#Locarno See oder Kino?

Pardofrühstück
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Sommersonne

 

Nach den ersten Tagen mit Regen ist jetzt die Hitze in Locarno angekommen.
Die Frage See oder Kino drängt sich auf…
Auch wenn das Sitzen langsam schwerfällt und die Ohren jede einzelne Maske verfluchen, die Entscheidung fällt aufs Kino.

 

Krieg in den Köpfen

 

Brotherhood von Francesco Montagner.
Ländliches Bosnien, Schafherden, ein paar verstreute Häuser, sonst nicht viel, auch nicht viel zu tun. Während der Vater eine zweijährige Haftstrafe als Syrien-Heimkehrer verbüsst, sind die drei Brüder auf sich selbst gestellt. Vom Vater haben sie klare Anweisungen, wer was zu übernehmen hat. Die Jungs zwischen 18 und 12 gehen sehr unterschiedlich mit der Situation und den Aufgaben um. Besonders der Mittlere scheint gleichzeitig jeder Anweisung, auch den religiösen, exakt folgen zu wollen, und ist doch derjenige, der das schlechtesten schafft. Eine Langzeitbeobachtung, in der sich nicht viel bewegt, die Entwicklung, das Erwachsenwerden der Jungs stagniert irgendwo in Perspektivlosigkeit und Verblendung.

 

Kurzfilme – Gewalt

 

Kazneni udarac (Elfmeter) von Rok Biček ist ein sehr stimmungsvoller, aber auch grausamer Film. Zwei kleine Jungs spielen Fussball, träumen dabei von den Grossen des Sports, von ihren Wünschen, ihren Aussichten. Bis eine Gruppe viel älterer Jungs ankommt, zunächst schmeicheln sie dem aufgeweckteren der beiden Kleinen, schiessen sanfte, leichte Bälle auf sein Tor, die er gut halten kann. Als er sich sicher fühlt, glaubt bei den Älteren mitspielen zu dürfen, fangen sie an, gezielt und brutal Bälle direkt auf das Kind zu schiessen. Das kann nicht gut ausgehen, und tut es auch nicht.

Um häusliche Gewalt geht es in Imuhira (Zuhause) von Myriam Uwiragiye Birara.
Eine junge Frau mit einer Kopfwunde flüchtet sich zu ihrer Familie. Dort ist sie aber weder willkommen noch erfährt sie Unterstützung. Ein Film, der seine Stimmung fast ausschliesslich aus den schönen Bildern zieht, die wenigen Dialoge unterstützen, was man auch so verstanden hätte.

Das genaue Gegenteil passiert in Four Pills at Night von Leart Rama. Die Bilder von einer Techonparty irgendwo am Rand von Prishtina erzeugen zwar Stimmung, aber das, was sie erzählen sollen oder wollen, funktioniert nur über die Dialoge, die allerdings wie Fremdkörper in diesem Film wirken.

Dōng dōng de shèng dàn jié (Weihnachten) von Fengrui Zhang, hier stimmt die Balance zwischen spärlichen Dialogen und Bildern wieder. Ein Vater, sein Sohn, irgendwo in der chinesischen Provinz. Es ist Weihnachten, aber, Chinesen feiern kein Weihnachten, weshalb der Wunsch des Jungen, nach einem Geschenk unerfüllt bleibt. Die Bilder zeichnen ein intimes Bild der beiden Figuren, verloren in ihrer Entfremdung und in der Weite der Stadt.

In Strawberry Cheesecake von Siyou Tan wehren sich drei Schülerinnen gegen die Direktorin ihrer Schule, die droht sie rauszuwerfen, weil sie eine E-Zigarette geraucht haben. Die Wahl der Mädchen fällt auf Psychoterror durch blutigen Horror. Schön gemacht.

