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#Solothurn_2021 Erster Teil

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56.Solothurner Filmtage-
die Homeedition

 

Natürlich hat auch eine Homeedition eine Eröffnung, nicht feierlich, nicht mit vielen geladenen Gästen, aber immerhin mit dem aktuellen Schweizer Bundespräsidenten.
Nach einer kurzen Einführung durch die künstlerische Leiterin Anita Hugi, gab es eine kurze, freundliche und, für Solothurner Verhältnisse, unpolitische Ansprache von Guy Parmelin. Um dem Virus keine Chance zu geben, wurden beide Ansprachen im Freien, auf einer der Aare Brücken, mit Blick auf die Solothurner Altstadt gedreht.
Alles, auch der Eröffnungsfilm
Atlas des Tessiner Regisseurs Niccolò Castelli wurde auf allen drei Schweizer Fernsehprogrammen übertragen. Für online Zuschauer aus dem Ausland bedeutete das, nach den Ansprachen und den ersten drei Filmminuten:
„aus rechtlichen Gründen ist dieser Film in ihrem Land nicht verfügbar“.
Na gut.

 

 

Dann eben Online Filme schauen.
Wobei, auch hier galt es, eine Hürde zu nehmen, denn auch alle Filme des Programms sind nur aus der Schweiz abrufbar.
Was also tun, als Filmkritiker aus dem Ausland?
Die Lösung heisst: Filme im Vorfeld auswählen, und dann Sichtungslinks anfragen.
Meine Auswahl fiel auf die neue Kategorie Opera Prima, also Erstlingslangfilme.

Hier die erste Gruppe von sehr vielfältigen ersten Filmen Schweizer Filmemacher.

Grosse Gefühle

Kino ist der Ort, an dem grosse Gefühle verhandelt werden, das ist auch bei einigen der Filme aus der Reihe Opera Prima nicht anders.

The saint of the impossible
von Marc Raymond Wilkins
Grosse Träume einer peruanischen Familie, illegal in New York. Die junge Mutter träumt vielleicht von Liebe und dem grossen Wurf im Leben, ihre beiden Teenager Söhne wollen endlich jemand sein, bemerkt werden, besonders von der hübschen Mitschülerin im Englischkurs. Doch nichts ist in dem Film wie es scheint, für niemanden, nicht mal für den Zuschauer, der Stück für Stück entdeckt, welche Zeitebenen da parallel gegeneinander laufen.

Von Fischen und Menschen
von Stefanie Klemm
Ganz grosse Schuldgefühle. Eine kleine Fischzucht, irgendwo im ländlichen Jura, eine Mutter, ihr kleines Mädchen, zwei Brüder. Wenige Worte werden gemacht, und doch wird alles erzählt, und man fühlt mit als Zuschauer. Besonders dank der sehr schönen Kamera, die viel mit schrägen (Blick)Winkeln arbeitet, vieles im Dunklen lässt, und trotzdem immer einen Weg findet einen grossen Kontrastumfang zu bieten. Auch die Ton- und Musikgestaltung ist sehr schön und einfühlsam, ohne kitschig zu sein oder zu nerven. Einzig in den letzten Minuten stören die drei aufeinander folgenden Enden. Ein erstes Ende, gefolgt von einer Schwarzblende in Länge eines Ausatmens: guter Schluss. Ein zweites Ende: ein einzelner Satz noch dazu. Ja das ist ein super Schluss. Aber das darauf folgende dritte Ende ist einfach eines zu viel und hat plötzlich etwas fast albernes an sich.

Spagat
von Christian Johannes Koch
Grosses Drama. Ein Vater, illegal in der Schweiz, seine Tochter, deren Lehrerin, mit der der Vater ein Verhältnis hat. Schwarzarbeit, Lügen und Betrügen, und alles in dunklen Bildern erzählt. Mal scheint ein wenig Orange auf die Szenen, oder ein entferntes Blau, etwas Grün, und ganz selten gibt es Szenen im Licht. Momente, die einen Ausweg bieten könnten, wie das Turntraining der Tochter. Aber dann wird wieder jede neue Handlung zu einem weiteren Knoten hin zum nicht mehr lösbaren Drama. Ganz schön beeindruckend.

 

Liebe und Verwirrung

Zwei Filme, die stark von ihrem Darstellerensemble leben und doch sehr unterschiedlich mit den Verwirrtheiten der Liebe umgehen.

Lieblingsmenschen
von Vlady Oszkiel
Verwirrte Herzen in der Stille eines Landhauses, sie schlagen und wollen und wissen doch nicht, was sie wollen, und wissen nicht, warum sie es nicht bekommen. „Sammeln Sie Herzen?“  fragt an einer Stelle des Films eine Kassiererin. Eine Geschichte vom Herzen sammeln und schlagen lassen, ein bisschen verrückt ein bisschen idyllisch. Schöne Kamera, die auch immer wieder mit Dunkelheit und Verborgenem arbeitet.

Lovecut
von Iliana Estañol, Johanna Lietha
Es ist eigentlich eine alte Geschichte, die von den hormongefluteten Jugendlichen, die Erwachsenwerden mit Sex verwechseln und eigentlich „nur“ ihren Weg in eine neue Welt suchen, in der auch wieder Liebe und Geborgenheit herrschen soll. Aber sich das einzugestehen, dafür sind sie natürlich zu cool und zu erwachsen. Und obwohl die Grundidee der Geschichte alt ist, ist sie toll und frisch erzählt, in ineinander verwobenen Episoden, in denen vieles, was schieflaufen kann, auch tatsächlich schiefläuft. Aber das gehört eben dazu, zu der alten Geschichte vom Erwachsenwerden.

