#FilmTipp FrauenPower

Die Dohnal_Plakat
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(c) ch.dériaz

 

  Die Dohnal

Kinokasse
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Donnerstagabend, nicht gerade der beste Kinomoment möchte man meinen.
Aber Sabine Derflingers Dokumentarfilm Die Dohnal zieht Menschen ins Kino, auch in der bereits zweiten Spielwoche. Das Wiener Filmcasino ist voll.

 

 

Frauenpolitik

Johanna Dohnal, erste Frauenministerin in Österreich, eine starke, kämpferische und freundliche Politikerin. 16 Jahre, von den späten 70er bis Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, war sie massgeblich verantwortlich für frauenpolitische Themen und deren politische Umsetzung.

Derflinger nutzt das reichlich vorhandene ORF Material über die Politikerin, kombiniert es mit Interviews von Weggefährtinnen, Zeitzeugen, Familie und Frauen aus Kultur und Politik, die von Johanna Dohnal beeinflusst sind. Daraus entsteht nicht nur ein faszinierendes Porträt einer hochinteressanten Frau und Politikerin, es entsteht auch eine Art Geschichtsstunde über den Verlauf der Frauenpolitik, nicht nur in Österreich

 

Lästig bleiben

T-Shirts mit Dohnal Zitaten (c) ch.dériaz
T-Shirts mit Dohnal Zitaten
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Der Zuschauer lernt eine Frau kennen, die weiss, dass ihr Weg lang ist, dass sie Anfeindungen und Blödheiten wird trotzen müssen, die aber dennoch fast immer ein freundliches Gesicht zu wahren weiss und, noch wichtiger, die stets sachlich bleibt, und damit ihre Gegner schlecht aussehen lässt. Selbst Ex-Kanzler Vranitzky, der die Dohnal letztlich nach 16 Jahren aus der Regierung warf, sieht im heutigen Interview unsouverän aus, wenn er versucht zu erklären, warum er damals nicht schaffte, wie sein Vorgänger Kreisky, die Hälfte seines Kabinetts mit Frauen zu besetzen.


Szenenapplaus

Selten erlebt man ausserhalb von Filmfestivals, dass es im Kino Szenenapplaus gibt, dass munter reagiert wird auf Gezeigtes und dass ein Film Schlussapplaus erhält. Die Dohnal schafft das.

Der Dokumentarfilm zeigt letztlich, dass auch im 21Jahrhundert Frauenpolitik noch nicht beendet ist, ganz im Gegenteil.
Es gilt also weiterhin ein Dohnal Zitat: lästig bleiben.

Die Dohnal läuft weiterhin in Wiener Kinos.

 

Filmcasino_Dohnal (c) ch.dériaz
Filmcasino_Dohnal (c) ch.dériaz

 

#FilmTipp: It must be heaven

Vom Giessen des Zitronenbaums (c) ch.dériaz
Vom Giessen des Zitronenbaums
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Wahr, warmherzig, witzig

Vom Giessen des Zitronenbaum (It must be heaven) von Elia Suleiman ist weniger ein Filmtipp als eine dringende Empfehlung.

Der Film macht schlicht glücklich.

Eine zarte Posse, ein unverstellter Blick auf den Zustand der Welt, Slapstick ohne jedes Tempo und ein Regisseur-Hauptdarsteller, der sich in symmetrischen Bildern in Szene setzt, um mit stoischem Blick die Interpretation des Gesehenen dem Zuschauer zu überlassen.
Das klingt komplizierter als es ist.
Vom Giessen des Zitronenbaums bedient sich virtuos filmischer Stil- und Handwerksmittel. Etwas untersichtige Einstellungen, die eine kindliche Perspektive suggerieren, Schnittfolgen, die Beziehungen herstellen und so dialogisches Erklären unnötig machen, Bildausschnitte, die Unerwartetes mit grosser Leichtigkeit in Komisches verwandeln.
Mit diesen starken visuellen Mitteln erzählt der palästinensische Regisseur Suleiman seinen Alltag in Nazareth, zeigt skurrile Nachbarn und begibt sich auf eine Reise nach Paris und New York. Auch dort scheint der kindliche Blick bedrohlich Situationen einzufangen, während der Schnitt dann Absurdes enthüllt. Auf der Suche nach Finanzierung durch ausländische Produzenten wird die Geschichte gleichermassen grotesk und politisch.
Unangenehm wahr: die Szene bei einem Pariser Produzenten, der, spezialisiert auf Filme aus dem arabischen Raum, dem, wie ein Schuljunge beim Direktor, sitzenden Regisseur erklärt, der Film sei nicht palästinensisch genug; sprich: Das Drehbuch entspricht nicht den Erwartungen des Westens an eine Geschichte aus dem Nahen Osten.
Dass solche Szenen nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigt die lange Liste der koproduzierende Länder des fertigen Films: Kanada, Frankreich, Deutschland, Qatar, Türkei…
Poetisch-versponnen Filme passen nicht ins politische Konzept, obwohl, wie dieser Film zeigt, sehr viel Politik und universell Gültiges mit den Mitteln der Komik vermittelt wird.

