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#Locarno Das Wochenende

Berge und See Im Regen

 

Dunkle Wolken über Locarno
(c) ch.dériaz

 

Samstag in Locarno, das erste Festivalwochenende und dann das: Schwere dunkle Wolken hängen sowohl über dem See als auch über den Bergen. Wenn es noch nicht regnet, dann kann es nicht mehr lange dauern.
Zeit sich in einem Kinosaal in Sicherheit zu bringen.

Mis hermanos suñan despiertos von Claudia Huaiquimilla ist eine Anklage gegen das menschenverachtende Jugendjustizsystem Chiles. Ein Gefängnis für jugendliche Straftäter, die meisten eher 14/15 Jahre alt, Kinder eigentlich. Kinder aus den unteren sozialen Schichten, Kinder, die nicht mal mehr Träume haben, weil es für sie anscheinend nichts mehr zu träumen oder zu hoffen gibt. Sie werden weggesperrt, verwahrt, verwaltet, aber mehr nicht, und jedes dieser Kinder, dass das System nicht lebend verlässt, gilt den Behörden als ein Problem weniger, das gelöst werden müsste. Auf diesem faktischen Hintergrund baut die Regisseurin ihren Spielfilm, mit teilweise Amateurdarstellern, sie erzählt langsam, so, dass sich der Zuschauer der Verzweiflung und Mutlosigkeit der Insassen nicht entziehen kann. Kurze Phasen, in denen der eine oder andere es doch wagt zu träumen, mischen sich mit dem Alltag. Was bleibt, neben der Aussicht auf Nichts, ist eine starke Bindung und Solidarität unter den Kindern. Ein sehr schöner, schwerer Film.

In der Theorie wäre genug Zeit gewesen, von einem Kino zum anderen zu gehen, in der Praxis endete der erste Film, als der zweite anfängt. Ein dummer Rechenfehler. Daher: Programm im Gehen umdisponieren, Karte stornieren, neue Karte für andere Vorstellung reservieren, parallel in einen Keks beissen. Festivalalltag.

 

Kurzfilme – Dinge und Maschinen

 

Il faut fabriquer ses cadeaux von Cyril Schäublin zeigt die schöne neue Welt des virtuellen Erlebens. Allerdings mehr in der Theorie, in den Gesprächen darüber, als in der Praxis. Menschen in Betonlandschaft reden über holographisches Küssen, oder über Passwörter, um die Gedanken anderer zu erreichen. Schräg, ein bisschen beängstigend und ein bisschen zu wenig Film.

Dokumentarisch und komisch ist Ding von Pascale Egli und Aurelio Ghiradelli. Zwei Frauen, die ihre emotionale Liebe nicht auf Menschen oder Tiere richten, sondern auf Dinge, ernsthaft, ohne Zynismus. Die eine verliebt sich immer wieder in verschiede Dinge, mal in einen Kran, in einen Drucker etc., ihre aktuelle Liebesbeziehung gilt der Terrassenecke ihrer Nachbarn. Die andere liebt schon immer die schön geschnitzten Notenständer von Bechstein-Flügeln, dafür ist sie auch bereit zu stehlen, damit ihr Geliebter bei ihr sein kann. Es gibt wirklich mehr auf der Welt, als man sich vorstellen kann.

Im Animationsfilm Night lässt Ahmad Saleh die allegorische Nacht sich um Verletzte und Trauernde des Krieges kümmern. Sie schenkt Schlaf, sie schenkt Ruhe und damit die Chance auf Resilienz. Sehr schön gemacht.

A máquina infernal von Francis Vogner Dos Reis ist eine als Horrorfilm gezeigte Kapitalismuskritik. Die Maschinen einer fast ruinierten Metallfabrik grunzen, gurgelen und schnappen sich nach und nach die Arbeiter. Eine sehr schöne Arbeit mit den üblichen Geräuschen und Bildmotiven des Horrorfilms in einem Setting, das den Horror aus seiner Struktur bezieht.

 

 

Schockieren – oder nicht

 

(c) ch.dériaz

 

Angekündigt mit: Einige Bilder könnten sensible Zuschauer schockieren:
After Blue (Paradis sale) von Bertrand Mandico.
Was im Film diesen Warnhinweis rechtfertigt, erschliesst sich nicht. Angedeutete Selbstbefriedigung bei Frauen? Angedeuteter Sex zwischen Frauen? Die zwei vage erkennbaren verrotteten Leichen?
Ansonsten gibt es eine Szenerie, die an das Albumcover House of the Holy von Led Zeppelin erinnert, alles etwas verwaschen, verwunschen und in einem esoterischen Duktus. Ein Planet, auf dem nur Frauen leben, wo alles besser werden soll, als es auf der Erde war. Dazu sexuelles Begehren, ein bisschen „Heldinnenreise“, eine verschwurbelte Mischung aus Märchen, Mystik, Western und Sciencefiction und, um die 70er Jahre Bildästhetik komplett zu machen, Kaleidoskopeffekte bei Bildüberlagerungen, nicht zu vergessen: 130 lange Minuten durchgehend Musik .
Wenn das ein radikaler Film sein soll, dann hat die Kunst noch einen weiten Weg vor sich. Während der Vorstellung sind immer wieder Zuschauer rausgegangen, die eher gelangweilt als schockiert waren.

 

Monster

 

Beim Rausgehen ist klar, auf der Piazza Grande wird es am Abend nicht nur ungemütlich, sondern wirklich grausig.
Nach kurzer Pause also in die Schlange am Fevi stellen, und schauen, ob mit der Reservierung für die Piazza, wie versprochen, auch ein Platz im Fevi sicher ist.
Und ja, es funktioniert.

Die Uraufführung des Schweizer Films Monte Verità von Stefan Jäger zieht am Samstag Abend viel Publikum an. Zunächst aber gibt es einen Ehrenleopard für die Produzentin Gale Anne Hurd, eine Ehrung, die auch die Zuschauer begeistert. Monte Verità hält nicht, was er verspricht. Weder zeigt er wirklich Einsichten in das, Anfang des 20.Jahrhunderts, als radikal und innovativ geltende Sanatorium, Zufluchtsstätte für Anthroposophen, noch zeigt der Film ein Bild von sich aus den Korsetten – auch des Patriarchats – befreienden Frauen. Statt dessen, wenig packende Handlung, Darsteller, die nicht wirklich ihr Potenzial zeigen können, Musik, die mit dem Zaunpfahl winkend darauf hinweist, welche Gefühle gerade angebracht wären. Das ist schade, denn das Projekt, mit österreichischer und deutscher Beteiligung, war sicher teuer, da wäre viel mehr möglich gewesen.

Um Mitternacht dann, als Belohnung: The Terminator.
Auf der Piazza Grande wäre das sicher noch besser gewesen, aber auch im Fevi Kino ist die Leinwand sehr gross und der Sound super.
Und um zwei Uhr morgens hat dann auch endlich der Regen aufgehört.

 

 

Weite Landschaften

 

Piazza mit PardoKuh
(c) ch.dériaz

 

Noch türmen sich Wolkenberge über dem See, aber sie scheinen keine Regen zu bringen, rein dekorativ also.

Wolken über weiter Landschaft gibt es in Zahori von Mari Alessansrini. Die weite, karge Landschaft Patagoniens, wo die wenigen Menschen, die dort leben, von der Weite verschluckt werden. Eine zarte Geschichte vom Erwachsenwerden der jungen Mora, aber auch von den Kämpfen für Träume und gegen die gnadenlose Natur. Die Wege der einzelnen Figuren kreuzen sich, verbinden sich für einen Moment und driften wieder auseinander, als würde der ständig herrschende Wind sie verblasen. Der Film schafft, dass diese kargen Geschichten eine Spannung erzeugen und Interesse für die Figuren hervorrufen.

 

Kurzfilme – schwere Kost

 

Man trifft sich immer zweimal? Kaum sind die 130 mühsamen Minuten von gestern verdaut, kommt Bertrand Mandico mit einem 37 Minuten Kurzfilm schon wieder auf die Leinwand. In Dead Flash verbrät er hauptsächlich Reste aus anderen seiner Filme, was im Prinzip gut werden könnte. Wird es in diesem Fall aber nicht. Die erste Hälfte besteht wieder aus esoterischen 70er Jahre Effekten, kombiniert mit Takes, die sicher zu After Blue gehören, der zweite Teil für sich wäre sogar witzig, wenn er für sich allein stünde. Als Einheit ergibt das alles überhaupt keinen Sinn, keinen Fluss, und keinen Charme.

