#Visions du Réel – Die Preise

 

 

(c) ch.dériaz

 

Die Jurys haben entschieden

 

Mit den Juryentscheidungen und den Preisvergaben ist die 51. Ausgabe von
Visions du Réel zu Ende gegangen.
Zum Glück lassen sich die Filme online noch nachholen.
Hier also drei Preisträgerfilme in der Einzelkritik.

 

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Hund

 

Der Preis in der Kategorie Kurz- und Mittellange Filme geht an:
Without (Bez) von Luka Papić.
Ausgehend vom Verschwinden eines kleinen Hundes, wird hier von Gott und der Welt fabuliert. Ein Maler sucht seinen anscheinend verlorenen Hund. Statische Bilder, die gleichzeitig ikonisch und schmutzig aussehen, bilden den Hintergrund für die oft im Off vorgebrachten Ideen zu Hunden, Religion, Vorurteilen und der Welt an sich. Eine schräge Geschichte, an deren Ende zwei Strassenhunde Cervantes „Gespräch zweier Hunde“ (auf)führen und damit den intelligentesten Dialog des Films führen.
Ach ja, der verschwundene Hund des Malers meldet sich telephonisch: alles in Ordnung, es gehe ihm gut.

 

 

Without(Bez) (c)Luka Papić

 

 

 

Auf der Suche nach Eisbären

 

Der Preis der Jugendjury geht an:
Churchill, Polar Bear Town von Annabelle Amoros.
Im Norden Kanadas sind Eisbären, die in Städte kommen, ein Problem, aber auch eine Touristenattraktion. Der Film zeigt, wie Patrouillen in Autos und Hubschraubern nach Eisbären suchen, um sie anschliessend mit Lärm zu vertreiben und zu vergrämen. Weite Landschaften im Breitbildformat menschen- und bärenleer, aber mit viel Schnee und Eis, und dann tauchen tatsächlich auch vereinzelt Eisbären auf. Eine spielerisch-verspielte Reportage über das Zusammenleben von Mensch und Tier, die sich auch nicht ganz ernst nimmt.

 

 

Churchill, Polar Bear Town (c)Annabelle Amoros

 

 

 

Mysterien am Fluss

 

Der Hauptpreis des internationalen Wettbewerbs geht an ein Hybrid zwischen Spiel- und Dokumentarfilm: L’îlot von Tizian Büchi.
Ein ruhiges Wohnviertel ausserhalb von Lausanne, kleine Mehrfamilienhäuser, Kinder spielen auf der Strasse, ein Flüsschen mit verwildertem Uferbereich, alles scheint ganz entspannt. Trotzdem gehen zwei Wachmänner Tag und Nacht durchs Viertel, sperren den Uferbereich mit Flatterband ab, schauen, dass alles ruhig bleibt. Aber zu keinem Zeitpunkt wird enthüllt, warum sie da sind. Immer wieder scheint eine Begründung gleicht kommen zu können, aber nein, der nächste Satz handelt von ganz etwas anderem, und das Mysterium bleibt erhalten. Langsam und in sehr schönen Bildern wird das Viertel erzählt, die Menschen, die dort leben, die Wachleute, man erfährt vieles, während die Spannung in der Luft hängt. Alles bleibt in einem ruhigen Fluss und führt letztlich nur im Kreis, wie die Runden der Wachen. Und am Ende ist man wieder an derselben Stelle wie zu Beginn: am Flussufer, wo vielleicht irgendwann etwas passiert ist, oder eben auch nicht.

 

 

L’îlot (c) Tizian Büchi

 

Das war’s

Es ist interessant, dass doch einige der Preisträgerfilme sich nicht streng in die Kategorie Dokumentarfilm einordnen lassen. Mal ist die „Inszenierung“ klar, mal ist sie subtil, manchmal sieht man sie – vermutlich aus Unkenntnis – gar nicht.
Es gab auf jeden Fall viele künstlerisch spannende, inhaltlich sehr unterschiedliche Filme zu sehen.
Der Dokumentarfilm gehört definitiv in die Kinos.
Alle Preise gibt es hier.

 

 

Das war’s aus Nyon
(c) ch.dériaz

 

#Visions du Réel – Frauen

 

(c) ch.dériaz

 

Aus der Wundertüte des Programms

 

 

Drei Filme über Frauen, ganz unterschiedlich, sowohl stilistisch als auch in den Protagonistinnen, dennoch, dreimal Frauen, die am Ende als stark aus dem Film hervortreten.

Der Persönlichste

 

Fuku Nashi von Julie Sando. Die Regisseurin und ihre japanische Grossmutter. Zwei Frauen, die sich nur langsam öffnen und annähern. Die Frage der eigenen Identität steht im Raum. Ist sie Japanerin, ist sie Schweizerin? Die Grossmutter beantwortet die Frage für die Enkelin anders, als die Enkelin selbst. Das Selbstverständnis ist ein anderes. Wie gehört man dazu, wenn man in Japan als „Halbe“ und in der Schweiz als „Exotin“ gesehen wird?
Die letztgültige Antwort steht wohl noch aus.

