Das Multiplexkino Annenhof ist dieses Jahr wieder gleichzeitig als Festivalkino und als „Popcornkino“ in Gebrauch. So treffen verschiedenste Kinofans im Foyer aufeinander, und nicht nur die regulären Besucher tragen riesige Popcorntüten vor sich her. Diese Tüten, respektive ihr Inhalt, scheinen eine der besten Lösungen dazustellen, die Maskenpflicht im Saal zu umgehen, auch wenn es eigentlich heisst: um zu essen/trinken kann die Maske kurz abgenommen werden.
Aber wer definiert kurz?
Geduld
Geduld ist wohl für alle Dokumentarfilmer essenziell, Fridolin Schönwiese hat für seinen Film It works II davon eine Extraportion gebraucht.
24 Jahre nachdem er in einem Kurzfilm 4 behinderte Kinder portraitiert hat, hat er drei von ihnen wieder getroffen, um mit ihnen diesen Langfilm zu machen.
Aus den Kindern sind Erwachsene geworden, mit eigenen Leben, selbstbestimmt, und keineswegs bereit sich „mal eben“ drehen zu lassen.
So hat die Produktion dieses Films 6 Jahre in Anspruch genommen. Das Ergebnis ist jede Geduldsprobe wert.
Hervorzuheben ist die tolle Bildgestaltung, mit Bildern, die häufig extrem nah sind, ohne zu belästigen. Für Vieles, das in den Protagonisten vorgeht, braucht es eine visuelle Übersetzung, die den Protagonisten und ihren Eigenheiten und Reflexionen gerecht wird und nicht einfach 1:1 eine beliebige Situation abfilmt. Und immer wurden Bilder gefunden, all das greift fabelhaft ineinander und unterstützt die Geschichte. Auch als Zuschauer braucht man allerdings den Mut, sich einen langen und auch langsamen Film anzuschauen, genau zu schauen, genau hinzuhören. Die Belohnung bleibt nicht aus. Man sieht einen Film, der ohne Pathos nahe geht.
Fleiss
Kunst ist harte Arbeit, egal ob hinter der Kamera oder auf der Bühne. Just be there von Caspar Pfaundler zeigt das deutlich. Zwei Tanzkompanien, eine in Wien, eine in Taiwan, werden bei ihren Proben gedreht. Lange Einstellungen dominieren, die Kamera oft ganz sanft beweglich, geduldig schauend, aber fast immer auf Abstand von den Probenden. Während in Wien zwei Tänzer ein klassisches Stück proben, ist die Gruppe in Taiwan dem Contemporary Ballet zuzurechnen. Unterschiede, die sich in den Proben nach kurzer Zeit deutlich zeigen. In Wien begreift man den Aspekt der Probe als harte Vorarbeit für den Auftritt in der Staatsoper, während in Taiwan die Proben mehr wie hartes, sportliches Training aussehen. Was gleich bleibt, die Härte, der die Körper ausgesetzt sind, die Suche nach Perfektion, die Wiederholungen. Tanz und Ballett abseits des Glamours und der Show, ein schönes Stück Filmarbeit. Und zumindest bewegungsfreudige Menschen fangen nach kurzer Zeit an, sich mitbewegen zu wollen.
Bilder von Caspar Pfaundler (c) ch.dériaz
Melodram
Die erste Vorstellung, bei der Zuschauer Wartemarken brauchen, und der grosse Saal total ausverkauft ist: die Uraufführung von Märzgrund von Adrian Goiginger.
Der Film ist ein Paradebeispiel dafür, dass, selbst wenn viele Einzelteile super sind, das Gesamtresultat dem nicht unbedingt folgt. Die Geschichte vom jugendlichen Tiroler Bauernsohn, der nicht will, was sein Vater, seine Umgebung von ihm erwarten. Zu sensibel, zu anders, zu fremd fühlt er sich. Das alles ist sehr gut gespielt, von allen Darstellern. Die Berglandschaft, in die er erst verbannt wird, und in die er sich dann 40 Jahre lang freiwillig verzieht, allein mit sich und der Natur, ist toll anzuschauen. Aber der immer wieder bemühte Reflex, Emotionen vor Bergpanorama mit geigenschwerer Musik zuzuschütten, ist schauderhaft. Auf Basis eines Theaterstücks von Felix Mitterer bleibt der Film aber ein kitschiges Alpenmelodram.
Johannes Krisch vor dem Kino (c) ch.dériaz
Frauengeschichte
Auch zur Uraufführung von Sabine Derflingers Film Alice Schwarzer drängeln sich mehr Menschen, als im Saal Platz finden, das ist für einen Dokumentarfilm, der um 21 Uhr an einem lauen Abend läuft, wirklich eindrucksvoll. Ihr Portrait der streitbaren, sprachgewandten und manchmal umstrittenen Alice Schwarzer ist extrem genau recherchiert. Als Journalistin und Vorkämpferin der Frauenbewegung gibt es massenhaft spannendes Archivmaterial, das immer in Beziehung gestellt wird zu Gesprächen mit Schwarzer heute und mit einer ganzen Reihe früherer Weggefährtinnen und Weggefährten. Es entsteht ein sehr dichtes – privates und öffentliches – Bild einer Frau, die wie wenige sonst so viele Jahre prägend in der Frauenbewegung war und immer noch ist. Wer mit ihr aufgewachsen ist, sieht ein Stück der eigenen Geschichte auf der Leinwand, und wer sie nicht kennt, hat hier die Chance sich ein Bild zu machen. Eine sehr starke Arbeit, die 136 Minuten lang interessant bleibt.
Wie bei vielen Festivals ist mittlerweile nicht nur die Reservierung online zu machen, sondern auch die Tickets bleiben virtuell. Im Prinzip funktioniert das ganz gut, bloss die online Platzauswahl ohne Saalplan gestaltet sich etwas schwierig.
