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#FilmTipp Rose

 

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Die Regeln der Gemeinschaft

 

Vor dem Hintergrund des 30-jährigen Krieges, also im 17. Jahrhundert, in einer flachen, leeren, bäuerlichen Landschaft, lässt Markus Schleinzer seine Figur Rose auftauchen. Als Soldat, als Mann, sie ist, wie sie es später nennen wird „in die Hosen gestiegen“. Und das ist nicht wenig in dieser Zeit.

 

Misstrauen

 

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Als der junge, von einer Schussverletzung gezeichnete, Soldat im Ort auftaucht, mit einer Urkunde, die ihn als Erben eines seit Jahren verlassenen Hofes ausweist, ist das Misstrauen zunächst gross. Aber Stück für Stück verschafft sich Rose als Mann Respekt.
Respekt, der so weit geht, dass man sie mit einer der Dorftöchter verheiratet.
Dass das langfristig nicht gut gehen wird, liegt auf der Hand.
Spannend und berührend ist allerdings das Wie der Geschichte.

 

Schwarz-Weiss

Die schönen und ruhigen Schwarzweissbilder unterstreichen die Landschaft, heben sie hervor, sowohl in winterlicher Trostlosigkeit als auch in voller Schönheit und Blüte. Die kargen Dialoge, die gerade mal das Nötigste vermitteln, passen zur Landschaft. Eine Off-Stimme, die das, was als Hintergrund erzählt werden muss, unaufdringlich erzählt und eine wirklich ungewöhnliche Filmmusik, das alles dient als Rahmen, als Bühne für tollen Darstellerinnen und eine harte, grausame Geschichte. Dass die Brutalität nie explizit gezeigt wird, macht sie tatsächlich noch viel schlimmer, noch viel fühlbarer.

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Im Kern kämpft Rose für ihr individuelles Streben nach Glück und Freiheit und gegen die Regeln und Vereinbarungen der Gruppe. Ein ungleicher Kampf, der nur vordergründig nichts mit unserer heutigen Zeit zu tun hat.

 

 

 

 

Rose läuft in Wien im Gartenbau Kino, im neu eröffneten Bellaria und im Votiv Kino, viele Möglichkeiten also, diesen eindrücklichen und berührenden Film anzuschauen.

 

 

 

#FilmTipps Regisseurinnen

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No Mercy

„Frauen machen die härteren Filme“, dieser Satz der sowjetisch-ukrainischen Regisseurin Kira Muratova bleib der Regisseurin Isa Willinger im Kopf.
Nicht als Aussage, sondern als Frage.
Ist das wirklich wahr, machen Frauen die härteren Filme? Mehrere Jahre nachdem dieser Satz in einem Interview, das sie mit Muratova geführt hatte, fiel, ist ihr die Frage gross und wichtig genug, daraus den Dokumentarfilm No Mercy zu machen.
Der Film untersucht nicht nur die Fragestellung, sondern zeigt auch die Suche nach deren Beantwortung, aber auch die Suche Willingers nach ihrer eigenen Filmsprache. Ein essayistischer Film, in dem Interviews mit Regisseurinnen, Filmausschnitte und – versuchsweise – künstlerische Verfremdung ein Ganzes bilden. Vielleicht muss man sagen: bilden sollen.

Die Stars

 