 

Fuku Nashi (c) Julie Sando

 

Der Härteste

 

Chaylla von Clara Teper & Paul Pirritano ist das Protokoll einer Befreiung.
Eine junge Mutter, die versucht, aus einer gewalttätigen Beziehung herauszufinden, aber oft an sich selber scheitert. Ihr selbst fehlt der Glaube, dass sie ein Leben ohne physische und psychische Gewalt haben darf. Sie glaubt nicht, dass es Gerechtigkeit gibt, wenn sie ihren Mann wegen Körperverletzung oder Stalking anzeigt. Und sie glaubt auch nicht daran, dass es Beziehungen gibt, die anders laufen, in denen Respekt herrscht. Und so hadert sie, geht zurück zu ihrem Mann, bekommt ein weiteres Kind, geht weg, klagt an und zweifelt. Am Schluss kommt so etwas wie Hoffnung auf, dass sie jetzt, wo sie nach Jahren auch Prozesse gegen ihn gewonnen hat, endlich frei von Angst und Gewalt wird leben können. Erstaunlich, neben der sehr bewegten Kamera, die immer recht direkt auch die Gefühle zeigt, dass die doch sehr verunsicherte Chaylla diese Nähe über einen langen Zeitraum so zugelassen hat. Das zeugt vom gossen Respekt der Filmemacher ihrer Protagonistin gegenüber.

 

Chaylla (c)Clara Teper & Paul Pirritano

 

 

Der Lustigste

 

In Ardente·x·s von Patrick Muroni geht es um Pornos.
Eine Gruppe junger Frauen in Lausanne, sie haben sich vorgenommen, ethische und dissidente Pornofilme zu machen, und dafür eine Pornofilmproduktion gegründet. Sie arbeiten im Kollektiv, was dann manchmal zu lustigen Problemen führt, wenn zum Beispiel ein Film, trotz guten Drehbuchs, nicht fertig gemacht werden kann, weil zwar mit mehreren Kameras gedreht wurde, aber keine für den Überblick zuständig war. Ergebnis: unschneidbar.
An manchen Stellen ist der Film etwas zu geschwätzig. Die jungen Frauen erzählen sich, in schöner Umgebung oder auch in interessanten Situation, Geschichten aus ihrem Leben, oder reden über ihre Gefühle, man wird aber den Eindruck nicht los, dass das alles nur für die Kamera gedacht ist. Hervorragend sind die Szenen bei den Pornodrehs gestaltet, die Schwierigkeiten, die sich ergeben, weil mehrere Kameras um die Darstellerinnen und Darsteller herumstehen, gehen und filmen, werden als ästhetisches Mittel genutzt und bringen so sehr spannende Bilder vom Set. Eine Jugendfreigabe dürfte der Film nicht bekommen.

 

Ardente·x·s (c)Patrick Muroni

 

 

Die Kurzen

 

Zwei Kurzfilme, die das Medium Film für Abstraktes und Philosophisches nutzen, und dabei eigenständige, schöne Werke entstehen lassen.
The Demands of Ordinary Devotion von Eva Giolo bietet Sinnliches und Rundes. Handwerk und Säuglinge, Milch abpumpen und Nuckeln, eine Bolex laden, aufziehen, drehen. Kreise und Kreisbewegungen in einer Schleife aus Assoziationen. Hübsch.

Sad Machines (Las máquinas tristes) von Paola Michaels erkundet die Seele der Maschine. Diverse laufende Roboter klagen ihr Leid, nicht am richtigen Ort zu sein, nicht dazuzugehören. Aus verschiedenen Firmenvideos zu Bewegungsabläufen der Maschinen zusammenmontiertes philosophisches Werk zur Identitätsfrage. Kurzweilig.

 

Besser im Kino

 

Dass Filme auf einer Leinwand im dunklen Kino besser wirken, ist hinlänglich klar.
Dass aber beim Schauen eines Films sowohl ein Gewitter mit Hagelsturm stören, als auch Handwerker, die Wände aufstemmen, ist dann doch irgendwie unfair.
So verliert H von Carlos Pardo Ros eindeutig an Kraft. Der Film arbeitet mit sehr bewegter Kamera, mit Tonkollagen und mit Stille. Die Idee ist, die Stunden vor einem tödlichen Unfall beim Stierlaufen in Pamplona 1969 experimentell zu rekonstruieren. Und so tanzt und taumelt die Kamera im Heute durch die feiernden Massen in Pamplona, man ist sehr unmittelbar im Geschehen, und versteht auch, wieso die Gruppe von Freunden damals nicht zusammen fand. Zu voll, zu viel, zu viel Bewegung und Feierwut. Aus einem dunklen Kinosaal käme man vermutlich selbst feiertrunken heraus.

 

H (c)Carlos Pardo Ros

#Visions du Réel – Bequem

 

(c) ch.dériaz

 

 

 

Die Qual der (Aus)Wahl

 

 

Weiter geht’s im Programm von Nyon.
Kategorie auswählen, Vorschaubildchen anschauen, anklicken, Kurzbeschreibung lesen, verwerfen oder auswählen.
Einfache Sache.
Soweit war die intuitive Auswahl erfolgreich und erfreulich.

 

 

Gefahren

 

Was macht ein Filmemacher während eines Lockdowns?
Er filmt natürlich.
Daniel Kemény filmt während des langen ersten Lockdowns in Italien sich und seine Freundin. Entstanden ist daraus: Supertempo. Er verwandelt die Monotonie in etwas auch Lustiges, lässt aber Platz für Nachdenkliches. Wie eine Liebe das Eingesperrtsein überlebt, ist dabei ebenso Thema wie Langeweile und leere römische Strassen. Daraus entsteht das präzise Bild einer absurden Situation, die ihre tragischen wie auch komischen Momente hat.