Welche Reihe ist wo?
Welcher Sitzplatz ist am Rand zum Gang, welcher am Rand zur Wand? Etwas lästig auch, dass die Tickets jeweils ab eine Stunde vor der Vorstellung nochmal bestätigt werden müssen. Aber das wird sich in den kommenden Tagen schon noch einspielen. Dafür ist zwischen den Vorstellungen wirklich viel Luft, Zeit also durch das frühjahrblau strahlende Graz zu spazieren.
Konzeptuell Asynchron
Das erste Programm. Kurzdokumentarfilme. Eine sehr gute Wahl, wie sich zeigt. Die 4 Kurzfilme arbeiten alle mit einer gewissen Form von dramaturgischer Asynchronität, das ergibt vier völlig unterschiedliche, fordernde und spannende Filme.
In Sekundenarbeit von Christiana Perschon entsteht die Spannung nicht nur durch den Wechsel von schwarzer Leinwand mit Interviewton zu stummen Bildern, sondern auch aus der Auseinandersetzung zweier Künstlerinnen. Perschon portraitiert die 95-jährige Malerin Lieselott Beschorner, die ihrerseits das Handwerk der Regisseurin betrachtet. Gedreht wurde mit einer Bolex mit Handaufzug, es entstanden wunderbare schwarz-weiss Bilder, manche fast abstrakt, dann einfach nur ruhig, beobachtend.
Ebenfalls schwarz-weiss und ebenfalls auf 16 mm Film gedreht ist Einblick von Emma Braun. Auch hier sind Bild- und Tonebene eigenständig. Eine Studie über Stille, die Stadt am frühen Morgen und eine junge Frau in einem eher ungewöhnlichen Beruf. Die Handgriffe und Bewegungen der Schornsteinfegerin Sophie, präzise, unaufgeregt und dazu ihre Erfahrungen und Gedanken, die auch von unangenehmen Situationen im Job erzählen. Wunderschöne, stimmungsvolle Bilder und ein interessanter Einblick.
There was no on here before von Antonio Mérida erscheint plötzlich sehr bunt gegen die beiden ersten Filme. Die Asynchronität hier ist im unterschiedlichen Herangehen an den Film(dreh) selbst. Auf der einen Seite die junge Schauspielstudentin, die eigentlich einen Spielfilm möchte, auf der anderen Seite der Regisseur, der einen Dokumentarfilm machen will. Was am Ende entsteht, ist ein eigenwilliger Kompromiss aus dokumentarisch-inszenierten Gesprächen und Gedanken. Eine Art Liebesgeschichte der Kamera mit dem schönen Frauengesicht und das Tauziehen zweier künstlerischer Ansätze.
Radikal reduziert ist Zumindest bin ich draußen gewesen von Jan Soldat.
Bilder von Büschen, Bäumen, Gräsern, menschenleer, darübergelegt Chatnachrichten aus einem Schwulen Datingnetzwerk. Auch hier laufen die Wünsche von Regie und potenziellen Protagonisten auseinander, niemand will sich an diesem Tag vor die Kamera stellen, und so bleiben nur die kurzen Chats, und die leeren Büsche.
(c) ch.dériaz
Auswandern
Mit den langen Pausen zwischen den Filmen ist tatsächlich auch Essen möglich. Eine neue Erfahrung bei einem Festival. Ausgeruht also in den nächsten Dokumentarfilm, Good life deal von Samira Ghahremani. Ein Wiener, Ende 40, Frührentner, wandert nach Thailand aus. Der Plan ist, dort seine Freundin, ebenfalls Ende 40, resolut, robust, geschäftstüchtig, zu heiraten. An sich klingt das schon, als könnte das nicht gut ausgehen. Geht es dann auch nicht. Hauptprotagonist des Films ist der Wiener Gerhard, ihm folgt die Kamera, die Geschichte, sachlich und auch etwas distanziert. Der Film hat immer wieder fast komische Momente, und sehr viele Passagen, wo beide, Gerhard und Amy, so unsympathisch sind, dass man keine Partei ergreifen mag und der Ausgang dieses Abenteuers irgendwie egal ist. Aufgrund der Sachlichkeit des Films, ist dieses vermeintliche Manko aber durchaus angenehm.
Auf See
Schiffe auf dem Mittelmeer, sie sind Arbeitsplatz, Urlaubsort oder Sozialprojekt, sie sind völlig unterschiedlich, und zunächst eint sie nur der gemeinsame Ort, das Mittelmeer. Jola Wieczorek verwebt diese ungleichen Schauplätze in Stories from the sea zu einer wunderbaren Einheit. Anfangs bekommen die Schiffe und ihre Protagonistinnen jeweils viel Raum zum Kennenlernen. Zuerst das Frachtschiff und die Auszubildene Jessica. Das Brummen der Maschine, die einzelnen Handgriffe, egal ob kräftezehrend an Tauen oder eher mathematisch beim Berechnen der Route, die Kamera liefert faszinierende Einblicke. Der Wechsel auf das Kreuzfahrtschiff zu Amparo, einer Witwe, erfolgt ganz organisch, man gleitet von einem Schiff zum nächsten. Von harter Arbeit zu Prunk und Luxus und ständiger Bespassung. Und doch bleibt man spürbar auf dem Meer. Dann wieder ein Wechsel, diesmal auf zwei Segelschiffe, auf denen zusammengewürfelte Menschen 10 Tage gemeinsam segelnd versuchen auch einen neuen Blick auf ihre Umgebung zu bekommen. Im Verlauf des Films werden die Wechsel von einem Schiff aufs andere schneller, bleiben aber immer im Fluss und verbinden oft Ähnliches. Man ist fast sicher, dass die Schiffe sich bald schon treffen werden. Die schwarz-weiss Bilder sind eine zusätzliche einende Ebene, die von der Schnittdramaturgie exzellent herausgearbeitet wird. Ein ganz ruhiger, sehr schöner Film.
