Blog Filmverstand

Viennal 2019

 

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Das Programm

Am 24. Oktober ist wieder soweit, zum 57. Mal findet in Wien die Viennale statt, das heisst: 14 Tage Filme zu fast allen Uhrzeiten.

Das Publikumsfestival bietet eine Art „Best of Festivals“, zusammengetragen und ausgesucht von Viennale Direktorin Eva Sangiorgi.

Die zuständigen Stellen der Kulturabteilung der Stadt Wien hat Sangiorgi bereits nachhaltig überzeugt, wurde ihr Vertrag doch jetzt schon, also nach „nur“ einem Jahr als Direktorin, vorzeitig verlängert.

Was auffällt, ist eine grosse Anzahl Filme aus Ländern der romanischen Sprachfamilie, aber auch Osteuropa und Asien sind in diesem Jahr stark vertreten.
Die Langfilme sind, erfreulicherweise, nicht nach Kategorien getrennt, und so finden sich Dokumentarfilme einträchtig neben Spiel- und Experimentalfilmen wieder.
Das tut der Vielfalt der künstlerischen Ausdrucksform gut und bringt sicher auch den einen oder anderen „unaufmerksam“ kataloglesenden Zuschauer zu unerwarteten Kinoerlebnissen.

Neben dem Hauptprogramm gibt es auch dieses Jahr wieder eine Retrospektive in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Filmmuseum:
O Partigiano! Pan-European Partisan Film.
Sowie das Programm: Der Weibliche Blick, die Wiederentdeckung der Filme von Louise Kolm-Fleck in Zusammenarbeit mit dem Filmarchiv Austria.

Zusätzlich zu den vielen zu entdeckenden Filmen gibt es wie immer auch ein buntes Rahmenprogramm aus Musik, Begegnungen, Gesprächen und Cocktails.
Und, kein Festival ohne Preise, ausser dem Viennale Publikumspreis gibt es noch den Wiener Filmpreis, den MehrWert Filmpreis und den FIPRESCI Preis der internationalen Filmkritik.

 

Auf jeden Fall zu empfehlen sind die Filme:

Space Dogs

Oroslan

Yokogao

Das gesamte Programm gibt es hier.

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#FilmTipp: Gatekeeper

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Metro Kino, Wien

Manchmal dauert es, bis ein Film seinen verdienten Weg von Festivals ins Kino findet.
So ist das auch bei Gatekeeper von Lawrence Tooley und Loretta Pflaum, ein Film der formale und inhaltliche Grenzüberschreitungen betreibt. Es ist ein ruhiger Film, der aber voller wilder Einfälle steckt.
Die Figuren bewegen sich wie Gefangene oder Laborratten in einem streng grafischen Beton/Holz Labyrinth, einzig der Blick über Dächer und auf den Himmel verspricht Freiheit.
Eine Frau, die mal blond, mal brünett ist, ein junger Rumäne, den sie erst anfährt, dann mit nach Hause und schliesslich in ihr Bett nimmt. Ein junger Mann? Oder doch zwei? Dazwischen ein Pakistani, der in einer Videoinstallation Kafkas Türhüterparabel erzählt. Die Erzählstränge laufen übereinander, durcheinander, vermischen sich, ergeben ein Neues, öffnen sich, die Figuren bleiben gefangen, egal wieviel sich klärt im Verlauf des Films. Das äussere Labyrinth entspricht der inneren Verstrickung der Figuren. Und trotz der visuellen Enge bietet der Film dem Zuschauer Raum zum träumen und spekulieren, wer sich darauf einlässt, wird mit einem tollen Kinoerlebnis belohnt.

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Ab 8. Oktober läuft der Film im Wiener Metro Kino, am Premierenabend in Anwesenheit des Teams.

#FilmTipp: Bewegung eines nahen Bergs

Bewegung eines nahen Bergs
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Der Mensch neigt dazu alles in – ordentliche, kleine – Schubladen zu packen.
Auch bei Filmen.
Und während man eine Einteilung wie Kurzfilm oder Langfilm gerade noch verstehen und einsehen kann, ist die Unterscheidung von Spielfilm und Dokumentarfilm nicht immer leicht zu treffen.

Dass das gut so ist, zeigt Sebastian Brameshuber neuer Film:
Bewegung eines nahen Bergs
Seine Uraufführung feierte der Film in Paris als Dokumentarfilm bei Cinéma du Réel, wo er gleich den Grossen Preis erhielt. Bei seiner Österreich Premiere auf der Diagonale in Graz lief er in der Kategorie Spielfilm, wo dann Kameramann Klemens Hufnagel den Preis für die beste Bildgestaltung (Spielfilm) erhielt.

Formal handelt es sich recht eindeutig um einen Dokumentarfilm, auch wenn einige poetisch-mystische Aspekte eingewoben werden.
Mitten in einer desolaten steierischen Landschaft arbeitet der Nigerianische Autowrackhändler vor sich hin, alleine, einsam vielleicht. Es ist schwere, schmutzige Arbeit, ein karges Privatleben, alles in schönen, stimmungsvollen Bilder gezeigt.
Und dann Bilder, die nicht in den Moment zu passen scheinen, Töne, deren Herkunft unklar ist, und Gedanken zu einem mythologischen Berg, zum Verhältnis von Erz und Arbeit.
Es bleibt dokumentarisch, vielleicht experimentell-dokumentarisch, fast verspielt. Dieser Film braucht keine Schublade.
Man kann ihn als Dokumentar- oder als Spielfilm sehen oder einfach als das was er wohl am ehesten ist: eine künstlerische Arbeit, die sich frei von Einteilung auf der Leinwand entfaltet.
Und das ist gut.

