Mal eben so zwischen Kaffee und Croissant die Filme für den kommenden Tag reservieren, das klingt an sich wie ein guter Plan. Dumm nur, dass die festivaleigene App nach einem unklaren Muster den Dienst verweigert. Die Theorie sagt, ab 8:30 kann man für den Folgetag reservieren, die App weigert sich bei drei von vier Vorstellungen zu akzeptieren, dass man eine Akkreditiertennummer hat, sprich: reservieren unmöglich. So verbringt man am Frühstückstisch Zeit mit erfolglosen „Handyspielen“ – ärgerlich.
Nur gut also, dass in diesem Jahr doch etwas weniger Gäste da sind, denn in anderen Jahren hatte man oft 10 Minuten nachdem die Filme freigeschaltet waren, schon keine Chance mehr auf einen Platz.
Biographie, künstlerisch
Hugo in Argentina von Stefano Knuchel ist für die frühe Mittagszeit ordentlich besucht. Der Film, zweiter Teil einer – geplanten -Trilogie über den italienischen Comiczeichner Hugo Pratt will insgesamt zuviel. Pratt selbst erscheint als Stimme im Off, erzählt von seiner Zeit in Argentinien in den 50er und 60er Jahren, einer Zeit, die er als Ende seiner Jugend erlebt, als wild, suchend und überbordend. Die Bildebene kombiniert Photos, Privatfilme und sehr künstlerisch gestaltet Räume und Orte miteinander. Manchmal entsteht so etwas wie eine Comicseite, wenn zwei verschiedenen Filmbilder wie Vignetten sich die Leinwand teilen. Das alles ist sehr schön anzusehen, auch die Zeitzeugen Interviews finden in künstlerisch gestaltetem Ambiente statt, aber über die Länge des Films geht einem als Zuschauer die Puste aus, oder die Aufmerksamkeit schwindet. Im letzten Drittel des Films gibt es dann obendrein einige falsche Enden, man hofft auf den Abspann, aber nein, der Film legt noch eine weitere Facette auf.
Pausen
(c) ch.dériaz
Die verschiedenen Massnahmen zum Schutz vor Ansteckung führen zu eigentümlichen Bewegungsmustern zwischen den Filmvorführungen. In der Hälfte der Kinos gibt es keine Möglichkeit sich zwischen den Filmen aufzuhalten, also raus in die winterliche Kälte. Die Solothurner Wirtschaft wird es freuen, denn gegen die Kälte hilft dann nur noch der Aufenthalt in einem der Cafés oder Lokale.
Ernstfall spielen
Die Schweiz hat keine Berufsarmee, dafür werden ehemalige Rekruten regelmässig zu Wiederholungsübungen gerufen, eine solche Übung beobachten die Regisseure Mateo Ybarra und Raphaël Dubach in Lux.
Das Szenario: eine potenzielle Bedrohung durch eine antikapitalistische Terrorgruppe in der Nähe des Genfer Flughafens. Im Gegensatz zu Bildern von Soldaten, die man aus Filmen kennt, nehmen sich die Bürger-Soldaten aus wie eine Schülertheatergruppe. Wirklich ernst nimmt keiner die Übung, erst als sie mehr als 19 Stunden Wachdienst durchziehen müssen, vergeht ihnen für einen Moment das Lachen. Der Film hat viel Witz und Charme, der Ernstfall wird gross inszeniert, während das ganze sauber dokumentarisch gefilmt, wird, das ergibt eine eigenwillige Spannung. Als Vorfilm zeigt Action von Bennoît Monney ein Filmset kurz vor dem totalen Kollaps. Durchgedreht in einer Einstellung ist der Film ein kleines Meisterwerk der Planung und ein riesiger Spass.
(c) ch.dériaz
Rotlicht
Kein aktueller Film, sondern ein Film von 1980 aus der Programmschiene Fokus: Simone Barbès ou la vertu von Marie-Claude Treilhou.
Absurdes Theater aufgeführt in den engen Räumen des Pariser Nachtlebens. Zwei Platzanweiserinnen in einem Pornokino, die eher gelangweilt ihrem Job nachgehen, unbeeindruckt von den merkwürdigen Kinobesuchern und dem Stöhnen aus den Kinosälen. Ihre Gespräche drehen sich um Partner, oder um Klatsch und Tratsch aus der Nachbarschaft. Nächste Station, eine Lesbenbar, in der eine der Platzanweiserinnen ihre Freundin besucht. Auch hier, herrscht wüste Theatralik, übertrieben, skurril, rot-bunt. Der letzte Akt ist eine lange Autofahrt durch die Nacht, reduziert in den Farben, nicht weniger schräg in den Dialogen. Ein Film voller philosphischer Schönheit mitten im schmutzig grellen Nachtleben.
Mehr Biographisches
Und noch eine Künstlerbiographie – diesmal erwischt es den Pantomimen Marcel Marceau in L’art du silence von Maurizius Staerkle Drux.
Das Störende zuallererst: Ein Film, der sich mit der Kunst der Stille beschäftigt, mit Pantomime, mit der Vermittlung von Gefühlen mittels Körperarbeit, sollte mehr Vertrauen in genau diese Kunst haben. Aber gleich die erste Szene, mit einem Ausschnitt aus Marceaus Bühnenprogramm, ist mit Musik unterlegt und raubt so viel von der Kraft und Magie, die doch gezeigt werden wollte. Leider geht das den ganzen Film so weiter. Darüber hinaus zeichnet der Film sehr umfassend das Leben und Werk des Pantomimen, verknüpft Archivaufnahmen mit Erinnerungen seiner Familie, und findet schöne Bilder, um Verbindungen zwischen dem Damals und dem Heute zu schaffen.
Stille auszuhalten, auch im Film, auch im Kino, muss man sich trauen, und auch das ist eine Kunst. Dem Premierenpublikum hat es, dem Applaus nach zu urteilen, trotzdem gefallen.
Dürfen wir hier sein? Fragt Bundesrat Alain Berset am Anfang seiner Eröffnungsrede, und meint das nicht etwa philosophisch, sondern pandemisch.
Dürfen wir also bei vollen Sälen, mit 2G und Masken, ins Kino gehen, eine Woche lang? Berset, zuständig für Gesundheit UND Kultur, beantwortet das mit: Ja.
Und macht sich gleichzeitig ein bisschen über sich und die den Schweizer „Mittelweg“ lustig. Ob wir das also gedurft haben werden, oder ob es gescheit gewesen sein wird, das wird sich in einer Woche zeigen, bis dahin heisst es erstmal:
Ab in die Kinos, den Schweizer Film sehen, entdecken, geniessen.