 

 

Vom Erinnern

Ich hätte am Kronleuchter hängen bleiben müssen
von Diego Hauenstein
Papa ist ein Clown, nicht nur so dahingesagt, sondern wortwörtlich. Ein sehr privates, persönliches Portrait der Eltern des Filmemachers. Eine Geschichte vom Leben mit und für die Kunst, eine Familiengeschichte, und ein bisschen ein Abschied von dem, was – manche– noch als grosse Clowns gekannt haben.

Sòne
von Daniel Kemény
Wohin gehen die Fussbälle, wenn man nicht mehr mit ihnen spielt?
Was wurde aus dem Dorf der Kindheit? Was ist geblieben von den Erinnerungen?
Genau wie die Fussbälle stromern sie weiter durch das immer verlassener werdende italienische Dorf, Erinnerungsfetzen hängen an Mauern und lümmeln in Gassen. Eine filmische Collage, ein surreales Filmgedicht vom Erinnern und Vergessen und Bewahren.

 

Landleben

C’era una volta l’albero
von René Worni
Die Geschichte der sterbenden Olivenbäume in Apulien, von Bäumen und Menschen, Menschen und Bäumen: Partner und Antagonisten. Monokulturen, Herbizide, sinnlos gestreute Subventionen, all das hat über die Jahre dazu geführt, dass sich die Apulischen Olivenbäume nicht mehr gegen ein Bakterium wehren können und langsam vertrocknen. Journalistisch wird von allen Seiten beleuchtet, filmisch ist das nicht. Es wird fast dauernd geredet, in Interviews, im On, im Off, in Podiumsdiskussionen, im Kommentar. Dazu Menschen oder Bäume, Bäume und Menschen. Auch der eher konfuse Einsatz von Musik und Bildüberlagerungen macht das ganze nicht besser. Leider

Kühe auf dem Dach
von Aldo Gugolz
In dunkel strahlenden Bildern erzählt der Film von einem Bergbauern, eine Art Alphippie der zweiten Generation. Er kümmert sich um sich, seine Tiere, seine Leute und sonst nichts. Der unaufgeklärte Tod eines seiner Saisonarbeiter umrahmt das Portrait, wirft Fragen auf, zeigt die prekäre Situation der kleinen Truppe, die Abhängigkeit nicht nur vom Wetter, sondern auch von der menschlichen Grosswetterlage. Den Kapiteln sieht man nicht an, dass sie in Etappen gedreht wurden, alles fliesst dank der tollen Bilder ineinander, bleibt spannend. Einzig das letzte Kapitel wirkt etwas angehängt, die Bilder sind flacher, aber vielleicht ist das geschmäcklerisch, denn die Informationen des letzten Kapitels will das Publikum sicher haben.

 

So weit die erste Runde aus Solothurn, es ist viel Schönes dabei, und bei nicht wenigen Filmen vermisse ich die Ruhe, Dunkelheit und grosse Leinwand eines Kinos.

 

# Es bleibt dunkel

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Bis auf Weiteres geschlossen

Kaum sind alle harten Massnahmen verlängert worden, kommt schon die erste Konsequenz fürs Frühjahr. Die Diagonale verschiebt ihren Termin, sicherheitshalber, von 16. – 21. März auf 8. bis 13. Juni. Damit erhöht sich die Chance, dass das Festival in einer, einigermassen gewohnten, physischen Form stattfinden wird. Jedes Festival, aber gerade eines wie die Diagonale in Graz, oder auch die Solothurner Filmtage, leben davon, dass man einander trifft. Leben vom Austausch zwischen Publikum und Filmemacher. Während also Solothurn morgen rein digital startet, setzt Graz auf Zeit und auf die Möglichkeit der wiedererlangten Bewegungsfreiheit.
Es bleibt nur zu hoffen.

 

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Licht(spiel)los

Die abgegriffenen Metaphern von Tunneln und Licht, von Marathonläufen, von letzten Metern und, und, und, sie alle täuschen schon lange nicht mehr darüber hinweg, dass wir von essenzieller geistiger Nahrung abgeschnitten sind.
Ja, das ist ziemlich sicher wichtig, keiner will krank werden, aber diese Erkenntnis hilft beim Durchhalten bald auch nicht mehr.

Trotzdem

Durchhalten

 

 

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56. Solothurner Filmtage

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 Programmpräsentation

Letztes Jahr Ende Januar waren die Solothurner Filmtage eines der letzten Festivals, das noch „wie gewohnt“ stattfinden konnte.
Dieses Jahr hat aber das Festival des Schweizer Films nicht so viel Glück. Nach diversen Plänen, von komplett physischer Ausgabe mit reduzierten Plätzen, über eine gemischte Variante, ist seit Dezember klar, Solothurn wird vom 20.1. bis 27.1. komplett im Netz stattfinden.

Ein bisschen Rock’n’Roll

 

Die heutige Programmpräsentation also selbstverständlich online per zoom.

Wie so viele online Konferenzen und Präsentationen lief es auch hier ein wenig chaotisch ab. Liebenswert chaotisch sollte man sagen, oder wie die Direktorin Anita Hugo es nannte: „ein bisschen Rock’n’Roll“.
Aber wie auch immer man es nenne mag, die Essenz, also die Präsentation des sehr spannenden Programms kam durch.

