#Locarno Das Wochenende

Berge und See Im Regen

 

Dunkle Wolken über Locarno
(c) ch.dériaz

 

Samstag in Locarno, das erste Festivalwochenende und dann das: Schwere dunkle Wolken hängen sowohl über dem See als auch über den Bergen. Wenn es noch nicht regnet, dann kann es nicht mehr lange dauern.
Zeit sich in einem Kinosaal in Sicherheit zu bringen.

Mis hermanos suñan despiertos von Claudia Huaiquimilla ist eine Anklage gegen das menschenverachtende Jugendjustizsystem Chiles. Ein Gefängnis für jugendliche Straftäter, die meisten eher 14/15 Jahre alt, Kinder eigentlich. Kinder aus den unteren sozialen Schichten, Kinder, die nicht mal mehr Träume haben, weil es für sie anscheinend nichts mehr zu träumen oder zu hoffen gibt. Sie werden weggesperrt, verwahrt, verwaltet, aber mehr nicht, und jedes dieser Kinder, dass das System nicht lebend verlässt, gilt den Behörden als ein Problem weniger, das gelöst werden müsste. Auf diesem faktischen Hintergrund baut die Regisseurin ihren Spielfilm, mit teilweise Amateurdarstellern, sie erzählt langsam, so, dass sich der Zuschauer der Verzweiflung und Mutlosigkeit der Insassen nicht entziehen kann. Kurze Phasen, in denen der eine oder andere es doch wagt zu träumen, mischen sich mit dem Alltag. Was bleibt, neben der Aussicht auf Nichts, ist eine starke Bindung und Solidarität unter den Kindern. Ein sehr schöner, schwerer Film.

In der Theorie wäre genug Zeit gewesen, von einem Kino zum anderen zu gehen, in der Praxis endete der erste Film, als der zweite anfängt. Ein dummer Rechenfehler. Daher: Programm im Gehen umdisponieren, Karte stornieren, neue Karte für andere Vorstellung reservieren, parallel in einen Keks beissen. Festivalalltag.

 

Kurzfilme – Dinge und Maschinen

 

Il faut fabriquer ses cadeaux von Cyril Schäublin zeigt die schöne neue Welt des virtuellen Erlebens. Allerdings mehr in der Theorie, in den Gesprächen darüber, als in der Praxis. Menschen in Betonlandschaft reden über holographisches Küssen, oder über Passwörter, um die Gedanken anderer zu erreichen. Schräg, ein bisschen beängstigend und ein bisschen zu wenig Film.

Dokumentarisch und komisch ist Ding von Pascale Egli und Aurelio Ghiradelli. Zwei Frauen, die ihre emotionale Liebe nicht auf Menschen oder Tiere richten, sondern auf Dinge, ernsthaft, ohne Zynismus. Die eine verliebt sich immer wieder in verschiede Dinge, mal in einen Kran, in einen Drucker etc., ihre aktuelle Liebesbeziehung gilt der Terrassenecke ihrer Nachbarn. Die andere liebt schon immer die schön geschnitzten Notenständer von Bechstein-Flügeln, dafür ist sie auch bereit zu stehlen, damit ihr Geliebter bei ihr sein kann. Es gibt wirklich mehr auf der Welt, als man sich vorstellen kann.

Im Animationsfilm Night lässt Ahmad Saleh die allegorische Nacht sich um Verletzte und Trauernde des Krieges kümmern. Sie schenkt Schlaf, sie schenkt Ruhe und damit die Chance auf Resilienz. Sehr schön gemacht.

A máquina infernal von Francis Vogner Dos Reis ist eine als Horrorfilm gezeigte Kapitalismuskritik. Die Maschinen einer fast ruinierten Metallfabrik grunzen, gurgelen und schnappen sich nach und nach die Arbeiter. Eine sehr schöne Arbeit mit den üblichen Geräuschen und Bildmotiven des Horrorfilms in einem Setting, das den Horror aus seiner Struktur bezieht.