Die Halle füllt sich (c) ch.dériaz
Der Saal voll, die Freude über die Wiederkehr des Präsenzfestivals ausgiebig beklatscht, eröffnen die 57. Solothuner Filmtage mit: Loving Highsmith von Eva Vitija. Als Rückgrat des Films dienen Zitate aus Highsimth‘ Notiz- und Tagebüchern, Zitate, von einer unerwarteten lyrischen Leichtigkeit. Die Autorin, die vielen als zynisch und düster gilt, wird hier von einer federleichten und verwundbaren Seite gezeigt, ohne dabei den harten, den nicht immer sympathischen Teil zu verschleiern. Dadurch entsteht eine Filmbiografie von grosser Dichte, die Bekanntes und Unerwartetes verbindet. An manchen Stellen ist der Film etwas langatmig, zeigt Skurriles, das aber nicht wirklich den Lauf der Geschichte weiterbringt, er kommt so auf 83 Minuten, was einer Kinoauswertung entspricht, wirklich brauchen würde der Film die grosse Leinwand nicht, eine etwas kompliziertere Länge täte hier gut. Interessant ist diese etwas andere Biographie, die Privataufnahmen, Photos, Spielfilmausschnitte und Interviews kombiniert, dennoch. Zum anschliessenden Stehempfang, mit Wein, Bier und Häppchen, darf man nur mit 2G+ Nachweis, voll ist es trotzdem.
Bändchen und Maske (c) ch.dériaz
Für die Dauer des Festivals, und für die einfachere Handhabbarkeit, gibt es schwarze Bänder ums Handgelenk, die belegen, dass Impfstatus und Ausweis kontrolliert und für wahr befunden wurden.
Tief hängende Wolken
Fast wie eine Fortsetzung der Highsmith Biografie mutet Der Mensch meines Lebens bin ich von Christian Walther an. Die Schweizer Schriftstellerin und Feministin Verena Stefan, die in den 70er Jahren aktiv in der Frauenbewegung war und mit „Häutungen“ ein wichtiges Buch feministischer Literatur schrieb, wird von Weggefährtinnen, Freundinnen und der neuen, jungen Generation der Frauenbewegung beleuchtet und erzählt. Eine faszinierende Persönlichkeit erscheint, eine Persönlichkeit, die mit 70 Jahren definitiv zu früh die Welt verlassen hat. Ärgerlich ist, dass im Kino ein technisches Problem dem Film immer wieder Bilder raubt, zunächst stecken die Untertitel fest, dann mehren sich kurze schwarze Stellen, es scheint, als würde die oberste Bildspur fehlen. Leider setzt sich das auch im zweiten Film des Doppelprogramms fort. Und so fehlt auch beim Portrait des Schweizer Filmemachers, Markus Imhoof – Rebellischer Poet von Stefan Jäger, immer wieder Bildinformation. Imhoofs Filmschaffen, von den frühen 70er Jahren bis heute folgt einer klaren, rebellischen Linie. Und so wundert es auch nicht, dass seine Filme nicht nur immer wieder Kontroversen auslösen, sondern teilweise auch Aufführungsverbot hatten. So wurde zum Beispiel „Das Boot ist voll“ trotz Oscar Nominierung und zahlreicher Filmpreise, immer wieder im Giftschrank weggesperrt. Imhoof bleibt ein unermüdlicher Filmautor, der auch mit über 70 nicht daran denkt, sich von seiner Film- und Erdzählbesessenheit zu verabschieden.
Schlampereien
Zwischen der 10 Uhr und der 13 Uhr Vorstellung wurde das technische Problem im Kino behandelt, aber noch nicht gelöst.
Wodurch, zumindest am Anfang, Theo Stichs Dokumentarfilm Mitholz wieder Bildausfälle und Artefakte lieferte. Trotzdem, die Geschichte ist sehr sehenswert.
Etwa 160 Einwohner leben im Dorf Mitholz im Berner Oberland, aber eine einzigartige behördliche und militärische Schlamperei bedroht das Dorf. Während des Zweiten Weltkriegs wurde in unmittelbarer Nähe des Dorfs ein Stollen in den Berg getrieben, um Munition zu lagern. Nach Kriegsende wurde dort noch mehr Munition und Sprengstoff gelagert, die Bevölkerung wurde über das gefährliche Material im Berg nicht informiert. 1947 kommt es zu einer fatalen Explosion, das Dorf wird zerstört, Menschen sterben. Die Politik klopft sich auf die Schulter, während sie den Betroffenen neue Häuser hinstellt. Die Information über die weiterhin dort lagernden Stoffe verschwindet auf Jahrzehnte in den Archiven. Stollen in den Schweizer Alpen sind militärische Staatsgeheimnisse. Erst 2010, als man den Stollen für ein IT-Zentrum ausbauen will, wird wieder hingeschaut, und doch dauert es weitere 7 Jahre bis man einsieht, die Sprengkraft im Berg ist lebensgefährlich. Die Dorfbewohner stehen ratlos vor der Katastrophe, sie werden auf Jahrzehnte umgesiedelt werden müssen, die Informationen fliessen weiterhin eher spärlich.
Wenn Bilder verführen
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Nach drei Dokumentarfilmen der erste Spielfilm des Tages: Stille Post von Florian Hoffmann. Das Gerüst des Films bilden Handyaufnahmen, die in Cizre 2015 entstanden, gedreht von kurdischen Aktivisten, um auf die Lage der Kurden aufmerksam zu machen. Dazu baut Hoffmann eine kluge und einsichtige Geschichte von der Macht der Wünsche, der Verführbarkeit und von Hilflosigkeit. Ein junger Lehrer in Deutschland, der als Kind seine Eltern und möglicherweise auch seine Schwester im Konflikt von Kruden und türkischem Staat verloren hat, meint in einem Handyvideo hinter der Kamera seine Schwester zu erkennen. Und während dieser Wunsch, aus der eigenen kindlichen verletzten Seele heraus nach der Schwester sucht, instrumentalisieren in Deutschland politisch aktive Kurden diese Sehnsucht für ihre Zwecke. Mit den Mitteln des Spielfilms zeigt die Geschichte, die Bedeutung und auch Ambivalenz von Bildern, die Macht der Illusion, oder Desillusion, und die Macht der Medien, einen Konflikt nicht nur an die Öffentlichkeit zu bringen, sondern auch, diesem Konflikt – gewollt oder ungewollt – eine weitere Dimension zu erlauben. Man ist auch als Zuschauer gefordert bei diesem Spagat zwischen Wunsch, Wahrheit und Propaganda immer wieder aufmerksam zu bleiben und zu hinterfragen.