Ab Freitag, 27. September läuft der Film im Kino Le Studio in Wien, eine gute Gelegenheit nicht nur einen spannenden Film anzuschauen, sondern auch ein weiteres, neues Wiener Programmkino zu entdecken. Zur Premiere am 27. September ist Sebastian Brameshuber angekündigt.

#FilmTipp: Vom Lokführer, der die Liebe sucht

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Herbstbunt, melancholisch, skurril und sehr schön, das wäre die Kurzfassung zu Veit Helmers Film:
Vom Lokführer, der die Liebe sucht.

 

 

 

Ein Film, der ohne Wort, ohne Sprache auskommt und so universell in seiner Originalversion zu verstehen ist.
Ein alter Lokführer, auf seinen letzten Fahrten vor der Pensionierung. Er steuert seinen langen Güterzug, mal durch weite Steppe, mal gefährlich dicht zwischen Häusern durch. Und so wie sich auf Autoscheiben Insekten sammeln, sammelt der Zug beim Durchfahren der engen Stellen immer wieder Dinge auf, mal einen Ball, mal eine Decke, Dinge, die der Lokführer nach Feierabend versucht den Besitzern zurückzubringen. Auf einer Fahrt verfängt sich ein hübscher Spitzen BH in der Lok und verführt den Finder zum Träumen. Kaum in Rente macht sich der Lokführer auf die Suche nach der Besitzerin.
Wie der Prinz mit dem gläsernen Schuh, sucht er nach der Dame, die in den BH passt. Das ist abenteuerlich, schräg, oft witzig, manchmal traurig und gegen Ende sogar lebensgefährlich.
Was den Film so sehenswert macht, ist nicht nur die Geschichte, sondern die Farbkomposition, die zwischen kaukasischer Landschaft, Zug und Gebäuden die Melancholie des Lokführers spiegelt, die zarte unaufdringlich schöne Musik, die mit den Geräuschen das Fehlen von Dialogen vergessen lässt und die ausdrucksstarken Gesichter der Darsteller.
Ein Film, der bezaubert. Ein Liebesfilm mit einem unerwarteten, kitschfreien Ende.

             Vom Lokführer, der die Liebe sucht läuft in Wien im Admiral Kino.

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#insKino Gartenbaukino, Wien

                               Grosses Kino

Parkring 12 (c) ch.dériaz

Wer sich unter Programmkino einen eher kleinen, „handgestrickten“ Betrieb vorstellt, kennt das Wiener Gartenbaukino noch nicht.
Das Kino ist nicht nur gross, sondern auch ein Stück Kinogeschichte, ein Kinodenkmal der 1960er Jahre.

Gartenbau Eingang (c) ch.dériaz

An derselben Stelle am Parkring 12 stand bereits 1919 ein Kino. Das Gartenbaukino, in seiner jetzigen Form, feierte seine Premiere – man gab Spartakus in Anwesenheit von Kirk Douglas – 1960 dann im Neubau und ist seitdem seinem Stil treu geblieben.

 

Schon im Eingangsbereich wähnt man sich in einer Zeitschleife, bunt gekachelte Wände, rot gepolsterte Sofas, eine mächtige Treppe, die in den Barbereich führt, ein langer Gang, wie in einem Stadion, um in den Saal zu kommen.

 

 

Der Saal fasst heute 736 Besucher und wirft einen noch ein Stück tiefer in den seltsamen Charme der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein.

 

 

Tarantino analog schauen (c) ch.dériaz

Das alles sind aber natürlich nur Randbemerkungen, denn das Kino bietet nicht nur moderne, digitale Abspieltechnik, sondern kann Filme sowohl in 35 mm als auch in 70 mm analog projizieren.
Monumentalfilme wie 2001: A Space Odyssey und Westside Story wurden in 70 mm gezeigt, sowie Tarantinos The H8teful Eight, in der 70 mm Roadshow-Version. Sein aktueller Film Once upon a time … in Hollywood wird in 35 mm vorgeführt.
Selbstredend laufen alle Filme in Originalversion.

Das Gartenbaukino ist nicht nur Programm-, sondern auch Premieren- und Festivalkino (Viennale und /Slashfilm), es ist DAS Kino um grosse „Schinken“ zu sehen oder wiederzusehen.

Grosse Schinken schauen (c) ch.dériaz

 

Gerade gab es, allerdings nur genau zweimal, die letzte Version von Apocalypse Now – The Final Cut zu sehen, mächtig, laut, immer noch beeindruckend und in diesem Saal perfekt in Szenen gesetzt.

 

 

Und wer für Kinofilme wirklich nichts übrig hat, kann immer noch, während der Hauptfilm läuft einfach die Bar besuchen.