 

Anita Hugi
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Zusätzlich zu den beiden Preisen, also dem Publikumspreis, 11 nominierte Spiel- und Dokumentarfilme, und dem Prix de Soleure, 12 Spiel- und Dokumentarfilme, wird es dieses Jahr erstmals einen Preis (20.000SFr) für einen Erstlingsfilm geben, hier sind 14 Filme nominiert. Auch Filmdiskussionen, Masterclass und Gespräche zum Kino werden online stattfinden.

 

Solothurn online

Trotz online Ausgabe, der Festivalcharakter bleibt bestehen. So gibt es pro Film limitiert 1000 Zuschauerplätze und die Filme sind auch nicht kostenlos anzusehen, sondern kosten 10SFr pro virtueller Kinovorstellung. Online anschauen kann man die Filme auch nur innerhalb der Schweiz, ganz so also, als wäre man vor Ort.
Die 1000 Zuschauer pro Film dürfen dann auch über den Publikumspreis abstimmen.
Der Eröffnungsfilm Atlas von Niccolò Castelli wird auf allen drei Kanälen des Schweizer Fernsehens zu sehen sein. Es ist übrigens das erste Mal, dass ein Tessiner Film Solothurn eröffnet.

 

Romantisches Solothurn
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Es ist gut, dass die Filmtage stattfinden, wenn auch nur online, gut für die Schweizer Filmemacher, die Filmindustrie. Was trotzdem schmerzlich fehlen wird, ist der direkte Austausch, das Miteinander im Kino, die Begegnung und das romantische Solothurn, Schnee und Nebel inklusive.

 

Das ganze Programm ist ab sofort auf der neuen Webseite des Festivals zu finden.

Da schaust Du

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Gegen Kekskoma und Serienstupor

 

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Dass Kinos weiterhin zu sind, hat sich genug herumgesprochen.
Das ist aber noch lange kein Grund, gänzlich auf gutes Kino zu verzichten. Man muss nur etwas suchen.
Neben den diversen, von Kinos angebotenen, Streamings gibt es noch bis zum 31.12. aus arte das artekinofestival.
Gezeigt werden 10 europäische Kinofilme, die auch in virusfreien Jahren ausserhalb von Festivals selten bis gar nicht zu sehen wären.

 

Feiertags Filmfestival Tipps

 

Grandios chaotisch:

Ivana cea Groaznica (Ivana die Schreckliche) von Ivana Mladenović.
Was macht eine Regisseurin und Schauspielerin, um sich selbst zu therapieren – sie schreibt ein ausgefeiltes Drehbuch, fährt von Bukarest, wo sie lebt, ins heimatliche Kladovo, und setzt ihr Drehbuch mit ihrer Familie und ihren Freunden um. Es spielen also alle sich selbst, aber nach dem Buch der Regisseurin, die natürlich auch mitspielt. Was dabei entsteht, ist extrem lustig, manchmal nah am Chaos, dabei aber gut durchdacht und toll gedreht. Realität und Spiel purzeln munter durcheinander und alles tanzt nach Ivanas Pfeife – wenn das keine prima Therapie ist.

Chaos im Londoner Wohnblock gibt es bei:

Cat in the wall von Mina Mileva und Vesla Kazakova.
Mit Sohn und Bruder lebt eine junge Bulgarin in London, und obwohl beide Geschwister einen Uniabschluss haben, gibt es für sie in London nur Hilfsjobs. Als sie eine Benachrichtigung bekommen, dass sie für notwendige Sanierungen im Haus eine grosse Summe zu zahlen haben werden, fangen sie an, Kontakt aufzunehmen zu anderen Wohnungseigentümern, aber auch zu den von Sozialhilfe lebenden Mietern im Wohnblock. Und dann läuft ihnen auch noch eine Katze zu, die alles verkompliziert. Wechselnde Allianzen entstehen, viel lautes Geschrei, und eine ordentliche Portion Rassismus in alle Richtungen, trotzdem herrscht ein komödiantischer Unterton im Film und das Geschrei hat oft etwas Slapstickhaftes. Ein Film zum lachen und nachdenken.

Wahn in Blau:

Love Me Tender von Klaudia Reynicke.
Ein junges Mädchen und ihre Eltern, zunächst scheint sie sich einfach nur von irgendetwas zu erholen, aber schnell wird klar, in ihrem teils brutalen, teils nur abweisendem Verhalten steckt mehr, und sie ist allein und unverstanden mit ihrem Problem. Als erst die Mutter stirbt und wenig später der Vater sie einfach allein zurücklässt, wird ihr Wahn offenbar. Mit unglaublicher Intensität spielt Barbara Giordano, in der Enge des Hauses, das zusehends mehr vermüllt, eine Art Tanz mit den inneren Dämonen.

Alle Filme wurden vom ehemaligen künstlerischen Leiter des Locarno Festivals Olivier Père kuratiert. Man kann aber nicht nur tolles Kino geniessen, sondern als Zuschauer auch für den European Audience Award des artekinofestivals mitstimmen. Der Film mit den meisten Punkten kann immerhin bis zu 20.000 Euro gewinnen. Und auch dem abstimmenden Zuschauer winkt ein Preis:
ein Aufenthalt beim Locarno Festival 2021.

Damit kann man sich nebenbei also eine Portion Optimismus sichern, bis zum August ist noch etwas Zeit, und dann dürfen wir hoffentlich nicht nur wieder raus, sondern auch wieder ins Kino.

