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#FilmTipp One Battle After Another

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Action, Politik und Klamauk

 

Kurz vor Jahresende noch schnell einen der angeblichen Oscar-Kandidaten anschauen: One Batlle after Another von Paul Thomas Anderson.

Aktivisten, die zunächst eher wie Clowns daher kommen, viel Lärm machen, Feuerwerke zünden, aber weit weg scheinen, von dem, was man sich so unter Terroristen vorstellt. Ein alter, hochrangiger Soldat mit deutlichem Rassismusproblem und trotzdem– oder deswegen?– einer sexuellen Obsession für schwarze Frauen und ein Staat, in dem diese explosive Mischung schnell eskalieren kann. Das sind, zumindest für den Anfang, die Ingredienzien dieses wilden, absurden, actiongeladenen Films.
Aber das ist eben nur der Einstieg.
Ein Kind wird geboren, es könnte Ruhe einkehren, statt dessen eskaliert die Lage. Nach einem missglückten Banküberfall, kommt es doch zu einem Toten, die Aktivistengruppe wird von Polizei und Armee, auch durch Verrat, weitgehend zerschlagen.
Bereits in dieser Anfangsphase zeigt der Film ein hohes Tempo, energiegeladen, rhythmisch, wild, ohne dabei hektisch zu werden.

 

16 Jahre später

 

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Die nicht gefassten Aktivisten leben zurückgezogen oder sind untergetaucht.
Das Kind ist eine Teenagerin, lebt alleine mit dem Vater, der hauptsächlich im Joint- und Alkoholnebel vegetiert. Ein loses Warnsystem verbindet die verbleibenden Gruppenmitglieder.
Haben bis dahin bereits Bilder und Rhythmus begeistert, drehen jetzt die beiden Opponenten, versoffener Aktivist/Vater und rassistischer General voll auf.
Leonardo Di Caprio und Sean Penn zeigen, was brillante Schauspieler können.
Mit kleinen Gesten, Ticks, Blicken, die alles sagen, Bewegungen, die den gesamten Charakter einer Figur definieren, und einer Geschichte, die immer weiter an Tempo und Wahnwitz aufnimmt, entsteht eine Spannung, die einen in den Kinositz drückt.
Penn, der Soldat, der seinen Rassismus eine Stufe weiter tragen will und einem Club widerwärtiger Rassisten beitreten will, versucht die vermeintlichen „Sünden“ seiner Vergangenheit auszulöschen, koste es was es wolle. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt. Di Caprio, der Vater, der die geheimen Codewörter im entscheidenden Moment nicht mehr weiss. Die Tochter, die sich in Sicherheit glaubt, der Soldat, der mit jedem Schritt irrer und gewalttätiger zu werden droht. Dazwischen, als eine Art Bonus, als clownesker Deus es machina: Benicio del Toro!
Bei aller Spannung und Rasanz bleibt dennoch immer Raum für absurde Komik, für Situationen, kleine Momente, in denen im Kino laut gelacht wird. Und trotz aller Grausamkeit der Geschichte hält sich die gezeigte Brutalität im Rahmen. Zumindest verglichen mit einem Tarantino-Film.

 

Preiswürdig

 

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Ob der Film, mit dieser doch recht offensichtlichen politischen Haltung, wirklich einen Oscar gewinnen kann, bleibt fraglich. Eher werden es Preise für Darsteller, Kamera oder Schnitt werden. Das wäre weniger verfänglich, aber auf jeden Fall verdient.
Verdient auch, weil One Battle After Another so ganz das Gegenteil dessen ist, was angeblich gerade gefragt ist:
Er ist lang, 161 Minuten, keine davon zu viel.
Er ist schnell, auf eine fast altmodische Weise.
Die hervorstechenden Figuren sind zwei alte Männer und er wurde, altmodisch, analog gedreht.
Wer den Film noch sehen will, im Votiv Kino läuft die Originalversion.

 

 

 

#Tipp Noch lange keine Lipizzaner

 

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Wer ist Österreicher?