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Das who’s who des weiblichen Filmschaffens der letzten 50 Jahre findet sich vor ihrer Kamera wieder:
Ana Lily Amirpour, Catherine Breillat, Jackie Buet, Margit Czenki, Virginie Despentes, Alice Diop, Valie Export, Nina Menkes, Marzieh Meshkini, Mouly Surya, Céline Sciamma, Joey Soloway, Monika Treut, Apolline Traoré.
Tatsächlich reflektiert die Härte der Filme (dieser Regisseurinnen), die eine Zeitspanne von den 60er Jahren bis jetzt umfassen, die Härte, mit der die Regisseurinnen sowohl als weibliche Filmschaffende als auch als Frauen in ihrem Umfeld gesehen und behandelt werden. Sind es also nicht per se die Filme, die härter sind, sondern immer wieder die Lebensrealitäten von Frauen?
Es sind Frauen, die sich wehren, die sich die Macht über ihr Leben (zurück)holen, und das, ja, zum Teil mit rabiaten Methoden in harten Filmen. Dabei ähneln sich die Filme keineswegs, Machart, Geschichte, Form, es findet sich keine einheitlich – harte – Handschrift. Interessant wäre in diesem Kontext ein Interview mit Kathryn Bigelow gewesen, deren Filme auf eine gänzlich andere Art mit Härte umgehen. Ob Bigelow nicht wollte, oder nicht gefragt wurde, weil sie eben anders erzählt, bleibt unbekannt.

Interessant

Die Interviews, die Regisseurinnen sind spannend, ihre Sichtweise auf das Filmschaffen interessant, der daraus entstandene Film schwächelt mit seiner eigenen Filmsprache über die Länge. Die letzten 20 Minuten gibt es mehrere falsche Enden, die experimentell-essayistischen Bilder wiederholen sich, der filmische Spannungsbogen verflacht, und das, obwohl die Ausführungen der Protagonistinnen weiterhin fesseln.
Was bei No Mercy vor allem überzeugt sind die Protagonistinnen und die Filmgeschichte, die sich dadurch aufzeichenen lässt. Zur Frage, ob Frauen die härteren Filme machen, zeigt sich, dass Frauen, die sich künstlerisch ausdrücken, sehr oft auf die Macht-und Gewaltverhältnisse, in denen sie leben zurückgreifen. Solange diese Verhältnisse bleiben, wie sie immer noch sind, werden die Filme, die Geschichten wohl auch härter bleiben.
Der Film läuft in Wien im Votiv Kino und im Stadtkino.

Und zur Theorie gleich auch die Praxis:

The Chronology of Water

 

Eine harte Geschichte, ein harter Film.
In The Chronology of Water findet Kristen Stewart in ihrer ersten Arbeit als Regisseurin eine eigene, faszinierende Filmsprache, um die Härte und Gewalt der Geschichte in Bilder zu verwandeln.

Gewalt

Der Film, auf Basis des autobiographischen Romans von Lidia Yuknavitch, erzählt auf drastische Art von sexuellem und psychischem Missbrauch in der Familie, von der Flucht in Sport, Drogen, Promiskuität.
Die Geschichte läuft in assoziativen Sprüngen, Erinnerungsschnipsel brechen die Chronologie, verweisen auf Schlimmeres, das noch kommen wird. Man folgt atemlos und voller Furcht und Mitgefühl dem Kind, der junge Frau auf der Leinwand.


Bilder
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Stewart nutzt und spielt mit den visuellen Eigenschaften des analogen Filmmaterials, und das gleichermassen virtuos wie frech. Die Härte der Geschichte entsteht dabei fast gar nicht über die Darstellung expliziter Gewalt oder gar expliziter Sexualität, sondern fordert die Phantasie heraus, und wir damit deutlicher, als es plumpe Abbildung von Grausamkeit sein könnte.
Tatsächlich verliessen einige Zuschauer während der Vorstellung den Film.

Verwandlung

Der Film zeigt auf beeindruckende Art die Verwandlung vom verängstigten Kind zur wütenden jungen Frau bis zur Erwachsenen, die sowohl Angst als auch Wut in künstlerische Arbeit kanalisieren wird.
Ein wütender Film, der auch Mut macht, und der auch die Frage beantwortet, ob Frauen die härteren Filme machen.

Im Original läuft The Chronology of Water im Filmcasino und Filmhaus.