Am Ende des Films möchte man sofort zurück zur Kasse gehen, sich eine neue Eintrittskarte besorgen, um den Film gleich noch einmal anzuschauen.

Zurzeit ist das in Wien im Top Kino und im Le Studio möglich.

Top Kino Wien (c) ch.dériaz
Top Kino Wien (c) ch.dériaz

 

#FilmTipp LINA

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Ein Filmtipp für Kurzentschlossene.

Ein Film über eine kämpferische Frau, die Anfang 1900 gegen Konventionen und Vorurteile ihren Weg finden musste.
Wenn man Lina Loos überhaupt erwähnt, dann als Ehefrau des Architekten Adolf Loos.
Der Film Lina der Regisseure Walter Wehmeyer, Christine Wurm, Tino Rantfl und Andreas Scherlofsky füllt diese Wissenslücke. Porträtiert und dramatisiert die 4 Jahre Linas Ehe mit Loos, zeigt eine wilde, lebenslustige junge Frau, die glaubt, einen Seelenverwandten gefunden zu haben, einen der im bürgerlichen Konsens anders denkt. Aber auch Adolf Loos ist ein Kind seiner Zeit, sein avantgardistischer Blick reicht für seine Kunst, nicht aber für seine Frau. Auch eine kurze, heftige Affäre mit einem jungen Studenten befreit Lina nicht aus dem Korsett der Zeit.
Ein ruhiger Film, oft in langen stillen Einstellungen erzählt, um dann immer wieder kurz zu explodiert; ein Erzählfluss, entgegen dem was man heute „so macht“, aber perfekt geeignet für diese Geschichte.

Der Film läuft am 4. Dezember um 19:30 in den Breitenseer Lichtspielen, davor gibt es ein Konzert des Frauenchors Lokalkolorit. Eine Art Überraschungsei für Kunstliebhaber also, Konzert, Film und das alles im ältesten durchgehend bespielten Kino Wiens.

Den Trailer gibt es auch hier

#FilmTipp Little Joe

                                        FilmTipp oder FilmWarnung?

Little Joe
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Viel war schon zu hören von Jessica Hausners erstem in England und auf Englisch gedrehtem Film. Wettbewerbsbeitrag in Cannes, wo Emily Beecham den Preis der Besten Schauspielerin gewann. Auch der Trailer des Films verspricht dezent gruseliges Science-Fiction Kino; also ab ins Kino.
Aber, ach weh…..
Little Joe – Glück ist ein Geschäft enttäuscht die Erwartungen. Wobei, man kann gar nicht genug Lob für Martin Gschlachts grossartige Kamera aussprechen. In Kombination mit Szenenbild (Katharina Wöppermann) und Kostüm (Tanja Hausner) entstehen originelle, wunderbar verschrobenen Bilder. Licht, Farbe und Kadrierung lassen Bilder entstehen, die immer wieder an Hopper-Gemälde erinnern. Auch die Entscheidung, die handelnden Figuren am Rand des Bildes verschwinden zu lassen, und damit den Blick des Zuschauers auf Farben, Formen und Räume zu lenken ist gelungen und originell.
Wäre es nur auch die Geschichte, die da erzählt wird.
Stattdessen eine eher dünne Story um eine „böse“ Blume, die gut riecht, Menschen glücklich machen soll, aber die wohl böses im Schilde führt. Man kann das lesen als Kritik an einer allzu selbstverliebten Wissenschaft, in der alles, was machbar ist, auch gemacht wird, oder als Kritik an einer zunehmend egozentrischen Gesellschaft.
Im Kern ist es eine schwache Auflage der Frage: was tun, wenn um mich herum alle einem Wahn folgen; mitmachen und dazugehören oder ausgeschlossen werden?
Dennoch, bis zu den letzten 20 Sekunden könnte das alles noch irgendwie durchgehen, aber dann schiesst sich der Film selber ab. Die Schlusspointe ist im freundlichsten Fall als kindisch zu bezeichnen, eigentlich drängt sich „dämlich“ wesentlich mehr auf.
Irgendwie schade.