Noch weiter in der Analyse von Kriegsbildern und deren Wirkung gehen Massimo D’Anolfi und Martina Parenti mit Guerra e pace. Kriege wurden vermutlich schon immer in Bildern dargestellt, mit dem Aufkommen der Photographie und des Films ist eine Seite dazugekommen, die verleitet, das Abgebildete immer und ohne Reflexion für Realität zu halten. Der Film zeigt, wie wichtig eine kritische Betrachtung ist und bleibt. Es ist dabei egal, ob man Filmbilder von 1911 aus dem Italiensch-Libyschen Krieg sieht, oder aktuelle Bilder diverser Schauplätze kriegerischer Auseinandersetzungen. All diese Bilder sind Zeugnisse, aber eben nur ein Teil der Geschichte, ein Teil der Wahrheit. Das spannendste Kapitel des Films ist die Parallelmontage der Ausbildung von Fremdenlegionären und Soldaten, die für die filmischen und photographischen Berichte künftiger Einsätze geschult werden. Physischer Drill auf der einen Seite, Filmtechnik, Beleuchtung und ethische Fragen auf der anderen. Je besser man weiss, dass Bilder immer einem Zweck dienen, um so eher kann man sie einordnen, kann sie als notwendiges Mittel der Erinnerung in Kontext stellen, statt sich verführen zu lassen.
Solothurn am Abend war noch nie besonders voll und laut, aber in diesem Jahr wirkt die Stadt bereits kurz nach zehn am Abend verlassen.
Zum Jahresende noch ein paar Filmtipps, immerhin sind die Kinos zurzeit ja geöffnet, das sollte man dringend ausnutzen.
Popcornkino
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Superhelden, Superschurken und die Rettung, nicht nur eines Universums, sondern gleich einer ganzen Palette von Multiversen, um nichts weniger geht es in: Spider-Man: No Way Home von Jon Watts. Irgendwie sind ja alle Spider-Man Filme, neben Actionfilmen, hauptsächlich Filme, die vom Erwachsenwerden handeln. Spider-Man der ewige Teenager, der das Böse aus der Welt schafft, auch wenn er sich dabei die Nase blutig schlägt. Das ist im neuen Spider-Man nicht anders. Ganz im Gegenteil, neben viel Action, Tricks und visuellem Spektakel, gibt es auch Lebensweisheiten mit auf den Weg: Macht oder Kraft birgt auch Verantwortung, das Leben geht weiter, auch wenn man trauert..
Kinderfilm
Und dann wartet der Film mit der wohl zartesten und keuschsten Liebesgeschichte auf, die man sich heute im Kino vorstellen kann. Das ist auf altmodische Art süss, aber vermutlich dem Umstand geschuldet, dass der Film ab 10 Jahren freigegeben ist. Wobei man sich da auch gleich fragen kann, wie gut Kinder mit dem Konzept der Multiversen oder der Modifizierung der Vergangenheit zum Wohl des Grossen Ganzen klarkommen. Aber sei es, wie es ist, der Film bietet rasante Unterhaltung, Witz und Tempo, langweilig wird einem nicht. Und so ein bisschen Weltenretter kann man sich im Augenblick eigentlich auch ganz gut vorstellen.
Was ist Freiheit?
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In Sebastian Meises Grosse Freiheitwird keine Welt gerettet, sondern eine vergangene, hermetische Welt nachgezeichnet. Es ist gar nicht so lange her, da galten Männer, die Männer liebten, als Verbrecher, der daraus resultierende Kreislauf: Lieben und Strafen. Der Film hat jede Menge Vorschusslorbeeren, ist auf der Oscar-Shortlist für den besten nichtenglischsprachigen Film. Was hauptsächlich begeistert, ist die Bildgestaltung der Kamerafrau Crystel Fournier, sie schafft eine Bilderwelt, die eine Art Ästhetik des Grausamen entstehen lässt. Beklemmende Gitterräume, Treppenhäuser, die Angst auslösen, ein Spiel mit Dunkelheit, das einem den Atem raubt. Dabei bleibt sie immer der Geschichte verpflichtet, zeigt die Handelnden in vielfältigen Verletzlichkeiten.
Verschiedenzeitlichkeit
Die Erzählstruktur ist spannend, immerhin springt der Film von 1968, dem Film-Heute, ins Jahr 1945, 1957 und wieder zurück. Die Wechsel sind fliessend innerhalb der gerade stattfindenden Aktionen: Tür zu 1968, Tür wieder auf 1945. Das funktioniert wunderbar, und erzählt so auf leichte, originelle Weise von der Gleichartigkeit des Alltags im Knast, im Leben der Protagonisten. Es fordert von Zuschauer unbedingt Aufmerksamkeit, weil manche Antworten vor den Fragen geliefert werden, und die nicht lineare Zeitführung sich oft nur in kleinen Details erzählt. Schade ist, dass dann doch einige Wendungen in der Geschichte extrem vorhersehbar sind. Schade auch, dass die wirklich tollen Darsteller, Franz Rogowski und Georg Friedrich, ihre wenigen aber wichtigen Dialoge ziemlich nuschelig liefern. Und nein, es geht dabei nicht um Rogowskis leichtes Lispeln.
Dennoch, der Film ist sehenswert. Ob er die prüden Amerikaner, trotz recht expliziter Szenen, die dank der Bildgestaltung, zumindest in Europa, öffentlichkeitstauglich bleiben, überzeugen wird, ist eine andere Sache.
Familie, hat man eben
(c) ch.dériaz
Ein weiterer Kandidat für die Auslandsoscars ist È stata la mano di Dio (Die Hand Gottes) von Paolo Sorrentino. Komisch, einfühlsam, grausam und wieder komisch. Neapel in den 80er Jahren, der 16-jährige Fabio zwischen skurriler Familie und Fussballfieber. Auf die Frage, ob er sich eher wünschen würde, mit seiner sexy Tante schlafen zu können, oder dass Maradonna zum SSC Neapel kommt, wünscht er sich ohne zu zögern Maradonna. Und so wirbelt der Film durch die ersten Schritte Richtung Erwachsensein und zeigt dabei ein ganzes Panoptikum an schrägen Figuren, abstrusen Situationen und warmherzigem Kinderleben. Auch hier muss der Held lernen, dass Leben auch bedeutet, Entscheidungen zu treffen und mit Trauer umzugehen. Gegen Ende hätte es dem Film gutgetan, etwas abzukürzen, aber man kommt unterhalten, erfreut und auch nachdenklich aus dem Kino.
Alle Filme laufen auch im neuen Jahr in den Wiener Kinos. Auf ein gutes Kinojahr 2022 und auf weiterhin offene Kunstbetriebe.
Sowohl live als auch online wurde heute das Programm der Solothurner Filmtage präsentiert.
Geplant ist ein „echtes“ Festival, in Kinos, unter Einhaltung aller derzeit geltenden Regeln. Da ist auch gleich der erste sprichwörtliche Hund begraben. Das Festival läuft vom 19. bis 26. Januar 2022, das ist noch ein Weilchen hin und
seit fast zwei Jahren ist das gleichbedeutend mit: eine Zeit, über die man noch nichts Seriöses aussagen kann.