Dihay von Lucia Martinez Garcia ist ein experimenteller Dokumentarfilm. Die Regisseurin kündigt ihn an, als „ das in die Welt Kommen meiner kleinen Schwester“, und so irritiert ganz zu Anfang, dass man einen Jungendlichen sieht, der sich sehr schön und weiblich schminkt und zurecht macht. Vom kleinen Bruder zur kleinen Schwester in assoziativen Bildern. Hübsch.

Mask von Nava Rezvani ist der einzige narrative Film dieser Auswahl. Eine junge Iranerin lässt sich, auf Betreiben ihres Freundes, die Lippen aufspritzen. Als dieser das Resultat sieht, reagiert er nicht erfreut, sondern aggressiv-ablehnend. Eine Geschichte über das schwierige Selbstverständnis iranischer Frauen.

The Sunset Special von Nicolas Gebbe ist als Kurzfilm aus einer Multimediaarbeit hervorgegangen und arbeitet mit diversen Computersimulationen, Überlagerungen und Versatzstücken aus der Welt der Werbung. Etwas lang, aber nicht uninteressant.

 

(c) ch.dériaz

Die Taschenkontrollen haben sich tatsächlich beruhigt, es wird reingeschaut, mal ordentlich, mal nur ein kleiner Blick , aber es gibt keine tägliche Diskussionen mehr. Sehr angenehm, das Kontrollballett ist auch so reichhaltig genug.

 

 

Viel Action, viel Blut

 

Vengeance is mine, all others pay cash
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Seperti Dendam, Rindu Harus Dibayar Tuntas (Mein ist die Rache, alle anderen zahlen bar) von Edwin ist so etwas wie ein indonesischer Tarantino-Film. Kickboxen nach Strassenregeln, grosse Gefühle, Rache, Missbrauch, aber auch Witz, alles drin. Ein junges Paar mischt die fiesen Typen ihrer Gegend auf, angetrieben werden beide von sexuellem Missbrauch und Traumatisierung in früher Kindheit. Dieser Hintergrund und der Hang, sich mit allem und jedem zu prügeln, bringt sie zusammen, belastet aber im Alltag schwer die Beziehung. Brutal, blutig und auch sehr warmherzig.
Im übrigen gab es zu diesem Film keinen Warnhinweis…

 

Leinwandansichten
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Anlässlich des 70. Geburtstages der UN Flüchtlingskonvention, ist Gillian Triggs, beim UNHCR für Flüchtlingsangelegenheiten zuständig, auf der Piazza Grande zu Besuch, nicht um einen Leoparden in Empfang zu nehmen, sondern um für die Notwendigkeit der Flüchtlingskonvention zu sprechen. Und aufzurufen, auch von Seiten der Kunst, das Thema zu behandeln, weil auf diesem Weg möglicherweise mehr Empathie und Verständnis geschaffen werden kann.
Und dann muss man eigentlich hart schneiden, um auf den Film des Abends zu kommen.

Die Piazza füllt sich
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Der Jordanische Film The Alleys von Bassel Ghandur ist kein freundliches Wohlfühlmärchen. Der Mikrokosmos eines Stadtviertels in Amman, „Kleine Leute“ leben dort, Einzelhändler, Friseur, aber auch der lokale Mafiaboss und seine Leute, man kennt sich seit Generationen, und trotzdem, oder gerade deshalb, hat der Klatsch im Viertel einen hohen Stellenwert und ist gleichzeitig brandgefährlich. Aus diesem Klatsch, angefacht durch eine Erpressung wegen einer ausserehehlichen Beziehung, entsteht immer düsterer werdende Gewalt. Rache für dies, die wiederum Rache für jenes auslöst, und die Verhältnisse werden immer verworrener, auch deshalb weil sich immer jemand findet, der Teile der Wahrheit verschleiern oder beschönigen möchte. Ein ausgefeiltes Drama, actionreich auch ohne Verfolgungsjagden, eher lakonisch wie Filme des Neorealismus. Sehr spannend, sehr gut, aber auch sehr blutig. Auf jeden Fall beachtlich für einen Erstlingsfilm.

#Locarno Das Kino ist zurück

 

PardoKuh in Gesllschaft
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Taschenkontrollen

 

Kontrollen werden in Locarno ernst genommen, das heisst, dass sowohl Impfbelege als auch Testnachweise nicht nur gescannt werden, sondern es werden auch wirklich die dazu gehörenden Ausweise geprüft. So kramt man ständig in Taschen oder Rucksäcken nach nach dem, was gerade vorgezeigt werden soll. Dafür sind diese Taschen dann wieder Objekt der Kontrolle und da wird dann der Ernst doch etwas übertrieben.
Selbst wenn man die Sinnhaftigkeit von Taschenkontrollen nicht in Frage stellt, dass man immer wieder über einzelne Trinkflaschen oder sonstigen Tascheninhalt „diskutieren“ muss, ist nervenaufreibend. Neueste Idee der Kontrollierer: Rucksäcke abgeben lassen.
Nein, so geht das nicht!
Die Reaktion auf die Weigerung brachte dann eine genaue Untersuchung des Tascheninhalts und der Rucksack durfte mit ins Kino.

Kurzfilme, wild

 

Neues bei den Kurzfilmen: Eine neue Sektion corti d’autori, also Kurzfilme von schon erfolgreichen Filmemachern, wurde ins Leben gerufen. Und seit diesem Jahr werden die nationalen und internationalen Kurzfilme nicht mehr in getrennten Programmen gezeigt , sondern gemischt mit den corti d’autori vorgeführt. Das erhöht das Sehvergnügen und die Vielfalt der einzelnen Programme.

Diese erste Auswahl ist insgesamt sensationell:
Caricaturana des Berlinale Siegers Radu Jude nimmt eine Idee Eisensteins bezüglich Daumiers Karikaturen auf, und baut daraus eine filmische Variation zum Thema Bewegung und Kontext. Sehr witzig und gewitzt.

Steakhouse von Špela Čadež ist ein böser Animationsfilm über (eheliches) Miteinander, das sich als toxisches Gegeneinander herausstellt. Schön gezeichnet, zunächst in Ellipsen und Parallelmontagen erzählt, um dann einer Art Horrorfilmmontage zu weichen.

In flow of words von Eliane Esther Bots ist ein einfühlsam erzählter Dokumentarfilm über Simultandolmetscher im Den Haager Tribunal. Essayistisch gestaltet, mit eigenwilliger Visualisierung der Einsichten und Ansichten der Dolmetscher. Und dabei auch ein Stück europäische Geschichte.

Es muss von Flavio Luca Marano und Jumana Issa erzählt von einer Frau, deren Tag alles andere als gut läuft. Kurz vor der Pensionierung wird sie entlassen, die Polizei hält sie wegen einer Nichtigkeit an, und summiert dann noch weiterer Fehler dazu; als wäre das noch nicht genug, folgt am Ende des Tages der Verlust des Solistenparts im Chor. In Summe: ein Scheisstag, mit einem schrägen, coolen Ende.

Les Démons de Dorothy von Alexis Langlois fährt alles auf, was man sich an Stereotypen zu lesbischen Gore-Porn-Horror-Filmen so ausdenken kann, nutzt alle visuellen, kostümbildnerischen und Maskentricks und schickt die arme titelgebenden Dorothy in einen Albtraum. Der Albtraum wohl vieler Filmemacher, die jenseits des Allgemeintauglichen Geschichten erzählen wollen. Ganz grossartig.

 

Lieblingssitz
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Heilige, Sünder und der Kommunismus

 

Definitiv so weit ein toller Festivaltag mit wirklich spannenden und ungewöhnlichen Filmen.
Auch Nebesa von Srdjan Dragojević reiht sich nahtlos ins filmische Vergnügen.
Der Film ist barock, böse und blasphemisch!
Die Geschichte spannt sich von 1993 bis 2026 – zählt der Film damit schon zum Sciencefiction Genre? – und fängt zunächst brüllend komisch an. Der liebenswerte, freundliche und kriegsvertriebe Stojan lebt mit Frau und Tochter in ärmlichsten Verhältnissen, bis ihm beim Wechseln einer Glühbirne plötzlich ein Heiligenschein wächst.
Die Nachbarn wittern den Teufel oder werfen sich vor dem frisch gebackenen Heiligen auf die Knie, die einzige Lösung den Heiligenschein loszuwerden, scheint: sündig werden. Leichter gesagt als getan. Bis es dann plötzlich doch sehr leicht wird, und damit das ganze Komödiantische ins Böse kippt. Ein Märchen über Gier, (Aber)Glauben, eine Welt in Veränderung, bevölkert von skurrilen Figuren, wahren und falschen Heiligen, und Realitäten, die instabil und unzuverlässig sind. Ein komplexes Weltbild, das man sich leicht ein zweites Mal ansehen kann. Und Heiligenschein wird man selbst dann nicht mehr los, wenn man sich in einen ausgemachten Dreckskerl verwandelt hat.

