Filmfestival online im Praxistest

Lazarus' Hunger_sold out_Bildschirmphoto
Screenshot_Lazarus’ Hunger

Visions du Réel online ansehen

Die Idee, das Festival ins Internet zu „verlegen“, ist gut, allerdings gibt es einige Hürden und Schwierigkeiten.
So muss man sich erstmal durch das Kleingedruckte auf der Festivalseite lesen, um zu verstehen, dass man einen Account anlegen muss.
Ist dies dann erledigt, stellt man leider fest, dass die Langfilme der Nationalen-, also Schweizerauswahl nur in der Schweiz zu sehen sind.
Verständlich, aber schade.
Die Langfilme international sind erst ab der kommenden Woche abrufbar.
Auch das Limitieren der Zugriffsmöglichkeiten schafft Festivalgefühl, sorgt aber auch dafür, dass man eventuell schon zu spät ist, um bestimmte Filme anschauen zu können.

Der erste Versuch klappt wunderbar

Drei Kurzfilme aussuchen und nach kürzester Zeit gibt es die Bestätigungsmails, es kann losgehen.

Tente 113, Idomèni von Henri Marbacher, behandelt das Thema Flucht, Asyl, Schlepper und überfüllte Lager. Die schwarz-weiss Animation erinnert an böse Graphic Novels und schafft dadurch Abstraktion aber auch Spannung und Nähe.

Lazarus’ Hunger von Diego Benevides, erzählt in traumhaften Bildern von einem eigenwilligen Ritual rund um den heiligen Lazarus und streunenden Hunde in Brasilien.

I Bought a Time Machine von Yeon Park, beginnt mit einer guten Grundidee, zeigt aber eine eher langweilige visuelle Umsetzung. Und so verpufft die Geschichte der bei Ebay gekauften Zeitmaschine in den faden Bildern.

Der nächste Versuch

Die neue Auswahl, diesmal mittellange Filme anzuschauen scheitert.
Einloggen geht, Film auswählen geht, aber dann geht nichts mehr.
Und natürlich sind einige Filme tatsächlich schon „ausreserviert“.
Nach mehr als zwei Stunden fröhlicher Versuche Filme auszuwählen und daran zu scheitern, dann plötzlich 11 (elf) Bestätigungsmails für zwei Filme!
Na immerhin, es kann also weiter gehen.

Trouble Sleep von Alain Kassanda zeigt eine wilde Choreografie um Taxifahrer in Nigeria. Menschen, Autos, Staub, Farben, alles scheint durcheinanderzuwirbeln, nur wer eingeweiht ist, findet seinen Weg durch das innere und äussere Chaos; sehr musikalisch, sehr schön.

We Are Russia von Alexandra Dalsbaek, junge Russen, die 2018 Navalnys Wahlkampf unterstützt haben. Monatelang in kleinen, meist ruhigen, Protestaktionen, mehr beständige Nadelstiche als Grobheiten, stellen sie sich immer wieder auch der Staatsgewalt in Form von Polizei und Gerichten in den Weg. Die Kamera folgt ihnen, manchmal zwar etwas hektisch, aber doch spannend.

Nyon_Sold out_ Bildschirmphoto
Screenshot_sold out
Resümee

Filmfestival vom heimische Sofa aus funktioniert. Auf der positiven Seite steht, man sitzt bequem, man muss sich nicht um den Sitzplatz streiten, Getränke der Wahl stehen bereit.
Dafür entsteht aber eben kein wirkliches Festivalgefühl, es fehlt die Atmosphäre im Kinosaal, das Publikum, der Applaus, die unmittelbare Reaktion. Man braucht Konzentration um nicht abgelenkt zu werden und den Filmen die zustehende Aufmerksamkeit zu widmen. Ein klein Wenig Festivalgefühl entsteht, während man auf Rückmeldung der Buchung wartet, oder feststellt, dass man für den gewünschten Film zu spät ist.

Alles in allem aber ist die Online Version eines Filmfestivals der völligen Absage vorzuziehen, allein aus Respekt vor der Arbeit der Filmschaffenden.
Mehr Filme aus Nyon hier und ab heute dann auch zur Auswahl Crossing Europe online.

Filmfestivals in Quarantäne

VisoinsDuRéel_onlineProgramm (c) ch.dériaz
(c) ch.dériaz

Filmfestivals suchen alternative Wege

Die ersten Festivals, die aufgrund des Virus und der daraus folgenden Kontakt- und Versammlungssperren, abgesagt werden mussten, waren noch zaghaft mit dem Zeigen des Programms im Internet. Mittlerweile ändert sich das stark.
Festivalleiter suchen nach Wegen und Möglichkeiten ihre sorgsam ausgewählten Programme doch auf die eine oder andere Art an den Zuschauer zu bringen.

 

Der schweizer Weg

 

VisoinsDuRéel_onlineProgramm
(c) ch.dériaz

Das Dokumentarfilmfestival Visions du Réel hätte am 17. April seine 51. Ausgabe starten sollen. Statt aber im schweizerischen Nyon Filme in Kinos zu schauen, stellt das Festival das gesamte Programm online auf seiner Webseite zur Verfügung.

 


Die 14 internationalen Dokumentarfilme sind vom 25. April bis 2. Mai online zu sehen, die 13 nationalen (also schweizerischen) Dokumentarfilme sind vom 17. bis 29. April online. Die Burning Lights Sektion, mit 15 Filmen, die sich einer neuen, experimentellen Filmsprache bedienen, ist vom 25. April bis 2. Mai online.
Und auch die Filme der Regisseurin Claire Denis, der dieses Jahr ein Ehrenpreis zugedacht ist, werden online gezeigt. Wer also so beeindruckende Filme wie Beau travail oder White Material sehen oder wiedersehen möchte, kann das von 17. April bis 13. Juni machen.