Aussteigen
Maria Petschnig erzählt in Uncomfartably Comfortable von Marc, einem New Yorker Obdachlosen. Am Anfang des Films lebt er noch in seinem Jeep, später dann ganz auf der Strasse. Seine Obdachlosigkeit, wie er beteuert, selbstgewählt.
Auch in diesem Film ist die Interview/Dialog-Ebene von der Bildebene unabhängig, das ist prinzipiell eine gute Sache, funktioniert hier aber nur teilweise. Das Problem sind recht wahllos eingefügte kurze Stücke Schwarz. Mal in einer Einstellung, mal zwischen zwei Einstellungsgrössen ein und derselben Handlung, manchmal als eine Art Trenner zwischen Bildern, die inhaltlich nah genug sind, zusammenzubleiben, und unterschiedlich genug, um sie direkt aneinander zu schneiden. Es findet sich weder ein Rhythmus, der das Schwarz rechtfertigt, noch eine inhaltliche Logik. Da aber sehr oft der Interviewton weitergeht, weiterhin einem Gedanken folgt, unterbrechen diese Momente auf unangenehme Weise das Zuhören, das Begreifen des Erzählten, und das ist wirklich sehr schade.
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Maskerade
Anders als bei manchen Festivals, wo pingeligst darauf geachtet wurde, dass alle im Saal Masken nicht nur tragen, sondern auch korrekt tragen, scheint das in Graz eher unter optional zu laufen. Trotzdem, die meisten Zuschauer tragen Maske.
Was bislang gar nicht kontrolliert wurde, sind irgendwelche G-Nachweise.
Mag aber daran liegen, dass in jedem Bundesland die Regeln anders sind.
Zum 25. Mal findet ab heute die Diagonale in Graz statt. Das sind 25 Jahre österreichisches Filmschaffen, das in dieser Zeit, auch international, gewachsen ist. Nach einem Jahr Ausfall und einem Jahr, in dem sie verschoben wurde, findet die Diagonale also dieses Jahr wieder wie gehabt kurz vor Ostern statt. Eine knappe Woche lang treffen sich Filmschaffende im freundlichen Graz, es wird gezeigt und geschaut, vorgestellt, verglichen oder einfach nur der Film gefeiert.
Eröffnung
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Wie in den Vorjahren findet die Eröffnung in der grossen Helmut-List-Halle statt, natürlich mit allen aktuellen Pandemiemassnahmen, also 3G und Maske während der Veranstaltung.
Der Saal ist dafür voll, also wirklich richtig voll.
Mit etwas Verspätung beginnt dann ein langer Abend. Peter Schernhuber, nach überstandener Corona Erkrankung wieder an der Seite seines Mit-Intendanten Sebastian Höglinger, und wieder in geübter und bewährter Doppelconference. Sie sind politisch, ohne dabei zu dozieren, ein gar nicht so einfaches Unterfangen angesichts der vielen Krisen, Kriege und Katastrophen, die derzeit herrschen.
Sie fordern (Film)Kunst, die politisch, aber ohne Propaganda sein soll, Filme (und Kunst), die Türen, oder auch Augen, öffnen, und Neues zeigen, eventuell auch neue Wege.
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Neues österreichisches Kino
Mit Sonne, dem Spielfilmdebüt von Kurdwin Ayub, eröffnet eine Regisseurin, die für das ganz neue österreichische Filmschaffen steht. Neu und dann auch wieder nicht, denn die Geschichte handelt vom Erwachsenwerden, von Zugehörigkeit und Identität, von Eifersüchteleien zwischen Freundinnen, zwischen Geschwistern und Reibereien mit den Eltern. Neu ist dabei die unbekümmerte Frechheit, mit der Ayub sowohl Bildstile als auch Erzählstränge behandelt.
Visuell wechselt der Film zwischen den Handyvideos der Jugendlichen – hochkant, querformatig, verwackelt oder gefiltert – und einer ebenfalls oft unruhigen, aber präzise beobachtenden Kamera. Man braucht einen Moment, um sich in die Bilderwelt einzufinden, dann aber ist das schon reizvoll.
Das Nervöse, das dabei entsteht, spiegelt die wechselnden Emotionen und Krisen der Protagonisten wider. Wenn der Film Stereotype nutzt, dann nur, um sie gleich darauf in etwas Unerwartetes, eben nicht stereotypisches, umzulenken.
Der Film bietet weder einfache noch belehrende Lösungen, er lässt offen, wie die Geschichte, die Identitätssuche, das Erwachsenwerden sich entwickeln werden.
Wirft der Film die Zuschauer am Anfang gleich mitten rein ins pralle Teenager-Filmleben, schmeisst er das Publikum am Ende auch einfach wieder raus, aus dieser Welt.
Das ist schön so.
Feste feiern
Nach einem langen Eröffnungsabend dann die Eröffnungsparty, mit Getränken und steierischen Spezialitäten und: vielen Menschen auf einen Haufen. Das bleibt weiterhin extrem gewöhnungsbedürftig.
Was ist Film? Bilder und Bewegung in der Zeit. Egal ob mit 18, 24, 25 oder 30 Einzelbildern pro Sekunde. Bewegung wird erst zerlegt und dann durch Abspielen wieder zusammengesetzt, den Rest erledigt unser Hirn. Nichts anders macht das Daumenkino.
Und Geschichten?
Ja, Film ist auch das Erzählen von Geschichten, im erweiterten Sinn. Egal ob Spielfilm, Dokumentarfilm, Industrie- oder Werbefilm, egal ob stumm oder mit Sprache, richtig gut ist es erst, wenn im Zuschauer eine Geschichte entsteht. Dafür braucht man vor allem eines: Phantasie; auf beiden Seiten der Leinwand.