Aus der Erde und zurück unter die Erde: Burial (Kapinynas) von Emilija Škarnulytė. Ein Film über die vielfältigen Nutzungen von, und Problemen mit, Uran.
Verwaiste Uranminen, ein litauisches Atomkraftwerk im Rückbau, ein mögliches Endlager für Atommüll in Frankreich, alles in unglaublich schönen, künstlerischen Bildern. Ein fliessender Schnitt, eine Tonspur, in der Geräusche, Töne, Atmos und Musik ein Gewebe bilden, das die Kraft der Bilder noch mal anhebt. Und dann, immer wieder, eine grosse Schlange, die Über-Metapher der Verführung, des Bösen. Eine Stunde Film, die zum Denken und Träumen verführt.

 

 

 

 

Erwachsenwerden

 

Ramboy von Matthias Joulaud & Lucien Roux ist ein ganz klassischer, ruhiger Dokumentarfilm. Irland im Sommer, grün und grau und Schafe, mittendrin der junge Cian, der über den Sommer auf der Schaffarm seines Grossavater das Handwerk lernen soll. Anfangs folgt nicht mal der Hütehund seinen Kommandos. Bockig, versteht man schnell, sind nicht nur die Schafe, sondern auch der Enkel. In sehr schönen, ruhigen Bildern läuft der Sommer ab, und der Enkel lernt, sehr zur Freude des Grossvaters.
Alles andere als klassisch ist How to Save a Dead Friend von Marusya Syroechkovskaya gestaltet. Mit 16 lernt die depressive Teenagerin Marusya den gleich alten Kimi kennen; zwei Seelenverwandte.
16 Jahre lang filmt sie, filmen sie sich. Es entsteht ein impressionistisches Tagebuch voller Liebe, Depression, Drogen und Selbstzerstörung. Die Beobachtung ist nicht gradlinig in der Zeit montiert, sondern geht vor und zurück, und zeigt damit auch das Auf und Ab der Gefühlswelt der beiden Jugendlichen. Dazwischen immer wieder Szenen von Strassenkonfrontationen russischer Jugendlicher mit der Polizei, und die jährliche Neujahrsansprache des Präsidenten, in immer pathetischeren Worten. Die persönlichen Probleme haben ihre Entsprechung, wenn nicht Teile ihrer Ursache, im System, das die beiden umgibt. Und obwohl ab einem Punkt die Regisseurin sich aus dem Kreislauf der Selbstzerstörung herausnimmt, bleibt sie mit Kimi verbunden, auch wenn sie ihn letztlich nicht retten kann.

 

 

 

 

Bizarre Welten

 

Um Mikronationen geht es in Liberland von Isabella Rinaldi.
Liberland hat Botschaftsräume in Prag und einigen anderen europäischen Städten, gibt online Pässe aus, und hofft bald Fuss auf sein Territorium setzen zu können. Das allerdings ist nicht so einfach. Liberland liegt an der Donau, im Dreiländereck von Kroatien, Serbien und Ungarn. Das Grundstück wird von den kroatischen Behörden verwaltet, die auch den Zugang verbieten, es aber gleichzeitig für serbisches Land erachten.
Kompliziert? Ja.
Parallel versuchen die Liberland-Anhänger in der Gegend sichtbar zu bleiben, und machen per Videos im Netz auf sich aufmerksam. Eine weitere Gruppe ist an diplomatischen Beziehungen zur Mikronation höchst interessiert, nämlich die selbsternannten Mini-Jugoslawen. Sie sehen sich in direkter Nachfolge Jugoslawiens, verehren Tito und veranstalten zu dessen 42. Todestag eine Gedenkveranstaltung.
Seltsame Menschen, bizarre Ideen, ein unterhaltsamer Film.

 

Liberland (c) Isabella Rinaldi

#Visions du Réel – Vom Sofa

 

 

(c) Nicolas-Brodard

 

Vom Sofa aus in die Welt schauen

 

Seit dem 7. April und noch bis Ostern läuft im schweizerischen Nyon das internationale Dokumentarfilmfestival Visions du réel.
Seit mittlerweile 51 Jahren werden hier Dokumentarfilme gezeigt, die in diversen Kategorien um Preise antreten.
In diesem Jahr findet das Festival wieder in real existierenden Kinos, mit echten Zuschauern statt, für Fachbesucher ist aber auch eine Online-Akkreditierung möglich. Höchste Zeit also, einen Blick ins Programm und auf die Filme zu werfen.

 

 

(c) ch.dériaz

 

 

Die Eigenwilligen

 

Foragers von Jumana Manna. Eine schräge Geschichte von Palästinensern im Golan, die Wildpflanzen sammeln gehen. Die meisten Pflanzen, vor allem essbare Wilddisteln, sind für den Eigenverbrauch, manche werden auf improvisierten Märkten verkauft. Auf der anderen Seite, die israelische Forst- und Parkbehörde, die versucht, die überwiegend alten Männer und Frauen daran zu hindern, und hohe Geldbußen verhängt. Ein absurdes Theater in Art eines Katz- und Mausspiels.

Gejagt wird auch im argentinischen Film Luminum von Maximiliano Schonfeld.
Jagdobjekt sind hier allerdings Ufo-Sichtungen. Bereits in den 90er Jahren haben Mutter und Tochter sich mit Phänomenen beschäftigt, die sie eindeutig ausserirdischen Aktivitäten zuordnen. Und so wechselt der Film vom Heute, in einer nächtlichen argentinischen Landschaft, der ideale Projektionsfläche für alle möglichen Ideen, zu rauschigen 90er Jahre VHS Aufnahmen mit toten Rindern und TV-Auftritten der beiden Damen.
Gegen Ende des Films kippt die Geschichte vom Beobachtenden, Dokumentierenden ins Experimentelle, als hätten die beiden Frauen den Regisseur überzeugt. Lichtpunkte, die über den Himmel schwirren, immer weiter pixelig vergrössert, unterlegt mit Saint-Saëns “Schwan”, interpretiert auf einer singenden Säge. Die filmischen Genre-Grenzen fliessen ineinander, wie bei den Ufos, man weiss es halt nicht so genau.