Es werden aber nicht nur die Filme für ein hoffentlich grosses, interessiertes Publikum zur Verfügung gestellt, auch die Jury wird ihrer Arbeit nachgehen. Es wird also auch in diesem Jahr prämierte Filme geben. Beides, das Gesehenwerden wie auch der Gewinn von Preisen ist extrem wichtig für die Filmschaffenden und den Fortbestand der Filmindustrie.
Das Programm, mit allen Informationen, Trailern und Filmbeschreibungen ist auf der Festivalseite zu finden.

 

Der österreichische Weg

 

CrossingEurope_Programm canceled but active (c) ch.dériaz
(c) ch.dériaz

In Linz hätte vom 21. bis 26. April die 17. Ausgabe des Festivals Crossing Europe stattfinden sollen.
Unter dem Titel: Das wär’s gewesen präsentiert das Festival sein Programm und unter Crossing Europe 2020 Extracts werden ausgewählte Filme auch hier online zur Verfügung gestellt.

 

Eröffnung anders

 

CrossingEurope_Micha ShagrirFilm (c) ch.dériaz
(c) ch.dériaz

Am 21. April wird es ab 20 Uhr live eine virtuelles Opening geben.
Festivalleiterin Christine Dollhofer wird Livegäste begrüssen und Michael Pfeifenbergers Dokumentarfilm The Linzer Candyboy, über den israelischen Regisseur Linzer Herkunft, Micha Shagrir, wird in Österreichpremiere gezeigt, gefolgt von Musikvideos diverser Linzer Künstler.

Darüber hinaus wird es auf der Plattform KINO VOD CLUB ausgewählte Filme des 2020 Programms ab 21. April für einen Monat zu sehen geben.
Nur einer von vielen, aber eindeutig eine Empfehlung: Ivana Cea Groaznica (Ivana die Schreckliche) von Ivana Mladenović, der in Locarno letztes Jahr mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde.

In Linz wird es vorerst keine Preisträger geben, eventuell werden im Herbst, so es dann wieder “echtes” Kino gibt, in den Sektionen Local Artists und Kurzfilm, Preise vergeben.

All diese neuen, alternativen Wege können natürlich ein Filmfestival nicht ersetzen, sie sind ein brauchbares Mittel, um die Filmindustrie am Leben zu halten, um Zuschauer zu halten, oder eventuell sogar neue Zuschauer zu erreichen. Aber ein echter Ersatz für den Austausch zwischen Filmschaffenden untereinander und mit ihrem Publikum könne solche Wege nicht sein.

Trotzdem, wer sich schon immer gefragt hat, wie das wohl ist, 4 bis 5 Kinovorstellungen pro Tag, mehrere Tage hintereinander zu besuchen, kann das ja auf diesem Weg mal testen.

# Film in progress

Die Pardokuh mit Schutzmaske (c) ch.dériaz
DIe Pardokuh mit Schutzmaske
(c) ch.dériaz

Schneiden im Shutdown

 

Als Cutter ist man es ja gewohnt alleine zu arbeiten. Das heisst, alleine mit dem Werkzeug des Vertrauens und dem Material.
Was aber, wenn kein Material gedreht werden kann?
Was schneiden, wenn alle – oder fast alle – Aufträge storniert oder verschoben wurden?
Über die diversen Berufsverbände und andere Plattformen zur Vernetzung von Filmschaffenden trudeln Informationen ein wie man sich, als oft prekär Beschäftigter, vor dem wirtschaftlichen Ruin retten kann. Was man aber mit der Verordneten Nichtkreativität machen soll, bleibt jedem selbst überlassen.

Der Aufruf

Aber dann: ein Aufruf des Kollegen Oliver Driemel zu Kreativität und gegen Langeweile in den vier Homeschneideraum Wänden!
Ein Film soll entstehen, ähnlich wie das Kinderspiel, bei dem jeder etwas zeichnet und der nächste daran anknüpft. Heisst, jeder dreht ein Stück Film in seinem Umfeld, der nächste übernimmt den Faden, knüpft an, entwickelt weiter.
Das klingt spannend.
Also, anmelden und mitmachen, warten auf die „Los-geht’s“-E-Mail.

Los geht’s
to be continued...aber wie? (c) ch.dériaz
to be continued…aber wie?
(c) ch.dériaz

Die kommt dann, etwas überraschend, gegen 20 Uhr.
Das ist für die Lichtsituation natürlich nur bedingt klasse, aber gut.
Also, anschauen, was die letzten Kollegen gebastelt haben, Infovideo anschauen, nachdenken…..


Diverse Versuche mit dem Handy zu drehen scheitern, das geht so alles nicht:
zu dunkel, Handy festhalten, drehen und schneiden – nein, das geht so nicht.
Also Photoapparat, für den gibt es ein Stativ – schon viel besser.
Hinsetzen, „spielen“, drehen, anschauen, noch mal drehen, anschauen… so geht das eine Weile lustig dahin.
Und dann: der voll geladene Akku ist leer!

Der Avid fährt hoch (c) ch.dériaz
Der Avid fährt hoch
(c) ch.dériaz

Egal, vielleicht reicht das Material ja. Also alles in den Avid laden, schneiden und: ja, es reicht, die Idee funktioniert.
Die letzte Etappe, den fertigen Clip hochladen auf die Webseite und an den letzten Clip anhängen. Beim Kürzen des Vorgängerclips geht ein wenig der Musik verloren. Warum das denn? Keine Ahnung!


Alles in allem: ein grosser Spass, ein tolles Konzept, das – einmal mehr – zeigt, dass Cutter/Editoren/Schnittmeister mehr sind als „Knöpfchendrücker.

Der Film in progress kann hier gesehen werden.