58.Solothurner Filmtage Identität

 

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Identität

 

Eine letzte Diskussionsrunde bei Fare Cinema, diesmal das Thema: Generation Diaspora, im Ausland zuhause.
Auf dem Podium junge Schweizer Regisseure und Regisseurinnen mit familiären Wurzeln in anderen Ländern. Die Frage, wie weit sie Identitätssuche durch oder mit ihren Filmen betreiben, und auch wie universell diese Suche dann für andere sein kann.
Es ist auch eine Frage nach der Identität eines Schweizer Films an sich.
Was macht ihn aus?  Gibt es eine Handschrift?
Und wie weit hängt die ab, von den nationalen und ethnischen Wurzeln?
Tatsächlich ist diese Frage nicht zu beantworten, es ist manchmal eine Eigendefinition, manchmal eine „bürokratische“ Definition, mal der Pass, mal der Standort, mal das Herz, mal das Geld.
Ein guter Film wird am Ende immer der sein, bei dem das Publikum eine eigene Beziehung zur Geschichte, zum Thema finden kann. Die Frage nach der Identität des Films ist vielleicht insgesamt gar nicht so wichtig, ausser eben im Kontext eines nationalen Festivals.

 

 

Alkohol

 

The Curse von Maria Kaur Bedi und Satindar Singh Bedi ist einer der schwersten Filme dieses Festivals, inhaltlich und bildlich.
Er ist ein Dialog in der Vorhölle, eine Geschichte von Alkoholsucht und Co-Abhängigkeit, und von Liebe. Der Film hat zwei fast getrennte erzählerische Ebenen, einmal die Sprache, der Dialog, der erzählt von einem Mann, der schon als Kind alkoholsüchtig wird, und von einer Frau, die behütet aufgewachsen ist. Erzählt vom Zusammentreffen der Beiden, dem Kampf mit und gegen die Dämonen der Sucht. Hier setzt die zweite Ebene an, das Visuelle: wie zeigt man, was sich abspielt?
Die Wahl fiel auf Abstraktion und Verfremdung. Die Bilder sind extrem verlangsamt, unscharf, wie durch eine geriffelte Milchglasscheibe, Lichtreflexe so verlangsamt, dass sie über die Leinwand schweben wie Schmetterlinge. Und dann, immer wieder Schatten: von Händen, von Köpfen, alleine, zusammen.
Der Dialog, der zwischendurch zum Streit, zum Schreien wird, und sich wieder beruhigt, der die ultimative Drohung enthält: Wenn du je wieder trinkst, gehe ich. Kompromisslos.
Der schwerste, der vielleicht auch privateste Film, denn er zeigt
die beiden Filmemacher sozusagen nackt. Während der Abspann lief, vor stilisierten Wellen, kamen beide, Hand in Hand, auf die Bühne, ihre Silhouetten verschmelzen mit den letzten Filmbildern. Filmreif und auch rührend.

 

 

 

Körper

 

Die Filme von Verena Paravel und Lucien Casting-Taylor muss man mögen, und aushalten können, das gilt für De Humani Corporis Fabrica ganz besonders.
Zwei Stunden führen sie das Publikum durch Pariser Krankenhäuser, von unten nach oben, in diverse OP-Säle, durch die Geriatrie und aufs Dach. Wer die Filme der beiden visuellen Anthropologen kennt, weiss, es geht um Bilder, ums Schauen. Kein Text, keine Erklärung, nur Sehen und Bilder wirken lassen. In diesem neuen Film sollte man auch Blut sehen können, viel Blut sogar. Die neuen Kameras, die bei Operationen eingesetzt werden, ermöglichen Blicke ins Innere, und kommen so auf die Leinwand.
Dann ist es wieder „nur“ die neugierige Kamera während der OP, in der Pathologie, in den Gängen. Blut, Knochen, Geräte, Gesichter in Ausschnitten, konzentriert. Wir haben alle einen Körper, und der ist verletzlich.

 

Rebellen

 

Jungle Rouge von Juan José Lozano und Zoltán Horváth zeigt die letzten fünf Jahre des FARC Anführers Raul Reyes im Dschungel. Aber nicht als Dokumentarfilm, sondern als Animationsfilm.
Reale Spielsequenzen, verfremdet, modifiziert, dass sie wie gemalt wirken, wechseln sich mit Traumsequenzen ab, die wie bewegte Plakate des sozialistischen Realismus wirken. Als Grundlage des Films, des Spiels, dienten E-Mails, die auf Reyes Computer gefunden wurden. Diese Mischung aus Animation, Abenteuerfilm und realen geschichtlichen Fakten funktioniert bestens, wird dem Thema gerecht, während das Publikum intelligent unterhalten wird.

Das war der letzte Film, den ich bei dieser Ausgabe der Solothurner Filmtage angeschaut habe. Morgen folgen noch die Preise.

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