Der Dokumentarfilm, Noch lange keine Lipizzaner von Olga Kosanović, beleuchtet, begleitet und stellt Fragen.
Fragen zu dem, was für viele selbstverständlich, und für (fast) ebenso viele alles andere als selbstverständlich ist.
Die Frage nach dem Wir, nach der Zugehörigkeit, der Staatsbürgerschaft.
Kosanović ist eine österreichische Regisseurin, möchte man sagen, aber faktisch ist sie genau das nicht.
Ihre Eltern stammen aus Serbien, sie, geboren und aufgewachsen in Österreich – für jeden hörbar Österreicherin ­– will endlich auch auf dem Papier dazugehören.
Aber, der Politik und der Bürokratie „sei Dank“, sind da Hürden, die an Satire erinnern.

Die Hürden
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Was zunächst wie eine einfache Anfrage aussieht, erweist sich, nach dem Einreichen einiger Kilo an Papieren, als Problem. Die Regisseurin hat im Bemessungszeitraum 58 Tage mehr als erlaubt in einem anderen Land verbracht. Dass es sich dabei um Ferien, Studienaufenthalte und ähnliches handelt, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Das bedeutet: zurück auf Start, neue Wartezeit, um die richtige Balance zwischen Aus- und Inland zu erreichen.
In der EU hat nur Bulgarien ein restriktiveres Einbürgerungsrecht, weltweit sind es nur Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Klug und witzig

Die Hürden, die ihr selber im Weg stehen, behandelt sie sowohl klug als auch mit viel Witz und Phantasie.
Sie nutzt Interviews mit Soziologen, Philosophen, Anwälten, aber auch kurze, immer wiederkehrende Anmerkungen von Österreichern, oder Gerade-noch-nicht-Österreichern, setzt kurze, satirisch überspitzte, Spielszenen dazwischen, oder bindet Radio und TV-Beiträge in Animationsszenen ein. Das Ergebnis macht Spass und nachdenklich.
Die Fragen nach dem, was originär österreichisch ist, wird im Verlauf des Films immer vager beantwortet, je mehr Argumente gekommen sind, um so mehr fällt den Protagonisten auf, dass die Frage nicht so klar ist, wie gedacht. Oder eigentlich noch viel einfacher ist, als gedacht: Die meisten kommen im Verlauf zur Erkenntnis, Österreicher ist, wer in Österreich geboren ist.
Aber eben genau das reicht in Österreich nicht.

Unbelehrbar

Selbstverständlich kommen auch die ewig unbelehrbaren zu Wort, wobei auch deren verbohrte Ansichten durch die Wendungen des Films immer absurder werden. Die titelgebenden Lipizzaner der spanischen(!) Hofreitschule, die im slowenische (!) Lipica gezüchtet werden, gelten fast allen Befragten als so österreichisch wie Berge oder Schnitzel. Dennoch ist der Titel die dumme Pointe eines Kommentars im Internet: „Die Jungen einer Katze, die in der Hofreitschule geworfen hat, sind noch lange keine Lipizzaner“.
Der Regisseurin bleibt nur, weiter versuchen, die Staatsbürgerschaft zu bekommen und bis dahin weiter mit viel Humor und Können Filme zu machen.

Der Film läuft weiterhin im Wiener Stadtkino.

 

#FilmTipp_Bugonia

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Ausserirdisch?

 

Wie Bugonia von Yorgos Lanthimos empfehlen, ohne zu viel zu verraten?
Vielleicht zuerst einige Fragen, die sich mögliche Zuschauer stellen sollten:
Möchte ich mich einlassen, auf eine sehr komplexe Geschichte, überbordend vor verrückter Ideen?
Ertrage ich, dass vieles, vielleicht sogar alles, erzählt sein wird, ohne dass alles offensichtlich erklärt wird?
Halte ich plötzliche, splatterartige Momente aus?
Mit diesen Grundfragen ausgestattet hier die Empfehlung Bugonia anzuschauen.

Aluhut

Zwei Cousins, einer eher etwas verschüchtert, unsicher, der andere wild entschlossen, die Welt zu retten, fassen den Plan eine Ausserirdische zu entführen.
Alleine ihre irrwitzigen Vorbereitungen, begleitet von den absurdesten Verschwörungsgeschichten, sind ebenso atemberaubend wie witzig, bedenklich, erschütternd und anrührend.

Die Chefin
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Das krasse Gegenteil zu den zwei Sonderlingen ist die Chefin eines Pharmaunternehmens: diszipliniert, lächelnd, despotisch, reich, selbstsicher und selbstverliebt.
Und genau sie haben die beiden auserkoren, sie soll die Ausserirdische aus der Andromeda Galaxis sein.
Der Plan steht fest, das Zeitfenster ist klein, die nahende Mondfinsternis spielt eine nicht unerhebliche Rolle.