Einen 10-minütigen Spass gibt es mit Eine Sekunde in Fränkli von Douwe Dijkstra. Mit viel Witz und technischen Spielereien geht der Regisseur der Frage nach, wer auf den 1 und 5 Franken Münzen zu sehen ist. Und könnte man da nicht auch etwas anderes zeigen? Vorschläge kommen aus dem Off, von befragten Passanten: ein nackter Po, Roger Federer, alles scheint denkbar.
Und warum gibt es keine 1 Franken Münzen von 2021 und 2022? Frech und witzig.

 

Wachsen und Werden

 

 

In Éclaireuses (Leading lights) von Lydie Wisshaupt-Claudel wird eine kleine, spendenfinanzierte Schule portraitiert. Wobei Schule den Kern nicht trifft. Hier werden 6-15-jährige Flüchtlingskinder unterrichtet, aber nicht in einer strengen schul- und lernkonformen Art. Keines der Kinder war jemals in einer Schule, sie sind oft schnell aggressiv und haben keine Vorstellung von Zeitstruktur. Das alles wird mit enormer Geduld von den Lehrerinnen vermittelt, ein Prozess, der dauert, und der Zuschauer ist ganz unmittelbar dabei. Die Kamera ist mitten im Geschehen und wartet ab, bleibt drauf, das fordert auch vom Zuschauer Geduld, erzählt dafür aber um so genauer, was für eine unglaubliche Leistung da erbracht wird.

Getting Old Stinks von Peter Entell ist ein Langzeitprojekt in XL-Version.
Über 15 Jahre hat der Regisseur seine Familie, mit besonderem Fokus auf den Vater, gefilmt. Immer wiederkehrende Situationen wie Geburtstage, das Vortragen eines Gedichts, aber auch Gespräche über das Altern. Angelegt als Brief an die früh verstorbene Mutter, ist der Film dennoch hauptsächlich eine Reflexion über das Altern, das Verschwinden und die Familie. Das Material lag dann nach Ende des Drehens noch einmal 15 Jahre in einer Schublade, bevor es jetzt zusammengestellt und präsentiert werden konnte.
Dokumentarfilm ist eine Form der Geduldsübung, immer.

 

 

52.Visions du Réel_3

 

Nabelschauen und schwarze Leinwände

 

Sich selbst zum Thema machen, die eigenen Befindlichkeiten offen legen, eigene Fragen öffentlich machen, nach Lösungen suchen vom Privaten ins Öffentliche, das kann reizvolle Dokumentarfilme ergeben, oder fatal daneben gehen. So weit ging das bei den bisherigen Filmen eher recht gut.

 

Um sich selbst kreisend

 

 

My Quarantine Bear von Weijia Ma
Ein gefilmtes Quarantänetagebuch der chinesischen Animantionsfilmerin. Die ersten Pandemiemassnahmen überraschen die Regisseurin in Frankreich, der Weg zurück nach China erinnert an einen Science-Fiction-Film. Am Anfang etwas zäh, nimmt der Film dann aber Fahrt auf, wird komödiantisch und phantasievoll. Und so reihen sich schräge Selbstaufnahmen an eigentümliche Blickwinkel und werden mit Stopptrickanimationen kombiniert. Zwei Wochen im Hotelzimmer in Shanghai: Warten, essen, weiter warten, aber eben auch kreativ sein, das 35 minütige Ergebnis kann sich sehen lassen.

Stefan Pavlović geht in Looking for Horses noch mehr in die Tiefen der eigenen Person.
Als Kind bosnischer Eltern, aufgewachsen in Holland und Montreal, findet sich der Regisseur in der Heimat seiner Familie seltsam sprachlos. Der Film ist das sehr intime Portrait einer ungewöhnlichen Annäherung. Er trifft auf einen alten Mann, der auf einem See in Bosnien fischt, auf einem Inselchen lebt und eigentlich keine sozialen Kontakte haben will. Die Kamera, als wesentlicher Akteur des Films, die über Sprachlosigkeit und Sprachdefizite hinweghilft. In weiten Teilen ein sehr schön und stimmungsvoll gedrehter Film, der eventuelle ein wenig gerafft hätte werden können.

Menschenskind! von Marina Belobrovaja stellt Fragen nach Familie und Verantwortung.
Kinderwunsch und Wunschkind, aber hat man als Mutter das Recht, sich ein Kind zu wünschen, auch ohne Partner? Und was für Rechte hat dann das Kind? Allen diesen Fragen geht die Regisseurin nach, denn ihre Tochter ist ein Wunschkind von einem Vater, den sie, und der sich, nur als Spender sieht. Verschiedene Familienkonzepte und wechselnde Sichten auf ein komplexes Thema und, natürlich möchte man sagen, keine klare Antwort, aber viele Denkansätze.