 

 

Warten im Schatten
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Berge, Teufel und Familie

 

Um sich vor dem Teufel Alkohol und ihren Sohn vor allen Teufeln zu bewahren, lebt eine Mutter mit ihrem erwachsenen Sohn weit oben, einsam in den Tiroler Bergen. Soweit der Hintergrund in Peter Brunners Luzifer. Gefangen im christlichen Wahn und der übersteigerter Mutterliebe hat der, nur wenige Worte stammelnde, Johannes wohl nie eine Chance auf ein eigenständiges Leben und so liegt sein gesamter Fokus auf dem religiösen Irrsinn seiner Mutter und der naiven Hingabe an seine Raubvögel. Die düstere Idylle wird plötzlich bedroht, als das Stück Land gebraucht wird, um einen Skilift zu bauen. Auf ersten Drohungen gegen die Mutter folgen handfeste Taten, der leibhaftige Teufel scheint die beiden gefunden zu haben. Die Spirale aus Gewalt und Wahnsinn dreht sich immer enger zusammen.
Tolle Bilder der dramatisch wirkenden Berglandschaft, schaurige Aufnahmen von herannahenden Drohnen, die wie böse Insekten, einfallen und das sensationelle Schauspiel von Franz Rogowski machen diesen düsteren Film aus. Im Vergleich zu Brunners früheren Filmen ist Luzifer, trotz seiner Qualitäten, deutlich konventioneller, was schade ist. Warum auch hier wieder ein Warnhinweis für sensible Zuschauer nötig war, erschliesst sich nicht.

 

 

Bald geht es los
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Ida Red von John Swab, der Abendfilm auf der Piazza, kommt ohne Warnung aus, und das, obwohl bereits in den ersten Minuten Blut aus Köpfen spritzt, die mit grosskalibrigen Waffen durchlöchert wurden. Ida Red ist eine klassische (amerikanische) Kinogeschichte. Eine mörderische Familie, die, obwohl die Mutter, als Kopf der Bande, im Gefängnis sitzt, einen Ort in Oklahoma fest im Griff hat. Blut ist hier dicker als Gesetz, als Vernunft oder als das eigene Leben. Der Film verhandelt das alles in einem atemberaubenden Tempo, und reiht Gewalt an mehr Gewalt: Wer nicht mit uns geht, ist gegen uns. Auf jeden Fall packend.

 

Mondschein und Statistik

 

Auf den ersten Blick scheint in Locarno alles wie all die Jahre vorher, aber bei genauerem Hinsehen fällt auf, die Kinos sind zwar gut besucht, aber längst nicht so voll wie üblich. Auch auf der Piazza Grande ist es, trotz vieler Zuschauer, deutlich leerer als üblich, nicht nur auf Grund der Begrenzung auf 5.000 Plätze (statt möglicher 8.000). Die genauen Zahlen wird man sich noch anschauen müssen, aber subjektiv ist es weniger voll.
Weil weniger Menschen angereist sind?
Weil doch die Angst vor Ansteckung grösser ist, als der Wunsch nach Kunst?
Dafür bietet Locarno dieses Jahr mehr Uraufführungen als sonst, auch auf der Piazza. Auch das mag an dem gerade erst wieder anlaufenden Kinobetrieb liegen.

Und wieso ist im Film der Mond immer voll?
Nur mal so in den Raum gefragt.

 

Mond auf der Leinwand
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Reden aber nichts sagen

 

Manchmal sollte man, wenn einen kein Film wirklich anspricht, gar nicht ins Kino gehen. Aber, nein, tapfer I giganti von Bonifacio Angius ausgewählt, obwohl die Beschreibung nicht wirklich aufregend klingt. Das Bauchgefühl hatte Recht. Der Film hat zwar eine sehr schöne Bild-und Lichtgestaltung, mit viel dunkelstem Schwarz und Braun, und das wenige, das beleuchtet ist, schimmert expressionistisch in schmutzigem Gelb. Das hilft aber nicht darüber hinweg, dass die Geschichte der 5 alten Freunde, die sich in einem Haus treffen, Drogen konsumieren und aneinander vorbeireden, nicht wirklich interessant ist. Das Beste, das man dazu sagen könnte wäre: Ein absurdes Gedicht.

 

Kurzfilme –Vermissen

Se posso permettermi von Marco Bellocchio ist der corti d’autore dieses Programs, aber so richtig überzeugen mag der Film nicht. Ein Mann, der anscheinend gerade seine Mutter verloren hat, verbringt seine Zeit auf Strassen und Plätzen und beobachtet Menschen. Unvermittelt macht er dann Bemerkungen, gibt (unerwünschte) Ratschläge : Sie sehen so traurig aus…..So hohe Absätze sind nicht gut für das Gleichgewicht….. Sie essen ganz schön viel…. Ungefragt, zum Teil grenzüberschreitend, immer an Frauen gerichtet. Und in Wahrheit ist alles sowieso nur ein Tagtraum. Naja.