#ichgehinsKino: Gartenbaukino

 

#FilmSchnitt

Was bleibt

christine dériaz (c) karin straka

Vor mehr als 30 Jahren hatte ich meinen ersten Ausbildungstag im Schneideraum, es war ein Filmschneideraum wie viele damals, ein 16 mm 6-Teller Steenbeck- Schneidetisch und ein 4-Teller Tisch zum Sichten, Anlegen, Reste sortieren.
Im Wesentlichen bestand meine Arbeit in den ersten Wochen daraus Tonreste zusammenzukleben, damit sie danach erst in die Löschdrossel und dann als Tonstatisch zurück an den Schneidetisch konnten. Und auch wenn das alles andere als spannend klingt, war ich begeistert. Ich hatte meine Hände an dieser unglaublichen Maschine, ich habe Abends Freunden Bildchen gezeichnet, wie der Ton, das Bild einzulegen sind, wie die Räder ineinander greifen, kurz: Es war klasse.

Irgendwann hiess es, ich solle doch aus den Resten am Galgen, bevor ich sie wegwerfe, mal etwas zusammenschneiden. Einen ganzen Tag habe ich damit verbracht und am Ende hatte ich einen 16 Sekunden Clip. Das ist viel Zeit für wenig Film, zugegeben. Aber ich hatte eine Idee, eine Vision von dem was ich erzählen wollte, und ich hatte buchstäblich nur den Müll vom Galgen, keine Reste, keine ganzen Einstellungen, nichts.

Am Ende hatte ich das, was ich mir vorgestellt hatte, ich hatte meinen Rhythmus gefunden und etwas erzählt, egal wie kurz.

Heute bekomme ich mein Material von diversen Datenträgern, ich kann es nicht mehr anfassen, und manchmal möchte ich es, leise, nur für mich, als Müll bezeichnen.
Was aber geblieben ist, ich habe eine Idee, eine Vision und das Material, das eine real existierende, eher unveränderbare Grundlage ist. Und am Schluss muss und will ich diese beiden, manchmal sehr divergierenden, Einheiten zusammengebracht haben.
Am Ende finde ich meinen Rhythmus, um mit dem Material meine Idee, meine Vision zu erzählen.
Das bleibt.

 

Nicht 16 Sekunden, sondern knapp 50 Sekunden:
la magie du montage
Entstanden für den Wettbewerb Locarno#70
Idee, Bild und Schnitt: Ch.Dériaz
Musik: Florian Lachinger

Locarno #72 Der Letzte macht das Licht aus

(c) ch.dériaz

Der letzte Film auf der Piazza Grande: Tabi no owari sekai no hajimari
(To the ends of the world) von Kiyoshi Kurosawa wird von Lili Hinstin als der perfekte Abschluss für das Festival gepriesen, in Wahrheit ist er eher ein Ärgernis.

Am Anfang hat der Film noch Charme und Witz ist ein bisschen Medien- oder TV Satire. Erzählt wird von einem japanischen Filmteam, dass in Usbekistan mit einer jungen etwas unbedarften Moderatorin eine Reisereportage dreht. Nichts läuft wie es soll und die junge Moderatorin wird in immer absurdere Settings abgestellt, um vorgefertigten Text fröhlich in die Kamera zu flöten. Dazwischen: Yoko rennt. Sie rennt, weil sie zu spät zur Abfahrt des Teams kommt, rennt durch unbekannte Basare und rennt über 4-spurige Strassen. Ab etwa der Hälfte des, immerhin 124 Minuten langen, Films driftet das Ganze in eine Art Auftragsarbeit für das Usbekische Fremdenverkehrsbüro ab. Erst ein rührseliger Monolog über tapfere japanische Kriegsgefangenen, die trotz aller Widrigkeiten die Innenausstattung eines usbekischen Theaters gestalten, die Moderatorin wird von der dortigen Polizei verfolgt, trifft aber nach tränenreicher Entschuldigung auf so nette, verständnisvolle Beamten, dass man selber heulen möchte ob dieses Kitschs, um dann am Ende in malerischer Bergkulisse Piaf’s Hymne an die Liebe auf Japanisch zu schmettern. Man kann eventuell entschuldigen, dass Kurosawa einen solchen Film macht, auch Regisseure haben Miete zu zahlen, aber dass so ein Film ein Festival abschliesst, dass für Originalität, unabhängiges Kino und Innovation steht, ist schwer zu verdauen.

 

(c) ch.dériaz

Der Abend selbst begann aber deutlich erfreulicher mit der Verleihung der diversen goldenen und silbernen Leoparden.
Der Publikumspreis zeigt wie wenig sich die Zuschauer in Locarno an Kitsch und leichte Kost halten, sondern immer wieder, so wie in diesem Jahr, für Filme stimmen, die Qualität und Anspruch vereinen. Die Zuschauer stimmten für den Film Camille von Boris Lojkine. Deutlich gerührt erzählt Lojkine, er hätte sich nach der Vorführung auf der Piazza zum Heulen in die Berge verzogen, weil nach dem Film „niemand“ geklatscht hatte.

Im Wettbewerb Cineasti del presente, gewinnt der senegalesische Film Baamum Nafi (Nafi’s Father) von Mamadou Dia gleich zwei goldenen Leoparden, einen für den Wettbewerb und einen als bester Erstlingsfilm.

