#Locarno75 _ Die Zielgerade naht

 

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Grün und inklusiv

 

Das Locarno Filmfestival ist nicht nur seit Jahren bemüht, Müll zu reduzieren und seinen ökologischen Fussabdruck zu minimieren, sondern bietet seit diesem Jahr auch, als Massnahme zur Inklusion, sogenannte Relaxvorstellungen an. Dabei wird das Kino nicht komplett abgedunkelt, der Filmton ist etwas leiser und Zuschauer können während der Vorführung rein- und rausgehen gehen oder auch Lärm machen. Die meisten Zuschauer an diesem Morgen haben eine solche Spezialprojektion nicht willentlich gebucht. Vermutlich ist niemand im Saal, für den diese Form gedacht ist. Vielleicht muss man einfach die gute Absicht anerkennen.
Also, auf geht’s in eine Relaxvorstellung.

 

Uneindeutig

 

Before I Change My Mind von Trevor Anderson spielt mit Erwartungen, denen der Zuschauer und denen der Filmfiguren. Insgesamt geht es ums Erwachsenwerden, am Rand auch ein bisschen um die nicht eindeutige geschlechtliche Zuordnung der Hauptfigur Robin.
Kanada1987, Robin kommt in eine neue Schule, und es wird schnell klar, dass das Kind nicht eindeutig als Mädchen oder Junge eingeordnet werden kann. Das Englische unterstützt die Ambiguität, alle sprechen von allen Kindern als „the kid/the kids“, der Name ist uneindeutig, das Verhalten eher jungenhaft, aber auch nicht ganz. Tatsächlich geht es aber wesentlich mehr um die Position in der Klasse, keiner will der Aussenseiter sein, und die, die als solche ausgemacht werden, werden schnell übelst behandelt. Entscheidungen, ob man bei denen ist, die mobben, oder gemobbt wird, sind zu treffen. Gruppendruck mit 12 Jahren, das ist traurig. Die Geschichte ist hübsch erzählt, die jungen Darsteller sind gut und schmerzhaft überzeugend. Die Uneindeutigkeit der Figur Robin wird auch am Schluss nicht geklärt, denn darum ging es die ganze Zeit über nicht.
Die Relaxvorstellung hat sich nicht wirklich bemerkbar unterschieden, der Ton war immer noch laut genug, das Mehr an Licht ist nicht wirklich aufgefallen, und rumgelaufen ist auch niemand.

 

 

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Hölle und Anderes

 

Dieses letztes Kurzfilmprogramm fordert heraus, die Filme teilen ihre Geschichte, ihr Inneres nicht so einfach mit den Zuschauern.
Soberane von Wara zum Beispiel. Eindeutig geht es um Identität, aber darüber hinaus ist der Verlauf eher undeutlich. Eine Brasilianerin in Kuba, entwurzelt? Oder eine Ausserirdische, auch entwurzelt? Oder, oder? Die Möglichkeiten sind vielfältig, der Film lässt alles zu und erklärt nichts.
Männlichkeit und Rituale scheinen das Thema in Brandon Roi von Romain Jaccoud zu sein. Zwei junge Männer ringen irgendwo in einer Berglandschaft miteinander. Training oder Spass, ein Ausflug, sind sie Freunde, oder Liebhaber? Auch hier sind alle Möglichkeiten offen.
Lake of Fire des Kollektivs NEOZOON gestaltet aus Foundfootage eine wilde, bunte Collage zum Thema Tod und Hölle. Das ist sehr eindrucksvoll, vor allem in seinem Rhythmus.
Eine Schulklasse im verschneiten Kananda gibt es in Au crépuscule von Miryam Charles. Eines der Mädchen geht ständig vor, scheint schneller und stärker zu sein als die anderen. Aber etwas plagt sie, etwas sieht sie in der Umgebung, oder sind das alles nur Visionen eines jungen Mädchens, das die Nahrungsaufnahme verweigert?
Deutlich klarer ist die Kapitalismuskritik im Animationsfilm Money and Happiness von Ana Nedeljkovic und Nikola Majdak Jr. In Hamsterland leben lustige Knetmassefiguren. Ihr einziges Ziel im Leben: arbeiten, um das Bruttosozialprodukt zu erhöhen, in schwindelerregende Höhe zu steigern. Koste es, was es wolle. Sehr hübsch gemacht, und ganz schön gruselig.

 

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Pferde, Farne und Geräusche

 

Schräg, voller phantastischer Ideen und surreal, das ist die einfachste Zusammenfassung von Ann Orens Piaffe. Das Gerüst der Geschichte: die Schwester eines Geräuschemachers muss den Ton für einen Psychopharmaka- Werbespot machen, weil ihr Bruder nach einem nicht beschriebenen Vorfall in der Psychatrie gelandet ist. Gefragt sind Pferdegeräusche, Ahnung hat sie davon keine. Aber mit diesem Gerüst wird man der Geschichte nicht gerecht. Lauter skurrile Gestalten bevölkern die Szenerie, und dann wächst der jungen Frau auch noch am Steissbein ein veritabler Pferdeschwanz, was wiederum ein Botaniker erotisierend findet. Nein, man kann dieses phantastische Spektakel einfach nicht beschreiben, wozu auch. Pferde, Farne, BDSM-Sex (ein bisschen), Geräusche und Techno, gedreht auf 16 mm Film, bunt und ein bisschen irre.

 

 

Leises Tröpfeln

 

Zwei Minuten vor dem Anfang der Abendveranstaltung auf der Piazza fängt zart an zu tröpfeln, einige verlassen fluchtartig ihre Plätze, die meisten bleiben. Das Tröpfeln hört wieder auf.

Vous n’aurez pas ma haine von Kilian Riedhof ist ein Film nach einer wahren Begebenheit. Antoine Leiris verliert 2015 beim Anschlag auf das Pariser Bataclan seine Frau, in all der Trauer schreibt er kurz nach dem Anschlag einen Post, in dem er den Attentätern verspricht, dass sie seinen Hass nicht bekommen werden, dass er und sein kleiner Sohn, bei aller Trauer, nicht hassen werden. Der Post wird 1000-fach geteilt, es folgen Interviews und TV-Auftritte. Der Film erzählt also genau das: ein Vater, der trauert, der sich trotzdem mit seinem 2-jährigen Sohn beschäftigt, auch wenn der ihn manchmal zum Ausrasten bringt. Aber das reicht alles nicht für einen guten Film, vor allem, wenn man den Fakten treu bleiben will. Und es reicht auch nicht für 102 Minuten. Ab dem Augenblick, wo der Post geschrieben ist, bleibt der Geschichte nur noch zu zeigen, wie eine Familie trauert, mit allen Trauer-Stadien. Das macht der Film so professionell wie kitschig, und für alle, die es bisher nicht wussten: 2-jährige Kinder sind häufig extreme Nervensägen.
Das scheint auch kein Kandidat für den Publikumspreis zu werden.

Alle anderen Jurys dürften heute im Laufe des Tages ihre Preisträger bestimmt haben. Morgen Abend werden die Leoparden verteilt, auch der Publikumspreis.

 

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