#FilmFestival Solothurn 55_1

                                   Die 55. Solothurner Filmtage

 

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Wechsel an der Spitze

Schweizer Filmfestivals haben immer etwas Politisches, das ist auch in Solothurn
nicht anders. Und obwohl es „nur“ um den Schweizer Film geht, sind die politischen Überlegungen, die bei der Eröffnung zu hören waren, alles andere als nur lokaler Natur.
Von Veränderung über die Ränder war zu hören, vom Lernen und Kennenlernen, besonders des und durch das Andersartige. Am launigsten und frechsten war dabei Bundesrat Alain Berset, der für Kultur zuständige Minister. Er hatte definitiv Lacher und Applaus auf seiner Seite.

 

Anita Hugi_Festivalleiterin 2.v.l.
Anita Hugi_Festivalleiterin 2.v.l. (c) ch.dériaz

Aber auch die neue künstlerische Leiterin, Anita Hugi, die nach Seraina Rohrer die Filmtage übernommen hat, wünscht sich für ihr Festival Dialog und Vielschichtigkeit, einen Austausch, der, ganz selbstverständlich in der Schweiz, mehrsprachig stattfinden soll und kann:  «Film verbindet und ermöglicht Tiefgang. Ich freue mich auf ein mehrsprachiges, engagiertes und offenes Festival».
Solothurn bleibt also aufmüpfig, bleibt in weiblicher Hand und bietet in dieser Ausgabe tatsächlich gleich viele Filme von Regisseurinnen und Regisseuren.

 

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Eröffnet wurde mit Moskau Einfach!
von Micha Lewinsky, einer bitteren Filmkomödie, angesiedelt im Herbst 1989, einer Zeit des Umbruchs, auch in der beschaulich-betulichen Schweiz. Während also in Berlin langsam aber unausweichlich die Mauer bröckelt, herrscht in den Schweizer Amtsstuben noch der Kalte Krieg und der Feind kommt eindeutig aus dem Osten. Ein übereifriger Staatsschutz Polizist schleust sich als Statist in eine Theatergruppe ein, überzeugt dort subversive und staatsfeindliche Aktionen aufzudecken. Stattdessen entdeckt er sich selber und die fundamentalen Fehler im Apparat derjenigen, die den Staat zu schützen vorgeben. Die Komödie zieht Parallelen zwischen der Bespitzelungswut der Beamten und einer überkandidelten Theaterarbeit; Wenig ist wie es scheint, der nonkonformistische Regisseur ist ein, auf den eigenen Vorteil bedachter, Blender, die Polizisten haben sich eine fiktive Agentenwelt mit Drohszenarien gebastelt, und mittendrin eine leise anklingende Liebesgeschichte. Lustig, leicht und problemlos auch auf heute zu übertragen. Der wahre Kern der Geschichte, das Sammeln tausender von Bürgerdaten, wurde damals aufgedeckt und sorgte für einen ordentlichen politischen Skandal.

 

 

Inselträume

 

Kinosaal um 9Uhr
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Der Festival(all)tag fängt schon früh an in Solothurn, aber selbst um kurz nach neun Uhr morgens ist das Kino gut besucht.

Inseln als ideale Projektionsflächen für Träume jeder Art. Der Esel hiess Geronimo von Arjun Talwar und Bigna Tomschin erzählt den Moment, wo die Träume verloren gegangen sind. Eine kleine Insel in der Ostsee war eine Zeitlang Ankerpunkt für viele verschiedene Menschen: Schiffer, Segler, Köche, aber auch Touristen. Als der Traum vom idyllischen Inselleben, in der strukturarmen Gegend, scheitert – das Warum bleibt etwas im Dunkeln – ziehen sich die „Vertriebenen“ auf ihre jeweiligen Boote zurück, dümpeln, wortwörtlich, auf ihren vor Anker liegenden Booten vor sich hin, was bleibt sind Bier, Zigaretten und Erinnerungen. Die Kamera beobachtet, ist Zuhörer und Chronist, zeigt eine andere Art von Inseln, zeigt eine eher raue Art von Idylle, und lässt Raum für zukünftige Träume.