Erst kommenden Freitag werden die neuen Pandemie-Massnahmen für Bund und Kantone bekannt gegeben, und selbst diese werden wohl nicht bis zum Festivalbeginn halten.
Es kann besser werden, aber auch viel schlechter.
Filmland Schweiz
Das Programm, egal wie es im Ende dann stattfindet, klingt auf jeden Fall spannend. Es gibt in der 57. Ausgabe des Festivals mehr Filme aus den romanischen Kantonen als sonst, es gibt mehr Filme, die nicht nur von Frauen inszeniert wurden, sondern auch mehr Filme, die von Frauen produziert wurden. Und auch die politische Weltlage bleibt ein vordringliches Thema, das, wie es klingt, auf oft eigenwillige Art in Filme übersetzt wurde. Klingt alles vielversprechend.
Loving Highsmith (c) Eva Vitija
Wenn also alles läuft wie geplant, dann findet am 19. Januar in der Reithalle in Solothurn die Eröffnung statt, mit Gästen, mit Publikum, mit Masken und 2 bis 3 G-Nachweisen, und mit der Weltpremiere von Loving Highsmith von Eva Vitija.
Masken oder Hausschuhe?
Wie seit Anfang der Pandemie bleibt also nur zu warten und zu hoffen.
Einen Plan B in Form einer Online Ausgabe, wie im letzten Jahr, ist jedenfalls so weit vorbereitet, dass kurzfristig adaptiert werden kann.
Spazierengehen im kühlen, nassen Winterwetter, bunte Lichterketten bewundern, im Kaffeehaus des Vertrauens Kuchen spachteln und anschliessend ins Kino. Zum Beispiel Grosse Freiheit, oder im Filmmuseum Billy Wilder oder Valie Export Filme wieder sehen.
Punch to go (c) ch.dériaz
Aber nein, statt dessen, spazieren, Lichter schauen und Punsch to go,
aber sonst wieder mal nichts.
Österreich ist seit 10 Tagen wieder downgelocked, heruntergefahren, zugesperrt. Was möglich ist: Lebensmittel kaufen, Luft schnappen, Filme schauen per Streamingdienst und: arbeiten. Wobei, arbeiten darf nur, wer nicht: Gäste bewirtet, körpernah Dienst leistet oder Kunst vermittelt oder verkauft.
Hätte man das nicht absehen können? Hätte man da nicht gegensteuern müssen? Wäre das nicht anders machbar gewesen?
Zurück zum Start?
Während Virus Delta zusehends mehr Zulauf bekommt, droht am Horizont schon die Fortsetzung, ein Omikron.
Na super!
Aber immerhin, so lernen Menschen, die nicht zufällig Altgriechisch in der Schule gelernt haben, das griechische Alphabet. Ist doch auch was.
Aber bleibt das jetzt so, ein ewiger Kreis von herunterfahren und zusperren, aufsperren, anstecken, herunterfahren? Und bleibt dabei jedes Mal auch die Kunst auf der Strecke?
Wie lange kann das eine Branche ertragen, bevor sie endgültig in die Knie geht? Es bräuchte bessere Pläne, besseren Schutz, den alle bereit sind mitzutragen.
es glitzert (c) ch.dériaz
Bräuchte, hätte, müsste…. Der Konjunktiv als steter Begleiter. Na super.
Die Viennale zeigt Nadav Lapids neuen Film Ha’berech (Ahed’s Knee), der in Cannes bereits den Preis der Jury gewonnen hat. Lapids Filme sind definitiv kein Wohlfühlkino. Egal was er erzählt, er ist immer politisch, und seine Geschichten lösen nicht selten Kontroversen aus. Ha’berech erzählt von einem israelischen Regisseur, der zu einer Vorführung seines letzten Films in ein Kaff mitten in der Negev-Wüste eingeladen wird. Um die Bezahlung durch das Kulturministerium zu bekommen, muss er allerdings ein Formular ausfüllen, in dem er garantiert keine kontroversiellen, sprich dem Staat nicht genehme, Themen anzusprechen. Geld als Mittel der Zensur. Dummerweise sind seine Filme genau das, was die staatliche Seite nicht sehen und hören will: politisch, kritisch, einen Staat anklagend, dem Nationalismen lieber sind als kritische Auseinandersetzungen.
(c) ch.dériaz
Y, der Regisseur aus dem Film, ist damit so etwas wie das Alter Ego Lapids. Dieses Spiegeln und Drehen um die Person des Künstlers drückt sich auch formal aus: Extreme Nahaufnahmen, Sprünge und Seitenwechsel, die zweifelnde Figur in der steinigen Landschaft, mal nah, mal mittels Drohne weit weg. Eingeschobene Träumereien und Rückblenden (die vielleicht keine sind) werden zu Musik- und Tanzeinlagen, was dem ganzen Film eine weitere Dimension verleiht: laut und grell.
Kritik und Liebe
Im Film sucht die Figur des Regisseurs nach Wegen zu kritisieren und will doch auch Teil der künstlerischen Szene sein, dass er dabei keineswegs immer nett ist, versteht sich fast von selbst. Ähnlich wie Lapid wird er wahlweise fast blind verehrt oder als Nestbeschmutzer abgekanzelt. Sowohl die Kritiker im Film, wie im realen Leben des Regisseurs scheinen zu vergessen, dass man das am heftigsten kritisiert, was einem wirklich am Herzen liegt. Dass diese Kritik auch mal brutal ausfällt, macht sie nicht weniger wahr. Trotz aller Kritik ist der Film tatsächlich auch mit Mitteln des israelischen Kulturfonds finanziert.
TV Koproduktion
(c) ch.dériaz
Ha’berech läuft am 26. Oktober noch einmal im Rahmen der Viennale, dank Koproduktion von ZDF/arte wird er wohl auch im Fernsehen zu sehen sein, wobei der Spass sich auf kleinem Bildschirm wohl eher in Grenzen halten wird.
Marko Feingold -ein jüdisches Leben (c) ch.dériaz
Marko, Der Erzähler
Marko Feingold (1913-2019) war ein Erzähler, charismatisch, charmant, witzig, eloquent. Wer ihn live erlebt hat, weiss das, aber auch wer ihn „nur“ in diversen Filmen oder Zeitzeugenbeiträgen gesehen hat.
In Marko Feingold – Ein jüdisches Leben von Christian Krönes, Florian Weigensamer, Christian Kermer und Roland Schrotthofer , erzählt er wieder, allerdings zum letzten Mal, aus seinem Leben.
