52.Visions du Réel_2

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Kino oder Sofakino

 

Wer auch immer behauptet, Online sei das neue Kino, hat entweder ein eigenes Kino zu Hause, hat noch nie über mehrere Tage online Kinofilme angeschaut oder geht einfach nicht gerne ins Kino.
Seit letztem Jahr sind zwar die Zugänge und Plattformen professioneller geworden, Spass macht das alles trotzdem nur bedingt.
Spätestens wenn auch der 5. Film mit Fuss- oder Basketballgeräuschen unterlegt zu sein scheint, ist das Computer-Heimkino „unten durch“.
Egal wie gut und wichtig die diversen Online-Ausgaben von Festivals sind:
Filme gehören ins Kino.


Das gesagt, gilt es im Online-Katalog nach den Filmen zu suchen, die bereits freigeschaltet sind. Auf der Seite für Akkreditierte nicht ganz einfach, da man die Information, ob ja oder nein, erst bekommt, wenn man den Film angeklickt hat. Wenn nicht, heisst es zurück zum Start, Katalog aufrufen, Sektion anwählen, weiter suchen. Fündig geworden!

 

Kurzes zur Familie

 

L’huile et le fer von Pierre Schlesser
Hände, Eisen, Maschinen, Menschen, harte Arbeit, der man erst entkommt, wenn man in Rente geht, sofern man diese ersehnte Zeit der Ruhe je erreicht. Der Lärm, die Bewegungen, das Eisen, die Gefahr, der Geruch, aus all diesen Komponenten setzt sich für den Regisseur die Erinnerung an seine Kindheit, seinen Vater zusammen. Ein Leben, dem er entflohen ist, dem er nun als Fremder gegenübersteht, mit nichts als den Erinnerungen und der Wut, dass die Arbeit, die Maschinen, seinen Vater verschluckt haben. Bildlich und rhythmisch sehr schön gestalteter Film.

Nah und doch fern ist die Mutter in Don’t Hesitate to Come for a Visit, Mom (Priezjai k nam v gosti, mama) von Anna Artemyeva.
Das Smartphone ist die einzige Verbindung zwischen einem kleinen Mädchen in Russland und ihrer, in einem nicht näher benannten Ausland, studierenden Mutter. Sie spielen, sie singen, sie frühstücken miteinander, die Mutter singt ihr Kind in den Schlaf, aber die kleine will einfach nur, dass alle wieder zusammen sind.

 

Fehlendes und Verluste

 

In La Disparition de Tom R. geht Paul Sirague dem Verschwinden in einer kleinen belgischen Stadt auf den Grund. 1997 verlässt Tom R. seine Stammkneipe und wurde seit dem nie mehr gesehen. Der Film zeigt in 18 vergnüglichen Minuten das Nichtvorhandene in verträumt-lyrischen Bildern, die das Trostlose zelebrieren. Sehr schön.

27 Schritte braucht man, um die Wohnung von Andrea Schramms Eltern zu durchmessen, jetzt ist sie leer, ein Abschied.
Am ersten Tag des Lockdowns kommt der Vater der Regisseurin ins Krankenhaus, dort stirbt er. Wenn übliche Trauerrituale plötzlich nicht möglich sind, braucht es andere, neue Wege. In schwarz-weissen Stillleben der elterlichen Wohnung, mit einer Toncollage aus Anrufen von Freunden und Verwandten, die Stimme der Mutter, brechend, die Tochter, stützend, bis sie selbst die Stütze nicht mehr sein kann. Eindrücklich.

Dass Familien nicht an einem Ort leben, ist nichts spektakulär neues, aber wenn es gilt, Probleme zu lösen, wird diese Distanz zu einer zusätzlichen Belastung.
Nikola Ilić & Corina Schwingruber Ilić zeigen das in ihrer Langzeitbeobachtung Dida.
Familienbande zwischen Luzern und Belgrad, zwischen Ilić’ Mutter, die aufgrund ihres kindlichen Geisteszustands eigentlich nicht alleine sein kann, und dem eigenen, neuen Leben in der Schweiz. Und so pendelt das Regiepaar zwischen beiden Welten hin und her und versucht Leben, Liebe, Verantwortung und Unabhängigkeit irgendwie auf einen Nenner zu bringen. Sehr liebevoll gemacht. Man kommt den Personen, den Problemen nahe, ohne sich dabei als Voyeur zu fühlen.

 

Liebe vielleicht

 

Searchers (c)Pacho Velez

Datingplattformen boomen nicht erst seit den weltweiten Lockdowns und Abstandsverordnungen, aber sie werden womöglich gerade noch wichtiger, fehlen doch die meisten konventionellen Möglichkeiten, sich zu treffen, sich zu finden. Pacho Velez zeigt dies in seinem Film Searchers  auf sehr unterhaltsame Art.
Menschen in New York auf der Suche nach Partnern, nach Affairen, nach Liebe und Spass. Und das ist tatsächlich lustig. Formal schauen alle Protagonisten frontal in die Kamera, meistens liegt dann verschwommen, halb durchsichtig die gerade bespielte Dating Plattform darüber. Manche zögern, sind peinlich berührt oder auch einfach offensiv frech. Menschen jeden Alters und jeder sexuellen Orientierung auf der Suche, und die Kamera hält drauf. Dazwischen, zum Ausruhen, New Yorker Strassenszenen: Menschen, Paare, Stimmung. Nur schade, dass der Regisseur  immer wieder auch Fragen an seine Protagonisten stellt, aber da der Ton nicht extra aufgenommen wurde, man die Frage oft nicht versteht, was bei manchen eher einsilbigen Antworten dann dazu führt, dass einem eine ganze Passage entgeht.