Den Spezialpreis der Jury bekommt hochverdient Ivana Cea Groaznica (Ivana die Schreckliche) von Ivana Mladenović, Rumänien/Serbien. Die Jury vergibt auch noch eine Besondere Erwähnung für Here for Life von Andrea Luka Zimmerman, Adrian Jackson, Grossbritannien.

Leider nicht gesehen, den Goldenen Leoparden im Hauptwettbewerb: der portugiesische Film Vitalina Varela von Pedro Costa, dessen Protagonistin Vitalina Varela auch den Leoparden für die beste weibliche Hauptrolle bekommt. Der Begeisterung bereits bei der Pressekonferenz zu urteilen, ist der Film ein verdienter Gewinner. Der Spezialpreis dieser Jury ging an Pa-go (Height of the Wave) von PARK Jung-bum, Südkorea.

Alle Preise sind auf der Seite des Festivals nachzulesen.

 

Lili Hinstin (c) ch.dériaz

 

 

Nach dieser ersten Ausgabe unter der künstlerischen Leitung Lili Hinstins kann man noch nicht sehen, ob sie eine eigene Handschrift einbringen wird, ob sie wirklich frischen Wind und das versprochene Aufrütteln ins Programm bringen wird. Was auffiel, es waren vermehrt asiatische Filme, und zwar nicht nur aus China oder Japan, sondern aus auch eher „exotischen“ Regionen im Programm. Beim Publikum kam ihre freundliche und unkomplizierte Art auf jeden Fall gut an und ihre Begeisterung für die präsentierten Filme war spürbar, wenn auch im Nachhinein nicht immer nachvollziehbar. Um wirklich ihren künstlerischen Einfluss deutlich zu machen, wird sie noch ein wenig zulegen müssen.

Die 73. Ausgabe des Festivals von Locarno beginnt am 5. August 2020.

Locarno #72 Spielfreude

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Tag 9, das Festival ist auf der Zielgeraden.

Der letzte Film im Wettbewerb Cineasti del presente: Mariam von Sharip Urazbayeve. Ein weiterer Film, in dem sich reale Welt und Fiktion überschneiden, vermischen. Die Regisseurin, aufmerksam geworden durch eine Zeitungsnotiz, dreht zunächst einen kurzen Fernsehbeitrag über eine Frau, deren Mann spurlos verschwunden ist und die um staatliche Unterstützung für sich und ihre 4 Kinder kämpfen muss. Auf dieser Basis schreibt sie ein Drehbuch, eine Dramatisierung der Ereignisse und beschliesst, die betroffene Frau selbst die Rolle spielen zu lassen. Der Film könnte richtig gut sein, wenn er nicht mit üblen Ton-Schlampereien zu kämpfen hätte. Der Filmton scheint ausschliesslich von den Mikroports der Darsteller zu kommen und wird hemmungslos abgeschnitten, sobald ein Dialogteil beendet ist, Resultat: ein Tonloch am anderen, Atem- und Bewegungsgeräusche in Szenen, in denen der Ton an sich aus dem Off kommt, spärliche Atmos im Freien. Das alles ist extrem schade, weil es einen aus dem Fluss der Geschichte regelmässig herausreisst. Einer Geschichte, die ansonsten schön erzählt ist, interessant gedreht und die eine einfache Notiz in eine berührend-schräge Story verwandelt.

Kunst, Theater, Randgruppen, soziales Engagement, all dies und eine grosse Portion Skurrilität finden in Here for Life von Andrea Luka Zimmermann und Adrian Jackson zu einem wilden Film zusammen. Das politische Theater einer Gruppe schräger Gestalten, weitet sich auf den gesamten städtischen Raum aus, wird so nicht nur die 4., sondern alle Wände des Theaters los, um sich dann am Ende auf einer 5. Wand, der Leinwand, wiederzufinden. Das ist ein köstlicher Spass, manchmal etwas verwirrend, oft aber einfach nur sehr cool.

Bei seiner ersten Vorführung hatte bereits der Kinosaal heftig applaudiert und auch bei der dritten Vorführung, also ohne Anwesenheit des Regisseurs, war das Publikum von Baamum Nafi (Nafi’s Father) von Mammadou Dia begeistert. Die Basis des Konflikts in einem senegalesischen Dorf ist so alt wie die (Kultur) Geschichte der Menschheit: ein Streit zwischen Brüdern, es geht um Eifersucht aber auch um die Deutungshoheit des rechten Weges. Und so verwandelt diese simple Basis ein Dorf in den Schauplatz von islamistischer Machtübernahme, zwingt ehemals friedliche Nachbarn sich für eine Seite zu entscheiden und kostet am Ende das Leben Unschuldiger. Eine packende Geschichte in sehr schönen Bildern erzählt.

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Der Ehrenleopard auf den sich viele Zuschauer gefreut haben: John Waters. Auf der Bühne der Piazza Grande eine strahlende Lili Hinstin, die sich anscheinend einen Traum erfüllt hat mit diesem Gast. John Waters aufgeräumt, launig, freundlicher Gentleman mit gepunktetem Anzugrevers.