Selbstwahrnehmung

 

Auf der Piazza Grande, diesmal ohne Regen, der französische Film Rose von Aurélie Saada. Die Geschichte einer Frau – Mutter und Grossmutter – die mit 78, nach dem Tod ihres Mannes, lernt, sich aus sich selbst heraus zu definieren. Die Befreiung von Zwängen und das Ichwerden hat nette und lustige Seiten, aber insgesamt stellt sich doch die Frage, warum alte Frauen, die sich herausnehmen, „egoistisch“ zu werden, im Film immer auf Opposition der Familie treffen. Und warum müssen diese Geschichten fast immer in Form eher sanfter Komödien erzählt werden? Es wird Zeit für starke Frauenfiguren, auch jenseits der 70, die vielleicht auch mal richtig auf den Tisch hauen, „Ich“ sagen und ernstgenommen werden (dürfen).

 

Stuhlfriedhof
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Die Stühle, die auf der Piazza jeden Abend verlässlich und laut zerbrechen, scheinen  einen feinen Sinn für Humor zu haben, und wählen gerne dramaturgische Pausen, um sich krachend  zu zerlegen.

 

Sommerstimmung

 

 

 

Morgensonne
(c) ch.dériaz

 

Einige Änderungen in Locarno sind wirklich schade, so wurde zum Beispiel das Forum Spazio Cinema, zwischen den grossen Mehrzweckhallen-Kinos, zurückgebaut. Was heisst, dass man in dieser Ecke so gut wie keine Möglichkeit mehr hat sich irgendwo halbwegs zivilisiert hinzusetzen. Die Zeit zwischen zwei Vorstellungen reicht aber nicht immer, wieder stadteinwärts zu gehen, so bleiben nur Wiesen in der prallen Sonne (oder im Regen), Bordsteinkanten und einige wenige Steinbänke. Auch ein Austausch mit anderen Festivalbesuchern wird so schwieriger. Gut ist hingegen, dass es endlich ein halbwegs verlässliches öffentliches WLAN gibt, für Besucher ohne Schweizer Handyvertrag nicht unerheblich.

 

Brüder

Ein sehr starker Erstlingsfilm ist Il legionario von Hleb Papou. Der Film vereint Bruderzwist, Rassismus in den Reihen der Polizei und Sozialkritik und macht daraus ein packendes Drama. Als einziger Schwarzer der Bereitschaftspolizei muss sich Daniel mehr behaupten, besser sein, und den Regeln mehr genügen als seine Kollegen. Gleichzeitig ist er aber auch in einem, seit 16 Jahren besetzten und selbstverwaltetem Haus aufgewachsen, in dem immer noch seine Mutter und sein Bruder leben. Er steht emotional und professionell zwischen den Fronten. Die Kamera zeigt diesen Konflikt in sehr nahen Aufnahmen, mit viel Hintergrundunschärfe, teilweise nervösen, schnellen Schnitten, teilweise bleibt sie lang auf Details oder Gesichtern und zieht den Zuschauer damit mitten in die Geschichte, lässt teilhaben am (Gewissens)Konflikt. Ein Film, der Nahe geht und nachdenklich stimmt.

 

Kurzfilme, komplex

Die zweite Runde der pardi di domani zeigt viele künstlerischen Einfälle, aber macht es teilweise trotzdem schwer den Geschichten zu folgen.

Hotel Royal von Salomé Lamas zeigt endlose Hotelflure, Hotelzimmer in verschiedenen Zuständen der Benutzung, darüber, im Off gesprochen, eine Art Szenenanweisung, die etappenweise in etwas konfuse Gedanken eines Teilzeitzimmermädchens abdriften. Die Bilder sind gut gewählt, durch die Wiederholung der Bildkomposition entsteht ein Sog, aber kein Verständnis.

Giochi von Simone Bozzelli zeigt die dunkle Seite vom Spielen. Ein kleiner Junge, der auf seine Mutter nicht mal reagiert, als diese zu ersticken scheint. Sein grosser Bruder, der von seinem Freund wissen will, was er an ein Mädchen aus einem Tanzkurs geschrieben hat. Beziehungen, die nicht so laufen, wie – mindest – eine Seite sie gerne hätte. Und dann ist da noch eine Katze, die zumindest für die Brüder die Emotionen bündelt.

Am spannendsten, auch visuell, ist Love, Dad von Diana Cam Van Nguyen. Teils Realbilder, teils Animation, eine Art digitaler Kollage, die wiederum ein Brief an den Vater ist. Ein Vater, der nur wirklich nah war, als er ein Jahr im Gefängnis verbrachte. Der Versuch einer Annäherung.

Auch die Figur in Chute von Nora Longatti sucht Nähe. Eine junge Frau, die immer wieder, scheinbar grundlos, umkippt. Im Verlauf sieht es aus, als würde sie gezielt in der Nähe von Menschen, die Stress haben, umkippen. Manche kümmern sich um die Gestürzte, andere gehen achtlos weg. Ein Schrei nach Aufmerksamkeit in einer Stadt, die leer erscheint und keine Nähe zulässt. Besonders schön sind die Bewegungen im und um die Stürzte, eine tänzerische Leichtigkeit, die surreal wirkt.

 

In der Hitze des Wahnsinns

Der soweit schrägste und intensivste Film ist Soul of a beast von Lorenz Merz.
Bilder, Geschichte., Ausstattung, Schnitt, alles schreit laut: Wahnsinn!
Ein alleinerziehender Vater, selbst noch ein Kind, der sich immer wieder kleine Ausbrüche in ein „normales“ Teenagerleben sucht, ein Leben, in dem Adrenalin und schwachsinniges Risiko dominieren. Ein Sommer, in dem die Welt aus – eventuell – kosmischen Gründen durchdreht, und eine neue Liebe, die eine Jungsfreundschaft und das ganze fragile Lebensgebilde auseinanderzureissen droht. Alles in hitzigen Bildern erzählt, oft mit hektischer, Kamera, immer wieder sehr dichte Nahaufnahmen, ein wilder, zunehmend durchdrehender Schnittrhythmus. Wild, wahnsinnig, sensationell, wenn auch an einigen Stellen etwas zu sehr ins Esoterische kippend. Atemlos.

 

Traumata und Rache

 

Was, neben der soweit sehr schönen Filmauswahl, am neuen künstlerischen Leiter Nazzaro auffällt, ist die entspannte Selbstverständlichkeit, mit der er auf der Bühne steht und agiert. Keine Scheu vor dem Publikum, kein sich Herantasten und erst Warmwerden, er scheint vom ersten Tag an ganz Zuhause zu sein auf der Bühne, und ist dabei freundlich, kompetent und vielsprachig .

Hinterland von Stefan Ruzowitzky ist der erste wirklich grosse Film auf der Piazza. Ein wuchtiges Werk, das die grosse Leinwand wirklich nutzt. Angesiedelt im Jahr 1920 zeigt der Film eine kleine Gruppe Kriegsheimkehrer, zerlumpt, verwundet, nach zwei Jahren Gefangenschaft gebrochen. Sie kommen in eine Welt, die nicht mehr die ist, aus der sie aufgebrochen sind. Aber nicht die Traumata und das soziale Elend der Zwischenkriegszeit sind das Thema, sondern die Ermittlung um einen grausamen Serienmörder, der es allem Anschein nach auf Kriegsheimkehrer abgesehen hat. Die solide, spannende Krimi-und Rachegeschichte ist aber nur ein Teil, der den Film so beindruckend und gewaltig macht. Der andere Teil ist das visuelle Konzept, ein nachgebautes, gemaltes, computergestaltetes Wien, das aussieht, als hätten sich Egon Schiele und Marc Chagall zusammengesetzt, um es zu malen. Häuser, Türme, Strassenschluchten, nichts ist gerade, alles kippt und fällt, wie schlechte Zähne, oder wie sich die Welt für die traumatisierten, verwirrten Soldaten sich anfühlen muss. Die dadurch entstehende Künstlichkeit der Szenen gibt dem Film etwas, das die reine Krimigeschichte nicht hätte. Sehr beeindruckend.

 

Leoparden überall
(c) ch.dériaz

 

 

Cinema is back steht vor jedem Film kurz auf der Leinwand. Was die ersten Tage in Locarno angeht, stimmt das sicher. Ins Kino gehen, in all seinen Facetten ist wieder machbar.

 

#Locarno Die Eröffnung

Piazza Grande im Regen
(c) ch.dériaz

Die Kraft der Kultur

Als gestern Abend die 74. Filmfestspiele in Locarno eröffnet wurden, stand für Festivalpräsident Marco Solari einmal mehr die einende Kraft der (Film)Kultur im Vordergrund. Trotz aller Unkenrufe, Widrigkeiten und Pandemierückschläge glaubte das Team an das Wiedererwachen des Festivals in – fast – normaler Form und Grösse.