 

Heilen und zerstören

 

 

Marie-Eve Hildbrand reiht in Les Guérisseurs Heilende aneinander.
Einen Arzt unmittelbar vor der Pensionierung, Medizinstudenten, Alternativmediziner und sogar Pflegeroboter kommen vor. Aber ein echtes Konzept sucht man in diesem Film vergeblich. Der alte Arzt ist souverän und liebevoll, egal ob er gerade einen Säugling impft oder einer 93-jährigen Frau den Blutdruck misst, einige der Studenten werden von Zweifeln geplagt, die aber nur teilweise mit ihrem künftigen Beruf zu tun haben. Und so reihen sich Szenen, Situationen im Berufsleben aneinander, ohne dass sie in irgendeiner Form in Beziehung zueinander treten. So bleibt der Film etwas blutleer und der Zuschauer etwas ratlos.

Klarer sind die Kontraste und die Positionen in Bellum – The Daemon of War
von David Herdies & Georg Götmark.
Krieg und was aus ihm werden kann. Der Film kontrastiert amerikanische Veteranen und eine „Kriegsphotographin“ mit schwedischen Entwicklern der neuesten Generation von Waffen. Während sich die einen, trotz verschwommenem Heroismus, eingestehen, dass die Kriege, in denen sie waren, sie zerstört haben, spielen die anderen sich als wissenschaftliche Götter auf. Dickliche Mittvierziger, die nichts dabei finden, mithilfe künstlicher Intelligenz immer ausgefeiltere Waffen zu entwickeln, immer nach dem Motto: was machbar ist, muss auch gemacht werden. Dazwischen, die Praktiker real ausgeführter Kriege. Man muss schon abgebrüht sein, um sich dem Zynismus zu entziehen.

Was Krieg und Waffen anrichten, kann man seit Jahre in Syrien sehen.
Einen Blick auf eine oft vergessene Gruppe des Konflikts zeigt Little Palestine (Diary of a Siege) von Abdallah Al-Khatib.
Das Viertel Yarmouk in Damaskus ist seit 1948 Zufluchtsort für palästinensische Flüchtlinge, während des Bürgerkriegs in Syrien haben Assads Truppen das Viertel zwei Jahre lang abgeriegelt, belagert, die Bevölkerung ausgehungert und bombardiert. In diesen Jahren filmt Abdallah Al-Khatib den Alltag, ungeschönt und manchmal schmerzhaft rau. Während am Anfang noch eine fast trotzige und aufgewühlte Stimmung herrscht, weicht im Verlauf der Zeit und des Films jegliche Hoffnung, ein schneller Tod durch Waffen wird dem langsamen durchs Verhungern vorgezogen. Eine weiterer deprimierender Aspekt des entsetzlichen Konflikts in Syrien.

 

Wann ist ein Film ein Film

 

Reicht es, eine schwarze Leinwand zu zeigen und einen Off-Text daraufzulegen?
Und wenn ja, wie viel schwarze Leinwand mit Off Text ist noch tolerierbar und ab wann wäre die Geschichte im Radio besser aufgehoben?
Und sollte ein Film nicht durch seine Bilder und deren rhythmische Abfolge seine Geschichte erzählen, statt durch Katalogerklärungen, Texteinblendungen oder epische Off Texte?

 

 

 

Nicolás Zukerfeld macht es einem mit There Are Not Thirty-six Ways of Showing a Man Getting on a Horse  schwer diese Frage schlüssig zu beantworten.
Die erste Hälfte des knapp einstündigen Films ist pures Filmvergnügen. Eine rasante, intelligente Montage von Szenen aus Raoul Walsh Filmen – dem das titelgebende Zitat zugeschrieben wird – wirft einen witzigen und erhellenden Blick auf die Filmkunst. Dass der Regisseur und Filmprofessor diese Montage eigentlich nur auf sich genommen hat, weil er herausfinden wollte, ob das Zitat erstens echt ist, und zweitens nicht ohnehin heissen müsste „… keine fünf Arten, ein Zimmer zu betreten“, erfährt man dann in der zweiten Hälfte des Films. Allerdings nicht in Bildern, sondern in einem, wenn auch witzig erzähltem, Monolog über die Recherche des Regisseurs: als Off Text auf Schwarz.

 

Agustina Wetzels Film, Outside the Coverage Area, will politisch sein, will womöglich auch originell sein, bleibt aber weitgehend unverständlich.
In Splitscreen parallel laufende Bilder, einerseits gehende Beine, andererseits Googlemap Bilder, sollen die Abgrenzung von virtueller und realer Welt darstellen. Sofern man das aber nicht in der Katalogbeschreibung liest, erschliesst sich das Konzept nicht. Auch hier bleibt sehr viel Leinwand – oberhalb und unterhalb der (Lauf)Bilder– schwarz, dazu Off Texte – oder sind es nur zufällige Atmos? – die Untertitel so winzig, dass man kaum erfassen kann, ob der Inhalt überhaupt eine Bedeutung hat.

 

Träumen

 

 

 

Sortes von Mónica Martins Nunes
Wilde schöne Landschaften im Süden Portugals, eine Gegend, in der immer weniger Menschen leben und leben können, und doch so schön, dass man gleich seine Koffer packen möchte, um hinzufahren. Die schönen, ruhigen Bilder, nur untermalt von Geräuschen oder Gedichtzeilen, laden zum Tagträumen ein.

Statt Licht und Weite, Dunkelheit und die Enge des 4:3 Bildformates in:
Groupe merle noir von Anton Bialas.
Mit einem perfekten Gefühl für Schnittrhythmus und Bildgestaltung, zeigt der Film eine Gruppe Menschen in einem leeren, anscheinend stromlosen, Haus. Ein reduzierter Alltag, der etwas schwermütiges hat, begleitet von Stille und stiller Wut. Selbst am offenen Feuer scheinen die Bilder kalt, bläulich zu sein und die Stimmung im Haus zu reflektieren. Keine Erklärung, aber genug Raum, um als Zuschauer die Leerstellen mit eigenen Ideen zu füllen, wäre der Film eine Geschichte dann von Gogol oder Dostojewski. Update: auf der Webseite der Filmproduktion, wird der Film als “Fiktion” ausgewiesen, Schauspielernamen inklusive! Wie er es trotzdem in ein Dokumentarfestival geschafft hat, bleibt rätselhaft.