Ein 105-jähriger Mann sitzt vor der Kamera und spricht; drei Kameraperspektiven – halbnah, nah und sehr nah – vor schwarzem Hintergrund, in kontraststarken Schwarz-Weiss. Unterbrochen, aber auch strukturiert, wird die Erzählung durch Einblendungen von Hetz- und Hasspost, die er im Laufe der Jahre bekommen hat, und von diversen Propagandafilmen, für und gegen das Naziregime.
Sonst nichts, nur die Erzählung, das Gesicht, das Leben.
Ein Leben
Plakat Marko Feingold (c) ch.dériaz
Marko Feingold hat vier Konzentrationslager überlebt, dabei seine gesamte Familie verloren, und manchmal sogar fast auch den Lebensmut. Aber nur fast.
Es ist nicht allein die Geschichte, die Gräuel, die er so erzählt, dass man gebannt an seinen Lippen hängt, ohne dabei weniger erschüttert zu sein, es ist auch die Parallelität zur Gegenwart, die betroffen macht. Nicht die 1:1 politische Ähnlichkeit, nein, aber die Schändlichkeit, die Ignoranz im Umgang miteinander, die Bereitschaft, Bekanntes über Bord zu werfen, wenn es vermeintlich dem Fortkommen dient, oder die Faulheit unterstützt.
Vergangenheit und Gegenwart
Dass all das in 114 Minuten nie langweilig wird, liegt am erzählerischen Talent Marko Feingolds, er schafft es, Spannung und sogar Witz einzubauen, erzählt vom Tanzen und den schönen Anzügen, um dann in einer eleganten Wende vom Tod des Bruders im KZ zu sprechen.
Atemlos macht dieser Film und traurig, auch wenn man zwischendurch lacht und schmunzelt, und eben nachdenklich, weil diese Geschichte auch mit uns und mit unserem Heute zu tun hat.
Dauernd verschoben, lang erwartet: der neue Bond, No Time to Die, läuft in den Kinos. Wer einen Bond-Film anschauen geht, weiss, was er bekommt.
Action, Tricks, eine Welt, die irgendwie altmodisch in Gut und Böse unterteilt ist, und ein Superagent, der am Ende als Retter glänzen darf. Wer das nicht mag, nicht sehen will, geht nicht hin. Für alle, denen 163 Minuten „Hau-Drauf-und-Bumm“ Freude bereiten, sei der neue James-Bond-Film ans Herz gelegt.
Es gibt wieder Popcorn (c) ch.dériaz
Wobei, so ganz altmodisch ist der neue Bond dann doch wieder nicht. Es werden zwar massenhaft schicke Autos in Schrott verwandelt, alte und neue Waffen exzessiv abgefeuert, ausprobiert und letal eingesetzt, und schöne Landschaften in Kriegsschauplätze verwandelt, aber etwas ändert sich langsam im Bond-Universum. Die Figuren, besonders aufseiten der Agenten, sind vielschichtiger, vielfältiger. Frauen dürfen mehr als nur schön aussehen, sie dürfen auch in ihrem Agentenjob richtig gut sein, und das darf auch vom Übermacho Bond neidlos und in Worten anerkannt werden. Auch die pure schwarz-weiss Zeichnung der Welt bekommt – leichte – Schattierungen, M werden (Selbst)Zweifel und sogar unklare Motive zugestanden. Und so nähert sich Ian Flemings Romanfigur aus den 60er Jahren, langsam, der heutigen Zeit. Die Tür zu einem Doppelnullagenten, der sowohl jedwede Hautfarbe als auch jedwedes Geschlecht haben kann, ist einen Spaltbreit geöffnet. Wem das alles zu blöd, zu retro, zu laut ist, hier noch ein paar Tipps.
Japanisches Kino – jüdische Filme
Im Wiener Filmcasino findet vom 6. bis 10. Oktober das Festival Japannual statt. Das Programm bietet vielfältige Einblicke in japanisches Filmschaffen, von Manga bis Experimentalfilmen von ITO Takashi, mit einer Einführung von Claudia Siefen-Leitich. Unter dem Motto Trotzdem! findet das jüdische Filmfestival Wien vom 3. bis 17. Oktober statt. Auch hier gibt es Filme aller denkbaren Genres zu sehen.
Weiterhin im Kino
Eine dringende Filmempfehlung ist der wunderbare Film Hochwaldvon Evi Romen, der weiterhin in vielen Wiener Kinos zu sehen ist.
herbstlich (c) ch.dériaz
Es ist also egal, dass das schöne Spätsommerwetter demnächst vorbei sein wird, es wird Zeit wieder ins Kino zu gehen.
Noch ein bisschen mehr Statistik. Die Vorstellungen fangen in diesem Jahr alle pünktlich an, am entzerrten Programm allein kann das nicht liegen. Aber es ist auf jeden Fall erfreulich. Auch auf der Piazza kann man damit rechnen, dass um Schlag 21:30 die Anfangsfanfare zu hören ist. Die Ehrungen fallen dieses Jahr etwas schlanker aus, die Abendvorstellung beginnt dadurch auch etwas früher. Dem neuen künstlerischen Leiter Nazzaro merkt man jetzt langsam an, dass so ein Festival anstrengt, er wirkt bei manchen Präsentationen etwas müde, weniger fröhlich als am Anfang und vergisst auf der Piazza auch schon mal kurz, wie der Ablauf zu gehen hat, zum Glück ist in solchen Fällen seine Ko-Präsentatorin Giada Marsadri zur Stelle.
Geschwister
Schwesterlein von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond ist zuallererst ein Ensemblefilm, eine Plattform für das schauspielerische Können von Nina Hoss, Lars Eidinger und Marthe Keller.
Als ihr Zwillingsbruder schwer an Krebs erkrankt, zerlegt sich für seine Schwester nicht nur die Welt ihrer Kindheit, sondern es werden fundamentale Entscheidungen zu treffen sein, die auch nach dem Tod des Bruders noch Bestand haben müssen. Die Bilder der sanft beweglichen Kamera verschaffen der eher schweren Geschichte dann doch etwas Leichtigkeit.
Fevi_praktisch aber nicht schön (c) ch.dériaz
Kurzfilme – Kinder
How do you measure a year? von Jay Rosenblatt ist eine wirklich lange Langzeitbeobachtung. Von ihrem 2. bis zu ihrem 18. Geburtstag filmt der Regisseur seine Tochter, auf immer demselben Sofa, in immer relativ demselben Ausschnitt und mit sich wiederholenden Fragen. Eine sehr private Studie von einer Vater-Tochter Beziehung, vom Werden und Wachsen des Selbstverständnisses, und zum Teil extrem lustig.
Papynik krosivky (Dad’s Sneakers) von Olha Zhurba. Ein Kinderheim irgendwo in der Ukraine, ein Junge soll am selben Tag an eine Familie in den USA vermittelt und abgeholt werden. Was er aber am meisten will, ist, Kontakt zu seinem Vater aufnehmen. Als er ihn am Telephon erreicht, legt dieser auf. Eine kleine, tieftraurige Geschichte.