Entführt

Mit der geglückten Entführung wird der Raum im Film eng.
So gut wie alles spielt sich nur noch im Haus der Cousins ab.
Konfrontationen, Anschuldigungen, kurze Rückblenden in Schwarzweiss, die Kamera findet immer Bilder, die nicht konventionell sind, ohne dabei zu sehr herauszufordern. Mal ist die Kameraperspektive etwas untersichtig, mal leicht versetzt zu den üblichen Sehgewohnheiten, eine konstante Irritation entsteht sowohl durch die Bildsprache, als auch durch die Abfolge des Geschehens.
Haben sie wirklich ein Alien entführt, oder nur die Chefin eines grossen Unternehmens, das fragwürdige Praktiken und Standards hat?

Gefangen


Der Zuschauer, so er sich auf die Geschichte einlässt, wird gefangen im immer kruder und unsicher werdenden Netz der Ereignisse, schwankt von Überzeugung zu Überzeugung:
Alien? Nicht-Alien? Spinner? Weltretter? Weltrettende Aliens? Und was ist mit den Dinosauriern?
Alles scheint möglich. Oder vielleicht ist auch alles möglich, einfach weil der Film die Möglichkeiten plausibel erzählt. Aber auch weil es eine grosse Freude ist, Emma Stone dabei zuzuschauen, wie sie von einer Variante in die andere und wieder zurückwechselt, mühelos und fabelhaft.
Ein Film, der Freude bereitet, sofern man die Fragen vom Anfang für sich mit  »Ja« beantworten kann.

Der Film läuft in Wien im Original im Filmcasino.

 

#FilmTipp Kontinental’25

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Leben, Schuld und viele Fragen

 

Radu Jude, einer der spannendsten europäischen Regisseure, zeigt in Kontinental’25 mit leichter Hand, wie viele Fragen man in einem Kinofilm stellen kann. Und wie viele man dem Publikum dann mit auf den Heimweg gibt.
Vordergründig erzählt der Film von einer Gerichtsvollzieherin im rumänischen Cluj.
Orsolya, die Gerichtsvollzieherin, setzt sich zwar dafür ein, dass ein Obdachloser etwas länger in seinem Kellerverschlag bleiben kann, letztlich muss sie ihn trotzdem rauswerfen (lassen). Der Mann scheint sich ruhig seinem Schicksal zu beugen, als aber nach 20 Minuten das Team aus Gerichtsvollzieherin und Gendarmen zurückkommt, hat sich der Mann umgebracht.
Die subjektive Schuld lastet auf der Frau. Immer wieder erzählt sie den Verlauf der Amtshandlung: ihrem Vorgesetzten, ihrem Mann, einer Freundin, ihrer Mutter. Die Schuldgefühle wollen nicht weichen.

Rohe, fast dokumentarische Bilder
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Kontinental’25 ist komplett mit einem iPhone gedreht, was die Möglichkeit bietet Szenen in originaler Szenerie zu drehen, ohne weiter aufzufallen. Es erfordert aber auch ruhige Kamerapositionen, um Artefakte zu vermeiden. Ganz ausschliessen lassen sie sich nicht: bei Dunkelheit und ohne zusätzliches Licht, gerät das iPhone deutlich an seine Grenzen.
Alle Dialogszenen sind in Halbtotalen gehalten, egal wie lang sie dauern. Dass das keinesfalls langweilig wird, liegt an der Subtilität der Dialoge. Nationalismen brechen plötzlich durch, Orsolya, die ethnische Ungarin, wird wahlweise beschimpft, oder mit scheinbar gutgemeintem, „positivem“ Rassismus konfrontiert. Immer aber spielt auch die Zerstörung des städtischen Umfelds aus kommerzieller Gier eine Rolle. Nicht nur soll das Haus, in dem der Obdachlose den Heizungskeller bewohnte, einem Boutique-Hotel weichen, auch ganze Stadtviertel werden gentrifiziert. Fragen der EU-Politik, Orbans zunehmend totalitärerer Regierungsstil, der Ukraine-Krieg, alles findet Platz in den Gesprächen, macht sie hochaktuell und spannend. Es sind die kleinen Modifikationen der scheinbar ähnlichen Settings, die den Film so kurzweilig und spannend machen.