 

Frohes neues Jahr
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Wir müssen reden

 

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Lockdown – weich, Hart, Mittelhart?

 

Alles zu, manches auf, ein bisschen zu und dann das Gleiche wieder von vorne.
Was bleibt sind geschlossene Restaurants, Cafés, Bars und
alle Kultureinrichtungen.
Was offen bleibt, wird als täglicher Bedarf, als notwendig bezeichnet.
Demzufolge ist der Rest dann eben nicht notwendig, Luxus in irgendeiner Form.
Und Luxus braucht es nach dieser Logik nicht in Krisenzeiten.
Das so bitter wie verkehrt.

 

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Kunst ist Arbeit

Zusätzlich sind damit so gut wie alle, die in und für Kunsteinrichtungen arbeiten, ihrer Arbeit beraubt. Immerhin in einer Pressekonferenz am 11.12.2020 hat die Schweizer Bundespräsidentin Sommaruga eingeräumt: „(…) für die Kulturschaffenden kommt das einem Berufsverbot gleich…“.
Immerhin, klare Worte. Worte, die man keineswegs von allen Regierungen hört.
Seit dem Frühjahr und der ersten „Coronawelle“ sind die diversen finanziellen Unterstützungen zwar etwas besser geworden, es hat sich – ein bisschen – herumgesprochen, dass auch Künstler ein Wirtschaftsfaktor sind, aber im Vergleich zu vielen anderen Wirtschaftszweigen bleibt die Hilfe, die Unterstützung überschaubar.

 

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Hilf dir selbst

Natürlich ist das Geld wichtig, ebenso wichtig ist aber auch die Möglichkeit für Künstler, sich auf ihrem Gebiet auszudrücken. In einigen Theatern, Opern- und Konzerthäusern darf immerhin wieder geprobt werden, manche haben für sich Wege gefunden, Aufführungen live ins Netz zu streamen. Es finden auch wieder Filmdrehs unter strengen Auflagen statt. Und bei einigen der Filmfestivals, die Anfang des Jahres stattfinden sollen, wird zwischen reiner online Ausführung und eventueller physischer Ausführung hin und her geplant.
Das alles ist löblich und teilweise spannend. Aber was fehlt, ist der Austausch.
Kunst wird auch für den Zuschauer gemacht, ohne den Zuschauer gibt es keinen Austausch, kein Lernen, keine Entwicklung, keine Kultur.
Und während sich die meisten Länder als Kulturnationen bezeichnen würden, behandeln sie die Kunst, die überhaupt erst die Kultur macht, wie unnötigen Luxus.
Das ist falsch.
Nicht nur für die Künstler, sondern auch für die Zuschauer.
Das Anschauen von Theaterstücken, Filmen oder Konzerten im Internet, auf egal wie grossen oder eben kleinen Monitoren, ist da kein Ersatz.

 

Was sind wir ohne Kunst?

Die einen wollen, müssen Kunst herstellen und anbieten, aber wir alle sind Kunstkonsumenten.
Kunst in ihren vielen Facetten trägt zu unserer Entspannung bei, zur Horizonterweiterung, sie kann aufregen, anregen und beruhigen, Perspektiven bieten und aufzeigen. Egal ob es dabei um Kino, Museum, Theater oder Konzert geht, Kunst ist ein Lebensmittel.
Und zwar egal wie rau die Zeiten gerade sein mögen.
Ohne Kunst ist die Welt um die Kultur ärmer.
Darüber werden wir reden müssen, grundsätzlich und bald.
Und nicht nur untereinander, sondern auch dort, wo das anscheinend vergessen wurde, wo Kunst nur zu Festtagen zelebriert wird.

 

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Filmclub 813 droht das Aus

 

Filmclub 813 Programm
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Der Mensch will unterhalten werden


Nicht jeder Mensch auf die gleiche Art und Weise, des einen Tatort ist des anderen Pulp Fiction, ist des nächsten Rudolf Thome oder Jean-Luc Godard.
Popcorn-Kino, Fernsehen, Streaming, Programmkino, oder Filmclub – das Programmkino des Programmkinos –, alles hat seinen Platz, seine Zuschauer, seine Berechtigung.
Und gerade jetzt, wo es allen Kinos ohnehin schwerfällt zu überleben, wo häufig wechselnde Hygienevorschriften für immer neue Akrobatikübungen bei der Zuschauerverwaltung bedeuten, gerade jetzt droht dem renommierten Kölner Filmclub 813 das Aus.

 

Eine kölsche Institution

 

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Der Filmclub 813 formierte sich 1990, seit Januar 1991 werden regelmässig Filme gezeigt.
Man mag von Köln denken was man will, aber was unbestritten ist, ist die rege, bunte und rührige Kölner Filmszene, unabhängige, renitente Herzblutfilmemacher, die regelmässig bei Filmfestivals von sich reden machen. Aus diesem Biotop heraus muss man auch den Filmclub 813 sehen und verstehen.
Gezeigt wird Schräges und Rares, Abseitiges, aber auch Bekanntes. Dank einer exzellenten Vernetzung mit andern Filmclubs europaweit, können diese Perlen des Filmgeschehens immer wieder gezeigt werden, seit 30 Jahren. Und nicht von Ungefähr wurde der Filmclub mehrfach für seine Programmierung als Regionalkino ausgezeichnet.