Das zweitälteste europäische Filmfestival versteht sich als gleichermassen lokal verwurzelt wie auch international vernetzt, es verbindet Intellektualität und Glamour zum anfassen, und es kämpft unermüdlich für die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks.
Das alles wurde und wird wertgeschätzt und, nicht zuletzt, auch finanziell belohnt.
Gerade wurde die Förderung des Festivals sowohl vom Kanton als auch vom Bund erhöht. Locarnos Filmwelt hat viele Fans und Freunde, nicht zuletzt den für Kultur (und Gesundheit) zuständigen Bundesrat Alain Berset.

 

Der – fast – Neue

 

Giona A. Nazzaro
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Giona A. Nazzaro hat nach dem überraschenden Abgang von Lili Hinstin die künstlerische Leitung übernommen. Nazzaro ist in Locarno kein Unbekannter, der Filmjournalist und Festivalkurator kümmerte sich in den vergangenen Jahren immer wieder um deutschsprachige Gäste und moderierte Filmgespräche. Entsprechend unverkrampft und selbstverständlich trat er am Abend vor sein erstes Locarno Publikum, mit fröhlichem Charme und lässiger Ernsthaftigkeit.

Check und Re-check

Natürlich ist alles ein bisschen komplizierter dieses Jahr. Neben allen, hauptsächlich online zu tätigenden, Käufen und Reservierungen, wird auch an „jeder Ecke“ der Impfstatus kontrolliert. Und Kontrollen werden hier durchaus ernst genommen. Heisst: QR-Code herzeigen, scannen lassen, Ausweis hervorkramen, dann QR-Code vom Ticket beim nächsten Kontrollpunkt checken lassen, und da fehlt momentan noch die Taschenkontrolle, die ja schon seit Jahren lästiger Alltag geworden ist. Am Eröffnungsabend ging das, zumindest auf der Piazza Grande, gut und schnell, allerdings hat es auch geregnet und es waren entsprechen nur wenige Zuschauer vor Ort.
Wie das bei Vollbesetzung oder in den grossen Kinos wird, muss sich noch zeigen.

Regenwolken über der Leinwand
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Das bisschen Regen

 

PardoKuh zurück vor der Leinwand
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Das bisschen Regen und die eher unangenehm tiefen Temperaturen schrecken wahre Freunde der Piazza Grande natürlich nicht ab. Und so fanden sich am Abend dann doch gar nicht so wenige Zuschauer, eingepackt in Regencapes, auf den unbequemsten Kinostühlen im schönsten Freiluftkino, ein.
Weniger mutig war diesmal das Festivalteam, die Zeremonie fand im Fevikino statt und wurde auf die Piazza übertragen. Dennoch, schöne Worte, Vorfreude und ein erster Ehrenleopard an die Schauspielerin Laetitia Casta, die mutig auf Italienisch sprach.

Und dann endlich: Locarno ist wirklich eröffnet, der erste Abendfilm startet.

Beckett rennt

In Welturaufführung, Beckett von Ferdinando Cito Filomarino, ein Actionfilm mit einem unermüdlich rennenden John David Washington.
Beckett rennt und Leichen pflastern seinen Weg, wäre die Kurzfassung.
Man kann über den Film kaum sprechen, ohne mit jedem Satz zu viel zu verraten. Beckett, ein amerikanischer Tourist in Griechenland, findet sich nach einem Autounfall plötzlich verletzt und verfolgt und zwischen irgendwelchen Fronten wieder. Wer ihm warum nach dem Leben trachtet, ist unklar, aber ihm bleibt nichts anderes übrig als zu flüchten, mit Gipsarm, angeschossen, allein und schmutzig. An jeder Ecke Verrat, trauen kann er anscheinend niemandem und das Warum der ganzen Geschichte erschliesst sich auch nur teilweise. Washington trägt den Film mit seiner sehr greifbaren Körperlichkeit und Präsenz, spannend ist es auch – irgendwie. Aber man fragt sich schon die ganze Zeit, warum die „Bösen“ den ersten Schuss überhaupt abfeuern, denn ohne diese dumme und sinnlose Aktion, hätte keiner Probleme. Aber wahrscheinlich ist das auch eine müssige Betrachtung, die auf die meisten Dramen zutrifft, und ohne den ersten, mehr oder weniger dummen Schritt, kein Drama, heisst auch: keine Geschichte, keinen Film. Wie der Film im Fevi aufgenommen wurde, weiss ich nicht, auf der Piazza war der Applaus mehr als verhalten, aber es war auch schon spät und nass und kalt und es hätte ohnehin keiner der Beteiligten gehört.

Auch an diesem ersten Abend ist auf der Piazza einer der Plastikstühle mit lautem Krachen zerbrochen, manche Sachen ändern sich irgendwie nie.

Die Stühle
(c) ch.dériaz

#LocarnoFestival Vorfreude

Vorbereitung Locarno
(c) ch.dériaz

Locarno die 74. Vorbereitungen

In gerade mal einer Woche wird die riesige Leinwand auf der Piazza Grande in Locarno wieder mit Licht, Schatten und Bewegtbildern gefüllt sein.
Im letzten Jahr gab es nur eine „abgespeckte“ Festivalversion und vor allem:
Ohne Filme auf der Piazza, es fehlte damit das Herzstück des Festivals.
Dieses Jahr also wieder ein komplettes Programm an allen Spielorten.

Alles wie gehabt und alles auch neu.

2021 gibt es eine FestivalApp für Online Anmeldung und Sitzplatzreservierung, Maskenpflicht und verringerte Besucherzahl in den Sälen und, mit Giona A. Nazzaro, einen neuen künstlerischer Leiter.
Genug Gründe gespannt auf diese Ausgabe zu sein.
Das Programm klingt auf jeden Fall spannend.

 

Nicht ohne Handy

Das Mobiltelephon wird bei dieser Ausgabe eine zentrale Rolle bei jedem Besucher spielen. Nicht nur braucht man es, um Impf- oder Teststatus EU-konform nachzuweisen, auch ohne die FestivalApp wird es schwierig.
Nach etwas zähmen Anfang am ersten Tag, funktioniert die App aber jetzt problemlos.

die App

 

Karten kaufen oder reservieren, Sitzplätze auswählen, Programm anschauen, alles handlich und für die Hosentasche.

 

Masken, Tests, Impfungen

Ohne wird in Locarno nichts gehen, so zumindest der Plan. Ob und wie weit dann bei jedem Kino, bei jeder Veranstaltung wirklich so kontrolliert werden wird, wird sich zeigen.
Selbstverständlich gilt in allen Kinos Maskenpflicht.

Die Vorstellungen sind zeitlich etwas entzerrt, sodass Zeit zum Lüften der Säle bleibt, aber eben auch Zeit für die umfangreicheren Kontrollen. Möglicherweise werden durch all diese Massnahmen die Verspätungen, die spätestens ab der zweiten Vorstellung des Tages lästige Normalität sind, ein wenig eingedämmt.

Die Leinwand

 

Das grösste und schönste Openair Kino ist auf jeden Fall bereit.
Am 4. August, pünktlich um 21.30, wird es feierlich losgehen, erster Film des Festivals: Beckett von Ferdinando Cito Filomarino.

Alles zum Festival, zu den Filmen und zur Stimmung in Locarno gibt es dann ab 5. August hier zu lesen.

#FestivalTipp für Berlin

 

(c) Film:Schweiz


Schweizer Filme in Berlin

 

Das Filmland Schweiz führt, unberechtigter Weise, ein Schattendasein in europäischen Kinos. Mal werden die Filme nicht als schweizerisch wahrgenommen, weil sie in Koproduktion mit den jeweils „grossen“ Nachbarn entstanden sind, oder sie schaffen es, ausser zu Festivals, kaum auf ausländische Leinwände. Unwissen und Vorurteile – die sind alle auf Schweizerdeutsch – herrschen, und so entgeht dem europäischen Publikum ein interessanter und vielschichtiger Teil europäischen Kunstschaffens.
Abhilfe schafft da das bereits zum 3. Mal stattfindende Festival
Film:Schweiz.
Kuratiert und organisiert wird es von der in Berlin lebenden Schweizerin Teresa Vena. Diese Ausgabe war für April 2020 geplant, musste aber aus bekannten Gründen abgesagt werden. Nun kann das Festival endlich stattfinden, vom 29.7. bis 4.8. kann man sich im
Kino in der Brotfabrik ein Bild vom Schweizer Filmschaffen machen, das sollte man nicht verpassen.