 

 

 

 

 

 

 

 

#FilmTipp FatherMotherSisterBrother

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Eine Liebeserklärung an Geschwister

 

Ein schöner Episodenfilm von Jim Jarmusch.
Father Mother Sister Brother zeigt in kurzen und kurzweiligen Episoden leicht dysfunktionale Familientreffen.
Da ist der Vater, der anscheinend sehr gut davon lebt, seinem Sohn Geld für angeblich nötige Reparaturen abzuschwatzen. Oder die sehr britische Autorin, die ihre Töchter nur einmal im Jahr sieht, und ihre Gefühle zu den Kindern lieber mit ihrer Therapeutin bespricht. Und zum Schluss, das Geschwisterpaar, das die Welt ohne Eltern bewältigen muss.
In allen Episoden brillieren die Darsteller: Tom Waits als grummeliger, leicht hinterhältiger Vater, von Adam Driver und Mayim Bialik oder Mutter Charlotte Rampling mit Cate Blanchett als verhuschter Tochter an der Seite der aufsässigen Vicky Krieps. Familien, die sich nichts (mehr) zu sagen haben, und doch den Schein wahren. Was immer bleibt, der fast komplizenhafte Zusammenhalt der Geschwister.

Dialoglastig

 

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Zugegeben, der Film lebt von seinen Dialogen. Aber die sind wirklich gut und oft grotesk-komisch. Und trotz fast kammerspielhafter Räume finden sich immer Bilder, Bildausschnitte und Bildfolgen, die die Dialoge unterstützen und zeigen, dass sich Jarmusch eben nicht nur auf die Kraft der Worte verlässt, um seine Geschichte zu transportieren.
Besonders berührend ist die letzte, die Geschwister-Episode.
Die Zwillinge, wunderbar verspielt: Indya Moore und Luka Sabbat, zeigen, wie das – plötzliche – Fehlen von Vater und Mutter Raum gibt für Erinnerung, Zusammenhalt und erzählt auch hier von bizarren Familienverhältnissen. Der Zusammenhalt innerhalb der Geschwister, der sich in den beiden anderen Episoden andeutet, entfaltet hier seine volle Kraft.
Eine Liebeserklärung an Geschwister.

 

Wiederkehrende Elemente


Wie oft bei Jarmuschs Episoden-Filmen, tauchen einige Elemente in jeder Episode auf, eine Art roter Faden zwischen den Zeilen, der mal für Witz und manchmal für Zusammenhalt der Geschichte sorgt.
Und nach dem Film sollte das sehr britische „Bob’s you uncle“ überall bekannt sein und verstanden werden.

Der Film läuft im Original in Wien im Votiv Kino  und im Artis Kino.

 

 

#FilmTipp Dust Bunny

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Das Monster unterm Bett

 

Vermutlich alle Kinder haben zu irgendeinem Zeitpunkt ein Monster unterm Bett.
Ein Monster, das je nach Veranlagung und Phantasie seine Form und Grösse und seinen Schreckfaktor an das Kind anpasst.
In Bryan Fullers Dust Bunny lebt der titelgebende Hase unter Auroras Bett und verschlingt alle, die den Fussboden berühren.

Kindergeschichte nicht für Kinder

 

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Nachdem das Monster sich ihre Eltern geschnappt hat, sucht sie Hilfe bei ihrem Nachbarn.
Der alternde Auftragskiller, den sie für eine Art Ritter im Kampf gegen Monster hält, geht auf ihre phantastische Geschichte ein, bietet aber, für sich und erwachsenen Zuschauer, mögliche und eher gängige verbrecherische Gründe für das Verschwinden.
Ein bisschen „Leon der Profi“, eine Prise „Gloria“ und viel poppiger Grusel, bestehend aus eher dürftigen visuellen Effekten. Tatsächlich stört die mässige Qualität der visuellen Umsetzung nach kurzer Zeit nicht mehr, zumindest, wenn man sich auf die Geschichte und auf Aurora einlässt.
Der Film ist, bei aller kindlicher Perspektive, definitiv nicht für Kinder geeignet; zu viel Tote, zu viel verbaler Sarkasmus, mal offensichtlich, mal zwischen den Zeilen.


