58. Solothurner Filmtage Frauen

 

Morgenlicht
(c) ch.dériaz

 

Film ist Arbeit

 

In diesem Jahr gibt es einige Neuerungen, zum Beispiel kurze Informations- und Gesprächstreffen mit der künstlerischen Leitung für die Presse. Der Rahmen sympathisch informell und trotzdem professionell. Auch die öffentlichen Diskussions- und Gesprächsmöglichkeiten wurden erweitert.
Die Filmarbeiter im – vermeintlichen – Hintergrund bekommen dieses Jahr eine Bühne, zum Beispiel der Schwerpunkt zum Filmschnitt, für den die Cutterin Katarina Türler eingeladen ist, oder auch die Vergabe des Ehrenpreises an den Oberbeleuchter André Pinkus. Das sind schöne Zeichen, die hoffentlich nicht nur beim Fachpublikum dafür sorgen können, dass Filmarbeit in ihrer ganzen Komplexität gesehen und verstanden wird.

 

Kleine schwarze Spiegel

 

Wenn Wettbewerb und Reichweite das Leben bestimmen, dann ist doch irgendetwas schiefgelaufen, oder?
Girl Gang von Susanna Regina Meures erzählt das traurige Märchen des Mädchens mit dem kleinen schwarzen Spiegel, in dem es sich anschauen, schön finden kann, und in dem auch andere sie bewundern können. Die Geschichte der 14-jährigen Influencerin Leo ist gleichzeitig witzig und erschreckend. Über 4 Jahre folgt die Regisseurin nicht nur Leo, sondern auch ihrer Familie. Es ist ein wundersamer, aber auch böser Aufstieg in die Welt der Werbung und der (Selbst) Ausbeutung. Kinderarbeit möchte man das empört nennen.
Mit den Zugriffszahlen auf ihre Social-Media Accounts fliesst das Geld, mit dem Geld kommt der Stress, das Produzieren von Inhalten ist nicht mehr Spass, sondern ein Geschäft, von dem die ganze Familie lebt.
Erschreckend sind aber auch die Fans, die sich mit religiös-hysterischem Eifer versammeln. Fans wie Meli, die in heisse Tränen ausbricht, nur weil sie auf einer Messe einen Blick auf Leo werfen kann, und deren Welt zusammenbricht, als ihr Instagram Account plötzlich gelöscht ist.
Ein spannender, sachlicher, aber auch mitfühlender Blick auf die Welt der Kinder-Influencer, die bei allem Ruhm auch einfach muffelige, schlecht gelaunte Teenager bleiben. Als Vorfilm Fairplay von Zoel Aeschbacher, der das Bessersein, Gewinnenmüssen und Konkurrieren in rasanter Geschwindigkeit zum tödlichen Ende bringt.

 

 

Bilder vom Krieg

 

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Luzia Schmids Film Trained to see – Three women and the war ist ein beeindruckendes Werk. Sie erzählt von den drei Kriegsjournalistinnen Lee Miller, Martha Gellhorn und Margaret Bourke-White.
Ihre Geschichten als Kriegsreporterinnen erzählen sich über Off-Texte, die Auszüge aus ihren Briefen und Berichten sind.
Alle drei haben mit enormem Einsatz vom Krieg berichtet, mit Bildern, mit Texten, und immer wieder gegen Widerstände. Als Frauen wurden sie oft nicht ernst genommen, nicht an der Front oder bei Einsätzen zugelassen, zurückgepfiffen und manchmal ausgelacht. Trotzdem sind ihre Berichte, ihre Bilder erschienen, manche Photos, wie das von Lee Miller in Hitler Badewanne, sind mittlerweile ikonisch. Bildlich zeigt der Film ausschliesslich Archivmaterial von unglaublicher Qualität, das mit den Texten und Photos ein sehr gelungenes Ganzes ergibt.

Wie zur Belohnung nach den harten Bildern erstrahlt Solothurn im kitschigen Rot des Sonnenuntergangs. Allerdings ist kaum Zeit das zu geniessen, bis zum nächsten Film sind nur 20 Minuten Zeit und der läuft am anderen Ende der Stadt.

 

Kitsch mit Sonnenlicht
(c) ch.dériaz

 

 

Intime Einblicke

 

Auch Couvre-feu. Journal de Monique Saint-Hélier von Rachel Noël ist im Zweiten Weltkrieg angesiedelt. Aber diesmal ist es ein literarischer und sehr intimer Ansatz. Die Tagebücher der in Paris lebenden Schweizer Autorin Monique Saint-Hélier schildern eine andere Art des Kriegsgrauen. Sie sprechen von Einsamkeit, Krankheit, Erinnerung an eine andere Zeit, eine andere Welt. Visuell bedient sich der Film der Ästhetik leicht verschwommener 8 mm Familienfilme und assoziativer Bilder. Zwei Mädchen „finden“ die Tagebücher, und scheinen deren Inhalt verträumt nachzuspielen. Über allem, gelesene Fragmente aus den Aufzeichnungen. Alles in allem ist das recht anstrengend, nicht uninteressant, aber trotzdem irgendwie unfertig.

Fast wilde Szenen spielen sich im Foyer des einzigen Kinos mit drei, relativ kleinen, Sälen ab. Die drei Abendvorstellungen sind ausreserviert, aber es drängeln sich jede Menge Zuschauer, die hoffen, dass ihre Wartenummern gezogen werden. Zusätzliches Durcheinander entsteht, weil wohl einige Wartenummern für den falschen Film bekommen haben.

 

 

Harte Knochen

 

Cascadeuse von Elena Avdija ist ein solide gemachter Film über drei Stuntfrauen.
Sie alle halten im wahrsten Sinne des Wortes ihre Knochen hin, und trotzdem kennt niemand ihre Namen und schon gar nicht ihre Gesichter. Während die jüngste der drei noch am Anfang ihrer Karriere steht und die älteste mittlerweile mehr und mehr Richtung Stuntkoordination geht, hadert die mittlere und versucht parallel auch eine Karriere als Schauspielerin. Es sind starke Frauen, denen man den Spass an ihrer Arbeit ansieht, genauso wie auch die zahlreichen blauen Flecken.
Was man leicht vergisst, wenn man an Stunts von Frauen denkt, ist der Mangel an Variationen der Stunt- oder Actionszenen. Im Wesentlichen werden sie eingesetzt, um sich überfahren, anfahren, prügeln, totprügeln zu lassen.
Ein Problem nicht des Stunts, sondern der Geschichten, der Filme, der Frauenrollen.

Ein Festivaltag mit Filmen fast nur von Regisseurinnen und über sehr unterschiedliche, meist starke, Frauen.

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