Kaum etwas ist ermüdender, als ein Film, auch ein kurzer, bei dem man überhaupt nicht weiss, was er soll, wohin er will, so wie after a room von Naomi Pacifique. Ein Zimmer, zwei Frauen, ein Mann, alle nackt, irgendwelche Gespräche über Tattoos, Familie. Vermutlich sehr autobiografisch, trotzdem: Mühsam.
Squish! von Tulapop Saenjaroen ist ein ziemlich verrückter, teils animierter, teils real gedrehter Film, in dem es um unfertige Animationsfiguren geht. Grell, bunt, sinnlich.
Piazza Nachmittag (c) ch.dériaz
Zauberei
Der nigerianische Episodenfilm Juju Stories von C.J. „Fiery“ Obasi, Abba T. Makama und Michael Omonua erzählt drei verschieden Aspekte der „Hexerei“. In der ersten Geschichte verhilft ein Zaubertrank einer Frau zu ihrem Traummann. Aber wie immer: aufgepasst beim Wünschen, der Traummann erweist sich in der Praxis als weniger traumhaft. Die Episode spielt sehr schön mit Real- und Wunschwelt, und spielt die Varianten durch. Die zweite Episode zeigt Zauberei, die unaufgefordert einsetzt. Ein kleiner Strassendieb findet Geld und wird in eine Yamswurzel verwandelt, die wiederum von einem Mechaniker verkocht und verspeist wird. Da ist der Wahnsinn nicht mehr weit. In der letzten Episode erweist sich eine Schülerin als sprichwörtliche Hexe, und räumt alle Mitschüler aus dem Weg, die zwischen ihr und ihrer besten Freundin stehen oder stehen könnten. Alle Episoden sind gut gemacht, aber eine weitere als die thematische Verbindung wäre schon auch schön gewesen.
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Kälte und Kameradschaft
Mit John Landis wurde ein weiterer Grosser des amerikanischen Kinos am vorletzten Abend auf der Piazza geehrt. Es gab viel Beifall für sein launig freundliches Erzählen über seine Arbeit, aber echter Enthusiasmus kam nicht auf. Es sind diese Momente, in denen besonders auffällt, dass viel weniger Publikum am Abend unter freiem Himmel sitzt. Danach dann der neue Film des russischen Regisseurs Gleb Panfilov, 100 Minutes. Die Geschichte, nach einer Kurzgeschichte von A. Solschenizyn, vom russischen Soldaten, der 1941 von deutschen Soldaten gefangen genommen wird, aber relativ schnell zu seiner Einheit zurückgeschickt wird. Dort wird er für einen Spion gehalten und umgehend für 10 Jahre in ein Lager für politische Gefangene geschickt. Hauptsächlich wird der harte Alltag im Lager erzählt, es ist kalt, schmutzig und das Essen ist widerlich. Aber in allen Szenen schwingt immer auch eine Art Verklärung der Solidarität und Kameradschaft mit. Die Geschichte will angeblich ergründen, was Menschen in solchen Situationen am Leben, am Hoffen, am Durchhalten hält. Ein etwas altmodischer Film sowohl in der Machart als auch in der Behandlung des Themas.
Die Zielgerade
Morgenlicht mit PardoKuh (c) ch.dériaz
Während in Locarno die Sonne alle Bewegungen verlangsamt, laufen die letzten Filme in den kühlen Kinos. Anders als üblich werden die Gold – und Silberleoparden nicht auf der Piazza Grande vergeben, sondern in einer gesonderten Veranstaltung am Nachmittag.
Ein bisschen Statistik geht noch: Das Verhältnis von männlichen und weiblichen Regisseuren ist in Locarno ziemlich ausgeglichen, gleiches gilt für die Jurymitglieder. Es geht also, wenn man will.
Ausweglos
Der tunesische Film Streams von Mehdi Hmili zeigt, wie durch patriarchale, sexualisierte Strukturen Schritt für Schritt Leben zerstört wird. Statt den Vergewaltiger einzusperren, wird das Opfer sowohl des Ehebruchs als auch der Prostitution bezichtigt und eingesperrt. In der Folge prügelt ihr Sohn einen Mitspieler seines Fussballvereins krankenhausreif, aus dieser Abwärtsspirale gibt es bald kein entkommen mehr. Während die Mutter nach dem Gefängnis versucht irgendwie wieder Fuss im Leben zu fassen, flüchtet sich der Sohn zu Kleinkriminellen und versinkt in einer immer dunkleren Welt. Auch in dieser Welt hat der Stärkere die Macht und übt sie mit Schwanz und Fäusten aus, ein Verhalten, gedeckt von einem politischen und sozialen System, das diese Strukturen vorlebt.
Der letzte Abend
Zwar wurden auf der Piazza Grande am Abend nicht die Preise vergeben, aber alle Jurymitglieder und alle Preisträger durften auf die Bühne. Ein Preis wurde dann doch ausschliesslich auf der Piazza bekannt gegeben, der Publikumspreis für den besten Film auf der Piazza Grande. Völlig verdient gewann Hinterland von Stefan Ruzowitzky.
Dario Argento (c) ch.dériaz
Einen allerletzten Ehrenleoparden gab es dann doch noch, ein spontaner Leopard, als besten Nachwuchsdarsteller des Festivals und für sein Lebenswerk bekam Dario Argento den Preis, überreicht von John Landis. Viel Kino auf einer Bühne.
Musikalisch
Zum Abschluss dann Respect,, die Lebensgeschichte der Soulsängerin Aretha Franklin,von Liesl Tommy. Der Film erzählt nicht nur von ihrer Karriere als Sängerin, sondern auch von der amerikanischen Geschichte der 50er und 60er Jahre. Eine Lebensgeschichte, der es an Drama nicht mangelt und dazu mitreissende Musik, ein guter Film für einen warmen Sommerabend und für die grosse Leinwand.
Die Leoparden
(c) ch.dériaz
Der wunderbar schräge Film Seperti Dendam, Rindu Harus Dibayar Tuntas (Vengeance is Mine, All Others Pay Cash) des indonesischen RegisseursEdwingewinnt den goldenen Leoparden. Das ist aus vielen gründen toll, erstens, weil es wirklich ein gelungener Action-Film ist, der aber zweitens eine fabelhafte Frauenfigur sowie eine genreunübliche entspannte Sicht auf Sexualität in die Geschichte integriert. Nicht nachvollziehbar ist der Leopard für die beste Regie, der an Abel Ferrara geht.
In der Nebenreihe Cineasti del presente gewinnt der tschechische Dokumentarfilm Brotherhood von Francesco Montagner. Auch wenn der Film einige Schwächen hat, ist es ein verdienter Preis. Im gleichen Wettbewerb gewinnt Hleb Papou mit Il Legionario den Preis für die beste Nachwuchsregie. Auch das eine erfreuliche Entscheidung der Jury.