Popcornkino


Spass macht der Film all jenen, die einen Sinn für abseitigen Humor haben, kinderbunte Phantasiewelten aushalten und die Mads Mikkelsen und Sigourney Weaver als schräge Killer bewundern möchte.
Tempo und erstaunliche Wendungen gibt es dann noch obendrauf. Intellektuellen und cineastischen Anspruch sollte man an den Film allerdings nicht stellen, aber dafür gibt es immerhin keine erhobenen Zeigefinger.

 

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Der Film läuft in Wien, auch im Original, noch in diversen Cineplexx Kinos.

 

 

#FilmTipp No Other Choice

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Mörder werden

 

In No Other Choice von Park Chan-wook versucht ein Familienvater seine Chancen auf einen neuen Job zu erhöhen, in dem er mögliche – besser qualifizierte – Bewerber aus dem Weg räumt.
Das klingt nach einer grellen, bösen Satire, scheitert aber an mangelndem Tempo und dem Fehlen von Figuren, mit denen man mitfühlen, mitleiden kann und möchte.

Papier

 

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Die Ausgangslage: eine gutsituierte Familie, zwei Kinder, Haus, zwei Hunde, der Vater mit einem gut bezahlten Job. Als der Betrieb umstrukturiert, übernommen, verändert wird, folgt die Kündigung.
Was zunächst nach einer Zeit des Übergangs, des Durchhaltens klingt, erweist sich als dauerhafter und radikaler als vorgesehen. Der Alltag wird so nicht lange weitergehen können, Sparmassnahmen müssen her. Kritik an der Handhabung der Wirtschaftslage scheint durch, gleich mehrere Firmen, in diesem Fall im Bereich der Papierherstellung, schliessen, rationalisieren, modernisieren und entlassen Fachkräfte.

Warum?

Bis der Vater beschliesst, dass sein Problem nicht der Mangel an Stellen, sondern das Überangebot an Fachkräften ist, vergeht eine Weile.
Zeit, in der man den Figuren trotzdem nicht näher kommt, auch weil die Familie die Budget-Kürzungen fast stoisch hinnimmt.
Einzig die kleine Tochter, verschlossen, schnell von Geräuschen oder Änderungen überfordert, generiert Empathie. Sie ist auch die einzige Figur im Film, die wirklich keine andere Wahl hat.

Slapstick

Die ersten Versuche sich den Konkurrenten zu nähern, um sie zu töten, scheitern kläglich, slapstickhaft.
Aber guter Slapstick braucht Tempo, da reicht es nicht, sich dusselig anzustellen, die Pistole verkehrt zu halten, oder Böschungen herunterzukugeln und dann frustriert erstmal wieder nach Hause zu schleichen.
Es gibt keine Steigerung und es entsteht keine Spannung.
Auch erschliesst sich keine wirkliche Notwendigkeit, die drastische Massnahme wirklich umzusetzen. So mäandert sich der Film durch lange 139 Minuten, in denen statt Tempo (er)klärende Dialoge stehen, und weder Gesellschaftssatire noch satirische Groteske entstehen, selbst wenn am Ende doch Konkurrenten, recht abstrus, zu Tode gekommen sind.
Am Schluss nochmal Kritik an der „schönen neuen Welt der industriellen Einsparung“:
Maschinen statt Menschen in der Fabrikhalle, das Papier braucht den Menschen nicht mehr, ob der Mensch das Papier noch braucht, ist nicht die Frage.

Der Film läuft im koreanischen Original im Votiv Kino.

 

 

 

#FilmTipp White Snail

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Flirt mit dem Tod

Nach den Space Dogs sind es jetzt die weissen Achatschnecken, die sich in Elsa Kremsers und Levin Peters neuem Film, White Snail, tummeln.
Tatsächlich sind die Schnecken metaphorisches Beiwerk, Nebendarsteller, denen die Figuren ähneln: auffällig und zurückgezogen gleichzeitig, neugierig tastend, aber jederzeit bereit, sich wieder zurückzuziehen.