Fantasma neon von Leonardo Martinelli hingegen schafft eine Brücke zwischen Kritik am Brasilianischen Staat und getanztem Musical, und das auch noch mit Leichtigkeit. Seine Protagonisten, alles Essenslieferanten, wechseln von kurzen Statements zu ihrer Lage, und der Lage im Land, zu Tanzeinlagen auf der Strasse. Mühelos, schön, und doch auf den (wunden) Punkt gebracht.

And then they burn the sea von Majid Al-Remaihi ist ein experimenteller Abschiedsbrief an eine Mutter, die ihre Erinnerung verliert. Ein bisschen verwirrend.

Für Real News nutzt Luka Popadić sowohl Spielszenen als auch originale Nachrichtenbilder. 1999, der Kosovokrieg ist in vollem Gang, eine Gruppe internationaler, aber auch serbischer ,Journalisten wird vom serbischen Militär zu Schauplätzen der NATO Bombardierungen gebracht, um zu berichten. Ein junger, amerikanischer Journalist, will sich dem gewünschten Verhalten aller Kollegen nicht beugen, stellt Fragen, schaut genauer hin. Und wird jedes Mal zurückgepfiffen. Dann wird im April das Gebäude des serbischen Fernsehens bombardiert, es sterben Techniker und Journalisten, er muss sich entscheiden, vor Ort bleiben und weiter berichten, oder so berichten, wie er es für richtig hält und nach Hause geschickt werden.

Yi yi von Giselle Lin ist ein weiterer Film, der nicht weiss, ob die Bilder oder die Dialoge die Geschichte transportieren sollen. Fatalerweise wählt die Regisseurin Bilder mit eher wenig Aussagekraft und lässt fasst alle Dialoge in grossen Totalen stattfinden. Das Ergebnisberührt nicht wirklich, entgegen der Ankündigung.

 

 

 

Pardoletten
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Und noch ein Film, den man sich problemlos hätte sparen können:
Zeros and ones von Abel Ferrara.
Laut Katalog findet die Geschichte in einem postapokalyptischen Rom nach einer Belagerung statt. Aber ein Wer oder ein Was erschliesst sich überhaupt nie im Film. Statt dessen durchweg nicht nur dunkle, sonder vor allem grieselige Bilder, auf denen selten irgendetwas zu erkennen ist. Das was an Handlung da sein könnte versinkt damit in Unsichtbarkeit. Das Ganze unterlegt mit Musik, die wahlweise böse wummert oder symphonisch ein kommendes Drama ankündigt – das dann nicht kommt. Ein wirrer Quatsch, mit aufdringlichen Bezügen zu allen Coronamassnahmen – ständig desinfiziert jemand Hände, oder auch Dollarnoten, werden Masken auf und abgesetzt –
in dem einzig die Zufahrten auf die ständig irgendetwas filmende Sony-Kamera halbwegs gut im Bild sind.
Warum dieser Film ausgewählt wurde ist wirklich unverständlich.

 

 

Stühle intakt
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Auf der Piazza Grande gibt es, nach dem Ehrenleoparden für sein Lebenswerk an den Kameramann Dante Spinotti, einen bunten Animationsfilm.

Yaya e Lennie – The walking Liberty von Alessandro Rak ist ein Sciencefiction Märchen, mit Anklängen an Endzeitactionfilme. Sehr schön gezeichnet, modelliert, animiert, phantasievoll und ein ganz kleines bisschen kitschig. Die junge Yaya und ihr etwas tumber Kumpel Lennie durchstreifen eine Welt, in der der Dschungel die Städte überwuchert, Menschen nur noch selten anzutreffen sind. Eine Gruppe hat allerdings ein totalitäres System aufgebaut, fängt Kinder ein, unterwirft und beutet aus, dieser „schönen neuen Welt“ gilt es unter allen Umständen nicht in die Hände zu fallen.

Und damit nähert sich das Festival langsam seinem Ende, ein kompletter Festivaltag noch und die Preisverleihung. Echte Favoriten gibt es nicht, wenn man sich umhört.

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