Votiv Kino, Wien
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Wer sich selber ein Bild machen möchte, der Film läuft in zum Beispiel im Votiv Kino.

 

#FilmTipp: Gatekeeper

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Metro Kino, Wien

Manchmal dauert es, bis ein Film seinen verdienten Weg von Festivals ins Kino findet.
So ist das auch bei Gatekeeper von Lawrence Tooley und Loretta Pflaum, ein Film der formale und inhaltliche Grenzüberschreitungen betreibt. Es ist ein ruhiger Film, der aber voller wilder Einfälle steckt.
Die Figuren bewegen sich wie Gefangene oder Laborratten in einem streng grafischen Beton/Holz Labyrinth, einzig der Blick über Dächer und auf den Himmel verspricht Freiheit.
Eine Frau, die mal blond, mal brünett ist, ein junger Rumäne, den sie erst anfährt, dann mit nach Hause und schliesslich in ihr Bett nimmt. Ein junger Mann? Oder doch zwei? Dazwischen ein Pakistani, der in einer Videoinstallation Kafkas Türhüterparabel erzählt. Die Erzählstränge laufen übereinander, durcheinander, vermischen sich, ergeben ein Neues, öffnen sich, die Figuren bleiben gefangen, egal wieviel sich klärt im Verlauf des Films. Das äussere Labyrinth entspricht der inneren Verstrickung der Figuren. Und trotz der visuellen Enge bietet der Film dem Zuschauer Raum zum träumen und spekulieren, wer sich darauf einlässt, wird mit einem tollen Kinoerlebnis belohnt.

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Ab 8. Oktober läuft der Film im Wiener Metro Kino, am Premierenabend in Anwesenheit des Teams.

#FilmTipp: Bewegung eines nahen Bergs

Bewegung eines nahen Bergs
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Der Mensch neigt dazu alles in – ordentliche, kleine – Schubladen zu packen.
Auch bei Filmen.
Und während man eine Einteilung wie Kurzfilm oder Langfilm gerade noch verstehen und einsehen kann, ist die Unterscheidung von Spielfilm und Dokumentarfilm nicht immer leicht zu treffen.

Dass das gut so ist, zeigt Sebastian Brameshuber neuer Film:
Bewegung eines nahen Bergs
Seine Uraufführung feierte der Film in Paris als Dokumentarfilm bei Cinéma du Réel, wo er gleich den Grossen Preis erhielt. Bei seiner Österreich Premiere auf der Diagonale in Graz lief er in der Kategorie Spielfilm, wo dann Kameramann Klemens Hufnagel den Preis für die beste Bildgestaltung (Spielfilm) erhielt.

Formal handelt es sich recht eindeutig um einen Dokumentarfilm, auch wenn einige poetisch-mystische Aspekte eingewoben werden.
Mitten in einer desolaten steierischen Landschaft arbeitet der Nigerianische Autowrackhändler vor sich hin, alleine, einsam vielleicht. Es ist schwere, schmutzige Arbeit, ein karges Privatleben, alles in schönen, stimmungsvollen Bilder gezeigt.
Und dann Bilder, die nicht in den Moment zu passen scheinen, Töne, deren Herkunft unklar ist, und Gedanken zu einem mythologischen Berg, zum Verhältnis von Erz und Arbeit.
Es bleibt dokumentarisch, vielleicht experimentell-dokumentarisch, fast verspielt. Dieser Film braucht keine Schublade.
Man kann ihn als Dokumentar- oder als Spielfilm sehen oder einfach als das was er wohl am ehesten ist: eine künstlerische Arbeit, die sich frei von Einteilung auf der Leinwand entfaltet.
Und das ist gut.

Ab Freitag, 27. September läuft der Film im Kino Le Studio in Wien, eine gute Gelegenheit nicht nur einen spannenden Film anzuschauen, sondern auch ein weiteres, neues Wiener Programmkino zu entdecken. Zur Premiere am 27. September ist Sebastian Brameshuber angekündigt.