 

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Die junge Masha, Fotomodel-Schülerin, zeigt eine fast anachronistische, jugendliche Todessehnsucht.
So wirklich klar, warum sie einen Selbstmordversuch verübt, wird es nie. Eher folgt die Tat einer allgemeinen Melancholie, oder Weltverzweiflung. Belarus ist vermutlich momentan auch keine so prickelnder Ort für junge Erwachsene. Auch Misha, ein eigenbrötlerischer Angestellter einer Leichenhalle, tut sich schwer mit Kontakten, mit lebenden Menschen. Als Masha sich mit einem Schwindel Einlass in die Leichenhalle verschafft, entwickelt sich zwischen beiden eine Freundschaft.

Dunkel, fast dokumentarisch


In langsamem Erzähltempo bewegt sich die Geschichte vorwärts. Beide, Masha und Misha, scheinen in Welten losgelöst von ihrer Umgebung zu schweben. Während Misha nach der Arbeit in der Leichenhalle krude, alptraumhafte Bilder malt, arbeitet Masha ehrgeizig weiter an ihrer Model-Karriere, Ziel: ein Job in China.

In dunklen, fast dokumentarischen, Bildern entwickeln sich Szenen von grosser Zartheit und gleichzeitig grosser Sachlichkeit. Nachdem die anfängliche Lüge aus dem Weg ist, wird die Beziehung zusehends intensiv, ohne Richtung klassischer Liebesbeziehung zu kippen. Mit der Nähe kommt aber auch das Erkennen der Schwächen und Ängste im Gegenüber. So harmonisch wie die Freundschaft anfängt, kann sie nicht, oder nicht ohne Knall, weitergehen. Wege, die sich kreuzen und wieder entfernen. Nähe, Freundschaft, Vertrauen und Verlust, die ganze Bandbreite einer Beziehung festgehalten im Mikrokosmos dieser beiden Sonderlinge.
Sehr, sehr schön ist das.
Der Film läuft weiterhin im Votiv Kino in Wien.

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#FilmTipp One Battle After Another

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Action, Politik und Klamauk

 

Kurz vor Jahresende noch schnell einen der angeblichen Oscar-Kandidaten anschauen: One Batlle after Another von Paul Thomas Anderson.

Aktivisten, die zunächst eher wie Clowns daher kommen, viel Lärm machen, Feuerwerke zünden, aber weit weg scheinen, von dem, was man sich so unter Terroristen vorstellt. Ein alter, hochrangiger Soldat mit deutlichem Rassismusproblem und trotzdem– oder deswegen?– einer sexuellen Obsession für schwarze Frauen und ein Staat, in dem diese explosive Mischung schnell eskalieren kann. Das sind, zumindest für den Anfang, die Ingredienzien dieses wilden, absurden, actiongeladenen Films.
Aber das ist eben nur der Einstieg.
Ein Kind wird geboren, es könnte Ruhe einkehren, statt dessen eskaliert die Lage. Nach einem missglückten Banküberfall, kommt es doch zu einem Toten, die Aktivistengruppe wird von Polizei und Armee, auch durch Verrat, weitgehend zerschlagen.
Bereits in dieser Anfangsphase zeigt der Film ein hohes Tempo, energiegeladen, rhythmisch, wild, ohne dabei hektisch zu werden.

