Locarno #72 Liebe und Krieg

(c) ch.dériaz

 

Warum nicht das Festival mit einem Film aus der Reihe Open Doors anfangen? In diesem Jahr den Ländern Süd-Ost Asiens gewidmet.

 

Halb elf Uhr morgens vor dem Kino, eine riesige Menschenschlange, die minütlich länger wird, und auf die Fahrbahn schwappt. Aber auch das ist Locarno, obwohl städtische Busse dort fahren, gibt es kein wildes Hupen, sondern vorsichtiges Vorbeischieben.
Die Vorstellung des Laotischen Film Huk ni thee Viengchan (Vientian in Love) ist ausverkauft. Eine Gemeinschaftsproduktion der Regisseure Anysay Keola, Phanumad Disattha, Vannaphone Sitthirath, Xaisongkham Induangchanthy, die in fünf Episoden Varianten zum Thema Liebe in Viengchan erzählen. Der gesamte Film, immerhin 95 Minuten lang, entstand für nur 5000 US $, und die meisten Beteiligten waren Anfänger. Nichts davon sieht man auf der Leinwand. Die einzelnen Episoden sind gut gemacht, witzig, schräg manchmal und zeugen von grosser Experimentierfreude. Ein fröhlicher Einstieg in den Tag.

Eher Ernst wird es bei der ersten Vorstellung der Pardi di domani, die Kurzfilme werden in diesem Jahr nicht getrennt nach national und international gezeigt, trotzdem wird es weiterhin für jeweils beide Gruppen eigene goldene und silberne Leoparden geben. Pyar pyar nyo yaung maing ta-lei-lei (Cobalt Blue) von Aung Phyoe erzählt von der Kindheit des Regisseurs in den späten 90er Jahren in Myanmar, damals noch Burma. Sehr sensibel arbeitet er die Sicht des kleinen Jungen heraus, der von den Änderungen in der Welt der Erwachsenen betroffen ist, ohne sie wirklich verstehen zu können, und so alleine gelassen wird mit Verwirrung und Schmerz. Auch Dejan Barac erzählt von seiner Familie in Mama Rosa. Sehr rau, sehr direkt, unverblümt und persönlich zeigt sein Dokumentarfilm eine fast hermetische Welt kroatischer Einwanderer in der Schweiz. Douma taht al ard (Douma underground) von Tim Alsiofi zeigt den fast beiläufigen Horror während eines Bombardements in Syrien. Zunächst streift die Kamera durch eine Strasse, als es aber Fliegerwarnung gibt, rennen alle vor der Gefahr in ihre Keller. Die subjektive Kamera macht den Zuschauer zum Beteiligten, lässt den Schrecken und die unmittelbare Gefahr mitfühlen, zeigt aber auch Menschen, die sich auf fast lakonische Art in diese lebensgefährliche Situation einfinden. Eine alte Dame, ein Busbahnhof, Warten und Abfahren, daraus macht Kim Allamand in Terminal eine bewegende Geschichte über Einsamkeit und Verlorensein, aber auch von latenter Hoffnung. Wunderbar ruhig und in fabelhaft-spannenden Bildern erzählt, eine Freude.

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Ein kurzer Weg durch die Sonne und schon wieder Schlangestehen vor dem nächsten Kino. Fi al-thawar (During Revolution) von Maya Khoury, entstand zwischen 2011 und 2017 in Syrien, von den Anfängen der versuchten Revolution gegen das Assad Regime bis zu einem Konflikt, dessen Komplexität sich dem Verständnis entzieht, der aber das Land mittlerweile fast völlig zerstört hat. Während am Anfang des Films kleine Pfadfinder auf ein sozialistisches Syrien eingeschworen werden, endet der Film mit Beinen, die in der Nacht eine staubige Strasse entlang hasten, auf der Flucht vor Zerstörung, aber ohne sichtbares, denkbares Ziel. Dazwischen eine Gruppe junger, säkularer Intellektueller, ihre anfänglichen Versuche Strukturen in den Widerstand zu bringen, weichen mit der Zeit den immer komplexer werdende Differenzen. Aus der Revolution wird ein Bürgerkrieg, mit unscharfen Grenzen, mit unklaren Positionen, ein Jeder gegen Jeden. Mit der physischen Zerstörung des Landes, zerbröckelt auch der Mut, alles ist verloren: das Land, das Zuhause, die Familie, die Freundschaften, das Leben. Der Film ist anstrengend, sehr anstrengend sogar, aber neben dem, was inhaltlich vermittelt wird, ist er auch einfach ein durch Schnitt und Dramaturgie beeindruckender Dokumentarfilm.

Die Stühle der Piazza
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Bereits am Eröffnungsabend sind auf der Piazza Grande Stühle zu Bruch gegangen, manchen sieht man schon an, dass sie nicht mehr lange durchhalten werden, aber alle brechen unweigerlich mit dem gleichen lauten Knack, oft gefolgt von einem leichten Aufschrei des „abgeworfenen“ Zuschauers.


Am Abend dann erste Ehrungen auf der Piazza Grande, das Produzenten Kollektiv Komplizen Film bekommt einen Ehrenleoparden für seine Produktionsleistungen.

Und gleich eine Neuerung im abendlichen Ablauf: ein Kurzfilm vor dem Abendfilm, New Acid von Basim Magdy. Eine irre lustige Collage in der Zootiere per SMS miteinander kommunizieren, mal philosophisch, mal absurd, wie Chats nun mal sind. Eine Reflexion über Kommunikation und Selbsterkenntnis – nicht nur tierische.
La fille au bracelet von Stéphane Demoustier ist dagegen ein eher konventionelles Gerichtsdrama, gut gespielt, die Grundidee der Geschichte durchaus spannend, aber eben sehr, sehr dialoglastig. Interessant vielleicht, dass der verhandelte Mord an einer jungen Frau, ausschliesslich über die Gerichtsverhandlung erzählt wird, keine Rückblenden, der Zuschauer weiss von Anfang bis Ende nicht mehr als die Figuren im Film, und mag sich am Ende fragen, ob die Angeklagte Schülerin nun schuldig ist oder nicht.

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Ebenfalls neu in diesem Jahr, im Zuge der Abfallvermeidung, der sich das Festival schon lange verschrieben hat, können Zuschauer jetzt nur noch via Festival App für den Publikumspreis abstimmen. Heisst, man braucht nicht nur ein Smartphone, sondern auch die entsprechende, freie App, man muss Geolocation freigeben, und man muss sich zurechtfinden, wie das Abstimmen vonstattengeht, und das alles immer etwa um Mitternacht herum. Hoffentlich funktioniert dieses neue System.

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