#FilmFestival Solothurn 55_3

Warten auf Restplätze
(c) ch.dériaz

Mit dem Wochenende werden die Vorstellungen noch voller und der weiterhin über Solothurn klebende zähe Nebel tut ein weiteres, um die Säle zu füllen.

 

Familien –Therapien

Ein ganz normal verrückte Familie oder überambitionierter Familienwahnsinn?
Wir Eltern von Eric Bergkraut, lässt die 20jährigen Zwillinge, ihre Eltern und den Nachzügler Bruder aufeinander krachen. Im Haushalt der Familie herrscht das pure Chaos, die Eltern schaffen nicht konsequent ihre Positionen durchzuhalten, die beiden grossen Söhne machen es sich zur – einzigen – Aufgabe dem Chaos täglich noch eins draufzusetzen, dazwischen der Kleine, der fast als einziger bei Sinnen scheint. Was zu Beginn des Films noch relativ lustig ist, wird zunehmend zäh, die Problematik dreht sich im Kreis, da hilft es auch nicht, dass die Spielhandlung von, in der Szenerie sitzenden, Experten kommentiert wird. Die 50+ Eltern sind verankert in ihrer Welt, in der alles zivilisiert zu diskutieren ist, Konsens ist das erstrebenswerte Ziel, die Söhne pampen und trotzen aus Prinzip, oder auch aus Opposition und fordern gleichzeitig ständig mehr Zuwendung, mehr Hingabe, mehr Anleitung. Alles schön und gut, alles vermutlich Alltag in vielen Familien, aber der Mangel an Entwicklung in der Geschichte, die Wiederholung des immer Gleichen werden öde, dafür fehlt es dem Schluss deutlich an Unterfutter aus der Geschichte heraus und erscheint so eher unmotiviert.
Das Publikum, vielleicht aus betroffenen Eltern, hatte allerdings Spass.

(c) ch.dériaz

Wirklich Spass hat das Animationsprogramm gemacht:
The Lonely Orbit von Frederic Siegel und Benjamin Morard
Newspaper News von Sophie Laskar-Haller
Kids von Michael Frei
Le dernier jour d’automne von Marjolaine Perretent
Schweinerei von Livia Werren, Stephanie Thalamnn, Vera Falkenberg
Photons von Martyna Kolienec
Lah gah von Cécile Brun
Fulesee von Christina Benz
Black Icicles von Franziska Meyer
Average Happiness von Maja Gehrig
Warum Schnecken keine Beine haben von Aline Höchli

und eigentlich sind absolut alle phantastisch. Die Filmemacher finden eine kreative, originelle Sprache, behandeln Themen die heute die Welt bewegen: Umwelt, Nachrichten,Tierrechte, das Miteinander, aber auch so universelle Themen wie Zusammenhalt und Freundschaft. Sie sind mit Wachsmalstiften gezeichnet, wie der fabelhafte Newspaper News, oder ähneln eher einer Sci-Fi Grafic-Novel der 70er Jahre wie Schweinerei, Le dernier jour d’automne bezaubert mit seinen Zeichnungen und seinem Witz und der Stop-Motion Plastilin Film Black Icicles ist sensationell komisch. Und doch, bei allem Witz und Spass, regen alle Filme auch zum Nachdenken an.
Das Publikum der ausverkauften Vorstellungen durfte über den Zuschauerpreis dieser Kategorie entscheiden – das ist wirklich schwierig!

Nochmal ein Familienthema: der Dokumentarfilm Madame von Stéphane Riethauser. Der Film bedient sich der Familien Filme, zunächst vom Vater gedreht und ab seiner frühen Teenagerzeit auch vom Regisseur selbst. Vordergründig ist es das Portrait seiner Grossmutter, einer Frau, die, als das alles andere als üblich war, allein erziehende Mutter zweier Kinder unterschiedlicher Väter war, Geschäftsfrau, Künstlerin, Freigeist; gleichzeitig ist es auch ein Bild auf den Wandel der Sicht auf Männlichkeit, Weiblichkeit, sexuelle Selbstbestimmung und Selbstdefinition. Und so läuft die Geschichte, die erzählt wird parallel, da die Grossmutter und hier der Enkel, ihre liebevolle Beziehung zueinander und das harte Ringen, das der Regisseur durchlebt, bis er endlich zu seiner Homosexualität stehen kann. Ein sehr starker Film, der gleichzeitig sehr persönlich ist und doch ein Gesamtbild seiner Zeit zeichnet. Die Zuschauer waren lauthals begeister.

Und auch der letzte Film für heute verarbeitet Familiengeschichte(n).
In Who’s afraid of Alice Miller von Daniel Howald versucht ein Sohn, Jahre nach dem Tod der Mutter, herauszufinden was sie bewogen haben mag, die Prügel und Misshandlungen durch den Vater nicht nur zuzulassen, sondern sich auch selber gegen den Sohn, als Inkarnation des Vaters zu wenden. Pikant dabei: Alice Miller war eine bekannte und hochgeschätzte Psychologin, eine Verfechterin der Abschaffung von straffreiem Prügeln als Erziehungsmassnahme, sie schritt vehement gegen Gewalt gegen Kinder ein und suchte die Gründe in der Biographie prügelnder Eltern. Der erwachsene Sohn, selber Psychologe, versucht auf einer langen Reise hinter die Biographie seiner Eltern zu kommen, und findet mehr Fragen als Antworten. Alice Miller, ursprünglich aus Polen, überlebte als Jüdin den 2. Weltkrieg in Polen, die Traumata von damals sind sicher ein Grund, der völlig undurchsichtige Ursprung des, ebenfalls aus Polen stammenden, Vaters bleibt dagegen im Dunklen. Das alles ist interessant, beunruhigend auch irgendwie, aber der Film verliert etwas seine Linie, als Zuschauer verliert man irgendwann den Überblick über die diversen möglichen oder tatsächlichen Verstrickungen. Und
je mehr Schichten aufgedeckt werden, um so mehr scheint der Film Alice Millers Thesen zu bestätigen und um so weniger können sie dem Sohn akzeptable Gründe für die an ihm verübten Misshandlungen liefern. Ob die Recherche für ihn also wirklich einen Abschluss bringt, scheint nicht sicher, auch wenn er das am Schluss vorsichtig so formuliert.

Die Familiengeschichten des heutigen Festivaltags kamen beim Publikum sehr gut an. Madame ist für den Publikumspreis wählbar und Who’s afraid of Alice Miller ist für den Prix de Soleure nominiert.

Bei Nacht und Nebel
(c) ch.dériaz

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