 

16 Jahre später

 

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Die nicht gefassten Aktivisten leben zurückgezogen oder sind untergetaucht.
Das Kind ist eine Teenagerin, lebt alleine mit dem Vater, der hauptsächlich im Joint- und Alkoholnebel vegetiert. Ein loses Warnsystem verbindet die verbleibenden Gruppenmitglieder.
Haben bis dahin bereits Bilder und Rhythmus begeistert, drehen jetzt die beiden Opponenten, versoffener Aktivist/Vater und rassistischer General voll auf.
Leonardo Di Caprio und Sean Penn zeigen, was brillante Schauspieler können.
Mit kleinen Gesten, Ticks, Blicken, die alles sagen, Bewegungen, die den gesamten Charakter einer Figur definieren, und einer Geschichte, die immer weiter an Tempo und Wahnwitz aufnimmt, entsteht eine Spannung, die einen in den Kinositz drückt.
Penn, der Soldat, der seinen Rassismus eine Stufe weiter tragen will und einem Club widerwärtiger Rassisten beitreten will, versucht die vermeintlichen „Sünden“ seiner Vergangenheit auszulöschen, koste es was es wolle. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt. Di Caprio, der Vater, der die geheimen Codewörter im entscheidenden Moment nicht mehr weiss. Die Tochter, die sich in Sicherheit glaubt, der Soldat, der mit jedem Schritt irrer und gewalttätiger zu werden droht. Dazwischen, als eine Art Bonus, als clownesker Deus es machina: Benicio del Toro!
Bei aller Spannung und Rasanz bleibt dennoch immer Raum für absurde Komik, für Situationen, kleine Momente, in denen im Kino laut gelacht wird. Und trotz aller Grausamkeit der Geschichte hält sich die gezeigte Brutalität im Rahmen. Zumindest verglichen mit einem Tarantino-Film.

 

Preiswürdig

 

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Ob der Film, mit dieser doch recht offensichtlichen politischen Haltung, wirklich einen Oscar gewinnen kann, bleibt fraglich. Eher werden es Preise für Darsteller, Kamera oder Schnitt werden. Das wäre weniger verfänglich, aber auf jeden Fall verdient.
Verdient auch, weil One Battle After Another so ganz das Gegenteil dessen ist, was angeblich gerade gefragt ist:
Er ist lang, 161 Minuten, keine davon zu viel.
Er ist schnell, auf eine fast altmodische Weise.
Die hervorstechenden Figuren sind zwei alte Männer und er wurde, altmodisch, analog gedreht.
Wer den Film noch sehen will, im Votiv Kino läuft die Originalversion.

 

 

 

#Tipp Noch lange keine Lipizzaner

 

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Wer ist Österreicher?

Der Dokumentarfilm, Noch lange keine Lipizzaner von Olga Kosanović, beleuchtet, begleitet und stellt Fragen.
Fragen zu dem, was für viele selbstverständlich, und für (fast) ebenso viele alles andere als selbstverständlich ist.
Die Frage nach dem Wir, nach der Zugehörigkeit, der Staatsbürgerschaft.
Kosanović ist eine österreichische Regisseurin, möchte man sagen, aber faktisch ist sie genau das nicht.
Ihre Eltern stammen aus Serbien, sie, geboren und aufgewachsen in Österreich – für jeden hörbar Österreicherin ­– will endlich auch auf dem Papier dazugehören.
Aber, der Politik und der Bürokratie „sei Dank“, sind da Hürden, die an Satire erinnern.

Die Hürden
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Was zunächst wie eine einfache Anfrage aussieht, erweist sich, nach dem Einreichen einiger Kilo an Papieren, als Problem. Die Regisseurin hat im Bemessungszeitraum 58 Tage mehr als erlaubt in einem anderen Land verbracht. Dass es sich dabei um Ferien, Studienaufenthalte und ähnliches handelt, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Das bedeutet: zurück auf Start, neue Wartezeit, um die richtige Balance zwischen Aus- und Inland zu erreichen.
In der EU hat nur Bulgarien ein restriktiveres Einbürgerungsrecht, weltweit sind es nur Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Klug und witzig