Bei den Kurzfilmen international gewinnt der sehr schöne brasilianische Film Fantasma Neon (Neon Phantom)von Leonardo Martinelli den Pardino d’oro, der Pardino d’argento geht an Les démons de Dorothy (The Demons of Dorothy) von Alexis Langlois. Der Kurzfilm In flow of words von Eliane Esther Bots gewinnt den Preis für die beste Regie, und kommt damit in den Wettbewerb der European Film Awards.
Im nationalen Wettbewerb gehen die Preise an:
Chute (Strangers) von Nora Longatt Pardino d’oro und After a room von Naomi Pacifique Pardino d’argento.
Das Kino ist zurück, der Film ist zurück auf der Leinwand und zurück beim Publikum. Am 3. August 2022 wird dann die 75. Ausgabe des Filmfestivals von Locarno eröffnet werden.
Nach den ersten Tagen mit Regen ist jetzt die Hitze in Locarno angekommen.
Die Frage See oder Kino drängt sich auf…
Auch wenn das Sitzen langsam schwerfällt und die Ohren jede einzelne Maske verfluchen, die Entscheidung fällt aufs Kino.
Krieg in den Köpfen
Brotherhood von Francesco Montagner. Ländliches Bosnien, Schafherden, ein paar verstreute Häuser, sonst nicht viel, auch nicht viel zu tun. Während der Vater eine zweijährige Haftstrafe als Syrien-Heimkehrer verbüsst, sind die drei Brüder auf sich selbst gestellt. Vom Vater haben sie klare Anweisungen, wer was zu übernehmen hat. Die Jungs zwischen 18 und 12 gehen sehr unterschiedlich mit der Situation und den Aufgaben um. Besonders der Mittlere scheint gleichzeitig jeder Anweisung, auch den religiösen, exakt folgen zu wollen, und ist doch derjenige, der das schlechtesten schafft. Eine Langzeitbeobachtung, in der sich nicht viel bewegt, die Entwicklung, das Erwachsenwerden der Jungs stagniert irgendwo in Perspektivlosigkeit und Verblendung.
Kurzfilme – Gewalt
Kazneni udarac (Elfmeter) von Rok Biček ist ein sehr stimmungsvoller, aber auch grausamer Film. Zwei kleine Jungs spielen Fussball, träumen dabei von den Grossen des Sports, von ihren Wünschen, ihren Aussichten. Bis eine Gruppe viel älterer Jungs ankommt, zunächst schmeicheln sie dem aufgeweckteren der beiden Kleinen, schiessen sanfte, leichte Bälle auf sein Tor, die er gut halten kann. Als er sich sicher fühlt, glaubt bei den Älteren mitspielen zu dürfen, fangen sie an, gezielt und brutal Bälle direkt auf das Kind zu schiessen. Das kann nicht gut ausgehen, und tut es auch nicht.
Um häusliche Gewalt geht es in Imuhira (Zuhause) von Myriam Uwiragiye Birara. Eine junge Frau mit einer Kopfwunde flüchtet sich zu ihrer Familie. Dort ist sie aber weder willkommen noch erfährt sie Unterstützung. Ein Film, der seine Stimmung fast ausschliesslich aus den schönen Bildern zieht, die wenigen Dialoge unterstützen, was man auch so verstanden hätte.
Das genaue Gegenteil passiert in Four Pills at Night von Leart Rama. Die Bilder von einer Techonparty irgendwo am Rand von Prishtina erzeugen zwar Stimmung, aber das, was sie erzählen sollen oder wollen, funktioniert nur über die Dialoge, die allerdings wie Fremdkörper in diesem Film wirken.
Dōng dōng de shèng dàn jié (Weihnachten) von Fengrui Zhang, hier stimmt die Balance zwischen spärlichen Dialogen und Bildern wieder. Ein Vater, sein Sohn, irgendwo in der chinesischen Provinz. Es ist Weihnachten, aber, Chinesen feiern kein Weihnachten, weshalb der Wunsch des Jungen, nach einem Geschenk unerfüllt bleibt. Die Bilder zeichnen ein intimes Bild der beiden Figuren, verloren in ihrer Entfremdung und in der Weite der Stadt.
In Strawberry Cheesecake von Siyou Tan wehren sich drei Schülerinnen gegen die Direktorin ihrer Schule, die droht sie rauszuwerfen, weil sie eine E-Zigarette geraucht haben. Die Wahl der Mädchen fällt auf Psychoterror durch blutigen Horror. Schön gemacht.
Warten im Schatten (c) ch.dériaz
Berge, Teufel und Familie
Um sich vor dem Teufel Alkohol und ihren Sohn vor allen Teufeln zu bewahren, lebt eine Mutter mit ihrem erwachsenen Sohn weit oben, einsam in den Tiroler Bergen. Soweit der Hintergrund in Peter Brunners Luzifer. Gefangen im christlichen Wahn und der übersteigerter Mutterliebe hat der, nur wenige Worte stammelnde, Johannes wohl nie eine Chance auf ein eigenständiges Leben und so liegt sein gesamter Fokus auf dem religiösen Irrsinn seiner Mutter und der naiven Hingabe an seine Raubvögel. Die düstere Idylle wird plötzlich bedroht, als das Stück Land gebraucht wird, um einen Skilift zu bauen. Auf ersten Drohungen gegen die Mutter folgen handfeste Taten, der leibhaftige Teufel scheint die beiden gefunden zu haben. Die Spirale aus Gewalt und Wahnsinn dreht sich immer enger zusammen. Tolle Bilder der dramatisch wirkenden Berglandschaft, schaurige Aufnahmen von herannahenden Drohnen, die wie böse Insekten, einfallen und das sensationelle Schauspiel von Franz Rogowski machen diesen düsteren Film aus. Im Vergleich zu Brunners früheren Filmen ist Luzifer, trotz seiner Qualitäten, deutlich konventioneller, was schade ist. Warum auch hier wieder ein Warnhinweis für sensible Zuschauer nötig war, erschliesst sich nicht.
Bald geht es los (c) ch.dériaz
Ida Red von John Swab, der Abendfilm auf der Piazza, kommt ohne Warnung aus, und das, obwohl bereits in den ersten Minuten Blut aus Köpfen spritzt, die mit grosskalibrigen Waffen durchlöchert wurden. Ida Red ist eine klassische (amerikanische) Kinogeschichte. Eine mörderische Familie, die, obwohl die Mutter, als Kopf der Bande, im Gefängnis sitzt, einen Ort in Oklahoma fest im Griff hat. Blut ist hier dicker als Gesetz, als Vernunft oder als das eigene Leben. Der Film verhandelt das alles in einem atemberaubenden Tempo, und reiht Gewalt an mehr Gewalt: Wer nicht mit uns geht, ist gegen uns. Auf jeden Fall packend.