 

 

Schockieren – oder nicht

 

(c) ch.dériaz

 

Angekündigt mit: Einige Bilder könnten sensible Zuschauer schockieren:
After Blue (Paradis sale) von Bertrand Mandico.
Was im Film diesen Warnhinweis rechtfertigt, erschliesst sich nicht. Angedeutete Selbstbefriedigung bei Frauen? Angedeuteter Sex zwischen Frauen? Die zwei vage erkennbaren verrotteten Leichen?
Ansonsten gibt es eine Szenerie, die an das Albumcover House of the Holy von Led Zeppelin erinnert, alles etwas verwaschen, verwunschen und in einem esoterischen Duktus. Ein Planet, auf dem nur Frauen leben, wo alles besser werden soll, als es auf der Erde war. Dazu sexuelles Begehren, ein bisschen „Heldinnenreise“, eine verschwurbelte Mischung aus Märchen, Mystik, Western und Sciencefiction und, um die 70er Jahre Bildästhetik komplett zu machen, Kaleidoskopeffekte bei Bildüberlagerungen, nicht zu vergessen: 130 lange Minuten durchgehend Musik .
Wenn das ein radikaler Film sein soll, dann hat die Kunst noch einen weiten Weg vor sich. Während der Vorstellung sind immer wieder Zuschauer rausgegangen, die eher gelangweilt als schockiert waren.

 

Monster

 

Beim Rausgehen ist klar, auf der Piazza Grande wird es am Abend nicht nur ungemütlich, sondern wirklich grausig.
Nach kurzer Pause also in die Schlange am Fevi stellen, und schauen, ob mit der Reservierung für die Piazza, wie versprochen, auch ein Platz im Fevi sicher ist.
Und ja, es funktioniert.

Die Uraufführung des Schweizer Films Monte Verità von Stefan Jäger zieht am Samstag Abend viel Publikum an. Zunächst aber gibt es einen Ehrenleopard für die Produzentin Gale Anne Hurd, eine Ehrung, die auch die Zuschauer begeistert. Monte Verità hält nicht, was er verspricht. Weder zeigt er wirklich Einsichten in das, Anfang des 20.Jahrhunderts, als radikal und innovativ geltende Sanatorium, Zufluchtsstätte für Anthroposophen, noch zeigt der Film ein Bild von sich aus den Korsetten – auch des Patriarchats – befreienden Frauen. Statt dessen, wenig packende Handlung, Darsteller, die nicht wirklich ihr Potenzial zeigen können, Musik, die mit dem Zaunpfahl winkend darauf hinweist, welche Gefühle gerade angebracht wären. Das ist schade, denn das Projekt, mit österreichischer und deutscher Beteiligung, war sicher teuer, da wäre viel mehr möglich gewesen.

Um Mitternacht dann, als Belohnung: The Terminator.
Auf der Piazza Grande wäre das sicher noch besser gewesen, aber auch im Fevi Kino ist die Leinwand sehr gross und der Sound super.
Und um zwei Uhr morgens hat dann auch endlich der Regen aufgehört.

 

 

Weite Landschaften

 

Piazza mit PardoKuh
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Noch türmen sich Wolkenberge über dem See, aber sie scheinen keine Regen zu bringen, rein dekorativ also.

Wolken über weiter Landschaft gibt es in Zahori von Mari Alessansrini. Die weite, karge Landschaft Patagoniens, wo die wenigen Menschen, die dort leben, von der Weite verschluckt werden. Eine zarte Geschichte vom Erwachsenwerden der jungen Mora, aber auch von den Kämpfen für Träume und gegen die gnadenlose Natur. Die Wege der einzelnen Figuren kreuzen sich, verbinden sich für einen Moment und driften wieder auseinander, als würde der ständig herrschende Wind sie verblasen. Der Film schafft, dass diese kargen Geschichten eine Spannung erzeugen und Interesse für die Figuren hervorrufen.

