#FilmTipp LINA

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Ein Filmtipp für Kurzentschlossene.

Ein Film über eine kämpferische Frau, die Anfang 1900 gegen Konventionen und Vorurteile ihren Weg finden musste.
Wenn man Lina Loos überhaupt erwähnt, dann als Ehefrau des Architekten Adolf Loos.
Der Film Lina der Regisseure Walter Wehmeyer, Christine Wurm, Tino Rantfl und Andreas Scherlofsky füllt diese Wissenslücke. Porträtiert und dramatisiert die 4 Jahre Linas Ehe mit Loos, zeigt eine wilde, lebenslustige junge Frau, die glaubt, einen Seelenverwandten gefunden zu haben, einen der im bürgerlichen Konsens anders denkt. Aber auch Adolf Loos ist ein Kind seiner Zeit, sein avantgardistischer Blick reicht für seine Kunst, nicht aber für seine Frau. Auch eine kurze, heftige Affäre mit einem jungen Studenten befreit Lina nicht aus dem Korsett der Zeit.
Ein ruhiger Film, oft in langen stillen Einstellungen erzählt, um dann immer wieder kurz zu explodiert; ein Erzählfluss, entgegen dem was man heute „so macht“, aber perfekt geeignet für diese Geschichte.

Der Film läuft am 4. Dezember um 19:30 in den Breitenseer Lichtspielen, davor gibt es ein Konzert des Frauenchors Lokalkolorit. Eine Art Überraschungsei für Kunstliebhaber also, Konzert, Film und das alles im ältesten durchgehend bespielten Kino Wiens.

Den Trailer gibt es auch hier

#FilmTipp Little Joe

                                        FilmTipp oder FilmWarnung?

Little Joe
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Viel war schon zu hören von Jessica Hausners erstem in England und auf Englisch gedrehtem Film. Wettbewerbsbeitrag in Cannes, wo Emily Beecham den Preis der Besten Schauspielerin gewann. Auch der Trailer des Films verspricht dezent gruseliges Science-Fiction Kino; also ab ins Kino.
Aber, ach weh…..
Little Joe – Glück ist ein Geschäft enttäuscht die Erwartungen. Wobei, man kann gar nicht genug Lob für Martin Gschlachts grossartige Kamera aussprechen. In Kombination mit Szenenbild (Katharina Wöppermann) und Kostüm (Tanja Hausner) entstehen originelle, wunderbar verschrobenen Bilder. Licht, Farbe und Kadrierung lassen Bilder entstehen, die immer wieder an Hopper-Gemälde erinnern. Auch die Entscheidung, die handelnden Figuren am Rand des Bildes verschwinden zu lassen, und damit den Blick des Zuschauers auf Farben, Formen und Räume zu lenken ist gelungen und originell.
Wäre es nur auch die Geschichte, die da erzählt wird.
Stattdessen eine eher dünne Story um eine „böse“ Blume, die gut riecht, Menschen glücklich machen soll, aber die wohl böses im Schilde führt. Man kann das lesen als Kritik an einer allzu selbstverliebten Wissenschaft, in der alles, was machbar ist, auch gemacht wird, oder als Kritik an einer zunehmend egozentrischen Gesellschaft.
Im Kern ist es eine schwache Auflage der Frage: was tun, wenn um mich herum alle einem Wahn folgen; mitmachen und dazugehören oder ausgeschlossen werden?
Dennoch, bis zu den letzten 20 Sekunden könnte das alles noch irgendwie durchgehen, aber dann schiesst sich der Film selber ab. Die Schlusspointe ist im freundlichsten Fall als kindisch zu bezeichnen, eigentlich drängt sich „dämlich“ wesentlich mehr auf.
Irgendwie schade.

Votiv Kino, Wien
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Wer sich selber ein Bild machen möchte, der Film läuft in zum Beispiel im Votiv Kino.

 

Gustav Deutsch

 

Österreich ist reich an Experimantalfilmern.
Seit heute allerdings um ein vielfaches ärmer.
Der Tod des Wiener Filmemachers Gustav Deutsch mit – kann
man sagen: nur? – 67 Jahren wird eine spürbare und grosse Lücke hinterlassen.

Deutschs Experimentalfilme waren nie beliebig, geschmäcklerisch oder „nur für Filmwissenschaftler“, er hatte das Talent, sei es aus Found-Footage oder aus selbst gedrehtem Material, immer eine intelligente aber eben auch greifbare Einheit zu kreieren.