 

Hier einige Filmtipps

 

Eröffnet und in Anwesenheit des Regisseurs wird mit Der Büezer“.
Hans Kaufmann hat den Film mit kleinem Budget und ohne weitere Förderung realisiert. Die Geschichte eines lieben Kerls, der eigentlich nur gern ein bisschen mehr Geld und eine nette Freundin hätte. Aber auf dem Bau, wo er als Installateur arbeitet, herrscht ein rauer, sexistischer Umgangston, beim Versuch eines Dates per Tinder verschwindet die Dame, nachdem sie gehört hat, dass er nur ein einfacher Arbeiter ist. Eine junge Frau, die er zufällig trifft, entpuppt sich als Mitglied einer religiösen Gruppe, und der väterliche Freund als Zuhälter minderjähriger Migrantinnen. Nach der Verzweiflung folgt die Wut, und die bricht sich in bester Taxi Driver Manier ihren Weg. Spannend ist das vor allem wegen des Spiels von Joel Basman, der von zart, schüchtern und zurückhaltend zum „Tier“ mutiert, um dann in eine Art leuchtende Ruhe zurückzufinden.

KurzfilmTipp

 

Der Kurzfilm „All Inclusive“ von Corina Schwingruber Ilić, erzählt kurz, bündig und in tollen Bildern vom Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff, dokumentarisch und satirisch. Wer danach noch eine Kreuzfahrt machen will, ist selber Schuld.

DokumentarfilmTipp

 

Das Leben vor dem Tod“  von Gregor Frei macht es dem Zuschauer am Anfang etwas schwer, gewinnt aber im Verlauf enorm. Der Dokumentarfilm begleitet über 4 Jahre den Vater des Regisseurs und dessen Nachbarn in einem kleinen Tessiner Dorf. Am Anfang steht die Idee des Vaters, der sich nicht damit abfinden kann und will, dass sein Nachbar seinen Freitod vorbereitet, und deshalb einen Film darüber machen will. Zur Unterstützung des Projekts bittet er seinen Sohn um Hilfe. Geplant ist, eine Gesprächssituation zu filmen und mit den Gesprächen das Thema auszuloten. Und diesen Anfang, an dem der Film noch keinen eindeutigen geistigen und künstlerischen „Vater“ hat, in dem es geschwätzig aber nicht interessant zugeht, gilt es zu überstehen. Danach läuft der fast experimentelle Film über die ganz grossen Fragen des Lebens wunderbar, und lässt die Zuschauer nachdenken, lachen und mitfühlen, ohne ins Trostlose zu kippen.

 

schweizer bier
Mit Glück wird es in Berlin in der Brotfabrik auch Schweizer Bier geben. (c) ch.dériaz
RadikalesKino

 

Innovativ, radikal und avantgardistisch ist der Film Das Höllentor von Zürich“
von Cyrill Oberholzer. Der Film spielt mit Kameraeffekten, Fehlfarben und Computerbildern, die Bildausschnitte, Perspektiven und Schnittfolgen sind von Danny Boyds „127 hours“ 1:1übernommen, und auch die Situation des Feststeckens, allein und in aussichtsloser Lage entspricht dem Original. Bloss, dass alles von Anfang an in rauschhaftem Wahnsinn daherkommt. Anders als im Vorbild, steckt nicht ein Mann in einer Felsspalte fest, sondern eine junge Frau, und zwar mit einem Finger im Abfluss ihrer Badewanne. Daraus wird eine Art Trip, der in seiner Bildstruktur und Bildgestaltung eine grandiose Übersetzung der psychedelischen Filme der 60er und 70er Jahre ist, aber eben mit den visuellen Spielereien, die heute machbar und (aus)denkbar sind. Eine echte Entdeckung, ein gelungener, anstrengender Film, auf den man sich einlassen muss.

 

Dürrenmatt im Film

Zusätzlich zum aktuellen Filmgeschehen gibt es einen Fokus auf Friedrich Dürrenmatt, in diesem Kontext gibt es zwei Filme und eine Lesung.
Gezeigt werden: Der Richter und sein Henker (1975)
und auch
Es geschah am hellichten Tag (1958).
Der Film nach einem Drehbuch von Dürrenmatt – der im Nachhinein daraus den Roman „Das Versprechen“ verfasste – ist dank seiner Präsenz im Fernsehen möglicherweise eine der bekanntesten Schweizer Produktionen, aber auch dieser Film gehört ins Kino.

Die Auswahl zeigt, das Filmschaffen der Schweiz ist genauso wenig homogen wie, zum Beispiel, das der USA, und es verdient auf jeden Fall ein grösseres Publikum auch ausserhalb der Schweiz. Dieses Festival leistet die dafür notwendige Pionierarbeit.
Das gesamte Programm gibt es hier.

 

 

# Die Frauen und der Film

Goldener Bobby, oder: Mit der Faust auf den Tisch schlagen
(c) ch.dériaz

 

Ein Ärgernis

Worüber wir mal wieder reden sollten: Frauen im Film(geschäft).
Nein, nicht Frauen auf der Leinwand, nicht über das immer noch altväterliche Frauenbild in vielen Filmen, sondern über die Frauen, die „hinter der Kamera“ arbeiten könnten, wenn man sie liesse.

Unter Palmen

Gerade hat in Cannes eine Frau die Goldene Palme gewonnen.
Das ist super.
Das wäre super, wenn Julia Ducournau in 74 Ausgaben der Filmfestspiele von Cannes nicht erst die zweite Frau – nach Jane Campion (1993!) – wäre, der diese Auszeichnung zuteilwurde. Und wenn nicht von den 24 Filmen im Wettbewerb nur 4 von Frauen inszeniert worden wären.
Und wenn bei den weiteren Preisträgern mehr als nur eine Kamerafrau, Caroline Champetier bei Leo Carax‘ Annette, und zwei Cutterinnen, Nelly Quettier, ebenfalls bei Annette, und Hayedeh Safiyari bei Asghar Farhadis A Hero, beteiligt gewesen wären.
Das ist zu wenig.

Zumal es, theoretisch, nicht an Frauen mangelt, die Regie führen, Kameras bedienen, Filme schneiden können. Die Filmhochschulen, um der Einfachheit halber nur diesen Ausbildungsweg zu nennen, bilden etwa gleich viele Männer und Frauen aus. Aber irgendwann nach ihrer Ausbildung verschwinden viele Kolleginnen im Nichts.

 

Die Anfänge

Als der Film sich erfand, hatte er nicht nur Gründungsväter, sondern auch viele Gründungsmütter. Aber damals hat wohl niemand dem neuen Spielzeug zugetraut, wichtig zu werden, gar Geld zu bringen. Und so kam das frauenfeindliche gesellschaftliche Korsett nicht zur Anwendung. Erst als der Film das Versuchsstadium und die Jahrmärkte verliess und anfing, wirtschaftlich interessant zu werden, griff das übliche Muster, und Frauen verschwanden langsam aus der Branche, zumindest da, wo sie sichtbar waren.

Eine Zeitlang, bevor man verstand, dass der Filmschnitt eine eigene künstlerische Gattung ist, durften Frauen noch schneiden, so wie sie Sekretärinnen sein durften. Aber je mehr der Film wuchs, je mehr Geld damit gemacht werden konnte, um so mehr wichen die Frauen. Beim Fernsehen dominierten die Frauen im Schneideraum, aber das war sprichwörtlich im Dunkeln, hinter den Kulissen. Sobald es um Kinofilme ging, wurden Männer engagiert.

Warum?

Egal ob Regie, Kamera, Schnitt oder Ton, es geht einerseits um Talent, dann um Handwerk und am Ende darum beides so zu verbinden, dass aus vielen künstlerischen Einzelteilen ein grösseres Ganzes wird.
Dafür braucht es keine primären männlichen Geschlechtsorgane.

Für manche Arbeiten braucht es eventuell mehr Kraft, aber es gibt sowohl zierliche, unsportliche Männer, wie sportliche, starke Frauen, Durchhaltevermögen ist nicht abhängig von XX oder XY, Phantasie ist an kein Geschlecht gebunden.

Warum stehen nicht mehr Kamerafrauen, Tonmeisterinnen, Regisseurinnen, Produzentinnen, Cutterinnen im internationalen Rampenlicht?

Harte Themen nur für Männer

Ein weiteres Vorurteil hält sich hartnäckig: Frauen taugen nicht für Actionfilme, für harte Geschichten, für Grausiges und Abseitiges.
Falsch!
Der Cannes Siegerfilm Titane von Julia Ducournau ist ein Science-Fiction-Film, dem es an Gewalt nicht mangelt, auch Kathryn Bigelows Filme sind kein seichtes Erzähl- oder Wohlfühlkino, und kürzlich hat Kamerafrau Agnès Godard in einem Interview gesagt, sie würde gerne einen Kriegsfilm drehen.

