
No Mercy
„Frauen machen die härteren Filme“, dieser Satz der sowjetisch-ukrainischen Regisseurin Kira Muratova bleib der Regisseurin Isa Willinger im Kopf.
Nicht als Aussage, sondern als Frage.
Ist das wirklich wahr, machen Frauen die härteren Filme? Mehrere Jahre nachdem dieser Satz in einem Interview, das sie mit Muratova geführt hatte, fiel, ist ihr die Frage gross und wichtig genug, daraus den Dokumentarfilm No Mercy zu machen.
Der Film untersucht nicht nur die Fragestellung, sondern zeigt auch die Suche nach deren Beantwortung, aber auch die Suche Willingers nach ihrer eigenen Filmsprache. Ein essayistischer Film, in dem Interviews mit Regisseurinnen, Filmausschnitte und – versuchsweise – künstlerische Verfremdung ein Ganzes bilden. Vielleicht muss man sagen: bilden sollen.
Die Stars

Das who’s who des weiblichen Filmschaffens der letzten 50 Jahre findet sich vor ihrer Kamera wieder:
Ana Lily Amirpour, Catherine Breillat, Jackie Buet, Margit Czenki, Virginie Despentes, Alice Diop, Valie Export, Nina Menkes, Marzieh Meshkini, Mouly Surya, Céline Sciamma, Joey Soloway, Monika Treut, Apolline Traoré.
Tatsächlich reflektiert die Härte der Filme (dieser Regisseurinnen), die eine Zeitspanne von den 60er Jahren bis jetzt umfassen, die Härte, mit der die Regisseurinnen sowohl als weibliche Filmschaffende als auch als Frauen in ihrem Umfeld gesehen und behandelt werden. Sind es also nicht per se die Filme, die härter sind, sondern immer wieder die Lebensrealitäten von Frauen?
Es sind Frauen, die sich wehren, die sich die Macht über ihr Leben (zurück)holen, und das, ja, zum Teil mit rabiaten Methoden in harten Filmen. Dabei ähneln sich die Filme keineswegs, Machart, Geschichte, Form, es findet sich keine einheitlich – harte – Handschrift. Interessant wäre in diesem Kontext ein Interview mit Kathryn Bigelow gewesen, deren Filme auf eine gänzlich andere Art mit Härte umgehen. Ob Bigelow nicht wollte, oder nicht gefragt wurde, weil sie eben anders erzählt, bleibt unbekannt.
Interessant
Die Interviews, die Regisseurinnen sind spannend, ihre Sichtweise auf das Filmschaffen interessant, der daraus entstandene Film schwächelt mit seiner eigenen Filmsprache über die Länge. Die letzten 20 Minuten gibt es mehrere falsche Enden, die experimentell-essayistischen Bilder wiederholen sich, der filmische Spannungsbogen verflacht, und das, obwohl die Ausführungen der Protagonistinnen weiterhin fesseln.
Was bei No Mercy vor allem überzeugt sind die Protagonistinnen und die Filmgeschichte, die sich dadurch aufzeichenen lässt. Zur Frage, ob Frauen die härteren Filme machen, zeigt sich, dass Frauen, die sich künstlerisch ausdrücken, sehr oft auf die Macht-und Gewaltverhältnisse, in denen sie leben zurückgreifen. Solange diese Verhältnisse bleiben, wie sie immer noch sind, werden die Filme, die Geschichten wohl auch härter bleiben.
Der Film läuft in Wien im Votiv Kino und im Stadtkino.

The Chronology of Water
Eine harte Geschichte, ein harter Film.
In The Chronology of Water findet Kristen Stewart in ihrer ersten Arbeit als Regisseurin eine eigene, faszinierende Filmsprache, um die Härte und Gewalt der Geschichte in Bilder zu verwandeln.
Gewalt
Der Film, auf Basis des autobiographischen Romans von Lidia Yuknavitch, erzählt auf drastische Art von sexuellem und psychischem Missbrauch in der Familie, von der Flucht in Sport, Drogen, Promiskuität.
Die Geschichte läuft in assoziativen Sprüngen, Erinnerungsschnipsel brechen die Chronologie, verweisen auf Schlimmeres, das noch kommen wird. Man folgt atemlos und voller Furcht und Mitgefühl dem Kind, der junge Frau auf der Leinwand.
Bilder

Stewart nutzt und spielt mit den visuellen Eigenschaften des analogen Filmmaterials, und das gleichermassen virtuos wie frech. Die Härte der Geschichte entsteht dabei fast gar nicht über die Darstellung expliziter Gewalt oder gar expliziter Sexualität, sondern fordert die Phantasie heraus, und wir damit deutlicher, als es plumpe Abbildung von Grausamkeit sein könnte.
Tatsächlich verliessen einige Zuschauer während der Vorstellung den Film.
Verwandlung
Der Film zeigt auf beeindruckende Art die Verwandlung vom verängstigten Kind zur wütenden jungen Frau bis zur Erwachsenen, die sowohl Angst als auch Wut in künstlerische Arbeit kanalisieren wird.
Ein harter, wütender Film, der auch Mut macht, und der auch die Frage beantwortet, ob Frauen die härteren Filme machen.
Im Original läuft The Chronology of Water im Filmcasino und Filmhaus.