 

Analog und ungeschönt

 

Kölnischer Kunstervein, Die Brücke
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Nach anfänglich wechselnden Spielorten, ist seit 1995 das denkmalgeschützte Haus (Wilhelm Riphahn, 1950) in der Kölner Hahnenstrasse der ständige Standort des Filmclubs.
Und da beginnt nun das Problem. Anfangs teilte sich der Filmclub das Gebäude mit dem British Council, seit 2003 mit dem – auch renommierten – Kölnischen Kunstverein.

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Kunst und Kultur in einem Haus, das sollte doch funktionieren, möchte man meinen.
Tut es aber nicht, und das aktuelle Streitkapitel ist eine fristlose Kündigung des Filmclubs durch den Kunstverein!

 

 

Ein Kino ohne Kinosaal?

Klarerweise geht das gar nicht.
Man kann ein, überwiegend, analoges Programm auch nicht einfach online ins Netz verlegen. Kinos wie der Filmclub 813 brauchen noch mehr als andere den Austausch, das Publikum, das Gespräch, auch wenn nur 20 % der Plätze besetzt werden dürfen.
Es braucht also dringend eine Lösung, eine, die die verhärteten Fronten wieder in Bewegung bringt, eine, die ein wichtiges kulturelles Juwel am Leben lässt.
Zurzeit ist die fristlose Kündigung ausgesetzt, die Anwälte verhandeln, und es gibt einen offenen Brief, den man unterschreiben kann.

Gerade in Köln sollte das Motto: Leben und leben lassen auch für diesen Fall gelten.

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Licht im Tunnel

Kino-Herbst

 

 

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Nein, es ist nicht alles wieder gut!
Es herrschen weiterhin Beschränkungen.
Kinos spielen, aber mit reduziertem Platzangebot.
Der Mund-Nasen-Schutz wird zu so etwas wie einem Modeaccessoire.
Trotzdem, manches geht wieder – zumindest so ein bisschen.

 

In Wien zum Beispiel laufen diverse Filmtage, Filmfestivals. Das Platzangebot im Saal beschränkt, Zugang mit Mund-Nasen-Schutz, möglichst keine Menschenhaufenbildung vor dem Saal, auch wenn genau das am schlechtesten funktioniert.

 

Japannual
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Zurzeit können also noch japanische Filme beim Japannual angesehen werden.

Bis Ende des Monats läuft das Jüdische Filmfestival mit einem umfangreichen und buntem Programm.

Und auch die Viennale findet dieses Jahr statt, fast wie gewohnt. Fast, weil es keine Orte für Begegnungen geben wird, also von den Kinosälen einmal abgesehen. Zusammentreffen von Filmschaffenden und Publikum mit gemeinsamen Trinken alkoholhaltiger Getränke ist abgesagt, dafür bleiben die Filmvorstellungen bestehen, und finden dieses Jahr sogar in noch mehr Kinos als sonst statt. Das vollständige Programm wird am 13.10. veröffentlicht.

 

Und international?

Die ersten Filmfestivals von 2021 werfen schon leichte Schatten voraus.
Filme können eingereicht werden, erste Ideen, wie der aktuellen Situation begegnete werden kann, stehen im Raum. Einige Festivals planen Hybridversionen, heisst: sowohl Live-Programm in Kinosälen als auch Online-Programm, andere setzen auf Live-Versionen, alle versprechen ein gutes Hygienekonzept.
So kann geplant werden, kann auf aktuelle Veränderungen reagiert werden, geht das Filmschaffen nicht völlig unter.
Das ist gut.

In Locarno scheidet künstlerische Leiterin Lili Hinstin nach nur zwei Jahren wieder aus, die offizielle Begründung: „unterschiedlichen Auffassungen über die Zukunftsstrategie “.
Das heisst alles und nichts, und ist umso unverständlicher, als noch im Sommer Festival Präsident Marco Solari und Lili Hinstin sich gegenseitig lobten, trotz widriger Umstände ein so gutes Festival hinbekommen zu haben. Die Unterschiede in der Auffassung müssen also gravierend gewesen sein, denn normalerweise lässt Solari seinen künstlerischen Leitern völlig freie Hand beim Gestalten.

Ausblick

2021 wird man sehen, was im deprimierenden Jahr 2020 alles möglich war, was fertig wurde und wie es fertig wurde. Bleibt zu hoffen, dass die Filmqualität nicht zu sehr gelitten hat, dass Kreativität schlechte Bedingungen überwinden konnte, dass neue und alte Ideen zu spannenden Projekten werden konnten und werden können.
2021 wird auf jeden Fall ein spannendes Kinojahr.

Licht im Kino
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Und die blöde Metapher vom Licht am Ende des Tunnels sollte – auch gedanklich – ersetzt werden durch: Licht an im Tunnel, dann sieht man auch was möglich ist,
und: es ist weniger dunkel.

Locarno 2020 Das Finale

 

Pardino_2021
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Das war sie, die Sofaedition des Filmfestivals Locarno 2020

 

Filme für die Zukunft, die Zukunft des Films, all das wurde ausgelotet, aber wie immer kann niemand die Zukunft sicher vorhersagen.
Die Preisträger wurden recht unspektakulär per E-Mail und ohne jegliches Zeitembargo mitgeteilt, heute Abend werden sie dann in Locarno etwas feierlicher und vor kleinem Publikum verkündet.

 

Goldene und silberne Leoparden

 

 

(c) Locarno filmfestival

 

Die beiden Hauptpreise, also die goldenen Leoparden national und international, gehen jeweils an eine Regisseurin. International an die Argentinierin Lucrecia Martel für Chocobar und national an Marí Alessandrini für Zahorí.
Spezialpreise gehen an Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor für
De Humani Corporis Fabrica (The Fabric of the Human Body).
Und an Raphaël Dubach und Mateo Ybarra für LUX.

