#Visions du Réel Machtspiele

 

(c) Visions du Réel

Alles für die Kunst

 

 Mon pire ennemi (My Worst Enemy)  von Mehran Tamadon

Die Qualen einer strengen Befragung am eigenen Leib erfahren und daraus einen Film machen, diese Idee steht am Anfang des Films von Mehran Tamadon.
Es beginnt eine Art Casting diverser Exiliranern in Paris, die alle im Iran harten Befragungen und – mindestens – psychischer Folter ausgesetzt waren. Sie sollen ihn befragen, sie sollen ihn spüren und lernen lassen, wie das ist, machtlos und ausgeliefert zu sein. Der Film soll, so die Idee, im Iran als eine Art Dialogöffner funktionieren, eine Idee, die schon irgendwie eher skurril und unwahrscheinlich klingt. Aber man folgt dem Gedanken. Nach ein paar kurzen Interviewsequenzen mit verschiedenen Männern folgt eine junge Frau als Interviewerin. Der Film wird rapide härter. Sie fragt Ähnliches, wie die Vorgänger, aber mit wesentlich entschlossener, geschlossener Miene, wird brutaler. Trotz unangenehmer Situationen wie: sich ausziehen, kalte Duschen ertragen, nackt in der Kälte auf einem Friedhof befragt werden, sieht man dem Regisseur immer an, dass er sich weiter der filmischen Realität bewusst ist. Mit kleinen Seitenblicken schaut er, ob die Kamera noch folgt, manchmal lächelt er. Am zweiten Tag der Befragung verändert sich die Situation, die Fragen der jungen Frau wechseln vom Allgemeinen zum Persönlichen. Sie greift das Konzept des Films an, die Unsinnigkeit der Idee, sie bezichtigt ihn, sie und ihren Schmerz für ein kindisches, eitles Projekt auszunutzen. Der Regisseur fängt an zu zweifeln, an sich, am Konzept. Er fängt an, sich schlecht zu fühlen und zu schämen. Das Machtverhältnis ist gekippt. Ein sehr intensiver, anstrengender Film. Filmisch interessant, wenn man sieht, wie die Kamera immer schafft, so auf den Protagonisten zu bleiben, dass der Fluss der Befragung nie abreisst.

 

Mon pire ennemi
(c) Mehran Tamadon

 

 

Gegen das Vergessen

Es ist immer wieder spannend, was für Filme entstehen, wenn Regisseure und Regisseurinnen auf alte, nie gesehene oder vergessene Familienfilme stossen.
Ein Rohmaterialschatz, der darauf wartet, geborgen und verarbeitet zu werden.

Para no olvidar von Laura Gabay
Ein Film gegen das Vergessen. Eine erzählerische Erinnerung, montiert aus alten Super 8- und Videofilmen und aus Audiokassetten. Eine Zeitreise durch mehrfache Exile. Die Grosseltern, die als sephardische Juden aus der Türkei nach Uruguay flohen, der Vater, der in den 70er Jahren vor der Diktatur dort nach Europa floh, die Mutter, die der Franco-Diktatur in Spanien den Rücken kehrte. Eine Familiengeschichte, deren Zusammenhalt mithilfe von Ton- und Bildaufnahmen aufrecht bleibt, und am Ende ein Abschied, der nicht in Person, sondern wieder nur durch eine Kiste voller Erinnerungen möglich wird. Eine schöne und persönliche Geschichte.

 

Überwachung

Incident von Bill Morrison
30 Minuten zusammengesetzt aus Überwachungskameras, Körper- und Fahrzeugkameras, die zeigen, wie ein Mann von einem Beamten der Chicagoer Polizei erschossen wird. Die Bilder laufen oft gleichzeitig, die Leinwand viergeteilt. Hektik und Stress entsteht, man hört den Funk der Polizei und die gestammelten Rechtfertigungen, mit denen die Beamten 2018 vor Gericht dann durchgekommen sind.

Entscheidung

 

 

 

Natalia (c) ch.dériaz
 

Natalia von Elizabeth Mirzaei
Der Film begleitet die letzten Wochen, bevor die 29-jährige Natalia ihr endgültiges Gelübde zur orthodoxen Nonne ablegen wird. In Schwarzweiss und im 4:3 Format filmt die Regisseurin den Alltag in dem kleinen Kloster, irgendwo in der amerikanischen Provinz. Aber sie zeigt auch die Zweifel, das Hadern der jungen Frau, die eine sportliche, lebensfrohe Naturwissenschaftlerin ist. Und dann immer wieder Bilder von Schatten, Landschaft, Photos, die im Sand versinken, starke, schöne Symbole für den inneren Kampf. Man fiebert tatsächlich mit, wird sie wirklich alles aufgeben, das ihr bisher wichtig war, um ein Mehr an Spiritualität zu leben? Läuft sie von etwas weg, oder zu etwas hin?

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