 

Kurzfilme – schwere Kost

 

Man trifft sich immer zweimal? Kaum sind die 130 mühsamen Minuten von gestern verdaut, kommt Bertrand Mandico mit einem 37 Minuten Kurzfilm schon wieder auf die Leinwand. In Dead Flash verbrät er hauptsächlich Reste aus anderen seiner Filme, was im Prinzip gut werden könnte. Wird es in diesem Fall aber nicht. Die erste Hälfte besteht wieder aus esoterischen 70er Jahre Effekten, kombiniert mit Takes, die sicher zu After Blue gehören, der zweite Teil für sich wäre sogar witzig, wenn er für sich allein stünde. Als Einheit ergibt das alles überhaupt keinen Sinn, keinen Fluss, und keinen Charme.

Dihay von Lucia Martinez Garcia ist ein experimenteller Dokumentarfilm. Die Regisseurin kündigt ihn an, als „ das in die Welt Kommen meiner kleinen Schwester“, und so irritiert ganz zu Anfang, dass man einen Jungendlichen sieht, der sich sehr schön und weiblich schminkt und zurecht macht. Vom kleinen Bruder zur kleinen Schwester in assoziativen Bildern. Hübsch.

Mask von Nava Rezvani ist der einzige narrative Film dieser Auswahl. Eine junge Iranerin lässt sich, auf Betreiben ihres Freundes, die Lippen aufspritzen. Als dieser das Resultat sieht, reagiert er nicht erfreut, sondern aggressiv-ablehnend. Eine Geschichte über das schwierige Selbstverständnis iranischer Frauen.

The Sunset Special von Nicolas Gebbe ist als Kurzfilm aus einer Multimediaarbeit hervorgegangen und arbeitet mit diversen Computersimulationen, Überlagerungen und Versatzstücken aus der Welt der Werbung. Etwas lang, aber nicht uninteressant.

 

(c) ch.dériaz

Die Taschenkontrollen haben sich tatsächlich beruhigt, es wird reingeschaut, mal ordentlich, mal nur ein kleiner Blick , aber es gibt keine tägliche Diskussionen mehr. Sehr angenehm, das Kontrollballett ist auch so reichhaltig genug.

 

 

Viel Action, viel Blut

 

Vengeance is mine, all others pay cash
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Seperti Dendam, Rindu Harus Dibayar Tuntas (Mein ist die Rache, alle anderen zahlen bar) von Edwin ist so etwas wie ein indonesischer Tarantino-Film. Kickboxen nach Strassenregeln, grosse Gefühle, Rache, Missbrauch, aber auch Witz, alles drin. Ein junges Paar mischt die fiesen Typen ihrer Gegend auf, angetrieben werden beide von sexuellem Missbrauch und Traumatisierung in früher Kindheit. Dieser Hintergrund und der Hang, sich mit allem und jedem zu prügeln, bringt sie zusammen, belastet aber im Alltag schwer die Beziehung. Brutal, blutig und auch sehr warmherzig.
Im übrigen gab es zu diesem Film keinen Warnhinweis…

 

Leinwandansichten
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Anlässlich des 70. Geburtstages der UN Flüchtlingskonvention, ist Gillian Triggs, beim UNHCR für Flüchtlingsangelegenheiten zuständig, auf der Piazza Grande zu Besuch, nicht um einen Leoparden in Empfang zu nehmen, sondern um für die Notwendigkeit der Flüchtlingskonvention zu sprechen. Und aufzurufen, auch von Seiten der Kunst, das Thema zu behandeln, weil auf diesem Weg möglicherweise mehr Empathie und Verständnis geschaffen werden kann.
Und dann muss man eigentlich hart schneiden, um auf den Film des Abends zu kommen.

Die Piazza füllt sich
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Der Jordanische Film The Alleys von Bassel Ghandur ist kein freundliches Wohlfühlmärchen. Der Mikrokosmos eines Stadtviertels in Amman, „Kleine Leute“ leben dort, Einzelhändler, Friseur, aber auch der lokale Mafiaboss und seine Leute, man kennt sich seit Generationen, und trotzdem, oder gerade deshalb, hat der Klatsch im Viertel einen hohen Stellenwert und ist gleichzeitig brandgefährlich. Aus diesem Klatsch, angefacht durch eine Erpressung wegen einer ausserehehlichen Beziehung, entsteht immer düsterer werdende Gewalt. Rache für dies, die wiederum Rache für jenes auslöst, und die Verhältnisse werden immer verworrener, auch deshalb weil sich immer jemand findet, der Teile der Wahrheit verschleiern oder beschönigen möchte. Ein ausgefeiltes Drama, actionreich auch ohne Verfolgungsjagden, eher lakonisch wie Filme des Neorealismus. Sehr spannend, sehr gut, aber auch sehr blutig. Auf jeden Fall beachtlich für einen Erstlingsfilm.