Eine der Begründungen der Hauptjury für war, dass sie die Filme bevorzugt haben, deren Arbeit durch die Pandemie zu einem schon relativ weit fortgeschrittenen Zeitpunkt unterbrochen wurde. Auf jeden Fall kann man gespannt sein, was aus diesen – und allen anderen eingereichten, Projekten wird. Filme, die Übermorgen auf die Leinwand kommen werden, dann hoffentlich mit Publikum im Saal oder auf der Piazza.
Die Jury Begründungen zum Nachhören und Anschauen.

Die Kurzfilme – Pardi di Domani

 

 

Gewinner Pardi di Domani
(c) Locarno filmfestival

 

Die Pardinos, also die Preise für die Pardi di Domani sind eine schlüssige und nachvollziehbare Wahl.
Den goldenen Pardino international gewinnt der essayistische und politisch hochaktuelle Film I ran from it and was still in it von Darol Olu Kae (USA).
Den silbernen Pardino gewinnt der sehr schöne Film History of Civilization
von Zhannat Alshanova (Kasachstan).

National geht der Pardino d’oro an den wunderbar versponnenen:
Menschen am Samstag (People on Saturday) von Jonas Ulrich.
Und eine Geschichte vom Erwachsenwerden gewinnt den Pardino d’argento:
Trou Noir (Black Hole) von Tristan Aymon.
Jury Begründung zum Nachhören und Anschauen.

 

Kein Zukunftsmodell

 

So gut es auch war, das Programm in Teilen online zur Verfügung zu stellen, und so gut das auch funktionierte, ein echtes Zukunftsmodell sollten online Festivals nicht werden.
Natürlich gibt es kleine Vorteile: Niemand haut einem einen Rucksack an den Kopf, keiner redet während man konzentriert schaut, man sitzt auf dem heimischen Sofa besser, als auf den meisten Kinositzen, man muss vor dem Klo nicht Schlangestehen.
Aber es gibt eben auch nicht das Gefühl gerade gemeinsam mit anderen einem Wunder, einem Experiment oder auch einem Ärgernis beigewohnt zu haben. Man hat keine unmittelbare Reaktion von anderen, die den Saal und das Erleben geteilt haben.
Und nicht zuletzt: man hat überhaupt kein Festivalgefühl.

Nächstes Jahr dann in Locarno
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In diesem Sinne also: Locarno 2021 findet vom 4. bis 14. August statt, dann hoffentlich wieder im Tessin.

Locarno 2020 Online Diskussion

Die Zukunft des Films
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Die Zukunft des Kinos?

Im Rahmen des Festivals gab es eine weitere sehr interessante und lebhafte online Diskussion, diesmal zum Thema: Wieviel ist ein Filmstart wert?
Es diskutierten Kinobetreiber, Streamingdienstanbieter, Produzenten, aber auch eine Vertreterin des Bundesamts für Kultur über nichts Geringeres als die Zukunft der Ausspielmöglichkeiten für Kinofilme.

Kino, Streaming oder beides?

Nicht erst seit dem sogenannten Lockdown stellt sich die Frage nach Streaming oder Kino.
Dabei ist das eigentlich die falsche Frage, es muss viel mehr gefragt werden wie weit können Streaming und Kinoauswertung voneinander profitieren und dabei die Filmindustrie als solche stützen und Zuschauer halten oder sogar gewinnen?
Dass dieses Problem nicht mal eben gelöst werden kann ist schnell klar. Weil es eben nicht um ein simples Polarisieren geht, es ist auch nicht die Frage, ob Kinos altmodisch sind und streamen modern ist.

Ins Kino gehen oder Film anschauen?


Eine Tatsache ist, ins Kino gehen ist nicht dasselbe wie einen Film anschauen.
Auch wenn im Kino natürlich ein Film angeschaut wird, ist der Gang ins Kino eine komplexe Form der Freizeitgestaltung, deren Erfolg – also auch der persönliche Lustgewinn – hängt auch keineswegs nur vom ausgewählten Film ab.
Die Kinoatmosphäre, die Begleitung, das Drumherum spielen eine nicht unwesentliche Rolle. Und gute Kinos funktionieren dann am besten, wenn sie eingebunden sind in einen Lebensraum, also Innenstädte zum Beispiel.

Aber Kinos, besonders Programmkinos, bieten eben auch durch ihre Filmauswahl, man könnte es auch hochtrabend, durch das Kuratieren eines Programms nennen, etwas an. Und hier kommt eine erste Möglichkeit ins Spiel, wie digitale Ausspielwege und Kinos koexistieren könnten.

 

Diskussionsrunde Saal oder Stream
Diskussionsrunde Saal oder Stream
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Kinos als Programmierer von E-Kinosälen

 

Die Idee wäre, dass den Kinobetreibern das Werkzeug an die Hand gegeben würde, Filme, die sie auch im realen Saal zeigen, im Anschluss in einem digitalen Saal zu vertreiben, mit einer Aufteilung des erzielten Gewinns zwischen dem jeweiligen Kino und den Plattformbetreibern. Über Zeiten und Preise müsste natürlich auch diskutiert werden.

Video on Demand

Der nächste Schritt wäre die Auswertung als Video on demand, wodurch die Auswahl zeitlich noch etwas unabhängiger würde, die Preise günstiger sein könnten, da es sich dabei nicht mehr um ganz neue Filme handeln würde.