Die Hürden, die ihr selber im Weg stehen, behandelt sie sowohl klug als auch mit viel Witz und Phantasie.
Sie nutzt Interviews mit Soziologen, Philosophen, Anwälten, aber auch kurze, immer wiederkehrende Anmerkungen von Österreichern, oder Gerade-noch-nicht-Österreichern, setzt kurze, satirisch überspitzte, Spielszenen dazwischen, oder bindet Radio und TV-Beiträge in Animationsszenen ein. Das Ergebnis macht Spass und nachdenklich.
Die Fragen nach dem, was originär österreichisch ist, wird im Verlauf des Films immer vager beantwortet, je mehr Argumente gekommen sind, um so mehr fällt den Protagonisten auf, dass die Frage nicht so klar ist, wie gedacht. Oder eigentlich noch viel einfacher ist, als gedacht: Die meisten kommen im Verlauf zur Erkenntnis, Österreicher ist, wer in Österreich geboren ist.
Aber eben genau das reicht in Österreich nicht.

Unbelehrbar

Selbstverständlich kommen auch die ewig unbelehrbaren zu Wort, wobei auch deren verbohrte Ansichten durch die Wendungen des Films immer absurder werden. Die titelgebenden Lipizzaner der spanischen(!) Hofreitschule, die im slowenische (!) Lipica gezüchtet werden, gelten fast allen Befragten als so österreichisch wie Berge oder Schnitzel. Dennoch ist der Titel die dumme Pointe eines Kommentars im Internet: „Die Jungen einer Katze, die in der Hofreitschule geworfen hat, sind noch lange keine Lipizzaner“.
Der Regisseurin bleibt nur, weiter versuchen, die Staatsbürgerschaft zu bekommen und bis dahin weiter mit viel Humor und Können Filme zu machen.

Der Film läuft weiterhin im Wiener Stadtkino.

 

#FilmTipp_Bugonia

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Ausserirdisch?

 

Wie Bugonia von Yorgos Lanthimos empfehlen, ohne zu viel zu verraten?
Vielleicht zuerst einige Fragen, die sich mögliche Zuschauer stellen sollten:
Möchte ich mich einlassen, auf eine sehr komplexe Geschichte, überbordend vor verrückter Ideen?
Ertrage ich, dass vieles, vielleicht sogar alles, erzählt sein wird, ohne dass alles offensichtlich erklärt wird?
Halte ich plötzliche, splatterartige Momente aus?
Mit diesen Grundfragen ausgestattet hier die Empfehlung Bugonia anzuschauen.

Aluhut

Zwei Cousins, einer eher etwas verschüchtert, unsicher, der andere wild entschlossen, die Welt zu retten, fassen den Plan eine Ausserirdische zu entführen.
Alleine ihre irrwitzigen Vorbereitungen, begleitet von den absurdesten Verschwörungsgeschichten, sind ebenso atemberaubend wie witzig, bedenklich, erschütternd und anrührend.

Die Chefin
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Das krasse Gegenteil zu den zwei Sonderlingen ist die Chefin eines Pharmaunternehmens: diszipliniert, lächelnd, despotisch, reich, selbstsicher und selbstverliebt.
Und genau sie haben die beiden auserkoren, sie soll die Ausserirdische aus der Andromeda Galaxis sein.
Der Plan steht fest, das Zeitfenster ist klein, die nahende Mondfinsternis spielt eine nicht unerhebliche Rolle.

Entführt

Mit der geglückten Entführung wird der Raum im Film eng.
So gut wie alles spielt sich nur noch im Haus der Cousins ab.
Konfrontationen, Anschuldigungen, kurze Rückblenden in Schwarzweiss, die Kamera findet immer Bilder, die nicht konventionell sind, ohne dabei zu sehr herauszufordern. Mal ist die Kameraperspektive etwas untersichtig, mal leicht versetzt zu den üblichen Sehgewohnheiten, eine konstante Irritation entsteht sowohl durch die Bildsprache, als auch durch die Abfolge des Geschehens.
Haben sie wirklich ein Alien entführt, oder nur die Chefin eines grossen Unternehmens, das fragwürdige Praktiken und Standards hat?