Locarno 2020 Das Finale

 

Pardino_2021
(c) ch.dériaz

 

Das war sie, die Sofaedition des Filmfestivals Locarno 2020

 

Filme für die Zukunft, die Zukunft des Films, all das wurde ausgelotet, aber wie immer kann niemand die Zukunft sicher vorhersagen.
Die Preisträger wurden recht unspektakulär per E-Mail und ohne jegliches Zeitembargo mitgeteilt, heute Abend werden sie dann in Locarno etwas feierlicher und vor kleinem Publikum verkündet.

 

Goldene und silberne Leoparden

 

 

(c) Locarno filmfestival

 

Die beiden Hauptpreise, also die goldenen Leoparden national und international, gehen jeweils an eine Regisseurin. International an die Argentinierin Lucrecia Martel für Chocobar und national an Marí Alessandrini für Zahorí.
Spezialpreise gehen an Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor für
De Humani Corporis Fabrica (The Fabric of the Human Body).
Und an Raphaël Dubach und Mateo Ybarra für LUX.

Eine der Begründungen der Hauptjury für war, dass sie die Filme bevorzugt haben, deren Arbeit durch die Pandemie zu einem schon relativ weit fortgeschrittenen Zeitpunkt unterbrochen wurde. Auf jeden Fall kann man gespannt sein, was aus diesen – und allen anderen eingereichten, Projekten wird. Filme, die Übermorgen auf die Leinwand kommen werden, dann hoffentlich mit Publikum im Saal oder auf der Piazza.
Die Jury Begründungen zum Nachhören und Anschauen.

Die Kurzfilme – Pardi di Domani

 

 

Gewinner Pardi di Domani
(c) Locarno filmfestival

 

Die Pardinos, also die Preise für die Pardi di Domani sind eine schlüssige und nachvollziehbare Wahl.
Den goldenen Pardino international gewinnt der essayistische und politisch hochaktuelle Film I ran from it and was still in it von Darol Olu Kae (USA).
Den silbernen Pardino gewinnt der sehr schöne Film History of Civilization
von Zhannat Alshanova (Kasachstan).

National geht der Pardino d’oro an den wunderbar versponnenen:
Menschen am Samstag (People on Saturday) von Jonas Ulrich.
Und eine Geschichte vom Erwachsenwerden gewinnt den Pardino d’argento:
Trou Noir (Black Hole) von Tristan Aymon.
Jury Begründung zum Nachhören und Anschauen.

 

Kein Zukunftsmodell

 

So gut es auch war, das Programm in Teilen online zur Verfügung zu stellen, und so gut das auch funktionierte, ein echtes Zukunftsmodell sollten online Festivals nicht werden.
Natürlich gibt es kleine Vorteile: Niemand haut einem einen Rucksack an den Kopf, keiner redet während man konzentriert schaut, man sitzt auf dem heimischen Sofa besser, als auf den meisten Kinositzen, man muss vor dem Klo nicht Schlangestehen.
Aber es gibt eben auch nicht das Gefühl gerade gemeinsam mit anderen einem Wunder, einem Experiment oder auch einem Ärgernis beigewohnt zu haben. Man hat keine unmittelbare Reaktion von anderen, die den Saal und das Erleben geteilt haben.
Und nicht zuletzt: man hat überhaupt kein Festivalgefühl.

Nächstes Jahr dann in Locarno
(c) ch.dériaz

 

 

In diesem Sinne also: Locarno 2021 findet vom 4. bis 14. August statt, dann hoffentlich wieder im Tessin.