Bei diesen, wie auch bei vielen anderen denkbaren Wegen, bleiben zwei Punkte ganz wesentlich, dass einerseits der Film als kulturelles Medium erhalten bleibt, weil er erhaltenswert ist und zum anderen, dass alle Dienste Bezahlmodelle sein müssen. Kein Wirtschaftszweig arbeitet gratis, auch die Filmwirtschaft nicht.

Koproduktionen

Was im Hinblick auf internationale Koproduktionen natürlich dringend geklärt und aktualisiert gehört, und da ist die Kultur- und Wirtschaftspolitik gefragt, sind die von Land zu Land verschiedenen Rechtemodelle und Garantien auf den sogenannten hold back, also das Verbot Filme vor einer Saal-Auswertung online zu zeigen.

Den richtigen Film finden im Angebot

 

Um Filme an den Zuschauer zu bringen wird aber immer auch Werbung in der einen oder anderen Form nötig sein. Es reicht nicht „alle“ Filme auf eine Plattform zu stellen, und dann zu glauben, dass sie auch alle angeschaut werden. Wer Fernsehen mit 60 (oder mehr) Programmen kennt, weiss dass davon die Auswahl nicht leichter wird. Auch hier wäre eine Zusammenarbeit von Produktionen, Vertreibern, Kinos und Kulturvermittlern (wie zum Beispiel Journalisten) nötig, um einen Weg durch die Menge überhaupt gangbar zu machen.

Das Thema muss behandelt werden, von Menschen mit Liebe zum Film, zum Kino und mit dem Wissen das alles auch an den Zuschauer weiterzugeben.

Die wirklich spannende Diskussion kann noch online angeschaut werden. Allerdings sollte man, es war eine Schweizer Runde, sowohl Deutsch als auch Französisch verstehen, denn jeder Antwortete in seiner Sprache.
Auch das ist Locarno.

Leinwand Wolken Pardokuh
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Locarno 2020 Es geht weiter

Neue Maske kein Abstand
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Die Zukunft der Vergangenheit des Kinos

 

 

17 Uhr Roundtable Diskussion, zum Thema: Wie umgehen mit dem filmischen Erbe, nur restaurieren und aufbewahren oder auch streamen?
Angekündigt sind: Frédéric Maire (Cinémathèque Suisse), Emilie Cauquy (Cinémathèque Française/HENRI), Penelope Bartlett (The Criterion Channel), Geremia Biagiotti (Intramovies)  ·  Moderated by Nick Vivarelli (Variety)

 

Streaming geht noch nicht
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Theoretisch sollten die Diskussionen direkt auf der Webseite des Festivals laufen. Praktisch gibt es um 17 Uhr nur den Hinweis, dass es derzeit kein Streaming gibt. Falsch, denn auf dem Locarno Festival Youtube Kanal läuft die Diskussion, allerdings mit soviel Bild-Ton Versatz, dass das wirklich keinen Spass macht.

Nach etwa 10 Minuten läuft dann auch auf der Festivalwebseite die Diskussion, ohne Versatz!
Alle Cinemathek Verantwortlichen oder Plattformbetreiber sind sich einig, historische/klassische Filme nur im Vertrauen auf cinephile Kinobesucher aufzubewahren, ist weder zeitgemäss, noch angebracht. Und alle haben in letzter Zeit gute Erfahrungen gemacht mit ihren diversen Modellen dieses filmische Erbe online an Zuschauer zu bringen. Einig sind sich aber auch alle, dass das langfristig nur mit dem einen oder anderen Bezahlmodell gehen wird. Es ist schon jetzt nicht in allen Ländern und in allen Cinematheken gewährleistet, dass Filme adäquat aufbewahrt und restauriert werden. Dieses Filmerbe ist aber überall kulturell enorm wichtig und darf nicht einfach irgendwo vergessen werden.

 

Roundtable FilmErbe
Roundtable FilmErbe
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Sommerkino

 

Zurzeit ist es in Wien auch nicht weniger heiss als in Locarno und so stellt sich die hier wie da die Frage: Eis essen oder Film schauen? Schwimmen oder schreiben?
Während also draussen die Strasse vor sich hin köchelt und die Wiener Tauben gurren – statt pfeifender Locarneser Mauersegler – drinnen die letzten Kurzfilme anschauen; Eis geht schliesslich immer.
Seit heute sind alle Kurzfilme der Pardi di Domani online abrufbar.

 

Nochmal einige FilmTipps

 

Mit 40 Minuten der längste und thematisch, wenn man so zum Mont Blanc schaut, der aktuellste Film ist Icemeltland Park von Liliana Colombo (GB/I).
Eine fiktive Vergnügungsparkattraktion: schmelzenden, bröckelnde Gletscher schauen und mit dem Handy filmen gehen. Auf der Tonspur, fröhliche Kommentare bei jedem Abbruch. Im Bild Gletscher, die Teile ihres Eis ins Meer werfen. Im Verlauf des Films kommen die Auswirkungen, wie Überflutungen, riesige Flutwellen etc dazu, in Bildteilung in direkten Bezug zum Gletscher gebracht. Eine Science-Fiction-Experimental Dokumentation, die Spass macht und trotzdem mehr als nachdenklich stimmt. Der Film nutzt die volle Kraft der Montage und Kollage!

Off Texte: für und wider

 

Auffallend viele Filme dieses Jahr arbeiten mit Off Texten, das geht manchmal gut, meistens aber entlarvt der Film damit seine Mangel an visueller und narrativer Kraft.