Verwandlungen

 

 

In Radiograph of a Family von Firouzeh Khorovani wird Geschichte erfahrbar.
Der sehr starker Film, in dem anhand der Familiengeschichte der Regisseurin die Geschichte Irans von Mitte der 60er Jahre bis heute erzählt wird, begeistert auch durch seine Form. Die Collage aus Familienphotos, altem Filmmaterial und immer wieder dem Wohnzimmer im Elternhaus, das durch unterschiedliche Möblierung den Wechsel unterstreicht, ergibt eine einzigartige Stimmung. Die beiden gegensätzlichen Pole des Irans, hier weltoffen und laizistisch, dort verschlossen und religiös, spiegeln sich im weltlich orientierten Vater und der immer mehr in die Religiosität eintauchenden Mutter wider. Es entsteht ein Riss, der durch die Familie und durch das Land geht. Eine Geschichtsstunde, die mitreisst.

 

Völlige Ruhe herrscht in Spare Parts von Helga Rakel Rafnsdóttir.
Isländische Sommerlandschaft, tiefer, weiter Himmel, malerische Wölkchen, ein paar Schafe, wortkarge Menschen und ein Gespür für Schrott. Ein Autofriedhof voller Schätze, aus manchem Teil wird durch wissendes Basteln ein neuer Badeofen für einen ausrangierten Pool, eine andere Maschine spröttert beeindruckend vor sich hin. Sonst ist nichts passiert in diesem sommerlichen Fleckchen isländischer Natur, aber das ist sehr schön gefilmt und gestaltet.

Kino verführt zum Träumen, auch vom Sofa aus. Vielleicht also doch mal eine Reise nach Island ins Auge fassen.

 

52.Visions du Réel_2

what lead to follow next (c) ch.dériaz

 

Kino oder Sofakino

 

Wer auch immer behauptet, Online sei das neue Kino, hat entweder ein eigenes Kino zu Hause, hat noch nie über mehrere Tage online Kinofilme angeschaut oder geht einfach nicht gerne ins Kino.
Seit letztem Jahr sind zwar die Zugänge und Plattformen professioneller geworden, Spass macht das alles trotzdem nur bedingt.
Spätestens wenn auch der 5. Film mit Fuss- oder Basketballgeräuschen unterlegt zu sein scheint, ist das Computer-Heimkino „unten durch“.
Egal wie gut und wichtig die diversen Online-Ausgaben von Festivals sind:
Filme gehören ins Kino.


Das gesagt, gilt es im Online-Katalog nach den Filmen zu suchen, die bereits freigeschaltet sind. Auf der Seite für Akkreditierte nicht ganz einfach, da man die Information, ob ja oder nein, erst bekommt, wenn man den Film angeklickt hat. Wenn nicht, heisst es zurück zum Start, Katalog aufrufen, Sektion anwählen, weiter suchen. Fündig geworden!

 

Kurzes zur Familie

 

L’huile et le fer von Pierre Schlesser
Hände, Eisen, Maschinen, Menschen, harte Arbeit, der man erst entkommt, wenn man in Rente geht, sofern man diese ersehnte Zeit der Ruhe je erreicht. Der Lärm, die Bewegungen, das Eisen, die Gefahr, der Geruch, aus all diesen Komponenten setzt sich für den Regisseur die Erinnerung an seine Kindheit, seinen Vater zusammen. Ein Leben, dem er entflohen ist, dem er nun als Fremder gegenübersteht, mit nichts als den Erinnerungen und der Wut, dass die Arbeit, die Maschinen, seinen Vater verschluckt haben. Bildlich und rhythmisch sehr schön gestalteter Film.

Nah und doch fern ist die Mutter in Don’t Hesitate to Come for a Visit, Mom (Priezjai k nam v gosti, mama) von Anna Artemyeva.
Das Smartphone ist die einzige Verbindung zwischen einem kleinen Mädchen in Russland und ihrer, in einem nicht näher benannten Ausland, studierenden Mutter. Sie spielen, sie singen, sie frühstücken miteinander, die Mutter singt ihr Kind in den Schlaf, aber die kleine will einfach nur, dass alle wieder zusammen sind.

 

Fehlendes und Verluste

 

In La Disparition de Tom R. geht Paul Sirague dem Verschwinden in einer kleinen belgischen Stadt auf den Grund. 1997 verlässt Tom R. seine Stammkneipe und wurde seit dem nie mehr gesehen. Der Film zeigt in 18 vergnüglichen Minuten das Nichtvorhandene in verträumt-lyrischen Bildern, die das Trostlose zelebrieren. Sehr schön.

27 Schritte braucht man, um die Wohnung von Andrea Schramms Eltern zu durchmessen, jetzt ist sie leer, ein Abschied.
Am ersten Tag des Lockdowns kommt der Vater der Regisseurin ins Krankenhaus, dort stirbt er. Wenn übliche Trauerrituale plötzlich nicht möglich sind, braucht es andere, neue Wege. In schwarz-weissen Stillleben der elterlichen Wohnung, mit einer Toncollage aus Anrufen von Freunden und Verwandten, die Stimme der Mutter, brechend, die Tochter, stützend, bis sie selbst die Stütze nicht mehr sein kann. Eindrücklich.