Verantwortung

Damit macht der Film nachdenklich. Er stellt unangenehme Fragen nach Loyalitäten, nach Gemeinsamkeiten, nach dem Selbstverständnis, mit dem man viele politischen Entscheidungen achselzuckend mitträgt. Es sind die grossen Fragen nach Schuld und nach Verantwortung, die da im vermeintlich Kleinen behandelt werden. Und das mach Radu Jude grossartig.

Der Film läuft in Wien im Gartenbaukino und sollte dringend angeschaut werden.

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#FilmTipp Deliver Me from Nowhere

 

 

In Dunkelheit waten

 

Scott Coopers Springsteen: Deliver Me from Nowhere einzuordnen ist gar nicht einfach. Einerseits ein „Biopic“, anderseits aber eben auch nicht.
Der Film erzählt die kurze Phase nach der 1981er-Welttour bis kurz nach dem Erscheinen des Albums „Nebraska“.
Eine Zeit, in der Springsteen mit Dämonen aus der Kindheit, dem Ruhm, sich selber und einer ausgewachsenen Depression kämpfte.
Vieles ist, zumindest für Fans, nicht neu. Aber gerade Fans macht es der Film immer wieder schwer. Man muss im Kino das Bild des realen Bruce Springsteen wegblinzeln, und sich auf den Darsteller Jeremy Allen White einlassen, der trotz brauner Kontaktlinsen, schnarrender Stimme und Springteen-haften Bewegungsmustern, eben nicht wie Springsteen aussieht.
Dafür gelingen die Szenen, in denen White singt, dank geschickter Kamera und Schnittfolge, angenehm unpeinlich.

Beklemmung damals und heute

 

Der Film mischt und montiert parallel Szenen aus der Kindheit – in schwarzweiss – mit Szenen aus dem Film-Jetzt. Die Übergänge ergeben einige der stärksten Szenen im Film: Gleich zu Anfang, wenn der völlig verschreckte kleine Bruce, nahtlos in einen kraftvollen,  „Born to run“ singenden Springsteen auf der Bühne wechselt.
Die Kindheit, die Ängste, die Erinnerungen liefern dem hadernden Springsteen Ideen für neue Songs.
Songs voller Schwere und dunkler Melancholie, die, aufgenommen in der Einsamkeit seines Schlafzimmers, so gar nicht das sind, was die Plattenfirma von ihrem Star erwartet.
Insofern ist der Film auch ein Plädoyer für künstlerische Souveränität.

 

Mitgefühl


Das langsame Tempo des Films, aber auch, dass eigentlich nichts passiert, im Sinn einer erzählerischen Dramatik, vermittelt einen guten Eindruck des langsamen Watens durch massive psychische Schwierigkeiten.
Im Film wie im wahren Leben entsteht aus dieser Phase das tolle Album „Nebraska“ und auch die nächste Stadiontour ist nicht in Gefahr.
Ob das alles einen empfehlenswerten Film ausmacht?
Jein, ist vermutlich die beste Antwort darauf.

Der Film läuft in Wien im Filmcasino

 

#FilmTipp Melt

 

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Auf Schnee schauen

 

Schnee, der vom Himmel fällt.
Schnee, der geschaufelt wird.
Schnee, der knirscht, der wirbelt, der tropft, Berge von Schnee auf der Leinwand:
Melt von Nikolaus Geyrhalter lässt einen im Kinosaal den sonnigen Herbstnachmittag vergessen.

Premiere

 

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Im Rahmen der Viennale feiert der Dokumentarfilm Melt von Nikolaus Geyhalter seine Premiere.
Sonntag 15 Uhr und das Kino ist ausverkauft.

 

127 wunderbare Minuten lang zeigt der Film Schnee und Menschen im Schnee: vom nördlichen Kanada, über Island bis in die Antarktis, von Japan bis in die Alpen. Und auch wenn der Schnee fast immer üppig scheint, erzählen die Menschen, die an den verschiedenen Orten mit ihm zu tun haben, von den Veränderungen, die uns alle betreffen: von Klimawandel, von ungewöhnlichen Schneemengen oder von verschwindenden Gletschern.