#FilmTipp: Vom Lokführer, der die Liebe sucht

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Herbstbunt, melancholisch, skurril und sehr schön, das wäre die Kurzfassung zu Veit Helmers Film:
Vom Lokführer, der die Liebe sucht.

 

 

 

Ein Film, der ohne Wort, ohne Sprache auskommt und so universell in seiner Originalversion zu verstehen ist.
Ein alter Lokführer, auf seinen letzten Fahrten vor der Pensionierung. Er steuert seinen langen Güterzug, mal durch weite Steppe, mal gefährlich dicht zwischen Häusern durch. Und so wie sich auf Autoscheiben Insekten sammeln, sammelt der Zug beim Durchfahren der engen Stellen immer wieder Dinge auf, mal einen Ball, mal eine Decke, Dinge, die der Lokführer nach Feierabend versucht den Besitzern zurückzubringen. Auf einer Fahrt verfängt sich ein hübscher Spitzen BH in der Lok und verführt den Finder zum Träumen. Kaum in Rente macht sich der Lokführer auf die Suche nach der Besitzerin.
Wie der Prinz mit dem gläsernen Schuh, sucht er nach der Dame, die in den BH passt. Das ist abenteuerlich, schräg, oft witzig, manchmal traurig und gegen Ende sogar lebensgefährlich.
Was den Film so sehenswert macht, ist nicht nur die Geschichte, sondern die Farbkomposition, die zwischen kaukasischer Landschaft, Zug und Gebäuden die Melancholie des Lokführers spiegelt, die zarte unaufdringlich schöne Musik, die mit den Geräuschen das Fehlen von Dialogen vergessen lässt und die ausdrucksstarken Gesichter der Darsteller.
Ein Film, der bezaubert. Ein Liebesfilm mit einem unerwarteten, kitschfreien Ende.

             Vom Lokführer, der die Liebe sucht läuft in Wien im Admiral Kino.

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Filmtipp für Wien

 

Wem es am Wochenende zu heiss wird, der könnte sich in ein schönes, kühles Kino retten, um, zum Beispiel, Peter Brunners neuen Langfilm
„To the night“ anzuschauen.

Brunner ist einer der spannendsten österreichischen Regisseure und seine Filme sind immer gewaltig und gehen immer nahe, egal, ob man sie zu tiefst ablehnt oder begeister aus dem Kino taumelt. „To the night“ ist sein mittlerweile dritter Film, gedreht in New York und komplett auf Englisch.
Er beeindruckt durch seine Bildsprache, in der Details und Nahaufnahmen für ungewöhnliche (Ein)blicke sorgen, der Erzählfluss hat etwas Mäanderndes, und stellt so auch schon mal die Kontinuität der Zeit in Frage, um gleich darauf die Frage nach Zeitlichkeit als irrelevant zu entlarven. Faszinierende Geschichten entstehen so, originell, eigenwillig, fordernd, auch wenn die Komponenten, aus denen die Handlung besteht, bekannt sind. Eine Liebesgeschichte, vor einem Hintergrund aus roher Gewalt, Trauma, Obsession und Drogen, ein Hauptdarsteller der blitzschnell von unendliche zart zu rasend wechselt, ein Leben ganz am Rand eines unausweichlichen Abgrunds, zerrissen, und wahrscheinlich Scheitern verurteilt.

Bei der Diagonale in Graz gab es Stimmen, die dem Film Frauenfeindlichkeit, rückwärtsgewandte Geschlechterklischees und Ähnliches vorwarfen, das heisst eigentlich warfen sie das nicht dem Film, also der Geschichte, sondern dem Regisseur vor.
Ein Film und damit seine Filmfiguren, sind fiktionale Gestalten, sie brauchen nicht einem politisch opportunem Kanon zu gehorchen, zumal wenn an keiner Stelle dieser „Mangel an politischer Korrektheit“ propagiert wird. Filmfiguren dürfen ekelhaft sein, sich unmöglich verhalten, Mörder und Diktatoren sein, ohne dass das automatisch auf die (gesellschafts-) politische Haltung des Regisseurs schliessen lässt.

„To the night“ macht atemlos, seine Darsteller, allen voran Caleb Landry Jones und Eleonore Hendricks, sprengen mit ihren (Film) Emotionen die Leinwand, und das ist grossartig.

Der Film läuft zurzeit in Wien im Schikaneder und im Statdkino.