So kann es leicht passieren, dass die von mir viel gescholtenen „Hörfilme“, in denen ausser redenden Köpfen kein visueller Stimulus geboten wird, als Film durchfallen, während ein Daumenkino, aus 36 Einzelbildern, eine so dichte Geschichte erzählt, die sprachlos macht und begeistert.
Der Künstler
Wer macht also solche Kleinodien der archaischen Filmkunst?
Photograph, Kameramann, Regisseur und Geschichtenerzähler Volker Gerling. Zu Fuss unterwegs, mit Bauchladen und Kamera, lässt er sich von Augenblicken inspirieren, bevor er zur Kamera greift und einige dieser Momente in eben 36 Einzelbildern festhält.
Selbst wenn man nur so ein Daumenkino anschauen würde, wäre das schon ein Moment der Freude. Noch schöner wird es aber, wenn Volker Gerling mit seinen Werken auf Tour geht.
Auf der Bühne bekommt das Daumenkino eine weitere Filmdimension, die aufgeblätterten Büchlein werden von einer fest montierten Kamera abgefilmt und auf eine Leinwand projiziert.
Kino also.
Dazu kommt noch die Geschichte, das Drumherum, das Entstehen der Sequenz, und das so charmant und gekonnt, dass alleine das den Abend wert ist.
Der Tipp
Jetzt gibt es von 6. April bis 16. Juli die Möglichkeit diese schönen Arbeiten im Rahmen der AusstellungPortraits in Motion in Innsbruck zu sehen.
In 10 Tagen wird in Graz die 25. Ausgabe der Diagonale mit Kurdwin Ayubs Spielfilm Sonne eröffnet. Der Film hatte in Berlin seine Uraufführung und gewann dort prompt den Preis für das beste Debüt.
Blöde Viren
Intendant Sebastian Höglinger (c) ch.dériaz
Vor der Eröffnung aber die Programmpräsentation, die, anders als sonst, nicht in Doppelconference der beiden Intendanten stattfand, sondern als Soloauftritt Sebastian Höglingers. Peter Schernhuber befindet sich unterdessen in Quarantäne, danke Pandemie! Und er ist nicht der einzige im Team, der virusbedingt zu Hause war.
Pandemiemassnahmen
Wie letztes Jahr schon, wird auch in diesem Jahr das Programm entzerrt, es ist mehr Zeit zwischen den einzelnen Vorstellungen, so werden Menschenaufläufe – hoffentlich – vermieden. In den Kinos wird selbstverständlich Maskenpflicht gelten und reserviert wird ein festgelegter Sitzplatz, was das Gerangel um vermeintlich beste Plätze verhindert.
Flucht ins Kino
Im Kino sollte man also sicher sein, oder zumindest: so sicher wie möglich.
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Auch in diesem Jahr wird es mehr (lange) Dokumentarfilme als (lange) Spielfilme zu sehen geben. 16 Spiel- zu 20 Dokumentarfilme, darunter der neueste Spielfilm von Ulrich Seidl Rimini, oder die Dokumentarfilme von Constantin Wulff: Für die Vielen – Die Arbeiterkammer Wien oderCaspar Pfaundlers Just be there und Fridolin Schönwieses It works II.
Der Programmpunkt Rausch bietet ein breites Filmspektrum an Rauschhaftem im Film. Und das historische Special Come and Shoot in Thaliwood beleuchtet das Filmschaffen in der Steiermark.
Die Welt trudelt gerade Richtung Abgrund, warum also sollte man sich einen Dokumentarfilm über das harte Arbeitsleben einer Milchkuh anschauen?
94 Minuten lang befindet sich der Zuschauer in Andrea Arnolds Dokumentarfilm Cow mitten in einer Herde britischer Milchkühen – ohne erklärenden Kommentar, ohne emotionalisierende Musik, einfach nur die Kühe.
Geburt
Gleich in der ersten Szene gebiert die Kuh, der man von nun an als Person folgen wird, ein Kalb. Das ist, wie fast alle Geburten, berührend. Allerdings wird sie, die Kuh mit der 29 auf dem Hintern, noch bevor die Nachgeburt draussen ist, schon zum Melken geführt. Soviel zu sanfter Geburt und frühkindlicher Bindung.
Kamera
Die ganz grosse Stärke des Films ist die Kameraführung von Magda Kowalczyk.
Sie ist fast ständig auf Augenhöhe der Tiere, leicht und beweglich und immer mitten im Geschehen, sodass man sich schnell als Teil der Herde fühlt. Diese Nähe und Direktheit macht den Arbeitsalltag greifbar und zeigt auf unmittelbare und erschreckende Art, wie Ausbeutung für unsere menschliche Lebensweise funktioniert. Und dabei sind die Kühe in diesem Betrieb wahrscheinlich noch relativ gut dran. Sie haben Bewegung, sie dürfen auf Weiden, sie werden zu Klängen von Popmusik gemolken. Trotzdem ist schnell klar, sie sind nichts anderes als Arbeitssklaven, ausgebeutet und weggeworfen, wenn sie nicht mehr rentabel sind.
Feuerwerk
Eine einzige Szene dämpft kurz die Freude über diesen starken Film: Wenn in dem Moment, wo der Stier „unsere“ Kuh besteigt, auf ein Feuerwerk geschnitten wird. Das ist im besten Fall albern. Aber hauptsächlich komplett unnötig und es zerstört für einen Moment den Fluss und die Perspektive. Am Schluss des Films fragt man sich schon, ob ein Leben als Veganer nicht vielleicht doch eine gute Idee wäre.
War es jetzt eine gute Idee, die Solothurner Filmtage in Präsenz zu veranstalten? Vermutlich ja. Es war schön eine ganze Woche Filme mit anderen Menschen in Kinos zu sehen, die Regisseure und Regisseurinnen zu sehen und zu hören, Applaus, kollektives Lachen oder Aufstöhnen zu teilen. Es war aber auch, nach zwei Jahren, in denen wir ständig ermahnt wurden, uns von anderen fernzuhalten, sehr gewöhnungsbedürftig, Schulter an Schulter mit fremden Menschen zusammenzusitzen.