Auch im italienischen Omegna sind die Träume einer florierenden Kleinindustrie geplatzt. In Moka noir – No more Coffee in Omegna erzählt Erik Bernasconi von seiner Suche nah dem Ursprung alltäglicher Küchenutensilien, wie der berühmten Bialetti Kaffeekanne, Eisbällchenformern, Spaghettizangen oder den Alessi Produkten. Alle hatten früher ihre Werke im 15.000 Einwohner Städtchen Omegna. Mittlerweile wird dort fast nichts mehr produziert, die Hallen von früher stehen leer, manche sehen aus, als wären sie eiligst verlasse worden, andere sind leergefegt, die Fenster zerbrochen, im Ort herrscht Arbeitslosigkeit. Die Geschichte ist angelegt wie ein altmodischer Krimi, mit dem Regisseur als „Kommissar“ auf der Suche nach dem Schuldigen für den Untergang. Er spricht mit Erben der Fabrikbesitzer, mit ehemaligen Arbeitern, Gewerkschaftern und Sozialökonomen, was er findet, sind aber nur Opfer, keine Täter. Alle haben verloren und schuld ist, wenn überhaupt, ein Wandel in den Strukturen der Industrie, wo immer mehr von Maschinen und günstig in Asien hergestellt wird, selbst wenn dann immer noch die klangvollen italienischen Markennamen draufstehen. Bis auf wenige alte Werbefilmchen ist alles in expressivem Schwarz-Weiss gehalten, was sowohl das Triste wie auch das Malerische hervorhebt.

Red Ants Bite von Elene Naveriani ist angekündigt als ein Film, der den alltäglichen Rassismus in Georgien zeigen soll; ein Spielfilm, der entstand, nachdem ein Nigerianer – Protagonist eines früheren Films der Regisseurin – in Tiflis an Lungenentzündung verstorben ist. Aber mehr als von Rassismus erzählt der Kurzfilm die Geschichte einer Freundschaft in der Fremde, die wohl doch mehr als Freundschaft ist. Ohne die vollmundige Ankündigung über den Rassismus würde der Film besser funktionieren, so sucht man als Zuschauer nach etwas, das die Geschichte nicht bietet.

Wenn Filme gut sind, können sie nicht nur zaubern, sondern auch bezaubern, Monsieur Pigeon von Antonio Prata schafft das problemlos. Die schönen Bilder von Giorgo Carella lassen den Zuschauer durch ein Pariser Innenstadtviertel streifen, im Off: Stadtgeräusche und immer wieder Stimmen, die konsequent auch im Off bleiben, die von einem geheimnisvollen Bewohner des Viertels erzählen: Monsieur Pigeon, der Obdachlose, der sich um die Tauben kümmert. Lange Zeit bleibt er unsichtbar, die Kamera geht vorsichtig suchend umher, tastet den Lebensraum ab, bis der Protagonist dann selbst auftaucht. Zunächst nur von hinten zu sehen, in Aktion, zwei Einkaufswägelchen hinter sich herschleppend verteilt er Körner, verjagt mit einem laut gezischten „Hey“ alle, die die Tauben ärgern. Der Film nimmt sich die Zeit, wissenschaftlich präzise, ein Lebewesen in seinem Lebensraum zu suchen, zu zeigen, zu respektieren. Das meiste erfährt man von den Stimmen aus dem Off, Gedankenschnipsel, Meinungen, Geräusche, erst gegen Ende spricht Giuseppe selbst in die Kamera, erzählt, was er für wichtig hält aus seinem Leben. Ein Film, der sowohl die Liebe zur Geschichte, als auch die Liebe des Protagonisten zu seinen Tauben ernst nimmt. Wenn das Zuhause die Strasse ist, werden die Strassentauben zu Haustieren.

Selten aber manchmal doch können filmisch eher mässige Filme auch gut sein.
Volonteer von Anna Thommen und Lorenz Nufer ist so eine Ausnahme. Am auffälligsten ist der Unterschied in der Aufnahmequalität der Bilder, Teile des Materials stammen von den Einsätzen der freiwilligen Helfer selbst, gemischt wird das Ganze mit den in der Schweiz gedrehten Interviews. Die wirkliche Stärke des Films entwickelt sich mit der Zeit, je tiefer man in die Motivation der Helfer Einblick bekommt. Menschen, die selbst böse Zungen nicht einfach als links-intellektuelle „Gutmenschen“ abtun können, vom Bauern bis zum Unterhaltungkünstler findet sich einiges. Allen gemeinsam ist die pragmatische Seite des Helfens, die sich unweigerlich einstellt, wenn man erkennen muss, dass man nie allen wird helfen können; dann wird nur noch angepackt, getan, was geht. Gemeinsam ist ihnen auch die Wut auf das Fehlen brauchbarer politischer Lösungen und die Forderung die Menschenrechtskonvention nicht weiterhin mit Füssen getreten zu sehen. Der Film bleibt trotz vieler sehr bewegender Bilder sachlich, auch das ist eine Stärke.

Ein guter Einstieg soweit.

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