Dass Familien nicht an einem Ort leben, ist nichts spektakulär neues, aber wenn es gilt, Probleme zu lösen, wird diese Distanz zu einer zusätzlichen Belastung.
Nikola Ilić & Corina Schwingruber Ilić zeigen das in ihrer Langzeitbeobachtung Dida.
Familienbande zwischen Luzern und Belgrad, zwischen Ilić’ Mutter, die aufgrund ihres kindlichen Geisteszustands eigentlich nicht alleine sein kann, und dem eigenen, neuen Leben in der Schweiz. Und so pendelt das Regiepaar zwischen beiden Welten hin und her und versucht Leben, Liebe, Verantwortung und Unabhängigkeit irgendwie auf einen Nenner zu bringen. Sehr liebevoll gemacht. Man kommt den Personen, den Problemen nahe, ohne sich dabei als Voyeur zu fühlen.

 

Liebe vielleicht

 

Searchers (c)Pacho Velez

Datingplattformen boomen nicht erst seit den weltweiten Lockdowns und Abstandsverordnungen, aber sie werden womöglich gerade noch wichtiger, fehlen doch die meisten konventionellen Möglichkeiten, sich zu treffen, sich zu finden. Pacho Velez zeigt dies in seinem Film Searchers  auf sehr unterhaltsame Art.
Menschen in New York auf der Suche nach Partnern, nach Affairen, nach Liebe und Spass. Und das ist tatsächlich lustig. Formal schauen alle Protagonisten frontal in die Kamera, meistens liegt dann verschwommen, halb durchsichtig die gerade bespielte Dating Plattform darüber. Manche zögern, sind peinlich berührt oder auch einfach offensiv frech. Menschen jeden Alters und jeder sexuellen Orientierung auf der Suche, und die Kamera hält drauf. Dazwischen, zum Ausruhen, New Yorker Strassenszenen: Menschen, Paare, Stimmung. Nur schade, dass der Regisseur  immer wieder auch Fragen an seine Protagonisten stellt, aber da der Ton nicht extra aufgenommen wurde, man die Frage oft nicht versteht, was bei manchen eher einsilbigen Antworten dann dazu führt, dass einem eine ganze Passage entgeht.

Eine ähnliche Idee verfolgt Andréa França mit Syntax, allerdings krankt der Kurzfilm etwas an der Umsetzung, zumindest in der untertitelten Variante. Eine immer anders gekleidete, anders positionierte Schauspielerin liest Texte, mit denen sich Frauen zwischen 40 und 55 auf einer Datingplattform präsentieren. Die gelben Untertitel sind zum Teil fast nicht zu lesen, und wenn dann parallel auch noch Schrift, mal Englisch, mal Portugiesisch, als grafisches Element mit im Bild auftaucht, ist die Verwirrung einfach zu gross. Schade, die Idee ist ansonsten super.

 

Wahrhaftig oder wahr

 

 

Nikita Yefimov spielt mit den Erwartungen an einen Dokumentarfilm in Strict Regime. Ein Hochsicherheitsgefängnis in St. Petersburg, was ganz zu Anfang aussieht wie eine gewöhnliche Reportage, entpuppt sich, dem Chef des Sicherheitspersonals sei Dank, zu einer wahren Komödie. Besorgt, dass beim Dreh  ja doch alle nur spielen würden, und alle Szenen gestellt sein würden, bietet er selber an, Szenen mit den Insassen zu stellen. Aber statt das dann im Schnitt zu verbergen, um Authentizität zu suggerieren, wird all das Stellen und Inszenieren zum eigentlichen Film. Lustig und allem Unken zum Trotz ein Dokumentarfilm über das Gefängnis, seine Insassen, Abläufe und seinen Sicherheitschef.

Wer weiss schon genau, wie unsere Welt entstanden ist. Die Physiker des CERN versuchen das mit Teilchenbeschleunigern zu ergründen und zu beweisen. Daraus macht Pauline Julier in Way Beyond einen essayistischen Film.
Konkret zeigt sie die Vorarbeiten und Evaluierungen für einen noch grösseren Teilchenbeschleuniger, 100 km Umfang, untern dem Genfersee durch, unter beiden Flüssen durch, nach Frankreich, alles in allem ein Mammutprojekt. Je länger man den Diskussionen, Evaluierungen und Problemanalysen zuhört, umso weniger möchte man, vor allem als Genferin, dieses Monster gebaut wissen. Auf der bildlichen Ebene bleibt der Film eher holprig, es ist nicht immer klar was man eigentlich sieht, mal etwas wie Computeranimationen, mal Teile der CERN Anlagen, mal Baustellen, auch die Abfolge der Bilder zueinander erschliesst sich nicht wirklich. Die Szenen, in denen Menschen sitzen und diskutieren, liefern etwas wie Information zum Projekt, sind visuell auch nicht wirklich umwerfend.

 

Grosse Gefühle – mächtige Bilder

 

Users (c)Natalia Almada

Users von Natalia Almada ist eine Art Bilder-Brief an die Zukunft ihrer Kinder. Eine langsame Meditation über unsere Erde, unsere Umgebung, über das, was wir mit ihr machen, was aus ihr wird oder werden kann.
Fast alle Einstellungen im Film würden gerahmt einen Ehrenplatz in jeder Galerie bekommen, doch sie gehen in ihrer Beweglichkeit und unterlegt mit Geräuschen und Musikakzenten einen anderen Weg. Spielen mit dem bekannten, den Erwartungen und kreieren Neues, Unerwartetes, zeigen Schönheit in den Narben, Ebenmass in Maschinen, verwirren und machen einfach viel Freude. Dieser Film gehört auf eine sehr grosse Leinwand, in ein sehr dunkles Kino, mit Lautsprechern rundherum, um ohne Ablenkung eintauchen zu können.