Ist es gut gegangen?
Vermutlich.
Genau wird sich das wahrscheinlich erst noch zeigen. Die Stimmung insgesamt war auf jeden Fall gut, trotz Masken, trotz Testnachweis.
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Die Preise
Den Hauptpreis, den Prix de Soleure gewann Wet Sand von Elene Naveriani.
Das ist eine wirklich gute Wahl, der Film hat eine gute Geschichte, tolle Bilder und vermittelte eine schwebende Stimmung.
Den Preis für den besten Erstlingsfilm gab es für Pas de deux von Elie Aufseesser.
Auch das geht so weit in Ordnung, die manchmal noch etwas ungelenke Form darf bei einem ersten Langfilm durchaus sein.
Der Publikumspreis geht an Presque von Bernard Campan und Alexandre Jollien, den ich leider nicht gesehen habe.
(c) ch.dériaz
Nächstes Jahr im Januar also die 58. Solothurner Filmtage, und, man wird wohl träumen dürfen, dann hoffentlich massnahmenfrei.
Nebelig beginnt der Dienstag in Solothurn.
Und nur noch drei Kinovorstellungen bis zur Rückreise. Irgendwie ist eine Woche dann doch schnell vorbei.
Rechenspiele
(c) ch.dériaz
Was man jetzt schon sagen kann, das Schweizer Filmschaffen hat weiterhin mehr Dokumentarfilme zu bieten, als Spielfilme. Von den acht für den Prix de Soleure nominierten Filme, sind nur zwei Spielfilme. Das gleiche Verhältnis gilt für die Sektion Opera Prima, 6:2. Einzig in der Rubrik Publikumspreis kommen fünf Spielfilme auf drei Dokumentarfilme. Bei den ausgewählten Filmen ist Verhältnis Regisseure zu Regisseurinnen, wie seit einigen Jahren bereits, ausgewogen. Im Gesamtprogramm laufen doppelt so viele Dokumentarfilme wie Spielfilme. Soweit die Statistik.
Esoterisch
Lila Ribis Film (Im)mortels ist eine Suche nach Antworten, oder DER Antwort, nämlich auf die Frage: Was kommt nach dem Tod? Die Regisseurin hat jahrelang ihre alte Grossmutter gefilmt, und sie auch immer wieder gefragt, was sie glaubt, was nach dem Tod kommt. Die alte Dame, schon zu Anfang des Drehs über 90, bleibt dabei immer klar, pragmatisch und etwas grimmig in ihrer Antwort: nach dem Tod ist nichts. Ihre Enkelin sucht Antworten auch von anderer Seite, von Neurologen, Palliativmedizinern, aber auch diversen ziemlich esoterischen Personen. Sie will glauben oder eher– sich – beweisen, dass da etwas ist, eine Kraft, eine Hoffnung, eine Zukunft jenseits der Zukunft. Diese Suche ist gleichzeitig Stärke und Schwäche des Films, Ribi sucht nicht „ergebnisoffen“. Und so bleiben nur die sehr schönen und bewegenden Gespräche und Situationen mit der Grossmutter, um den Film zu erden. Dadurch erscheint der Film dann irgendwann länger, als es seine 88 Minuten. Durch die sehr persönliche Note kam der Film beim Publikum aber sehr gut an.
Roter Teppich für die Desinfektion (c) ch.dériaz
Düster
Yaban von Tareq Daoud ist eine ganz düstere Geschichte. Erzählt in Schleifen, die zeitlich vorwärts und rückwärts gehen, lässt der Film offen, wann welche Ereignisse tatsächlich stattfinden. Die Stimmung ist aufgeladen mit Wahn, Lügen und Geheimnissen, die nie ganz geklärt werden. Und am Ende sind nicht mehr alle handelnden Personen am Leben. Sehr eigenwillig, nicht uninteressant und etwas wirr.
Komödie ist schwer
Lost in Paradise von Fiona Ziegler will eine Komödie sein, ein bisschen romantisch, ein bisschen Familienstreit, ein bisschen Sozialkritik. Im Endeffekt gelingt hauptsächlich ein toller und dynamischer Einstieg und eine durchweg sehr gute Kameraarbeit. Ansonsten reiht der Film Klischee an Klischee, wartet mit altbackenen Frauenfiguren auf und ist nicht mal lustig. Als Vorfilm Dans la nature von Marcel Barelli , eine kindgerechte Animation, die zeigt, dass alle Formen der Partnerschaft, von hetero-über homo bis polysexuell in der Tierwelt vorkommen. Das ist kurzweilig und niedlich.
(c) ch.dériaz
Der „Wow-Effekt“ ist irgendwie ausgeblieben, bleibt zu sehen, was die Jurys entscheiden. Die Preise werden Mittwoch Abend bekannt gegeben.
Wenn man Geschichten, die erdacht werden, Glauben schenkt, dann bleiben wir, als Menschen, auch in Zukunft so blöd wie wir sind. Tim Fehlbaum zeigt das mit seinem dystopischen Science-Fiction-Film Tides auf ganz wunderbare Weise. Die Menschen haben die Welt zerstört und verlassen, Generationen später brechen Raumschiffe auf, um zu klären, ob auf der verlassenen Erde Reproduktion möglich ist. Bloss, so verlassen ist die Erde nicht, statt dessen haben sich zwei Gruppen gebildet, eine Art freigeistiger Rebellen und eine Art militanter Faschisten mit Überlegenheitswahn. Die Kamera ist fast immer nervös in Bewegung, die Bildausschnitte oft eingegrenzt. Nebelgrau, Matsch, Wasser und Rost bieten den Rahmen, das alles zieht einen sofort in die Geschichte. Eine sehr grosse Koproduktion mit Deutschland hat für die nötigen Mittel gesorgt, ein internationales Darstellerensemble und eben die eindringliche Kamera sorgen für Spannung. Obwohl man natürlich weiss, wie es ausgehen wird, weil solche Geschichten immer gleich ausgehen.