Der letzte Film, der auf der Piazza Grande um den Publikumspreis ins Rennen geht, ist Adoration von Fabrice du Welz. Eine allererste Liebe zwischen einem 12-Jährigen und einer hochgradig schizophrenen 14-Jährigen, Wahn und Hingabe, Mord, Flucht und Verstrickungen, die nicht mehr lösbar scheinen. Mit oft sehr bewegter Kamera gedreht, in vielen Naheinstellungen und mit zwei sensationellen jungen Schauspielern, zieht der Film den Zuschauer in seinen Bann, macht atemlos und unruhig und liefert am Ende auch keinen beruhigenden Schluss.

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Jetzt fehlen in Locarno eigentlich nur noch die Preise, die am heutigen Abend vergeben werden.

Locarno #72 Warteschlangen

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Tag 7 fängt sehr gut an, der Himmel ist sommerlich blau, die Luft am Morgen noch mild, und der Philippinische Dokumentarfilm Overseas von YOON Sung-a sehr super. In ruhigen, manchmal langen Einstellungen folgt sie dem Alltag junger Philippinas in einem Trainingszentrum für zukünftige Hausmädchen, euphemistisch Helferinnen genannt. In diesem Training wird den Frauen nicht nur beigebracht perfekt Betten zu beziehen oder den Tisch zu decken, sondern sie spielen auch diverse Situationen durch, die sie im Job erwarten können. Erfahrungen von Demütigung und Missbrauch werden ausgetauscht, gleichzeitig wird vermittelt, dass sie sich wehren können und müssen, welches ihre möglichen Anlaufstellen sind und welches ihre (Menschen) Rechte sind. Erschütternd ist, dass diese jungen Frauen, oft Mütter kleiner Kinder, von allen Seiten ausgenutzt werden, der philippinische Staat sieht sie als wichtigen Wirtschaftsfaktor und lässt sie medial als Volksheldinnen feiern, in ihren eigenen Familien gelten sie schnell als faul, wenn sie nicht bereit zu solchen Auslandsjobs sind und werden zusätzlich auch immer wieder um ihr hart verdientes und nach Hause geschicktes Geld betrogen. Trotzdem bleiben sie dabei, nehmen mehrjährige Trennungen von ihren Kindern in Kauf und träumen von einer rosigen Zukunft für die Zeit „danach“, wenn sie genug Geld auf die Seite gelegt haben, um sich eine eigene Existenz aufzubauen.

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Das Programm der Pardi di domani ist eher durchwachsen, stark ist allerdings gleich der erste Film: Tskhoveli (The animal) von Amiran Dolize. Besonders herausragend ist die Kamera, die in dramatischen, bläulichen Bildern die Tristesse in einem georgischen Dorf abbildet. Es scheint nichts zu tun zu geben und so verbringen vier Männer ihre Tage in schweigendem Stumpfsinn, mal trinkend, rauchend, selbstgemachte Drogen konsumierend, kein Ziel, keine Zukunft und selbstverständlich auch kein Geld.

Notre Territoire von Mathieu Volpe ist ein experimentelles Filmessay, eine Art Tagebuch in 8 mm Schwarz-Weiss Bildern. Einen Sommer lang begleitet er in Süditalien afrikanische Erntearbeiter, lässt sich durch das desolate Barackenlager treiben, zeigt ihre Gesichter, Hände, das Elend. Als OFF Stimme seine Gedanken zum Ort, aber auch zum Süditalien seiner Kindheit, das ganz noch anders aussah. Relativ unverständlich der thailändische Film Râang ton taan (enduring body) von Ukrit Sa-nguanhai. Einzelne Episoden, die sich alle um Krebserkrankung und Tod drehen, zusammengehalten mit etwas, das wie eine Science Fiction Vision einer neuen Welt aussieht, aber Sinn und Zusammenhang entziehen sich irgendwie dem Betrachter. Sas von Léa Célestine Bernasconi erzählt auch eher experimentell von Essstörung bei Jugendlichen. Sie wechselt die Formensprache ihres Films von klassischen Interviews zu rasanten Bildkollagen zu Sequenzen, in denen eine junge Frau wie von einer Kamera gehetzt durch eine Stadt rennt und Internetbildern, die Schönheitsideale vorgaukeln und wieder zurück zu Interviews. Die Idee insgesamt erschliesst sich, aber die Feinheiten gehen unterwegs verloren, und man bleibt etwas ratlos zurück.

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Die wichtigsten Accessoires bei diesem Festival: Wasserflasche, Regencape, bequeme Schuhe und viel Geduld. Gefühlt verbring man mehr Zeit mit Schlangestehen und Warten, als mit Film schauen. Die Wartezeit vor dem Film Oroslan von Matjaž Ivanišin ist besonders lang, statt um 18:30 anzufangen fängt aus unklaren Gründen erst um 18:45 der Einlass an, Unmut und Murren machen sich breit. Oroslan ist ein merkwürdiger Film, am Anfang viele originelle Detailbilder, ein Dorf, Beine, die rennen, Türen, dann wieder Totalen des Orts, Schweigen, Arbeiten im Schlachthof, und plötzlich wandelt sich die Form, war der Film gerade noch nahezu stumm, wird er geschwätzig. Zwei Männer am Tisch, im Auto, reden und reden, Belangloses. Erst wenn der Film vorbei ist erschliesst sich, dass die Erzählform dreifach verschachtelte ist, ein Film im Film der beim Entstehen gezeigt wird – und das auch nicht chronologisch – und auf einer Metaebene auch von Einsamkeit und Sterben erzählt.