Die Kunst in der Filmkunst ist, das Können und Wissen jedem Stoff zur Verfügung zu stellen, unerheblich, ob man ein sensibles Kammerspiel, ein rasantes Kriegsdrama, einen wilden Akttonfilm, oder, oder, oder, vor sich hat.
Jeder Film hat seine eigenen Anforderungen, das Spannende an der Arbeit mit Geschichten setzt genau dort an, sich hineinzufühlen- oder zuwühlen, um das beste daraus zu machen. Dafür muss man im realen Leben weder eine Draufgängerin noch eine Kampfmaschine sein, es braucht nur das Verständnis für die Notwendigkeiten des jeweiligen Stoffs, mehr ist es nicht, bei keinem Film.

Kamerapreis

In diesem Jahr ging sowohl der deutsche als auch der österreichische Kamerapreis an eine Frau, an Christine A. Maier für ihre grossartige Arbeit bei Quo vadis, Aida?

Anlässlich der Verleihung in Österreich hielt Kamerafrau und Vorsitzende des österreichischen Kameraverbands, Astrid Heubrandtner, eine bemerkenswerte Rede zum Thema, sie endete mit dem Aufruf: engagiert die vielen gut ausgebildeten Frauen der Filmbranche.
So einfach könnte es sein.

 

Quoten?

Sind Quoten eine Lösung? Vielleicht.
Zumindest so lang bis sich herumgesprochen hat, dass man bei jedem Projekt eine bestimmte Person, mit bestimmten Qualitäten auswählt, unabhängig von dem, was in der Hose oder nicht in der Hose ist. Auch Festivals täten gut daran, mehr auf eine gleichmässige Verteilung zu achten, bei den Festivals, wo das schon stattfindet, gewinnen in letzter Zeit vermehrt Filme von Frauen.

Was für die Vorstandetagen von Multinationalen Betrieben gelten soll, kann gut auch für die Filmindustrie gelten.

#Diagonale: Der Schluss

 

Mit Sack und Pack ins Kino
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Mit Sack und Pack ins Kino

 

Ein letzter Film noch, bevor es wieder zurückgeht, die Wahl fällt auf Der schönste Tag von Fabian Eder.
Der Saal füllt sich, die Plätze nicht ausgeschöpft, aber doch nicht so schlecht, für einen Dokumentarfilm, um 10 Uhr am Sonntagmorgen.
Ein Film, in dem, in weiten Teilen, Menschen reden, also Talkingheads, sie reden zum Thema Holocaust. Trotzdem ist das einer der besten Filme, die dieses Jahr zu sehen waren. Zum einen, weil der Film sich und dem Zuschauer Zeit lässt, zum anderen, weil eine der zentralen Ideen darin besteht, jeden Zeitzeugen mit einem jungen Menschen – meistens deren Enkel – in ein Zugabteil zu setzen, und das dort entstehende Gespräch mit sechs Kameras zu drehen. In Ruhe, mit viel Sensibilität. Ein privater Dialog, zwischen Menschen, die einander kennen und vertrauen.
Parallel zu diesen intergenerationalen Gesprächen geht es um die, seit 2013 im Umbau befindliche, Ausstellung in der KZ Gedenkstelle in Auschwitz, zur Rolle Österreichs während des Dritten Reichs. Auch hier: sprechende Menschen. Sie tun das eloquent, ruhig, und ohne filmischen Schnickschnack.
Dazwischen immer wieder vor allem: Zeit und sehr, sehr gute Bilder.
Selten ist ein so komplexes Thema, so ruhig, sensibel und, über 112 Minuten, spannend dargebracht worden. Dieser Film ist einfach toll.

Hinter den Kulissen ist es auch spannend

Es hat sich auch gelohnt, zur Diskussion nach dem Film zu bleiben, denn da lüftet sich das Geheimnis, um die Bilder im Zug: Das Abteil ist zum Drehen nachgebaut worden, während der Gespräche lief „live“ dazu der bewegte Hintergrund, wodurch eine absolut glaubwürdige Zugfahrtillusion entstand.
In den Film kamen, von den 23 gedrehten Dialogpaaren letztlich nur 4, die anderen werden als jeweils einzelne Gespräche gezeigt werden, im Fernsehen oder auch in Schulen.
Eine besondere Freude: der Film gewann den Publikumspreis der Diagonale.
Was wieder zeigt, man kann, man darf und muss dem Kinopublikum etwas zumuten.

 

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Die Preise 2021

Den Grossen Diagonale Preis/Spielfilm gewann Evi Romen für Hochwald.
Der Grosse Diagonale Preis/ Dokumentarfilm geht an Tizza Covi und Rainer Frimmel für Aufzeichnungen aus der Unterwelt

Die beiden Preise für die beste künstlerische Montage gehen an:
Karina Ressler und Joana Scrinzi für Fuchs im Bau
und an Yves Deschamps und Hubert Sauper für den Schnitt des Dokumentrafilms Epicentro.

Die Preise für die beste Bildgestaltung gehen an zwei Filme, die ich nicht gesehen habe.
Für die beste künstlerische Bildgestaltung/Dokumentarfilm geht der Preis an:
Jordane Chouzenoux für Wenn es Liebe wäre.

Für die beste künstlerische Bildgestaltung/Spielfilm  an Ludwig Wüst, für seinen Film 3.30PM.
Auch ohne den Film gesehen zu haben, mutet diese Entscheidung etwas seltsam an, da im Katalogtext folgendes zur Kamera/Bildgestaltung zu lesen ist:

Durch eine niedrigauflösende Bodycam, die einem der Darsteller an die Brust geheftet ist, „schafft sich der Regisseur während der Dreharbeiten ab“, wie Wüst es selbst bezeichnet.

Das mag als künstlerisches Mittel toll, oder spektakulär oder einfach nur originell sein, und der Preis heisst ja auch „für beste Bildgestaltung“ statt „Beste Kamera(arbeit)“, aber schöner wäre es schon, wenn den Preis auch Kameraleute bekämen.
Aber, wie so vieles, vielleicht ist auch das wieder nur geschmäcklerisch.

Alle Preise auf der Seite der Diagonale

 

Das war’s aus Graz, die Diagonale 2021 ist vorbei, vieles war anders als gewohnt, aber die Stimmung war gut und entspannt. Und es war eine so grosse Freude, endlich wieder ins Kino gehen zu können.
Die Diagonale 2022 wird vom 5. bis 10. April stattfinden.

Wie gemalt, Licht in Graz
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#Diagonale: Geschichte(n)

 

Gut, dass es Kino gibt

 

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Von Tigerinnen

 

Seiteneingang gefunden
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Die Diagonale nähert sich dem Ende, gleichzeitig wird das Wochenende wohl nochmal ein Zuschauerplus bringen.

Bereist am Morgen ist es beim Dokumetarfilm I am the Tirgress von Philipp Fussenegger, Dino Osmanovic ziemlich voll. Die titelgebende Tigerin ist kein Raubtier, sondern eine amerikanische Bodybuilderin Ende 40. Kein glamouröses Leben, sondern täglicher Kampf: Muskelaufbau, der schmerzt, blöde Kommentare zu ihrem Körper auf der Strasse, Rassismus, Shows, bei denen von Anfang an klar ist, wer gewinnen wird, dennoch, aufstehen und weitermachen scheint ihr Lebensmotto zu sein. Und dabei reisst sie die Zuschauer mit, schon von der Leinwand herunter verbreitet sie gute Laune, als sie und das Team am Ende vor der Leinwand stehen, gibt es tatsächlich Johlen und Jubeln. Eine starke Frau, die sich nicht scheut auch Verwundbarkeit zu zeigen, deren Muskeln kein Panzer sind, sondern ihr Mittel zu Selbstakzeptanz.

 

Beifall für: I am the Tigress
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Wann ist wo Heimat?

 

Weiyena – Ein Heimatfilm von Weina Zhao, Judith Benedikt. Weina Zhao, gebürtige Chinesin, aufgewachsen in Wien, sucht nach den Wurzeln ihrer Familie, und erzählt dabei die Geschichte Chinas seit dem frühen 20. Jahrhundert. Eine harte Geschichte, die auch in ihrer Familie Spuren hinterlassen hat, und die die Beziehung zu Heimat noch weiter hinterfragt. Ein Film, der über mehrere Jahre hinweg entstanden ist, sehr persönlich und trotzdem sehenswert für Aussenstehende.