Schmerz
Do you remember me? (c) ch.dériaz
Den physischen aber auch psychischen Schmerz, den eine Beschneidung bei einem Mädchen erzeugt, kann und mag man sich nicht vorstellen. Aber gerade deshalb ist es wichtig, das Thema zu behandeln. Do you remember me? von Désirée Pomper und Helena Müller begleitet eine junge Schweizerin mit äthiopischen Wurzeln beim gleichermassen schmerzhaften wie befreiende Weg der Konfrontation mit ihrer Beschneiderin, mit ihrer Grossmutter, mit ihrer Vergangenheit. Es geht ihr dabei nicht nur um den eigenen Schmerz, sondern auch um Aufklärung für alle, denen dieses Schicksal erspart werden kann. Der Film ist immer sehr nah an der Protagonistin, begleitet, wo es die anderen zulassen, wahrt Abstand wo nötig, übergiesst aber leider zu viele Szenen mit überflüssiger Musik. Manche Momente im Film wirken fast zu glatt, um authentisch zu sein, aber das mag täuschen.
Krisen, Anfgang und Ende
Eine Airbnb Wohnung als Vorhof zur Selbstfindung. Une histoire provisoire von Romed Wyder wirft eine Iranerin am Ende ihrer Krisenbewältigung und einen Genfer am Anfang seiner Krise zusammen in eine Wohnung. Zunächst ist für beide Nähe das Letzte, das sie sich wünschen. Als eine quirlige amerikanische Touristin auch noch ein Zimmer mietet, werden die Selbstfindungsversuche etwas nach aussen geöffnet. Das Klaustrophobische der Wohnung, das Lauern und das Nichtverstehen, gemischt mit plötzlichen, kurzen Flashs von Traumsequenzen, ist hübsch gemacht, anfangs auch interessant und lustig. Im Verlauf des Films zeigt sich aber ein völliges Fehlen einer Motivation, aus der Geschichte heraus, für das Handeln oder Fühlen der Figuren. Dadurch bricht die Geschichte dann auch ein, die Spannung und Leichtigkeit geht verloren.
Liebe suchen
Love will come later von Julia Furer ist ein schönes Portrait eines jungen Marokkaners auf der Suche nach Liebe. Denkt man anfangs, seine Liebschaften mit Touristinnen seien ein Mittel für ihn, Marokko für reiche, vornehmlich europäische Länder, zu verlassen, merkt man im Verlauf des Films, dass Samir tatsächlich nach seinem Glück in Form von Liebe, Kindern und Familie sucht. Der Film ist sensibel gestaltet, in sehr schönen Bildern gedreht und zeigt einen jungen Mann, auf den gängige Vorurteile vom maghrebinischen Mann nicht zutreffen. Ein sehr schöner Erstlingsfilm.
(c) ch.dériaz
Aufstehen
Eigentlich wollte Regisseur Frédéric Choffat einen Film zum Klimakollaps machen, ganz klassisch, mit Experteninterviews, Belegen etc. Doch dann stellt er verblüfft fest, dass seine beiden Kinder (14 und 17) in der Genfer Klimaaktivistenszene ganz vorne mitmachen. Er wechselt also von der Experten- zur Aktivistenperspektive. Tout commence ist das Ergebnis. Vielleicht ist der Film mit 90 Minuten etwas lang geraten, aber die Perspektive als Regisseur und Vater, ergibt durchaus eigenwillige Situationen. Und ja, die Zukunft sieht nicht rosig aus, weshalb das Aufstehen für eine Veränderung auf jeden Fall ein Thema sein muss.
(c) ch.dériaz
Die Solothurner Filmtage nähern sich langsam ihrem Ende.
Das Festival Wochenende beginnt mit strahlend blauem Himmel und fast milden Temperaturen. Dafür hat die Festival App eine neue Idee, wie sie Reservierungen verkomplizieren kann; eventuell ist frühstücken ganz ohne Einsatz von Elektronik ein guter Plan für die kommenden Tage.
Kurzfilme-morgens
Souviens-toi hier von Juliette Menthonnex. Wie erinnert man sich an das verdrängte? Wie schafft man die Traumata, die einem das Leben verderben wieder aus sich heraus? Eine junge Frau entschliesst sich, lange nach einer Vergewaltigung, den Täter anzuzeigen. Ein bewegendes und bedrückendes Dokument einer Heilung.
2° von Christoph Oeschger. Ausgehend von der Unmöglichkeit 2° Erderwärmung zu verstehen, übersetzt der experimentelle Dokumentarfilm diese Problem in Bilder. 2° mehr in einem Filmbild bedeuten etwa 3 Blenden weiter auf, eine Visualisierung, die man verstehen kann. Gletscherbilder werden mittels Bearbeitungsapps zu abstrakten und verstörenden Konstrukten, mit Stoff bedeckte Gletscher sehen wie Kunstobjekte aus, Abstraktion macht manches sichtbar.Die menschengemachte Erwärmung entzieht sich dem Verstehen und zeigt doch den Imperativ zu handeln.
Fièvre von Michele Pennetta und Géraldine Rod. Ein junger Schauspieler in einem Luxushotel, der Drehbeginn steht unmittelbar bevor, da erfährt er, dass sein PCR test positiv ist. Nicht nur muss er jetzt 14 Tage in seinem Zimmer bleiben, er verliert auch die Rolle. Ein böser Spass, sehr gut gespielt.