 

Becoming (c) Isabel Vaca

Eine sehr konkrete Vorstellung seiner Zukunft hat der Protagonist in Isabel Vacas Becoming (Temporada de campo).
Schule ist nichts für Bryan, und so lernt er den Sommer über bei seinem Grossvater auf dem Land, das zu tun, was sein grösster Traum ist: Cowboy werden, wie der Grossvater und seine Onkel. Neben der Liebe zur Natur und den Tieren ist ganz eindeutig die Abgrenzung zu seinem, in die USA abgehauenen Vater, den er als Säufer und Knastbruder bezeichnet, seine stärkste Motivation. Der abwesende Vater ist eindeutig kein Vorbild, selbst dessen Namen will er loswerden. Ein kleiner Junge und seine grossen Träume. Sehr schön und stimmungsvoll gedreht, mit viel Empathie für den kleinen Protagonisten.

Viele Filme also für künftige Kinobesuche und bis Ende der Woche werden noch einige dazukommen.

Filmfestival online im Praxistest

Lazarus' Hunger_sold out_Bildschirmphoto
Screenshot_Lazarus’ Hunger

Visions du Réel online ansehen

Die Idee, das Festival ins Internet zu „verlegen“, ist gut, allerdings gibt es einige Hürden und Schwierigkeiten.
So muss man sich erstmal durch das Kleingedruckte auf der Festivalseite lesen, um zu verstehen, dass man einen Account anlegen muss.
Ist dies dann erledigt, stellt man leider fest, dass die Langfilme der Nationalen-, also Schweizerauswahl nur in der Schweiz zu sehen sind.
Verständlich, aber schade.
Die Langfilme international sind erst ab der kommenden Woche abrufbar.
Auch das Limitieren der Zugriffsmöglichkeiten schafft Festivalgefühl, sorgt aber auch dafür, dass man eventuell schon zu spät ist, um bestimmte Filme anschauen zu können.

Der erste Versuch klappt wunderbar

Drei Kurzfilme aussuchen und nach kürzester Zeit gibt es die Bestätigungsmails, es kann losgehen.

Tente 113, Idomèni von Henri Marbacher, behandelt das Thema Flucht, Asyl, Schlepper und überfüllte Lager. Die schwarz-weiss Animation erinnert an böse Graphic Novels und schafft dadurch Abstraktion aber auch Spannung und Nähe.

Lazarus’ Hunger von Diego Benevides, erzählt in traumhaften Bildern von einem eigenwilligen Ritual rund um den heiligen Lazarus und streunenden Hunde in Brasilien.

I Bought a Time Machine von Yeon Park, beginnt mit einer guten Grundidee, zeigt aber eine eher langweilige visuelle Umsetzung. Und so verpufft die Geschichte der bei Ebay gekauften Zeitmaschine in den faden Bildern.

Der nächste Versuch

Die neue Auswahl, diesmal mittellange Filme anzuschauen scheitert.
Einloggen geht, Film auswählen geht, aber dann geht nichts mehr.
Und natürlich sind einige Filme tatsächlich schon „ausreserviert“.
Nach mehr als zwei Stunden fröhlicher Versuche Filme auszuwählen und daran zu scheitern, dann plötzlich 11 (elf) Bestätigungsmails für zwei Filme!
Na immerhin, es kann also weiter gehen.

Trouble Sleep von Alain Kassanda zeigt eine wilde Choreografie um Taxifahrer in Nigeria. Menschen, Autos, Staub, Farben, alles scheint durcheinanderzuwirbeln, nur wer eingeweiht ist, findet seinen Weg durch das innere und äussere Chaos; sehr musikalisch, sehr schön.

We Are Russia von Alexandra Dalsbaek, junge Russen, die 2018 Navalnys Wahlkampf unterstützt haben. Monatelang in kleinen, meist ruhigen, Protestaktionen, mehr beständige Nadelstiche als Grobheiten, stellen sie sich immer wieder auch der Staatsgewalt in Form von Polizei und Gerichten in den Weg. Die Kamera folgt ihnen, manchmal zwar etwas hektisch, aber doch spannend.

Nyon_Sold out_ Bildschirmphoto
Screenshot_sold out
Resümee

Filmfestival vom heimische Sofa aus funktioniert. Auf der positiven Seite steht, man sitzt bequem, man muss sich nicht um den Sitzplatz streiten, Getränke der Wahl stehen bereit.
Dafür entsteht aber eben kein wirkliches Festivalgefühl, es fehlt die Atmosphäre im Kinosaal, das Publikum, der Applaus, die unmittelbare Reaktion. Man braucht Konzentration um nicht abgelenkt zu werden und den Filmen die zustehende Aufmerksamkeit zu widmen. Ein klein Wenig Festivalgefühl entsteht, während man auf Rückmeldung der Buchung wartet, oder feststellt, dass man für den gewünschten Film zu spät ist.

Alles in allem aber ist die Online Version eines Filmfestivals der völligen Absage vorzuziehen, allein aus Respekt vor der Arbeit der Filmschaffenden.
Mehr Filme aus Nyon hier und ab heute dann auch zur Auswahl Crossing Europe online.