#Diagonale Apokalyptisch

 

 

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Surreal

 

Knapp nach dem Frühstück heute ein schräger, eigenwilliger Film: Wander von Rosa Friedrich.
Eine surreale Apokalypse, in der tote Fische und Vögel in fluoreszierenden Farben vom Himmel plumpsen, während vier junge Menschen zwischen tosendem Meer, Schlamm und Felsen versuchen, ihre Umgebung, ihre Welt zu begreifen.
Anfangs erweckt der Film bildliche Assoziationen an Bergmanns Das siebente Siegel oder Buñuels L’âge d’or. Die suggestive Musik, die sich mit den Naturklängen mischt, und von schrägen, vielsprachigen Dialogen abgelöst wird, ein wilder (Fehl)Farbenrausch, die erste Hälfte des Films ist wirklich sensationell. Ab der Mitte geht der Geschichte immer wieder etwas die Puste aus. Leider gab es ab der Hälfte auch technische Probleme mit der Tonwiedergabe, sodass man statt Klavier, Klarinette und Stimme so etwas wie elektronische Experimentalmusik zu hören bekam. Insgesamt ein wirklich beeindruckender Film, voller lyrischer Schönheit und wilder Phantasie.

 

 

Schatten

 

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Als noch freie Platzwahl galt, gab es dicke, amorphe Menschentrauben vor den Kinosälen, und die Zuschauer wollten so früh wie möglich rein, um ihre Lieblingsplätze zu besetzen. Jetzt werden die Plätze beim Buchen zugewiesen, mit dem Ergebnis, dass die Leute in der letzten Minuten kommen, ihre Plätze suchen, und die Vorstellungen immer leicht verspätet beginnen.
Vielleicht geht da irgendein Mittelding?

 

 

Das Kurzspielfilmprogramm ist, wie fast alle Kurzfilmprogramme, nahezu ausverkauft.
Familie und Schatten in der familiären Vergangenheit dominieren alle drei Filme.
In Absprung von Valentin Badura, angesiedelt im ländlichen steierischen Gebiet, entdeckt der Enkel, beim Ausräumen des grossväterlichen Haus, eine unklare Geschichte aus der Zeit des 2. Weltkrieges. Hat der Grossvater, als Wehrmachtsoffizier, einen Deserteur verraten? Und was ist dann mit dem passiert? Der Vater weiss es nicht, und wiegelt ab. Und der Enkel? Am Ende zieht er es vor, die unklare Geschichte zu begraben.
Jan Prazak lässt in Alles ist hin eine ältere Obdachlose und einen jungen Musiker in einer Zufalls WG aufeinander treffen. Das ungleiche Paar, das scheinbar nichts gemeinsam hat, entdeckt doch eine Verbindung. Ihre düstere Vergangenheit und seine plötzlich gar nicht so bunte Gegenwart schaffen ein Band, von dem beide profitieren.
Familiengeschichte, diesmal im dörflichen Tirol, in Zwölferleitn von Fentje Hanke. Traditionen und unausgesprochene Verletzungen aus der Vergangenheit schicken Enkel und Grossmutter in einen zunächst aussichtslosen Kampf. Aber Stück für Stück klären sich Kränkungen aus der Vergangenheit, dafür zeigt sich die traditionelle Gegenwart im Dorf als viel grösseres Problem.
Alle drei Filme sind sauber, wenn auch recht konventionell gemacht, alle drei könnten etwas kürzer sein, ohne dabei zu verlieren, unterhaltsam sind sie aber trotzdem.

 

 

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Krieg

 

Bisher waren weder das Virus noch der Krieg in der Ukraine wirklich Thema in Graz. Weder in den Filmen (die ich gesehen habe) noch in den Gesprächen am Rand.

Bei Signs of war von Juri Rechinsky&Pierre Crom ist es schwierig zu sagen, was man vor sich hat.
Der Pressephotograph Pierre Crom hat zwischen 2014 und 2015 auf der Krim und im Donezk Gebiet photographiert, und manchmal auch gedreht. Diese sehr beeindruckenden Photos sind die Basis des Films. Die zweite Ebene bildet ein Interview mit Crom, in dem er von den Situationen erzählt, in denen die Bilder entstanden sind.
Wie er überhaupt dazu kam, dort zu arbeiten, unter welchen Bedingungen er im Verlauf der Zeit und der Konflikte dort gearbeitet hat und was die Arbeit und die Bedingungen mit ihm gemacht haben.
Die Erzählung ist gleichzeitig sehr sachlich und doch persönlich und immer eloquent. Seine Bilder brauchen sich auf der grossen Leinwand nicht zu verstecken, ihre technische Qualität erlaubt Schwenks und Bewegungen innerhalb der Photos. Unterlegt ist das Ganze mit einer Tonspur aus Geräuschen, die aus den Situationen zu stammen scheinen, und mit oft bedrohlicher Musik. Das alles entspricht den Hörgewohnheiten, die man zu diesen Bildern hat. Es entspricht in seiner suggestiven Art allerdings auch einem dystopischen Kriegsdrama. Im Nachspann liest man, dass die Töne, zumindest in Teilen, aus Tonarchiven kommen.
Das alles ist, besonders Anbetracht der aktuellen politischen, kriegerischen Entwicklungen, emotional sehr aufgeladen.
Und genau da stellt sich dann auch der Frage, was dieses Werk eigentlich ist:
Eine Erinnerung? Eine Reflexion über die Arbeit als Pressephotograph?
Aber ist es auch ein (Dokumentar)Film?
Die Aussagen, Erinnerungen und das Entstehen der Bilder sind so weit über den Zweifel an der Redlichkeit erhaben, und sie sind zweifelsohne extrem interessant. Aber es bleibt die Frage, ob ein Film ein Dokumentarfilm ist, wenn er in wesentlichen Teilen aus Photos, (Archiv-) Geräuschen und Musik besteht.

 

Viren

 

Nach Krieg dann also doch noch ein Film, in dem es um die Pandemie geht, aber nicht nur.
Der stille Sturm von Cristina Yurena Zerr fängt mit dem ersten Lockdown an. Eigentlich wollte sie mit ihrem Freund nur das Osterwochenende bei dessen Familie in einem 700 Seelen Dorf im Burgenland verbringen, der Lockdown bewegt das Paar dazu, lieber im Familienhaus mit Garten zu bleiben als nach Wien zurückzufahren. Aus dem Wochenendausflug werden zwei Monate, verbracht mit drei Generationen der Familie in einem Haus. Sehr früh im Film spürt man, dass die 94-jährige Grossmutter echte Starqualitäten hat. Und so kommt es immer wieder zu sehr intimen, schönen und lustigen Momenten mit der sehr wachen Oma. Ab der Hälfte etwa öffnet sich die Geschichte etwas mehr, die Pandemie ist immer noch nicht vorbei, es folgt Lockdown auf Lockdown, und immer wieder – kurze – Besuche im Burgenland. So entsteht ein buntes, schönes Panorama einer beeindruckenden Familie, aber auch ein persönliches Stück über Leben und Sterben, soziales Engagement und entspanntes Miteinander. Ein sehr schönes, rundes Erstlingswerk.

 

 

Das beliebte Popcorn sorgt übrigens nicht nur für Maskentragepause, sondern auch für ordentliche Ferkelei im Kino.

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