Senza sturnizi – Richard Coray, constructur da punts persas vonSusanna Fanzun. Faszinierendes über den Gerüstkonstrukteur Coray, der Ende des 19. Anfang des 20.Jahrhundert nicht nur im heimatlichen Graubünden, sondern weltweit für die Hilfsbauten von Brücken und Seilbahnen verantwortlich war. Kreatives Genie und eine grosse Portion Schwindelfreiheit prägen die Geschichte. Fragil wirkenden Holzbauten, die so schön sind, dass man ihnen ein eigenständiges Dasein gewünscht hätte, werden mittels Filmtechnik in ihrem Kontext wieder sichtbar, und verschwinden wieder.
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Kurzfilme – mittags
Was macht das fast völlige Fehlen weiblicher Vorbilder im Filmschaffen mit einer jungen Regisseurin? Dieser Frage geht Juliette Klinke in Dans le silence d’une mer abyssale auf den Grund. In einer Kollage aus Filmausschnitten von Regisseurinnen, Kamerafrauen und Produzentinnen aus den Anfängen der Filmkunst, komponiert sie einen Essay zu ihren Reflexionen. Ab den 30er Jahren des letzten Jahrhundert, als Film von einer abseitigen Kunst zu einer Industrie wurde, sind Frauen aus dem Blick, dem Gedächtnis sukzessive entfernt worden, bis zu einem heute nahezu völligen Vergessen. Es liegt also an heutigen, jungen Filmemacherinnen, diesen Kulturschatz wieder ans Licht zu bringen. In guten Händen von Philipp Ritler und Kezia Zurbrügg, zeigt einzelne Situationen, in denen Menschen Hilfe bieten, sich kümmern, alles in statischen, bühnenhaften Szenen. Tatsächlich ist das nicht wirklich interessant.
Ein weiterer Film, diesmal kurz und fiktional, der sich mit Krieg, Bildern und deren Deutungshoheit befasst. Real News von Luka Popadić kreiert eine Geschichte um einen jungen Reporter, der während des Kosovo Kriegs in Belgrad seine ersten Aufträge hat. Genau zu der Zeit, als die NATO das serbische Fernsehen bombardiert hat, er muss sich entscheiden, seine persönliche Betroffenheit zu formulieren oder seine Karriere weiter zu treiben. Kann man aus Dias aus den 80er Jahren unterlegt mit Tonaufnahmen aus der gleichen Zeit eine Film machen? Und wird dieser Film flüssig und schlüssig sein? Im Fall von TRAP NYC 1988 von Dieter Fahrer funktioniert das Experiment tatsächlich gut, der Film hat Rhythmus und Fluss, und lässt die Vergangenheit wieder aufstehen.
Familiensache
Der privateste Film so weit ist Pas de deux vonElie Aufseesser. Die Langzeitdokumentation einer Familie aus Genf, im Zentrum zwei Brüder, die sich gleichzeitig extrem ähnlich und völlig gegensätzlich sind. In der Familie treffen nicht nur verschiedene Temperamente, sondern auch verschiedene Ethnien, manchmal durchaus rabiat, auf einander. Der Film ist mit kleinsten Mitteln gedreht, heisst in diesem Fall, der Regisseur war mit seiner Kamera immer wieder präsent. Unter der Bedingung nicht einzugreifen, bekommt er so Zugang zu vielen sehr intimen Familienszenen. Er folgt der Familie in den Urlaub auf die Azoren, dem einen Bruder an eine amerikanische Uni, wo er als Turmspringer ein Stipendium hat. Dem anderen Bruder folgt er nach Jordanien, wo der mal einfach nur kichernd rumhängt, mal für einen Werbefilmdreh rekrutiert wird.
Der zeitliche Ablauf erscheint manchmal konfus, so dass man als Zuschauer die Orientierung verliert. Das Hirn wünscht sich Kohärenz in den Abläufen, aber im Endeffekt sind die Ereignissen keine Folge eines Zeitablaufs, sondern singuläre Ereignisse, die für einen Aussenstehenden in jedweder Reihenfolge Sinn ergeben, oder eben nicht.
Farbrausch
Youth Topia von Dennis Stormer spielt mit Farben und Formaten und erzählt eine Art 1984 auf LSD. Der „Grosse Bruder“ ist ein Algorithmus, der, anhand der Instagramauftritte, ermittelt, ob man ewig Jugendlicher oder Erwachsener wird, entsprechende „Beamte“ kommen einen dann informieren. So wird eine Gruppe von Freunden, die in einer alten Scheune leben, wilden Unfug treiben und das Leben geniessen, auseinanderdividiert. Während die Erwachsenenwelt in klaren Farben, die Räume aus Sichtbeton sind, ist die Welt der ewig Jugendlichen in grelle Fehlfarben getaucht. Wenn die Welten interagieren, verwischen die Verhältnisse etwas. Dazwischen Instagrampostings mit farbigen Filtern, Emojis, Kommentaren und in 1:1 Format. Ganz hält der Film das Konzept nicht durch, und leider geht im Verlauf des Films der Erzählstrang des „bösen“ Algorithmus verloren, er mischt sich nicht mehr ein, greift nicht mehr ein. Das ist ein bisschen schade, da wäre mehr möglich gewesen. Auch der sehr jubelhafte Schluss nimmt dem Film die Schärfe und das Originelle, ein offeneres Ende wäre eine denkbare Abhilfe gewesen.
Openairkino (c) ch.dériaz
Völlig Abgedreht
Wenn es einen Preis für den besten Filmtitel gäbe, Wer hat die Konfitüre geklaut? von Cyrill Oberholzer und Lara Stoll, wäre der beste Kandidat dafür. Ihr zweiter gemeinsamer Langfilm ist eine wilde, durchgedrehte Mischung aus Horror, Science Fiction und Kaspertheater. Grell, bunt und unverfroren mischen sie alle Genres, jagen ihre Darsteller durch unglaubliche Situationen, mischen popkulturelles und Michael Jackson hinein und garnieren alles mit einer boshaften Drohne, und einem Algorithmus, der irgend etwas schwer giftiges verdaut haben muss. Ein Film, der sicher nicht jedem gefällt, für Fans des Abstrusen Kinos aber ist der Film eine Freude. Und ausverkauft war die Uraufführung auch.