Die Stärke der Bilder

Starke, ruhige Bilder, Bilder, die man anschauen kann, über die man nachdenken kann, ohne sich hetzen zu müssen. Kein Kommentar, der einem sagt, was man selber sehen kann, keine Musik, die einem sagen will, was man zu empfinden hat. Ein Film, der im besten Sinn dokumentiert, der zeigt, was ist, zeigt, wie es ist, der Personen zu Wort kommen lässt, ohne Schnickschnack, ohne erzwungene Geschichte.
Und so schaut man, staunt, hört zu. Dem japanischen Paar, genauso wie dem Schweizer Schneeraupenfahrer, dem isländischen Touristenführen auf dem tropfenden Gletscher, oder dem Techniker, der in Val d’Isère den Skizirkus mittels Schneekanonen am Laufen hält.
Es ist alles da, in den Bildern, man braucht nur hinzuschauen.

 

Ruhe und ein paar Pinguine

Den Schluss der Schneereise bildet die Antarktis. Unwirkliche Landschaften, weiss, weit, windig. Dazwischen eine Forschungsstation, Wohn- und Arbeitscontainer, Schneefahrzeuge, Menschen in Schutzkleidung und Pinguine, die laut plappernd, mit geneigtem Kopf alles zu beobachten scheinen.
Der Film macht nachdenklich, wenn man es zulässt. Er erstaunt durch seine Bildsprache. Er begeistert durch seine intelligente und einfühlsame Zusammenstellung.

 

Nikolaus Geyhalter (c) ch.dériaz

Die zweite Vorführung im Rahmen der Viennale gibt es am 20.10. um 21 Uhr, wem das zu kurzfristig ist, der Film läuft in Wien ab 21. November regulär im Kino.
Das sollte man sich nicht entgehen lassen.

 

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#Bernhard Marsch – Gedanken

 

 

Eine Filmstimme verstummt

 

 

Letzte Woche starb der Kölner Filmemacher und Schauspieler
Bernhard Marsch – mit nur 63!
Köln verliert damit eine seiner schillerndsten und schrägsten Filmpersönlichkeiten.
Das Kurzfilmschaffen wird um eine Farbe ärmer.
Und ich verliere einen Freund.

Anfänge

Zum ersten Mal bin ich Bernhard begegnet, als ich gerade noch Cutterassistentin war, und ihm abends „meinen“ Schneideraum zur Verfügung stellen sollte. Ich blieb dann ein bisschen, hab geschaut, was er da schneidet, hab beraten, Tipps gegeben. Und hab mich gefreut, dass da jemand einen Film macht, der keinem Publikum, keiner Sehgewohnheit gehorchen muss, sondern einfach nur dem Gefühl, dem Geschmack des Regisseurs zuzusagen braucht.
Bereits seinen nächsten Kurzfilm, Halleluja, durfte ich dann schneiden.
Das war nicht immer einfach.
Bernhard Marsch war ein dickköpfiger Regisseur. Mehr als einmal haben wir über einzelne Felder – 1/25 einer Sekunde – diskutiert, verhandelt, gestritten.
Rein oder raus? Mit Abstand schauen, oder Bild für Bild?
Das ging manches Mal recht laut und wüst zu.
Vermutlich waren da zwei Dickköpfe im Schneideraum.
Aber immer haben wir einen Weg gefunden, mal hat er nachgegeben, mal ich.

 

Überblendung

Es folgten weitere gemeinsame Arbeiten. Später, als ich nicht mehr in Köln war, blieb der Kontakt über Bundesländer- und Staatsgrenzen aufrecht. Unvergesslich der Schnitt des Pornomusicals Liebe ist Geschmackssache, das er gemeinsam mit Piet Fuchs inszeniert hat. Unvergesslich einerseits, weil ein Pornomusical eine künstlerische und gestalterische Herausforderung ist, und weil Bernhard hier ein einziges Mal in der Endfertigung und ohne mein Wissen, eine Überblendung hat einfügen lassen. Dramaturgisch war diese nicht wirklich zielführend, seine Erklärung: „Ich wollte einmal eine Überblendung im Film haben“.

 

Weltbürger

So kölsch Bernhard Marsch war, so sehr war er auch eine Art Weltbürger, interessierte sich für andere, lernte ständig neue Menschen kennen, lernte von ihnen. Vermutlich hätte man ihn für jeden Ort auf der Welt nach einem Kontakt fragen können und er hätte dort einen Bekannten nennen können.

Bernhard war liebenswert, chaotisch, grosszügig und dickköpfig, freundlich und laut, manchmal launisch.
Das alles hat ein sinnloser, furchtbarer Unfall am 15. Juni 2025 zunichtegemacht.
Bernhard war ein Freund, er wird nicht nur mir fehlen.