Auf der Piazza Grande gibt es am Abend eine weitere Ehrung, kein Leopard diesmal, sondern der Tessiner Filmpreis für den Tessiner Regisseur Fluvio Bernasconi.
Die künstlerische Leiterin Lili Hinstin verbreitet weiterhin fröhlichen Charme, stolpert manchmal durch ihre auf Englisch oder Italienisch geführten Interviews und Ansagen, macht das aber entspannt damit wett, über sich selber lachen zu können. Gleichzeitig schafft sie auf der Bühne immer einen lockeren Plauderton zu treffen, Fragen zu stellen, die vielleicht nicht cineastisch relevant sind, aber dafür ist im Anschluss an die Filme bei den moderierten Publikumsgesprächen genug Platz.

Der bislang lustigste Abendfilm: Days of the Bagnold Summer von Simon Bird. Ein nahezu dauerhaft übelgelaunter Teenager muss notgedrungen den Sommer mit seiner etwas trutschigen Mutter verbringen. Mit subtilem Witz fechten die beiden jeden sich nur bietenden Streit aus. Während die Mutter versucht zu verstehen was in ihrem Sohn vorgehen könnte, ist er damit beschäftigt sich mittel Kopfhörern hinter Heavy Metal Musik zu verschanzen. Im Hintergrund schwingt aber durchgängig eine liebevolle Basis mit und beide Figuren sind jederzeit offen im Umgang, auch wenn dies manchmal noch mehr Krach und Streit zur Folge hat, es bietet eben auch Spielraum für Verständnis und Versöhnung.
Auf britischen Humor ist Verlass.

 

Enge Räume

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Tag 8, das Festival nähert sich seinem Ende.

O Fim do Mundo von Basil Da Cunha spielt in der Enge eines Stadtrandviertels von Lissabon, wo es ausser Armut und Kriminalität nicht viel gibt. Ein Junge, vielleicht gerade 19, kommt nach 8 Jahren aus dem Erziehungsheim zurück in sein Viertel und befindet sich gleich wieder mitten drin in kriminellen Machenschaften, aber etwas ist leicht verschoben, er wirkt eher wie ein Rächer, der mit seinen Taten Übles zurechtrücken will. Mit vielen Laien aus dem Viertel und gedreht mit einer sehr bewegten, lauernden Kamera und nur geringer Tiefenschärfe entsteht eine besondere Dichte und Nähe zu den Figuren. Gesichter wie Landkarten vor einem ins Abstrakte verschwommenem Hintergrund, der die Welt, die sowieso nicht zu erreichen ist in Bedeutungslosigkeit verwandelt. Intensiv, laut und gut.

Die Figuren in Pa-go (Height of the wave) von PARK Jung-bum bewegen sich in der Enge einer Insel und verstrickt in ihre diversen Ängste und Geheimnisse. Eine neue Polizeichefin mit Tochter kommt auf die Insel, begegnet dort einer jungen Frau, von der nicht klar ist, ob sie missbraucht wird oder sich prostituiert, einem Dorfchef, der seine Insel für den Tourismus attraktiver gestalten will und daher keinen Ärger will und einem ganzen Dorf das schweigt. Das sind die Komponenten, aus der die nicht ganz durchsichtige Geschichte gewebt ist. Während die junge Frau, seitdem sie als Kind ihre ganze Familie bei einem Unfall auf dem Meer verloren hat, Angst vor Wasser hat, und so auf der Insel gefangen ist, leidet die Polizeichefin an einer jobbedingten posttraumatischen Belastungsstörung, ihre Tochter wiederum fühlt sich von den Scheidungsplänen der Eltern überfordert, somit stossen permanent persönliche Ängste gegeneinander und es entsteht eine Spirale, in der anscheinend jeder, jedem etwas Anhängen will und keiner Verständnis für den Nächsten aufzubringen vermag.

Chaos in einem Londoner Wohnblock gibt es in Cat in the wall von Mina Mileva und Vesla Kazakova. Mit Sohn und Bruder lebt eine junge Bulgarin in London und obwohl beide Geschwister einen Uniabschluss haben, gibt es für sie in London nur Hilfsjobs. Als sie einen Benachrichtigung bekommen, dass sie für notwendige Sanierungen im Haus eine grosse Summe zu zahlen haben werden, fangen sie an Kontakt aufzunehmen zu anderen Wohnungseigentümern, aber auch zu den von Sozialhilfe lebenden Mietern im Wohnblock. Und dann läuft ihnen auch noch eine Katze zu, die alles verkompliziert. Wechselnde Allianzen entstehen, viel lautes Geschrei, und eine ordentliche Portion Rassismus in alle Richtungen, trotzdem herrscht ein komödiantischer Unterton im Film und das Geschrei hat oft etwas Slapstickhaftes. Ein Film zum Lachen und Nachdenken.

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Ein Abend ohne Piazza Grande, aber ein Film über Diego Maradona klingt einfach nicht attraktiv.

Locarno #72 Regen und Rituale

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Tag 5, Halbzeit in Locarno, soweit ein eher erfreuliches, interessantes
Programm das Lili Hinstin zusammengestellt hat.