Die App – Mission Impossible
Die Reservierungs-App hat eine neue Methode der Quälerei gefunden…. Filme im Programm werden im richtige Kino angezeigt, will man dann allerdings buchen, wird ein falsches Kino und ein falscher Tag angezeigt! Buchung unmöglich. Nach einem Update geht es ein bisschen besser.
(c) ch.dériaz
Film? Kunst?
Während in Solothurn die sonntäglichen Bürgersteige noch verschlafen weggeklappt sind, gehen einige Mutige ins Kino.
Was Systemrelevant aber unsichtbar von Hedwig Bäbler bei einem Filmfestival zu suchen hat, erschliesst sich allerdings nicht. Der Film behandelt ein relevantes gesellschaftliches Thema, ist aber im besten Fall eine dürftige Tv-Reportage. Die Protagonisten sind gut gewählt und präsentieren ihre Schwierigkeiten auf verständliche Weise , aber die Bilder sind beliebig, die Dramaturgie uninspiriert und der Kommentartext ist ganz schlimmer, bedeutungsschwangerer Fernsehkommentar.
Der zweite Film in diesem morgendlichen Programm, Haltlos von Peter Guyer und Jürg Halter, zeigt eine Spokenword Performance. Die Performance ist gut, die Übertragung auf die Leinwand ist es nicht. Ohne einem nachvollziehbarem Konzept zu folgen, sieht man mal Vollbild, mal einen breiten, schmalen Schlitz oben, oder unten, mal Quadratisches Bild, mal Hochkant. Die „Vignetten“ sind dabei mal grösser, mal kleiner, werden von bunt zu schwarz-weiss gezogen und wieder zurück. Die sehr rhythmische Sprache der Performance wird dabei weder unterstützt, noch kontrapunktisch betont. Eher schaut man einer Spielerei am Schneidetisch zu. Was kann man alles mit Bildern machen?
Die Antwort wäre: viel mehr, als was hier zu sehen war.
Weltherrschaft
Sonntag viertel nach Zwölf, und der grosse Konzertsaal ist voller Zuschauer, die einen Dokumentarfilm über Pilze sehen wollen. Das ist echte Filmbegeisterung.
In The Mushroom Speaks von Marion Neumann geht es um die Welt der Pilze, in all ihren oft unterschätzten und wenig bekannten Facetten. Pilze beherrschen die Welt und sind überall, nicht die Fruchtkörper, die man gemeinhin als Pilze sieht, sondern das was sie wirklich ausmacht, das Unterirdische, Vernetzte. Lange Zeit wurde diese Spezies vernachlässigt. Neumann nähert sich dem Thema sowohl poetisch, als auch wissenschaftlich. Pilzkenner, Wissenschaftler, Aktivisten, Pilzgurus aller Arten teilen ihr Wissen und ihre Hoffnungen, mit Hilfe der Pilze einige menschengemachte Probleme der Welt zu beheben. Gegen Ende verliert der Film etwas an Spannung, macht noch einen, eher entbehrlichen, Schlenker zu psychoaktiven Pilzen und verliert den Weg zu einem sauberen Schluss aus den Augen. Insgesamt aber eine gut gemachte Dokumentation.
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DIe Maskensisziplin ist tasächlich hoch, ganz selten sieht man Masken als Kinnschutz getragen.
Mut
Laurence Deonna libre von Nasser Bakhti. Das Portrait der Genfer Journalistin und Schriftstellerin zeigt eine mutige Frau, die familiären und gesellschaftlichen Widerständen zum Trotz ihren Weg gegangen ist. Für die Tochter aus „gutem Haus“, 1937 geboren, war es keineswegs vorgezeichnet, dass sie als Reporterin hauptsächlich den Mittleren Osten bereisen und Reportagen liefern würde, in denen sie sehr oft die Frauen der Region in den Fokus stellte. In ihrer aktiven Zeit ist sie sicher nicht immer bequem gewesen, aber eine Journalistin, die einiges bewegt hat, auch in ihre Funktion bei Reporter ohne Grenzen.
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Träume
Aya von Lorenzo Valmontone und Thomas Szczepanski zeigt zwei Menschen am Rand der Gesellschaft, ohne zu werten dafür mit einem sanften Blick. Ein in Calais gestrandeter Migrant, der im mittlerweile abgerissenen Lager „Dschungel“ eine Schule auf die Beine gestellt hat und eine arbeitslose Französin, die im Lager als Freiwillige geholfen hat. Das triste, graue und sturmgebeutelte Calais bietet die Bühnen auf der beide immer wieder von Grossem träumen. Zimako, ursprünglich aus Togo, hat, so scheint es, ständig neue Ideen, wie die Welt ein besserer Ort werden kann.Mal will er leerstehende Häuser für Migranten und Obdachlos herrichten, oder einen Film machen, den er dann nur noch einem Hollywood Produzenten verkaufen muss, auch eine Karriere als Rapper hält er für denkbar. Auch Lydie träumt von einer Welt, in der Menschen ohne Vorurteile miteinander umgehen, von einem vernünftigen Job, von einem Leben als Fahrerin. Zwei Träumer in einer unwirtlichen Landschaft, in einer Welt, die mit solchen Träumern nicht viel anzufangen weiss.
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Bisher war noch kein Film dabei, der wirklich umwerfend war, eine originelle oder neue Handschrift oder Bilderwelt gezeigt hätte, aber ein bisschen geht das Festival ja noch weiter.