Egal ob seine Film-ist Reihe oder Shirley – Visions of Reality, seiner experimentellen Umsetzung von Hopper Bildern in einen Langfilm, als Zuschauer fühlt man sich angesprochen, berührt.

Das ist viel.

Und das wird jetzt schmerzlich fehlen, nicht nur in Österreich.

Mehr zum Werk hier.

Viennal 2019

 

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Das Programm

Am 24. Oktober ist wieder soweit, zum 57. Mal findet in Wien die Viennale statt, das heisst: 14 Tage Filme zu fast allen Uhrzeiten.

Das Publikumsfestival bietet eine Art „Best of Festivals“, zusammengetragen und ausgesucht von Viennale Direktorin Eva Sangiorgi.

Die zuständigen Stellen der Kulturabteilung der Stadt Wien hat Sangiorgi bereits nachhaltig überzeugt, wurde ihr Vertrag doch jetzt schon, also nach „nur“ einem Jahr als Direktorin, vorzeitig verlängert.

Was auffällt, ist eine grosse Anzahl Filme aus Ländern der romanischen Sprachfamilie, aber auch Osteuropa und Asien sind in diesem Jahr stark vertreten.
Die Langfilme sind, erfreulicherweise, nicht nach Kategorien getrennt, und so finden sich Dokumentarfilme einträchtig neben Spiel- und Experimentalfilmen wieder.
Das tut der Vielfalt der künstlerischen Ausdrucksform gut und bringt sicher auch den einen oder anderen „unaufmerksam“ kataloglesenden Zuschauer zu unerwarteten Kinoerlebnissen.

Neben dem Hauptprogramm gibt es auch dieses Jahr wieder eine Retrospektive in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Filmmuseum:
O Partigiano! Pan-European Partisan Film.
Sowie das Programm: Der Weibliche Blick, die Wiederentdeckung der Filme von Louise Kolm-Fleck in Zusammenarbeit mit dem Filmarchiv Austria.

Zusätzlich zu den vielen zu entdeckenden Filmen gibt es wie immer auch ein buntes Rahmenprogramm aus Musik, Begegnungen, Gesprächen und Cocktails.
Und, kein Festival ohne Preise, ausser dem Viennale Publikumspreis gibt es noch den Wiener Filmpreis, den MehrWert Filmpreis und den FIPRESCI Preis der internationalen Filmkritik.

 

Auf jeden Fall zu empfehlen sind die Filme:

Space Dogs

Oroslan

Yokogao

Das gesamte Programm gibt es hier.

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#FilmTipp: Gatekeeper

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Metro Kino, Wien

Manchmal dauert es, bis ein Film seinen verdienten Weg von Festivals ins Kino findet.
So ist das auch bei Gatekeeper von Lawrence Tooley und Loretta Pflaum, ein Film der formale und inhaltliche Grenzüberschreitungen betreibt. Es ist ein ruhiger Film, der aber voller wilder Einfälle steckt.
Die Figuren bewegen sich wie Gefangene oder Laborratten in einem streng grafischen Beton/Holz Labyrinth, einzig der Blick über Dächer und auf den Himmel verspricht Freiheit.
Eine Frau, die mal blond, mal brünett ist, ein junger Rumäne, den sie erst anfährt, dann mit nach Hause und schliesslich in ihr Bett nimmt. Ein junger Mann? Oder doch zwei? Dazwischen ein Pakistani, der in einer Videoinstallation Kafkas Türhüterparabel erzählt. Die Erzählstränge laufen übereinander, durcheinander, vermischen sich, ergeben ein Neues, öffnen sich, die Figuren bleiben gefangen, egal wieviel sich klärt im Verlauf des Films. Das äussere Labyrinth entspricht der inneren Verstrickung der Figuren. Und trotz der visuellen Enge bietet der Film dem Zuschauer Raum zum träumen und spekulieren, wer sich darauf einlässt, wird mit einem tollen Kinoerlebnis belohnt.

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Ab 8. Oktober läuft der Film im Wiener Metro Kino, am Premierenabend in Anwesenheit des Teams.

#FilmTipp: Bewegung eines nahen Bergs

Bewegung eines nahen Bergs
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Der Mensch neigt dazu alles in – ordentliche, kleine – Schubladen zu packen.
Auch bei Filmen.
Und während man eine Einteilung wie Kurzfilm oder Langfilm gerade noch verstehen und einsehen kann, ist die Unterscheidung von Spielfilm und Dokumentarfilm nicht immer leicht zu treffen.