#FilmTipp Soldat Monika

 

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Eine Frage des Blickwinkels?

 

Paul Poets neuer Dokumentarfilm Soldat Monika portraitiert eine vielschichtige Person mit vielfältigen filmischen Mitteln.
Monika Donner: Ex-Berufssoldatin, Ex-Mitarbeiterin im Verteidigungsministerium, Autorin, Trans-Frau, Impfgegnerin mit Hang zur rechten Ecke. Aber all das greift zu kurz, wenn man versucht, Monika vorzustellen oder zu erfassen.
Wirklich sympathisch ist sie nicht, aber als Zuschauer fällt es trotzdem schwer Monika Donner nicht zuzuhören und festzustellen, dass man mit Vorurteilen nicht immer weiterkommt.

Inszenierung

 

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Poet bietet diverse inszenierte Plattformen, in denen sich die Person Donner darstellt, entfaltet.
Auf einer Theaterbühne gibt es eine Art Familienaufstellung, mit Schauspielern als ehemalige Partnerinnen, als Mutter und Vater. Die Konstellation wirft Fragen auf, beantwortet manches, belässt anderes diffus.
Die Schauspieler halten sich dabei nicht immer nur an ihre zugedachte Rolle, brechen aus, sind der Mensch hinter der Maske und haben als solches ihre eigenen Fragen; werden so zu Reflexions- und Reibungsfläche.


Eheleben

Eine weitere Ebene ist Donners Eheleben: ein lesbisches Ehepaar.
Auch hier ist nicht alles so einfach, wie es klingt. Denn Donner hat juristisch durchgesetzt als Frau anerkannt und rechtlich eingetragen zu werden, ohne sich dabei einer medizinischen Umwandlung zu unterziehen. Auch das bietet Angriffsfläche, wirft Fragen auf.

 

Wut

Donner ist oft eine wütende Person. Entsprechend gibt es animierte Sequenzen im Film, die ihren Hintergrund, ihre Träume und ihre Ängste in zum Teil wüste Bilder übersetzen.
Tatsächlich kann man Teile ihrer Wut verstehen, vor allem, weil Donner immer gesprächsbereit und offen ist. Letztlich auch bereit, ihre Ansichten zu modifizieren, Kompromisse einzugehen, sofern man der eloquenten Frau im Gespräch gewachsen ist.

 

Rollenspiel

Eine weitere filmische Ebene bilden Szenen, in denen Monika Donner mit einem grossen Schwert durch Wälder und Abbruchhäuser pflügt. Inszenierung, Umsetzung von Träumen und Phantasien, vielleicht ihre, vielleicht die Paul Poets.

 

Rechts

Unangenehm sind die Szenen bei Corona-Demos, bei Podiumsdiskussionen, wo auch verurteile Rechtsnationale auftauchen. Donner setzt sich da nicht ab, scheint insgesamt zufrieden mit diesem Umfeld, beharrt darauf, dass sie mit den Menschen zu tun hat, nicht mit deren Ideologien.

 

Zulassen

Paul Poet zeigt ein wirklich umfassendes Portrait einer Person voller Gegensätze. Eine Person, die man nicht sympathisch findet, aber das muss man auch nicht. Dank der Dramaturgie und der filmischen Mittel kann man einfach nur zuhören, zuschauen, zulassen und erkennen, dass nichts einfach nur schwarz-weiss ist und sich fragen, wie viel Andersartigkeit man zulässt.

Der Film läuft in Wien im Votivkino und im Metrokino.

 

 

#FilmTipp Sinners

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Buntes Allerlei mit Vampiren

 

Sinners mischt Vampir-Spektakel mit Südstaaten Tradition und tief verwurzelten archaischen Bräuchen. Aus diesen Zutaten kocht Ryan Coogler einen wilden Eintopf, der trotz guter Zutaten etwas unbefriedigend bleibt.

 

Verlorene Söhne

Das Mississippi-Delta in den frühen 1930er Jahren, die Zwillinge Stack und Smoke kommen nach Jahren zurück, im Gepäck nicht nur Gangster-Geld, sondern auch ihre Vergangenheit, und den Wunsch nach einem Neustart. In nur einem Tag verwandeln sie eine alte Scheune in einen Blues-Club. Trotz diverser emotionaler Wunden scheint der alte Zusammenhalt mit Freunden und Familie leicht wiederzubeleben, alle helfen mit, das Projekt auf die Beine zu stellen.

