Firma, die pleite gemacht hat, ein Koch, der im Keller versucht seinen verlorenen Geschmackssinn wiederzufinden, eine Sekretärin, all diese Gestalten treffen aufeinander wie in einem Tanz, angezogen und im nächsten Moment wieder alleine weiter schwebend, umgeben von all den merkwürdigen Tönen und Lichtern. Wunderbar gedrehte Bilder, eigenwillige Komposition der Figuren, verspielt und surreal und: sehr schön.

Grosses Kostümkino ist Insoumises von Laura Cazador und Frenando Perez. Kuba im 19. Jahrhundert, ein Schweizer Arzt, zierlich und mit revolutionären Meinungen und Methoden spaltet die lokalen Honoratioren, die einen bewundern ihn, weil er heilt, die anderen verabscheuen ihn, weil er ohne Ansehen von Rang und Stand alle Menschen, also auch Sklaven behandelt. Aber in Wahrheit ist alles viel verwickelter, unter der Verkleidung des Arztes steckt eine Frau. Früher oder später muss so etwas aufliegen, da Enrique Faber in der Zwischenzeit aber auch noch geheiratet hat kocht die Wut im Ort umso höher und der Prozess wird auch zu einer Frage der Ehre derer, die ihn bislang unterstützt haben. Sehr dicht und atmosphärisch gedreht, toll gespielt und spannend.

Der Wunsch nach Vielsprachigkeit erfüllt sich hier leicht, schweizer Filme kommen nicht nur in den 4 Landessprachen vor, sondern auch, wie in Insoumises, auf Spanisch, das sollte beim Export in andere Länder doch hilfreich sein.

Festivalkino
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