Dass das gut so ist, zeigt Sebastian Brameshuber neuer Film:
Bewegung eines nahen Bergs
Seine Uraufführung feierte der Film in Paris als Dokumentarfilm bei Cinéma du Réel, wo er gleich den Grossen Preis erhielt. Bei seiner Österreich Premiere auf der Diagonale in Graz lief er in der Kategorie Spielfilm, wo dann Kameramann Klemens Hufnagel den Preis für die beste Bildgestaltung (Spielfilm) erhielt.

Formal handelt es sich recht eindeutig um einen Dokumentarfilm, auch wenn einige poetisch-mystische Aspekte eingewoben werden.
Mitten in einer desolaten steierischen Landschaft arbeitet der Nigerianische Autowrackhändler vor sich hin, alleine, einsam vielleicht. Es ist schwere, schmutzige Arbeit, ein karges Privatleben, alles in schönen, stimmungsvollen Bilder gezeigt.
Und dann Bilder, die nicht in den Moment zu passen scheinen, Töne, deren Herkunft unklar ist, und Gedanken zu einem mythologischen Berg, zum Verhältnis von Erz und Arbeit.
Es bleibt dokumentarisch, vielleicht experimentell-dokumentarisch, fast verspielt. Dieser Film braucht keine Schublade.
Man kann ihn als Dokumentar- oder als Spielfilm sehen oder einfach als das was er wohl am ehesten ist: eine künstlerische Arbeit, die sich frei von Einteilung auf der Leinwand entfaltet.
Und das ist gut.

Ab Freitag, 27. September läuft der Film im Kino Le Studio in Wien, eine gute Gelegenheit nicht nur einen spannenden Film anzuschauen, sondern auch ein weiteres, neues Wiener Programmkino zu entdecken. Zur Premiere am 27. September ist Sebastian Brameshuber angekündigt.

#FilmTipp: Vom Lokführer, der die Liebe sucht

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Herbstbunt, melancholisch, skurril und sehr schön, das wäre die Kurzfassung zu Veit Helmers Film:
Vom Lokführer, der die Liebe sucht.

 

 

 

Ein Film, der ohne Wort, ohne Sprache auskommt und so universell in seiner Originalversion zu verstehen ist.
Ein alter Lokführer, auf seinen letzten Fahrten vor der Pensionierung. Er steuert seinen langen Güterzug, mal durch weite Steppe, mal gefährlich dicht zwischen Häusern durch. Und so wie sich auf Autoscheiben Insekten sammeln, sammelt der Zug beim Durchfahren der engen Stellen immer wieder Dinge auf, mal einen Ball, mal eine Decke, Dinge, die der Lokführer nach Feierabend versucht den Besitzern zurückzubringen. Auf einer Fahrt verfängt sich ein hübscher Spitzen BH in der Lok und verführt den Finder zum Träumen. Kaum in Rente macht sich der Lokführer auf die Suche nach der Besitzerin.
Wie der Prinz mit dem gläsernen Schuh, sucht er nach der Dame, die in den BH passt. Das ist abenteuerlich, schräg, oft witzig, manchmal traurig und gegen Ende sogar lebensgefährlich.
Was den Film so sehenswert macht, ist nicht nur die Geschichte, sondern die Farbkomposition, die zwischen kaukasischer Landschaft, Zug und Gebäuden die Melancholie des Lokführers spiegelt, die zarte unaufdringlich schöne Musik, die mit den Geräuschen das Fehlen von Dialogen vergessen lässt und die ausdrucksstarken Gesichter der Darsteller.
Ein Film, der bezaubert. Ein Liebesfilm mit einem unerwarteten, kitschfreien Ende.

             Vom Lokführer, der die Liebe sucht läuft in Wien im Admiral Kino.

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#insKino Gartenbaukino, Wien

                               Grosses Kino

Parkring 12 (c) ch.dériaz

Wer sich unter Programmkino einen eher kleinen, „handgestrickten“ Betrieb vorstellt, kennt das Wiener Gartenbaukino noch nicht.
Das Kino ist nicht nur gross, sondern auch ein Stück Kinogeschichte, ein Kinodenkmal der 1960er Jahre.

Gartenbau Eingang (c) ch.dériaz

An derselben Stelle am Parkring 12 stand bereits 1919 ein Kino. Das Gartenbaukino, in seiner jetzigen Form, feierte seine Premiere – man gab Spartakus in Anwesenheit von Kirk Douglas – 1960 dann im Neubau und ist seitdem seinem Stil treu geblieben.