Gefangen


Der Zuschauer, so er sich auf die Geschichte einlässt, wird gefangen im immer kruder und unsicher werdenden Netz der Ereignisse, schwankt von Überzeugung zu Überzeugung:
Alien? Nicht-Alien? Spinner? Weltretter? Weltrettende Aliens? Und was ist mit den Dinosauriern?
Alles scheint möglich. Oder vielleicht ist auch alles möglich, einfach weil der Film die Möglichkeiten plausibel erzählt. Aber auch weil es eine grosse Freude ist, Emma Stone dabei zuzuschauen, wie sie von einer Variante in die andere und wieder zurückwechselt, mühelos und fabelhaft.
Ein Film, der Freude bereitet, sofern man die Fragen vom Anfang für sich mit  »Ja« beantworten kann.

Der Film läuft in Wien im Original im Filmcasino.

 

#FilmTipp Kontinental’25

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Leben, Schuld und viele Fragen

 

Radu Jude, einer der spannendsten europäischen Regisseure, zeigt in Kontinental’25 mit leichter Hand, wie viele Fragen man in einem Kinofilm stellen kann. Und wie viele man dem Publikum dann mit auf den Heimweg gibt.
Vordergründig erzählt der Film von einer Gerichtsvollzieherin im rumänischen Cluj.
Orsolya, die Gerichtsvollzieherin, setzt sich zwar dafür ein, dass ein Obdachloser etwas länger in seinem Kellerverschlag bleiben kann, letztlich muss sie ihn trotzdem rauswerfen (lassen). Der Mann scheint sich ruhig seinem Schicksal zu beugen, als aber nach 20 Minuten das Team aus Gerichtsvollzieherin und Gendarmen zurückkommt, hat sich der Mann umgebracht.
Die subjektive Schuld lastet auf der Frau. Immer wieder erzählt sie den Verlauf der Amtshandlung: ihrem Vorgesetzten, ihrem Mann, einer Freundin, ihrer Mutter. Die Schuldgefühle wollen nicht weichen.

Rohe, fast dokumentarische Bilder
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Kontinental’25 ist komplett mit einem iPhone gedreht, was die Möglichkeit bietet Szenen in originaler Szenerie zu drehen, ohne weiter aufzufallen. Es erfordert aber auch ruhige Kamerapositionen, um Artefakte zu vermeiden. Ganz ausschliessen lassen sie sich nicht: bei Dunkelheit und ohne zusätzliches Licht, gerät das iPhone deutlich an seine Grenzen.
Alle Dialogszenen sind in Halbtotalen gehalten, egal wie lang sie dauern. Dass das keinesfalls langweilig wird, liegt an der Subtilität der Dialoge. Nationalismen brechen plötzlich durch, Orsolya, die ethnische Ungarin, wird wahlweise beschimpft, oder mit scheinbar gutgemeintem, „positivem“ Rassismus konfrontiert. Immer aber spielt auch die Zerstörung des städtischen Umfelds aus kommerzieller Gier eine Rolle. Nicht nur soll das Haus, in dem der Obdachlose den Heizungskeller bewohnte, einem Boutique-Hotel weichen, auch ganze Stadtviertel werden gentrifiziert. Fragen der EU-Politik, Orbans zunehmend totalitärerer Regierungsstil, der Ukraine-Krieg, alles findet Platz in den Gesprächen, macht sie hochaktuell und spannend. Es sind die kleinen Modifikationen der scheinbar ähnlichen Settings, die den Film so kurzweilig und spannend machen.

Verantwortung

Damit macht der Film nachdenklich. Er stellt unangenehme Fragen nach Loyalitäten, nach Gemeinsamkeiten, nach dem Selbstverständnis, mit dem man viele politischen Entscheidungen achselzuckend mitträgt. Es sind die grossen Fragen nach Schuld und nach Verantwortung, die da im vermeintlich Kleinen behandelt werden. Und das mach Radu Jude grossartig.

Der Film läuft in Wien im Gartenbaukino und sollte dringend angeschaut werden.

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