Sehr gut funktioniert das Konzept bei Burnt. Land of Fire (Grigio. Terra bruciata) von Ben Donateo (CH). Unter der sehr schönen und poetische Dokumentation über den Verfall eines Orts, liegt ein geflüsterter, fast gehauchter Text, der die schönen und quadratischen Bilder sanft unterstützt. Die Erklärung, das Verständnis geht aber immer von den Bildern aus, wäre auch ohne den Text klar verständlich. Wunderbar ins Bild gesetzt der malerische Verfall der Häuser, die flirrende Luft und der Dorfhund, der auch alt und verfallen zu sein scheint. Ein visueller Höhepunkt: die Gesichter der alten Dorfbewohner, die still in die Kamera schauen und dabei immer aussehen, als würden sie gleich zu reden anfangen, aber, dann, nein, doch nicht.


Der serbische Film How I Beat Glue and Bronze (Kako sam pobedio lepak i bronzu) von Vladimir Vulević, wählt auch Off Texte, während in der Handlung des Films eigentlich nicht gesprochen wird. Ein seltsamer Mann, lange Passagen, in denen er, in stets düsteren Bildern, seinem Alltag nachgeht, aufstehen, dem Nachbarn die Zeitung bringen, zum Friedhof und zur Arbeit gehen. Die Texte dazu sind etwas zeitverschobene Zeugnisse seines Daseins, seines Lebens, dessen was man von ihm weiss oder zu wissen glaubt. Das funktioniert einigermassen.

glue_and_bronze
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(c) Vladimir Vulević

 

In The End of Suffering (A Proposal) von Jacqueline Lentzou (Griechenland) funktioniert das ganz und gar nicht.
Eine verzweifelte junge Frau, in der U-Bahn, weinend, rennend, durch das analoge Filmmaterial entstehen sehr schöne und organische Bilder, man weiss zwar nicht was passiert, aber man erkennt die Verzweiflung und schaut gespannt zu. Aber dann mischt sich das Universum ein, in Form eines Off (Telefon) Dialogs, allerdings zieht es das Universum vor nur in Untertiteln zu reden. Ab da reihen sich zwar weiterhin interessante Filmbilder unter den Off Dialog, aber die illustrieren eher symbolhaft den Text, dadurch geht die Einheit des Films komplett verloren.
Jung und verzweifelt

 

Spotted Yellow (Zarde khaldar) von Baran Sarmad (Iran).
Auch hier eine verzweifelte junge Frau, diesmal ohne off Texte, eigentlich überhaupt ohne jeglichen Dialog.
Die Frau mit Hang zu gelben Accessoires und einem gelblichen Mal im Gesicht, driftet langsam in eine schräge, eigene Welt ab. Wunderbar versponnen, ganz reduziert aber toll gespielt, eine schöne Kamera und die Sprache, wenn überhaupt, nur als Atmo vorhanden.

spotted_yellow
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(c) Baran Sarmad


Black Hole (Trou Noir) von Tristan Aymon (CH)
Ein Sommertag, eine Sommernacht, eine Bande von Jungs ausgelassen skatend, rauchend, feiernd. Eine hermetische Gruppe, doch für einen soll es schon am folgenden Tag in ein Internat gehen. Ein dunkles Loch, aus dem er ein Tier gehört haben will, lenkt ihn von seiner Grübelei ab und zeigt einen metaphorischen Neuanfang, der in den meisten Enden steckt. Die Bildersprache übersetzt sehr gut den jeweiligen Gemütszustand der Gruppe und des Einzelnen.
Einfach nur schön

 

A Boring Film (Ekti ekgheye film) von Mahde Hasan (Bangladesch)
Ein Kameraspiel in schwarz-weiss, eine Übung in Bildkomposition, Tiefe, Schärfe, Unschärfe, Vorder- und Hintergrund. Ein Mann, Räume innen und aussen, Geräusche, Lärm, jedes Bild einfach nur schön, das Auge folgt, braucht weder Geschichte noch Erklärung; alles andere als langweilig, und auf einer grossen Leinwand sicher noch spannender anzuschauen. Die Beschreibung des Films, nach der es um Selbstquarantäne und Schlaflosigkeit geht, erschliesst sich nicht zwingend, ist aber auch nicht notwendig.



The Unseen River (Giòng sông không nhìn thấy) von Pham Ngoc Lan (Vietnam/Laos)
Von Anfang an betört der Film mit Verwirrung: bewegt sich das Boot, oder der Motorroller, was ist Innen, was Aussen, Natur, oder menschgebaut? Im Verlauf scheint sich auch die Zeit der Einordnung zu entziehen. Aber alles bleibt in einem harmonischen Fluss, dem man gerne folgt, ohne ihn wirklich zu verstehen.
Surreale Animation

 

O Black Hole! von Renee Zhan (GB)
Grossartiges animiertes Musical, über Liebe, Vergänglichkeit, Loslassen und die Freiheit der Einzigartigkeit. Sensationelle Mischung diverser Animationsarten, Zeichnung und Stopmotion mit Plastilinfiguren. Super.

 

Push This Button If You Begin to Panic von Gabriel Böhmer (GB/CH)
Wegen eines Lochs im Kopf geht ein Mann zum Arzt, um ein MRT machen zu lassen. Dort geschieht allerlei Obskures und Verträumtes, und so ein  MRT ist auch komplexer als gedacht. Verschiedene Animationstechniken und randvoll mit skurrilen Idee.