Mondschein und Statistik
Auf den ersten Blick scheint in Locarno alles wie all die Jahre vorher, aber bei genauerem Hinsehen fällt auf, die Kinos sind zwar gut besucht, aber längst nicht so voll wie üblich. Auch auf der Piazza Grande ist es, trotz vieler Zuschauer, deutlich leerer als üblich, nicht nur auf Grund der Begrenzung auf 5.000 Plätze (statt möglicher 8.000). Die genauen Zahlen wird man sich noch anschauen müssen, aber subjektiv ist es weniger voll.
Weil weniger Menschen angereist sind?
Weil doch die Angst vor Ansteckung grösser ist, als der Wunsch nach Kunst? Dafür bietet Locarno dieses Jahr mehr Uraufführungen als sonst, auch auf der Piazza. Auch das mag an dem gerade erst wieder anlaufenden Kinobetrieb liegen.
Und wieso ist im Film der Mond immer voll?
Nur mal so in den Raum gefragt.
Mond auf der Leinwand (c) ch.dériaz
Reden aber nichts sagen
Manchmal sollte man, wenn einen kein Film wirklich anspricht, gar nicht ins Kino gehen. Aber, nein, tapfer I gigantivon Bonifacio Angius ausgewählt, obwohl die Beschreibung nicht wirklich aufregend klingt. Das Bauchgefühl hatte Recht. Der Film hat zwar eine sehr schöne Bild-und Lichtgestaltung, mit viel dunkelstem Schwarz und Braun, und das wenige, das beleuchtet ist, schimmert expressionistisch in schmutzigem Gelb. Das hilft aber nicht darüber hinweg, dass die Geschichte der 5 alten Freunde, die sich in einem Haus treffen, Drogen konsumieren und aneinander vorbeireden, nicht wirklich interessant ist. Das Beste, das man dazu sagen könnte wäre: Ein absurdes Gedicht.
Kurzfilme –Vermissen
Se posso permettermi von Marco Bellocchio ist der corti d’autore dieses Programs, aber so richtig überzeugen mag der Film nicht. Ein Mann, der anscheinend gerade seine Mutter verloren hat, verbringt seine Zeit auf Strassen und Plätzen und beobachtet Menschen. Unvermittelt macht er dann Bemerkungen, gibt (unerwünschte) Ratschläge : Sie sehen so traurig aus…..So hohe Absätze sind nicht gut für das Gleichgewicht….. Sie essen ganz schön viel…. Ungefragt, zum Teil grenzüberschreitend, immer an Frauen gerichtet. Und in Wahrheit ist alles sowieso nur ein Tagtraum. Naja.
Fantasma neon von Leonardo Martinelli hingegen schafft eine Brücke zwischen Kritik am Brasilianischen Staat und getanztem Musical, und das auch noch mit Leichtigkeit. Seine Protagonisten, alles Essenslieferanten, wechseln von kurzen Statements zu ihrer Lage, und der Lage im Land, zu Tanzeinlagen auf der Strasse. Mühelos, schön, und doch auf den (wunden) Punkt gebracht.
And then they burn the sea von Majid Al-Remaihi ist ein experimenteller Abschiedsbrief an eine Mutter, die ihre Erinnerung verliert. Ein bisschen verwirrend.
Für Real News nutzt Luka Popadić sowohl Spielszenen als auch originale Nachrichtenbilder. 1999, der Kosovokrieg ist in vollem Gang, eine Gruppe internationaler, aber auch serbischer ,Journalisten wird vom serbischen Militär zu Schauplätzen der NATO Bombardierungen gebracht, um zu berichten. Ein junger, amerikanischer Journalist, will sich dem gewünschten Verhalten aller Kollegen nicht beugen, stellt Fragen, schaut genauer hin. Und wird jedes Mal zurückgepfiffen. Dann wird im April das Gebäude des serbischen Fernsehens bombardiert, es sterben Techniker und Journalisten, er muss sich entscheiden, vor Ort bleiben und weiter berichten, oder so berichten, wie er es für richtig hält und nach Hause geschickt werden.
Yi yi von Giselle Lin ist ein weiterer Film, der nicht weiss, ob die Bilder oder die Dialoge die Geschichte transportieren sollen. Fatalerweise wählt die Regisseurin Bilder mit eher wenig Aussagekraft und lässt fasst alle Dialoge in grossen Totalen stattfinden. Das Ergebnisberührt nicht wirklich, entgegen der Ankündigung.
Pardoletten (c) ch.dériaz
Und noch ein Film, den man sich problemlos hätte sparen können: Zeros and ones von Abel Ferrara.
Laut Katalog findet die Geschichte in einem postapokalyptischen Rom nach einer Belagerung statt. Aber ein Wer oder ein Was erschliesst sich überhaupt nie im Film. Statt dessen durchweg nicht nur dunkle, sonder vor allem grieselige Bilder, auf denen selten irgendetwas zu erkennen ist. Das was an Handlung da sein könnte versinkt damit in Unsichtbarkeit. Das Ganze unterlegt mit Musik, die wahlweise böse wummert oder symphonisch ein kommendes Drama ankündigt – das dann nicht kommt. Ein wirrer Quatsch, mit aufdringlichen Bezügen zu allen Coronamassnahmen – ständig desinfiziert jemand Hände, oder auch Dollarnoten, werden Masken auf und abgesetzt – in dem einzig die Zufahrten auf die ständig irgendetwas filmende Sony-Kamera halbwegs gut im Bild sind. Warum dieser Film ausgewählt wurde ist wirklich unverständlich.
Stühle intakt (c) ch.dériaz
Auf der Piazza Grande gibt es, nach dem Ehrenleoparden für sein Lebenswerk an den Kameramann Dante Spinotti, einen bunten Animationsfilm.
Yaya e Lennie – The walking Liberty von Alessandro Rak ist ein Sciencefiction Märchen, mit Anklängen an Endzeitactionfilme. Sehr schön gezeichnet, modelliert, animiert, phantasievoll und ein ganz kleines bisschen kitschig. Die junge Yaya und ihr etwas tumber Kumpel Lennie durchstreifen eine Welt, in der der Dschungel die Städte überwuchert, Menschen nur noch selten anzutreffen sind. Eine Gruppe hat allerdings ein totalitäres System aufgebaut, fängt Kinder ein, unterwirft und beutet aus, dieser „schönen neuen Welt“ gilt es unter allen Umständen nicht in die Hände zu fallen.
Und damit nähert sich das Festival langsam seinem Ende, ein kompletter Festivaltag noch und die Preisverleihung. Echte Favoriten gibt es nicht, wenn man sich umhört.