 

Schon im Eingangsbereich wähnt man sich in einer Zeitschleife, bunt gekachelte Wände, rot gepolsterte Sofas, eine mächtige Treppe, die in den Barbereich führt, ein langer Gang, wie in einem Stadion, um in den Saal zu kommen.

 

 

Der Saal fasst heute 736 Besucher und wirft einen noch ein Stück tiefer in den seltsamen Charme der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein.

 

 

Tarantino analog schauen (c) ch.dériaz

Das alles sind aber natürlich nur Randbemerkungen, denn das Kino bietet nicht nur moderne, digitale Abspieltechnik, sondern kann Filme sowohl in 35 mm als auch in 70 mm analog projizieren.
Monumentalfilme wie 2001: A Space Odyssey und Westside Story wurden in 70 mm gezeigt, sowie Tarantinos The H8teful Eight, in der 70 mm Roadshow-Version. Sein aktueller Film Once upon a time … in Hollywood wird in 35 mm vorgeführt.
Selbstredend laufen alle Filme in Originalversion.

Das Gartenbaukino ist nicht nur Programm-, sondern auch Premieren- und Festivalkino (Viennale und /Slashfilm), es ist DAS Kino um grosse „Schinken“ zu sehen oder wiederzusehen.

Grosse Schinken schauen (c) ch.dériaz

 

Gerade gab es, allerdings nur genau zweimal, die letzte Version von Apocalypse Now – The Final Cut zu sehen, mächtig, laut, immer noch beeindruckend und in diesem Saal perfekt in Szenen gesetzt.

 

 

Und wer für Kinofilme wirklich nichts übrig hat, kann immer noch, während der Hauptfilm läuft einfach die Bar besuchen.

#ichgehinsKino: Gartenbaukino

 

#FilmSchnitt

Was bleibt

christine dériaz (c) karin straka

Vor mehr als 30 Jahren hatte ich meinen ersten Ausbildungstag im Schneideraum, es war ein Filmschneideraum wie viele damals, ein 16 mm 6-Teller Steenbeck- Schneidetisch und ein 4-Teller Tisch zum Sichten, Anlegen, Reste sortieren.
Im Wesentlichen bestand meine Arbeit in den ersten Wochen daraus Tonreste zusammenzukleben, damit sie danach erst in die Löschdrossel und dann als Tonstatisch zurück an den Schneidetisch konnten. Und auch wenn das alles andere als spannend klingt, war ich begeistert. Ich hatte meine Hände an dieser unglaublichen Maschine, ich habe Abends Freunden Bildchen gezeichnet, wie der Ton, das Bild einzulegen sind, wie die Räder ineinander greifen, kurz: Es war klasse.

Irgendwann hiess es, ich solle doch aus den Resten am Galgen, bevor ich sie wegwerfe, mal etwas zusammenschneiden. Einen ganzen Tag habe ich damit verbracht und am Ende hatte ich einen 16 Sekunden Clip. Das ist viel Zeit für wenig Film, zugegeben. Aber ich hatte eine Idee, eine Vision von dem was ich erzählen wollte, und ich hatte buchstäblich nur den Müll vom Galgen, keine Reste, keine ganzen Einstellungen, nichts.

Am Ende hatte ich das, was ich mir vorgestellt hatte, ich hatte meinen Rhythmus gefunden und etwas erzählt, egal wie kurz.

Heute bekomme ich mein Material von diversen Datenträgern, ich kann es nicht mehr anfassen, und manchmal möchte ich es, leise, nur für mich, als Müll bezeichnen.
Was aber geblieben ist, ich habe eine Idee, eine Vision und das Material, das eine real existierende, eher unveränderbare Grundlage ist. Und am Schluss muss und will ich diese beiden, manchmal sehr divergierenden, Einheiten zusammengebracht haben.
Am Ende finde ich meinen Rhythmus, um mit dem Material meine Idee, meine Vision zu erzählen.
Das bleibt.

 

Nicht 16 Sekunden, sondern knapp 50 Sekunden:
la magie du montage
Entstanden für den Wettbewerb Locarno#70
Idee, Bild und Schnitt: Ch.Dériaz
Musik: Florian Lachinger

Locarno #72 Der Letzte macht das Licht aus

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Der letzte Film auf der Piazza Grande: Tabi no owari sekai no hajimari
(To the ends of the world) von Kiyoshi Kurosawa wird von Lili Hinstin als der perfekte Abschluss für das Festival gepriesen, in Wahrheit ist er eher ein Ärgernis.