Am morgen heisst es ein Kurzfilmprogramm der Pardi di domani nachzuholen, selbst um halb zehn morgens und im glamourösesten Saal des Festivals ist es schon recht voll. In All the fires the fire von Efthimis Kosemund Sanidis, es geht um Rituale, um Jagd und um Konkurrenz, zwischen den Jägern, zwischen Brüdern. Die Geschichte ist archaisch, die wenigen Wortgefechte sind kurz und eher geknurrt. Ein Spielfilm, der eine dokumentarische Anmutung hat, distanziert, präzise, unparteiisch. Der schöne Animationsfilm Moutons, loup et une tasse de thé von Marion Lacourt ist ein surrealer Kindertraum. Während sich die Erwachsenen schlaffertig machen erschafft das Kind unter der Decke Wesen und Bilder, die im Verlauf ein seltsames Eigenleben bekommen, Träume, Ängste und knurrende Schafe, alles fliesst wunderbar ineinander. In Mom’s Movie von Stella Kyriapopoulos soll ein Kleinstkind die abschliessende Prüfung in einem Schwimmbecken ablegen, eine Prüfung, die sicherstellen soll, dass es sich im Notfall bekleidet im Pool über Wasser halten kann. Alles geht gut, bis bei der letzten Übung das Handy der filmenden Mutter ins Wasser fällt, und Trainerin wie Mutter Kind Kind sein lassen und sich nur um die Rettung des Mobiltelefons kümmern. Das Kind hat zum Glück den Kurs verinnerlicht. Rassentrennung und Vorurteile sind schwer loszuwerden, das zeigt in dichten 9 Minuten der Südafrikaner Tebogo Malebogo in Mthunzi. Ein junger Schwarzer wird Zeuge, wie eine Weisse vor ihrer Tür einen epileptischen Anfall erleidet, er kümmert sich, hilft die Frau in ihr Haus zu tragen. Als er nach einem Medikament suchen soll, fällt der Strom aus, im dämmerigen Haus trifft er auf einen Mann, der ihn, wie selbstverständlich, für einen Einbrecher hält, der Helfer entkommt nur knapp. Eine düstere Stimmung, die zeigt wie schnell und leicht Situationen durch festgefahrenen Muster aus dem Ruder laufen können.

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Mittlerweile versinkt Locarno in gewittrigem Starkregen, Schirme und Regencapes sind das gesuchteste Accessoire, die Schuhe nimmt man am besten in die Hand, am Mittag ist es dunkle wie am Frühabend, sich ins Kino retten ist da durchaus wörtlich zu nehmen.

Terminal Sud von Rabah Ameur-Zaïmeche ist ein starker Film, der zeitweilig schwer auszuhalten ist. In einem fiktiven Land irgendwo am Mittelmeer verbreiten bewaffnete, uniformierte Gruppen Angst und Schrecken in der Bevölkerung. Manche sind einfach Verbrecher, manche Polizisten oder Armee, Rebellen oder Miliz, keiner kennt sich wirklich aus, wodurch der Terror, den sie verbreiten umso grösser wird, da er nicht abzuschätzen ist, da er völlig willkürlich ist. Mittendrin ein Arzt, der eigentlich nur versucht in diesem Chaos seiner Arbeit nachzugehen und zu überleben. Nachdem er entführt und an einen geheimen Ort gebracht wird, um einen angeschossenen Mann zu versorgen, gerät er ins Visier der Machthaber. Politische Willkür, Entführung, Mord und Folter, Einschüchterung, führen schliesslich zu Flucht, nicht nur im Film, aber das ist eine andere Geschichte, die allerdings mehr als deutlich hier mitgemeint ist. Der erste Film so weit, bei dem es frenetischen Applaus gab.
Gleich danach, der zweite, der das Publikum mitgerissen hat: The Last Black Man in San Francisco von Joe Talbot. Zwei junge Schwarze leben am Rand von San Francisco, da wo es nicht schön, nicht touristisch poliert und gentrifiziert ist. Für die Strassengang aus der Nachbarschaft sind sie die Nerds, die Seltsamen, an Kunst und Kultur interessiert, eben anders. Ein schönes altes Haus im Zentrum, das angeblich vom Grossvater des einen eigenhändig gebaut wurde, wird zum Traum, zur Obsession fast, und als es eines Tages leer steht, wollen sie es übernehmen, egal ob regulär als Käufer oder als Hausbesetzer. Ein Film vom Träumendürfen, von Loyalität, Freundschaft, Selbstverständnis und Selbstwert, warmherzig, witzig und melancholisch. Der Film hat beim Sundance Festival den Preis für die beste Regie bekommen, zu Recht.

Aufgrund des Starkregens wandert nicht nur die Mehrheit der Zuschauer, sondern auch künstlerische Leitung und Moderatorin von der Piazza Grande ins grosse Fevi Kino. Der Südkoreanische Schauspieler SONG Kang-ho bekommt einen Ehrenleoparden und wird lautstark bejubelt.