 

Geschichte – Oscarnominiert

 

Neuere Geschichte, direkt vor unserer Haustür, als Spielfilm verdichtet, personalisiert, so kann man Quo vadis Aida? von Jasmila Žbanić kurz zusammenfassen.
Die Bilder sind seit 25 Jahren immer wieder Teil der Fernsehnachrichten: Menschen, die vor der UN-Schutzzone warten, in der Sonne, hilflose UN-Blauhelmsoldaten, das Aufteilen in Männer und Frauen, Busse, die die Gruppen abtransportieren.
Kann man aus dem Massaker von Srebrenica einen Spielfilm machen?

Die UN-Dolmetscherin Aida, die in dem Chaos in der UN-Schutzzone neben ihrer Arbeit auch noch versucht, ihren Mann und ihr beiden Söhne zu retten, macht aus Geschichte eine Geschichte. Das ist gut und das ist wichtig. Was neben dem tollen, ausdrucksstarken Spiel von Jasna Đuričić besonders überzeugt, ist die Bildgestaltung. Kamerafrau Christine A. Maier orientiert sich an der Farb- und Lichtstimmung der 90er Jahre Bilder, erschafft dabei Neues und baut das Bekannte nach. Das Ergebnis ist gleichermassen beeindruckend wie auch erschütternd. Die Kriege, besonders die in unserer Nachbarschaft, dürfen nicht vergessen werden, wenn Spielfilme dazu beitragen können, dann ist das gut.
In Österreich kommt der Film Ende Juni in die Kinos.

 

Keine Lobby

 

Eine ganze Kategorie Filme hat es besonders schwer ausserhalb von Festivals gesehen zu werden, die sogenannten Innovativen- oder Experimentalfilme.

 Fragebogen von Antoinette Zwirchmayr, legt im OFF gestellte Fragen aus einem Buch von Max Frisch über statische, stumme, schwarz-weiss Bilder ihres Grossvaters. Antworten gibt es keine. Eine eigenartige Komposition.

film von Marlies Stöger, André Tschinder ist Teil einer Idee, die schon einige Ausführungen hatte: das Erstellen der neuen Kunstform Zu-Realismus. Mit sparsamen, aber intelligenten Mitteln wird das zu-realistische Manifest erklärt.

We’ll always have Paris von Ella Raidel ist ein Spiel mit Erwartungen. Was sehen wir, wenn wir etwas sehen? Und können wir uns immer auf unsere Sinne verlassen? Besonders im Kino sollte man das infrage stellen.

Traces von Stephanie Rizaj, Marvin Kanas verwirrt mit wechselnden Motiven. Einerseits karge Landschaften, dann wieder städtische Oberflächen, Häuser, Risse, Wege, dazu Kinderstimmen, die von Träumen erzählen. Der Reiz dabei: Welchen Reim man sich darauf macht, muss man selber finden.

Ruins in reverse von Olena Newkryta ist ein langes Philosophieren über die politische, ideologische Implikation von Bauruinen. Auch das ist zunächst sehr fremd, aber auch wieder spannend.
Filme zum Nachdenken, zum Weiterdenken, die man vielleicht doch auch bei Gelegenheit einem breiteren Publikum zutrauen kann.

 

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#Diagonale: Perspektiven

 

Schubertkino
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Die letzte Reihe

 

Ein ganzer Tag fast ohne Kino, der der persönlichen Virenbekämpfung gewidmet war. Am Abend ist dann doch noch ein Kinobesuch möglich. Durch die automatische Platzvergabe bei der Onlinebuchung entstehen völlig neue Perspektiven in Kinosälen, so sieht der kleine Schubert 2 Kinosaal aus der letzten Reihe fast gross aus, allerdings erscheint die Leinwand dann doch eher winzig. Und, wer hätte das gewusst, in der letzten Reihe gibt es Doppelsitzbänke: Knutschkinositze!
Auch der Film des Abends war nicht wirklich geplant, sondern den Reservierungsmöglichkeiten geschuldet.

 

Rhythmusgefühl

 

Man muss Thomas Antonic dankbar sein, dass er mit One More Step West Is the Sea: ruth weiss, die Künstlerin und Beatpoetin Ruth Weiss auf die Leinwand bringt, was er dann allerdings aus dem Material dieser grossartigen Frau macht, ist deprimierend. Zwischen 2017 und 2019 dreht er in Kalifornien Interviews, Lesungen, begleitet die 1928 geborene Dichterin. Man sieht eine aktive, frech blitzende alte Dame, die eloquent über Dichtung, Film und Rhythmus spricht. Man hört alte und neue, von Jazz begleitete, Lesungen, alles höchst strukturiert, die Bilder dazu sind es aber nicht. Sie beziehen sich in keiner Form auf den Sprachrhythmus, weder in dem sie ihm folgen, noch indem sie ihm widersprechen – was auch eine Möglichkeit wäre. An vielen Stellen kleben Interviews viel zu nah an Sequenzen mit Lesungen, man stolpert als Zuschauer, kann weder das eine geniessen, noch dem anderen wirklich zuhören. Immer wieder gibt es Verlegenheitsüberblendungen, an Stellen, an denen man ganz entspannt hätte hart schneiden können. Oder es werden Photos von Zeitgenossen der Protagonistin als Bildüberlagerung eingeblendet, aber so kurz, dass man fast keine Zeit hat, zu sehen, wer da im Bild aufflackert. Das alles ist jammerschade! Die Bilder und die Poetin hätten einen besseren Schnitt verdient.

Kurzfilme … ein Versprechen

 

Am Morgen gleich ein Kurzspielfilmprogramm, vier Filme, die alle Menschen am Rand der Gesellschaft zum Thema haben.
Ein Jugendlicher, der gerne Teil der lokalen Gang wäre, von der er aber nie so wirklich ernst genommen wird, egal was er für sie tut.
Dominik Galleya und Clemens Niel zeigen diese Geschichte in tauchen, mit viel Empathie aber auch mit einer Portion absurdem Humor.
Gegen Ende surreal ist Liebe, Pflicht & Hoffnung von Maximilian Conway. Eine Supermarktangestellte, die erst ihren Job verliert, der man den Strom abschaltet, der die Räumung droht, und immer bleibt in ihr ein Schimmer Hoffnung, egal wie fest und schnell die Schläge gegen sie geführt werden.
In FABIU von Stefan Langthaler stellt sich ein alter Mann seinen – unterdrückten – Gefühlen, als er statt einer weiblichen Pflegerin für seine Frau einen jungen Mann aus Ungarn als 24-Stunde Pflege bekommt. Sehr schön gedreht, mit vielen extrem nahen Bildern.
In Fidibus von Klara von Veegh irrt eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn durch die Kälte. Ist sie obdachlos, oder läuft sie weg? Der Film spielt mit traumartigen Sequenzen, die lange offen lassen, was wirklich passiert ist.
Von allen Regisseuren und Regisseurinnen möchte man gerne mehr sehen.

 

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Reihe eins ist ganz hinten

 

 

Luxussitze ganz Hinten
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Das Onlineticket weist aus: Reihe eins, das klingt nicht so toll, aber in der vordersten Reihe angekommen stellt sich heraus, in diesem Kino wird von hinten nach vorne gezählt. Also, auf nach ganz oben, wo vornehme (Kunst)Ledersessel mit extra breiten Armlehen zum fläzen einladen. Auch das ist ein neuer Blickwinkel. Aber recht voll werden die Säle weiterhin nicht, und das liegt nicht an der verminderten Platzzahl, denn die erlaubten Plätze sind nicht alle besetzt.

 

Dazugehören

 

Hochwald von Evi Romen ist relativ gut besucht, aber dieser tolle Film braucht viel mehr Publikum.
Mario gehört irgendwie nirgends richtig dazu, in seinem Bergdorf nicht, in der Stadt nicht, zu anders scheint er zu sein, aber wer er genau ist, das zeigt er auch keinem. Sein bester Freund scheint es besser getroffen zu haben, er kommt aus der reicheren Familie, hat ein Begabtenstipendium bekommen und lebt auch seine Homosexualität unbekümmert aus. Eine Tragödie wirft Mario dann völlig aus der Bahn. Aber es ist nicht die starke Geschichte, die so beeindruckt, sondern die Machart, wie sie visuell umgesetzt ist. Die Figuren haben Raum zu spielen, weil sie nicht in einem Korsett aus Schnitt/Gegenschnitt gefangen sind. Der Schnitt ist rasant, lässt Sprünge zu und bleibt trotzdem absolut im Fluss und der Geschichte treu. Wirklich sehenswert.