Eine ähnliche Idee verfolgt Andréa França mit Syntax, allerdings krankt der Kurzfilm etwas an der Umsetzung, zumindest in der untertitelten Variante. Eine immer anders gekleidete, anders positionierte Schauspielerin liest Texte, mit denen sich Frauen zwischen 40 und 55 auf einer Datingplattform präsentieren. Die gelben Untertitel sind zum Teil fast nicht zu lesen, und wenn dann parallel auch noch Schrift, mal Englisch, mal Portugiesisch, als grafisches Element mit im Bild auftaucht, ist die Verwirrung einfach zu gross. Schade, die Idee ist ansonsten super.

 

Wahrhaftig oder wahr

 

 

Nikita Yefimov spielt mit den Erwartungen an einen Dokumentarfilm in Strict Regime. Ein Hochsicherheitsgefängnis in St. Petersburg, was ganz zu Anfang aussieht wie eine gewöhnliche Reportage, entpuppt sich, dem Chef des Sicherheitspersonals sei Dank, zu einer wahren Komödie. Besorgt, dass beim Dreh  ja doch alle nur spielen würden, und alle Szenen gestellt sein würden, bietet er selber an, Szenen mit den Insassen zu stellen. Aber statt das dann im Schnitt zu verbergen, um Authentizität zu suggerieren, wird all das Stellen und Inszenieren zum eigentlichen Film. Lustig und allem Unken zum Trotz ein Dokumentarfilm über das Gefängnis, seine Insassen, Abläufe und seinen Sicherheitschef.

Wer weiss schon genau, wie unsere Welt entstanden ist. Die Physiker des CERN versuchen das mit Teilchenbeschleunigern zu ergründen und zu beweisen. Daraus macht Pauline Julier in Way Beyond einen essayistischen Film.
Konkret zeigt sie die Vorarbeiten und Evaluierungen für einen noch grösseren Teilchenbeschleuniger, 100 km Umfang, untern dem Genfersee durch, unter beiden Flüssen durch, nach Frankreich, alles in allem ein Mammutprojekt. Je länger man den Diskussionen, Evaluierungen und Problemanalysen zuhört, umso weniger möchte man, vor allem als Genferin, dieses Monster gebaut wissen. Auf der bildlichen Ebene bleibt der Film eher holprig, es ist nicht immer klar was man eigentlich sieht, mal etwas wie Computeranimationen, mal Teile der CERN Anlagen, mal Baustellen, auch die Abfolge der Bilder zueinander erschliesst sich nicht wirklich. Die Szenen, in denen Menschen sitzen und diskutieren, liefern etwas wie Information zum Projekt, sind visuell auch nicht wirklich umwerfend.

 

Grosse Gefühle – mächtige Bilder

 

Users (c)Natalia Almada

Users von Natalia Almada ist eine Art Bilder-Brief an die Zukunft ihrer Kinder. Eine langsame Meditation über unsere Erde, unsere Umgebung, über das, was wir mit ihr machen, was aus ihr wird oder werden kann.
Fast alle Einstellungen im Film würden gerahmt einen Ehrenplatz in jeder Galerie bekommen, doch sie gehen in ihrer Beweglichkeit und unterlegt mit Geräuschen und Musikakzenten einen anderen Weg. Spielen mit dem bekannten, den Erwartungen und kreieren Neues, Unerwartetes, zeigen Schönheit in den Narben, Ebenmass in Maschinen, verwirren und machen einfach viel Freude. Dieser Film gehört auf eine sehr grosse Leinwand, in ein sehr dunkles Kino, mit Lautsprechern rundherum, um ohne Ablenkung eintauchen zu können.

 

Becoming (c) Isabel Vaca

Eine sehr konkrete Vorstellung seiner Zukunft hat der Protagonist in Isabel Vacas Becoming (Temporada de campo).
Schule ist nichts für Bryan, und so lernt er den Sommer über bei seinem Grossvater auf dem Land, das zu tun, was sein grösster Traum ist: Cowboy werden, wie der Grossvater und seine Onkel. Neben der Liebe zur Natur und den Tieren ist ganz eindeutig die Abgrenzung zu seinem, in die USA abgehauenen Vater, den er als Säufer und Knastbruder bezeichnet, seine stärkste Motivation. Der abwesende Vater ist eindeutig kein Vorbild, selbst dessen Namen will er loswerden. Ein kleiner Junge und seine grossen Träume. Sehr schön und stimmungsvoll gedreht, mit viel Empathie für den kleinen Protagonisten.

Viele Filme also für künftige Kinobesuche und bis Ende der Woche werden noch einige dazukommen.

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