In Weltpremiere dann Instinct von Halina Rejin, ein Film, der wirklich unter die Haut geht. Eine junge Psychologin übernimmt die Behandlung eines psychopathischen Sexualstraftäters. Doch so souverän, wie sie gerne erscheinen möchte, ist sie nicht und so gerät sie in eine immer fataler werdende Spirale von Gefühlen, fleissig befeuert durch ihren manipulativen Patienten. Vieles bleibt angedeutet in diesem beeindruckenden Erstlingsfilm, die Spannung und Grausamkeit, die die Figuren erleben, übertragen sich auf beunruhigende Weise, durch das intensive Spiel der Schauspieler in den Kinosaal. Am Ende sitzt man fröstelnd und erleichtert im Saal.

 

 

Realfiktion

Tag 6 beginnt mit einem seltsamem, surrealen Film. Lengo Weiyang lengmo (The cold raising the cold) von RONG Guang Rong. Der Film entwirft eine gefühlskalte, graue Welt, mit Menschen, die zwar reden, aber nicht wirklich in Verbindung zu treten scheinen. Dazwischen taucht immer wieder plötzlich und nur von hinten zu sehen ein Mörder auf, ersticht jemanden, das Bild verwandelt sich, bekommt die Ästhetik eines Handyvideos, als würde jemand das Geschehen mitdrehen. Die Szenen sind lose verwoben durch den gemeinsamen Ort oder durch Begegnungen der Figuren, dazwischen stromern erst Kühe, dann ein Schwein durch den Ort, surreal, etwas befremdlich, hat aber dennoch Charme.

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Und dann das bisher beste Programm der Pardi di domani. Marée von Manon Coubia erzählt von Pistenraupenfahrern in den Alpen, eine laute, raue Mannschaft, die sich auf den Weg macht jeder mit seinem Gefährt. Doch plötzlich wird der Schnee zum Schneesturm und der Ausspruch des Einen „der Berg macht, was er will“ wird zur dramatischen Wahrheit. Sehr schön und ruhig in 35 mm gedreht, das Schneegestöber im Dunklen erscheint wie ein abstraktes Gemälde. In Poslednja slika o ocu (The last image of Father) von Stefan Djordjevic reisen Vater und kleiner Sohn per Anhalter quer durch ein graues, verregnetes Serbien, es wird die letzte Reise sein, die beide zusammen unternehmen. Ein Abschied im Krankenhausflur, anrührend und trotzdem nicht kitschig, ein kleiner stiller, schöner Film über Liebe und Verlust. L’azzurro del cielo von Enea Zucchetti erzählt mit Formen, Bildern und Rhythmus von einer Welt, die zerfällt. Türme, verlassen Fabriken, leere Fensterhöhlen, Fabrikschlote, Überbleibsel einer Zivilisation, am unteren Bildrand, manchmal nur halb zu sehen, spaziert ein Mann, bis auch er, wie der Rest des Lebendigen, in einer Türöffnung verschwindet. Wunderbar gedreht, geschnitten, sodass Form und Inhalt eine konsequente Einheit bilden. Ähnlich spielt All come from dust von Younes Ben Slimane mit Formen und Bildern. Staub und Sand, ein verlassener Wüstenort, in dem ein einzelner Mann Ton mit Wasser mischt, verputzt, Ziegel brennt. Eine tiefe Ruhe liegt auch hier über den Bildern und den Bewegungen. Seh schön. Witzig und grell dagegen Frisson d’amour von Maxence Stamatiadis, der den lockeren Umgang einer Grossmutter mit modernen Kommunikationsmedien porträtiert, gleichzeitig aber auch die Vergangenheit und den verstorbenen Grossvater mit einzubauen schafft, ohne den Faden zu verlieren.

 

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Zur Abwechslung mal Atempause und kurzes Sitzen in der Sonne, bevor es dann doch wieder ins Kino geht.
Ivana cea Groaznica (Ivana die Schreckliche) von Ivana Mladenović. Was macht eine Regisseurin und Schauspielerin, um sich selbst zu therapieren – sie schreibt ein ausgefeiltes Drehbuch, fährt von Bukarest, wo sie lebt, ins heimatliche Kladovo, und setzt ihr Drehbuch mit ihrer Familie und ihren Freunden um. Es spielen also alle sich selbst, aber nach dem Buch der Regisseurin, die natürlich auch mitspielt. Was dabei entsteht, ist extrem lustig, manchmal nah am Chaos, dabei aber gut durchdacht und toll gedreht. Realität und Spiel purzeln munter durcheinander und alles tanzt nach Ivanas Pfeife, wenn das keine prima Therapie ist.

Auf der Piazza Grande gibt es mit Camille von Boris Lojkine einen Spielfilm nach realen Ereignissen. Erzählt wird das letzte Jahr der französischen Fotojournalistin Camille Lepage, die 2014 in Zentralafrika erschossen wurde. Ein starker, aber auch grausamer Film, der die Realität des Bürgerkriegs nicht ausspart. Aber hauptsächlich erzählt er von einer jungen Frau, die an das geglaubt hat, was sie machen wollte, die der Welt zeigen wollte, was passiert in Zentralafrika, die aufrütteln und informieren wollte. Die tolle Kameraarbeit, kombiniert mit einer beeindruckenden Hauptdarstellerin, einigen Originalfotos der Journalistin und ab und zu Nachrichtenbildern ergeben einen Film, der nachdenklich macht, und trotzdem spannend unterhält.

Und als wäre das alles noch nicht genug, schwebt der fast volle Mond kitschig über  Locarno.