Am Anfang hat der Film noch Charme und Witz ist ein bisschen Medien- oder TV Satire. Erzählt wird von einem japanischen Filmteam, dass in Usbekistan mit einer jungen etwas unbedarften Moderatorin eine Reisereportage dreht. Nichts läuft wie es soll und die junge Moderatorin wird in immer absurdere Settings abgestellt, um vorgefertigten Text fröhlich in die Kamera zu flöten. Dazwischen: Yoko rennt. Sie rennt, weil sie zu spät zur Abfahrt des Teams kommt, rennt durch unbekannte Basare und rennt über 4-spurige Strassen. Ab etwa der Hälfte des, immerhin 124 Minuten langen, Films driftet das Ganze in eine Art Auftragsarbeit für das Usbekische Fremdenverkehrsbüro ab. Erst ein rührseliger Monolog über tapfere japanische Kriegsgefangenen, die trotz aller Widrigkeiten die Innenausstattung eines usbekischen Theaters gestalten, die Moderatorin wird von der dortigen Polizei verfolgt, trifft aber nach tränenreicher Entschuldigung auf so nette, verständnisvolle Beamten, dass man selber heulen möchte ob dieses Kitschs, um dann am Ende in malerischer Bergkulisse Piaf’s Hymne an die Liebe auf Japanisch zu schmettern. Man kann eventuell entschuldigen, dass Kurosawa einen solchen Film macht, auch Regisseure haben Miete zu zahlen, aber dass so ein Film ein Festival abschliesst, dass für Originalität, unabhängiges Kino und Innovation steht, ist schwer zu verdauen.

 

(c) ch.dériaz

Der Abend selbst begann aber deutlich erfreulicher mit der Verleihung der diversen goldenen und silbernen Leoparden.
Der Publikumspreis zeigt wie wenig sich die Zuschauer in Locarno an Kitsch und leichte Kost halten, sondern immer wieder, so wie in diesem Jahr, für Filme stimmen, die Qualität und Anspruch vereinen. Die Zuschauer stimmten für den Film Camille von Boris Lojkine. Deutlich gerührt erzählt Lojkine, er hätte sich nach der Vorführung auf der Piazza zum Heulen in die Berge verzogen, weil nach dem Film „niemand“ geklatscht hatte.

Im Wettbewerb Cineasti del presente, gewinnt der senegalesische Film Baamum Nafi (Nafi’s Father) von Mamadou Dia gleich zwei goldenen Leoparden, einen für den Wettbewerb und einen als bester Erstlingsfilm.

Den Spezialpreis der Jury bekommt hochverdient Ivana Cea Groaznica (Ivana die Schreckliche) von Ivana Mladenović, Rumänien/Serbien. Die Jury vergibt auch noch eine Besondere Erwähnung für Here for Life von Andrea Luka Zimmerman, Adrian Jackson, Grossbritannien.

Leider nicht gesehen, den Goldenen Leoparden im Hauptwettbewerb: der portugiesische Film Vitalina Varela von Pedro Costa, dessen Protagonistin Vitalina Varela auch den Leoparden für die beste weibliche Hauptrolle bekommt. Der Begeisterung bereits bei der Pressekonferenz zu urteilen, ist der Film ein verdienter Gewinner. Der Spezialpreis dieser Jury ging an Pa-go (Height of the Wave) von PARK Jung-bum, Südkorea.

Alle Preise sind auf der Seite des Festivals nachzulesen.

 

Lili Hinstin (c) ch.dériaz

 

 

Nach dieser ersten Ausgabe unter der künstlerischen Leitung Lili Hinstins kann man noch nicht sehen, ob sie eine eigene Handschrift einbringen wird, ob sie wirklich frischen Wind und das versprochene Aufrütteln ins Programm bringen wird. Was auffiel, es waren vermehrt asiatische Filme, und zwar nicht nur aus China oder Japan, sondern aus auch eher „exotischen“ Regionen im Programm. Beim Publikum kam ihre freundliche und unkomplizierte Art auf jeden Fall gut an und ihre Begeisterung für die präsentierten Filme war spürbar, wenn auch im Nachhinein nicht immer nachvollziehbar. Um wirklich ihren künstlerischen Einfluss deutlich zu machen, wird sie noch ein wenig zulegen müssen.

Die 73. Ausgabe des Festivals von Locarno beginnt am 5. August 2020.