Das kann man über Risiken und Nebenwirkungen von Michael Kreihsl nicht sagen.
Szenen zweier Ehen, in denen es darum zu gehen scheint, ob man(n) seiner Partnerin eine Niere spendet. Als sich der eigene Mann ziert, willigt der Mann der anderen ein, zu spenden, was wiederum Streit zwischen allen auslöst. Am Ende geht es eigentlich bloss um simple eheliche Untreue. Der Film basiert auf einem (Boulevard)Theaterstück, aber jede Pointe, jedes Tempo fehlt, zudem spielen drei der vier Hauptdarsteller in jeder Szenen so, als würden sie am Ende des Dialogs in schallendes Gelächter ausbrechen. Dabei ist es egal, ob da gerade Ernstes verhandelt wird oder gestritten wird, Gestik und Mimik sind hoffnungslos überzogen. Auch die Wendungen am Schluss funktionieren in dieser lahmen Konstellation nicht wie Pointen, sondern höchstens wie ein müder Witz.

 

Diagonale Festivalzentrum
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Albträume und Masken

Einmal quer durch Graz zum letzten Film des Tages. Die Hinweisschilder, wo es in den jeweiligen Saal geht, sind nicht immer ganz eindeutig, was dazu führt, dass man auch einfach verträumt vor einer Tür wartet, die sich nicht öffnen wird. Zum Glück klärt sich der Fehler rechtzeitig.

Es wäre sehr schade gewesen, 2551.01 von Norbert Pfaffenbichler zu versäumen. Ein furioser Stummfilm, der eine apokalyptische Unterwelt zeigt, in der sich jede Menge gruseliger Kreaturen mit schauderhaften Masken prügeln, verfolgen, terrorisieren, dazwischen eine affenartig maskierte Figur, die ein vermummtes Kind rettet. Versatzstücke ikonischer Bilder aus Filmen, aus Nachrichten oder von Pressephotos blitzen kurz auf, werden aufgenommen, bilden den Anfang einer Variante. Albträume werden wahr, bewegen sich, lösen sich auf, um gleich im nächsten Raum einen weiteren Albtraum lebendig werden zu lassen. Ein völlig irrer, wunderbarer Film, mit kluger Dramaturgie, sparsamen, aber tollen Toneffekten und einer treibenden Musik.

Die Abende sind lau, die Sperrstunde ist nach hinten verlängert, und so sieht man in und vor Lokalen oder auf Plätzen deutlich mehr Menschen als in den Kinos der Stadt, wirtschaftlich wird diese Diagonale vermutlich nicht so gut abschneiden.

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#Diagonale: Gutgelaunt in Graz

 

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Entschleunigung

 

8:31 am ersten regulären Festivaltag, seit einer Minute ist es möglich, sich für den kommenden Tag Karten zu reservieren, und für die Abendvorstellung gibt es schon keine Plätze mehr. Gut für die Bilanz des Kinos, schlecht für mich.

3 Gs
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10:20 vor dem ersten Kino, nicht viel los, dafür werden Impfnachweise oder Tests kontrolliert, der Eingang in den Saal wurde um die Ecke verlegt, damit die Kontrollen – hier Gesundheit, dort Ticket – getrennt ablaufen können.

 

Kabelsalat

Nur insgesamt 20 Zuschauer finden sich im Kino ein, um Bitte warten von Pavel Cuzuio zu sehen. Das ist wirklich sehr schade, der Film verdient auf jeden Fall mehr Aufmerksamkeit. Der Dokumentarfilm begleitet vier Teams von Telekommunikationstechnikern am äusseren östlichen Rand Europas bei ihrer Arbeit. Ganz am Anfang werden einmal die Orte: Bulgarien, Moldavien, Rumänien und die Ukraine, eingeblendet, danach folgt Pavel Cuzuio den Teams und dem Rhythmus ihrer Arbeit. Sie entwirren Kabelsalat, richten Internetverbindungen auf altmodischen Rechnern neu ein, reparieren vorsintflutlich erscheinende Telephone. Alles im Dienst der Kommunikation, wobei die hauptsächliche Kommunikationsebene, der direkte Austausch, von Mensch zu Mensch stattfindet. Der Film vermischt unbekümmert Orte, Schauplätze und Kunden, ist dabei aber immer dem Schnitt und seinem Fluss verpflichtet. Daraus entsteht ein witziger, pfiffiger Dokumentarfilm, den es wirklich zu sehen lohnt.

Innovativ – Experimentell

 

Nach kurzer Pause geht es zum Programm innovatives Kino, der Saal ist schon deutlich voller als am Morgen. Die ersten drei Filme des Programms zeigen Varianten von Stoppmotion und Motioncontrol, jeder auf seine Art spannend.

Es ist genau genug Zeit ist ein Filmgewordenes Daumenkino, das Vermächtnis des 12-jährigen Oskar Salomonowitz, fertiggestellt von dessen Vater Virgil Widrich. In nur zwei Minuten entfaltet sich ein Strichmännchen-Actionfilm mit viel Witz und Herz.
O von Paul Wenninger ist ein ausgeklügeltes Werk aus vielen Bildebenen, in denen ein Raum um einen Protagonisten kreist, immer schneller, immer abgefahrener. Eine, auch technisch, spannende Arbeit.
Auch Warten von Bernd Oppl arbeitet mit Stoppmotion und ganz unmerklichen Veränderungen im Bildausschnitt, es entsteht eine Geschichte des Wartens, der Zeit, des Verfalls. Imperial Irrigation von Lukas Marxt ist eine Art experimenteller Dokumentarfilm. Marxt mischt verfremdete Photos mit zerhackt wirkenden Bewegtbildern, fügt unheimlich anmutende Geräusche hinzu und rundet alles mit einer monotonen Erzählstimme ab. Mit diesen verfremdenden Mitteln entsteht das Bild einer zerstörten, vernarbten Landschaft in Kalifornien, das ist informativ und auch irgendwie sehr unheimlich.

Die Pandemie betrachten

Während maskierte Gesichter mittlerweile zum Alltag geworden sind, man wie selbstverständlich vor jedem Kaffee einen Beleg der eigenen Gesundheit vorweist und sich namentlich registriert, sind Filme über die Pandemie immer noch eher selten. Kristina Schranz‘ Abschlussfilm Vakuum zeigt den Verlauf der Pandemie im Burgenland, vom ersten Lockdown über das erste Öffnen und in den zweiten Lockdown. In statischen Totalen zeigt sie den Stillstand, die Leere, Menschen, die am Anfang des ersten Lockdowns aufräumen, organisieren, aber im Lauf der Zeit auch deutlich mutloser werden. Die Bilder, die Ausschnitte sind klug gewählt und spannend, schade nur, dass bei den Interviews dann auch kein Material vorhanden ist, um zu schneiden, so springen eben die Köpfe hin und her, was, egal wie man das künstlerisch findet, immer vom Inhalt des Interviews ablenkt. Trotzdem: ein spannender erster Langfilm.

Lieblingsplätze adé

 

 

Freie Sitze
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Durch das entzerrten Programm kann man tatsächlich nur 4 Projektionen pro Tag sehen, da bleibt Zeit zwischendurch in die Sonne zu blinzeln, die Maske abzunehmen, sogar etwas in Ruhe zu essen, statt zu schlingen. Auch das sonst eher übliche Rennen von einem Kino zum nächsten entfällt. Das Anstehen an der Kasse, um reservierte Tickets abzuholen, entfällt, statt dessen müssen die Plätze eine Stunde vorher nochmals online bestätigt werden. Allerdings fällt auch weg sich auf den persönlichen Lieblingsplatz zu setzten, zum Beispiel irgendwo im vorderen Drittel am Rand, das Onlinesystem weist Plätze zu, gnadenlos.
Diagonale entschleunigt. Also, ausser wenn es um das Reservieren von Tickets geht.

Motorengeheul

 

Für Motorcity von Arthur Summereder hätte es angeblich auch keine Karten zu reservieren gegeben, aber das Kino ist weit davon entfernt, voll zu sein, und das nicht nur, weil jeder zweite Platz frei bleiben muss. Summereder erzählt Detroit, die Stadt der Autos, der Motoren, aber nicht anhand der Automobilindustrie, sondern in dem er Fahrern und Fahrerinnen von Dragraces, also Beschleunigungsrennen, folgt. Obwohl der Film schräge und interessante Protagonisten, röhrende Motoren und abgeriebenes Reifengummi zeigt, fehlt ihm über die Dauer eine sinnvolle Struktur. Da hilft auch der etwas elegische, wenn auch sehr persönliche, Off-Text, oder die diversen Archivfilme der Autoindustrie nicht, die Dramaturgie hakt.

 

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Ein erster Festivaltag endet, er endet früh, draussen ist es noch nicht mal richtig dunkel, aber Kino gibt es für den Tag nicht mehr. Die Laune in Graz ist dennoch gut, es ist eben alles etwas gemütlicher als sonst.