 

Der Süden und der Glaube

 

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Enge familiäre Bindungen, aber auch Glaube und Aberglaube bilden die Grundlage der Geschichte, der Beziehungen, des erzählerischen Bogens. Der junge Sammy, Cousin der Zwillinge und aussergewöhnlicher Bluesmusiker, wird gewarnt, seine musikalische Gabe öffne das Tor zu Zukunft und Vergangenheit, zur Hölle womöglich. Eine der besten Szenen erwächst aus dieser Vorstellung: Sammy spielt und singt, die Gäste tanzen, und immer mehr mischen sich archaische Figuren und Wesen aus der Zukunft auf die Tanzfläche, die Musik wird wilder, schräger, hitziger.

 

Die Vampire

Die Vampire, angeführt von einem irischen Einwanderer, bieten ein paralleles Lebensmodell: ewiges Leben, ewige Freundschaft, Überwindung aller Schranken.
In ihrer lieblichen Art, mit hübschen irischen Gesängen wirken sie wie Vertreter einer Sekte. Vordergründig sanft, im Hintergrund gierig und autoritär. Der Wettkampf der Musikstile bietet eine weitere sehr beeindruckende Szene, einerseits entfesselter Blues, andererseits irischer Stepptanz und blutverschmierte Gestalten.
Auf beiden Seiten Tradition, Musik, Familie, Antagonisten, die gar nicht so verschieden sind.

 

Showdown

Der Showdown kurz vor Sonnenaufgang gerät etwas konfus, zu viele Zutaten, zu viele Probleme, die noch schnell besprochen und gelöst werden müssen, aber reichlich Blut und Geschrei.
Dass am Ende dann auch noch die lokalen Ku-Klux-Klan Idioten aufkreuzen, ist die Zutat zu diesem Südstaateneintopf, die den Geschmack verdirbt. Nicht die Tatsache, dass sie kommen, sondern das Timing. Die Szene verdirbt irgendwie den Fluss der Geschichte, holt noch rasch das letzte Südstaaten-Klischee hervor, um dem Helden einen heldenhaften Abgang zu verschaffen.

 

Dennoch

Insgesamt kann man trotzdem gute zweieinhalb Stunden verbringen, auch wenn es in der Art schon deutlich wildere und originellere Filme gibt.
In Wien läuft Sinners in Originalversion ohne Untertitel im Haydnkino und im Artis Kino, das heisst: keine Hilfe beim Südstaatendialekt.

 

#FilmTipp Pfau – bin ich echt?

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Alles ist möglich

 

Wer bin ich, wenn ich – gegen sehr gutes Geld – jeder sein kann?
Matthias ist ein professioneller Begleiter, mal kunstsinniger junger Freund, mal Vater und Pilot, mal Sohn, mal schwuler Partner. Jede Rolle minuziös erarbeitet und gelernt.
Aber wer ist Matthias, wenn er zu Hause bei seiner Freundin ist?
Dieser Matthias, so scheint es, ist ihm bei allem beruflichen Erfolg verloren gegangen.
Die privaten Probleme lassen also nicht lange auf sich warten.
Denn auch auf private Fragen antwortet er mit erlernten, stereotypen Sätzen.
So geht kein Privatleben. Und so endet dieses auch.

 

Maske(n)

 

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Bernhard Wengers Satire Pfau – bin ich echt?
geht weiter, als nur platt die offensichtliche Komik zu bedienen. Subtil bespielt der Film das Desintegrieren der Person in eine Persona, das Verlorengehen in einer Welt und Zeit, in der alles jederzeit möglich, denkbar und machbar ist. Und Albrecht Schuch als Matthias zeigt diese gebrochene Figur mit eigenwillig stoisch eingefrorener Mine, der man dennoch die wachsende Verzweiflung ansehen kann.

Und so ist Pfau – bin ich echt? sowohl tragisch als auch komisch, auch wenn einige „running Gags“ eigentlich eher überflüssig sind. Insgesamt aber ist Pfau – bin ich echt? ein intelligenter Kommentar zu einer Welt, in der sich viele Menschen täglich erfinden, um einer möglichen Fan-Gemeinde als Vorbild und Held zu dienen.

Wer den Film nicht verpassen will, er läuft weiterhin im Wiener Filmcasino.