Wer sich so gar nicht für Fussball interessiert, kann jetzt sofort aufhören zu lesen. Auch Menschen, für die Frauen im Sport nur dann zählen, wenn sie wahlweise halb nackt, tänzelnd oder beides gleichzeitig sind, können genau hier aufhören zu lesen. Für alle anderen: Am 6. Juli startet in England die Fußballeuropameisterschaft der Frauen. Das ist jetzt vielleicht prinzipiell kein so echtes Filmthema. Andererseits, Fussball ist vor allem aufgrund seiner medialen Präsenz so gross geworden. Die grossen Summen, die im Männerfussball fliessen, ergeben sich aus Übertragungsrechten gepaart mit Werbeminuten – grob gesagt. Fussball ist also doch auch ein Filmthema, oder ein Zuschauerthema.
Wer schaut, bestimmt
Filme, Sendungen, Übertragungen, die keiner sieht, sind kommerziell nichts wert, entsprechend wenig werden sie gezeigt, entsprechend wenig können sie gesehen werden. Es gilt also, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Und tatsächlich, der ORF, zum Beispiel, überträgt alle Spiele der Frauenfussball EM live, das ist eine Premiere.
Auch öffentliches und gemeinsames Schauen im Freien ist möglich und im Angebot. Das sommerliche Wetter drängt förmlich dazu, mit anderen Fans, einem kühlen Getränk in der Hand die (Fussball)Welt – ein bisschen – zu verbessern.
Es kann also nicht verkehrt sein, ein wenig Werbung zu machen, damit die mediale Präsenz nicht ein einmaliger „Ausrutscher“ bleibt, damit fussballspielende Frauen sichtbarer werden.
Zuschauer sind Konsumenten und sind damit wertvoll und mächtig.
Diese Chance sollte man nicht ungenutzt lassen.
Profis
Wer immer noch glaubt, dass Frauen keinen professionellen Fussball spielen können, kann bei der Gelegenheit schauen, staunen und lernen. Oder sich einfach dazustellen, weil es gerade im Trend liegt, auch das ist recht. Am Ende gewinnen alle.
Hinter jeder getroffenen Entscheidung verbirgt sich – mindestens – eine Entscheidung, die man verworfen hat.
Was also, wenn alle diese ungenutzten Möglichkeiten eine eigene, parallele Welt generierten, in denen die verworfenen, nicht getroffenen Entscheidungen, getroffen wurden? Everything Everywhere All at Once von Daniel Scheinert und Daniel Kwan spielt die multiplen Möglichkeiten durch.
Frechheit siegt
Ausgangspunkt ist eine chinesischstämmige Familie in den USA. Das Ehepaar betreibt einen Waschsalon, der mehr schlecht als recht läuft, der alte Vater muss mitbetreut werden und die Teenager-Tochter ist lesbisch. So weit bieten sich vielfältige Variablen, aus denen Stoff für Stress und Komik geholt werden können. Auf dem Weg zum Finanzamt mischt sich dann aber die erste neue Spur in die Geschichte: ein Paralleluniversum, das dringend Hilfe braucht. Ab da wird der Film mit jeder Wendung wilder, mischt asiatische Kampfkunst mit Science Fiction, Komik mit Spannung, persönliche Befindlichkeiten mit philosophischen Fragen. Das funktioniert mittels rasanter Schnittfolgen, in denen in der Bewegung von Welt zu Welt gesprungen wird. Visuelle Spielereien, kurze Animationssequenzen inklusive, treiben das Spektakel auf die Spitze.
Ehefrau und Tochter werden zu zentralen Figuren des Verwirrspiels, die die Geschichte vorwärtspeitschen, aber gleichzeitig agieren und reagieren müssen.
Die Frage, „wer bin ich wo?“, hat viele Antworten. Oder auch nur eine.
Loslassen
(c) ch.dériaz
Genau wie die Figuren muss man als Zuschauer loslassen. Versuche, sich dauernd zu orientieren, aufgeben, geschehen lassen, treiben lassen und das Spektakel geniessen. Eine gewisse Freude an choreographierten Kampfszenen kann dabei natürlich nicht schaden, und das bisschen moralisches Pathos geht dann auch in Ordnung. Die Mischung all dieser verschiedenen Genres hätte eine unverdauliche Suppe ergeben können, statt dessen ist ein extrem cooler, witziger Film daraus geworden.
Originalversion
Mehr als sonst gilt die Empfehlung, diesen Film in seiner Originalversion zu sehen, denn auch der Wechsel von einer Sprache zur anderen spielt eine dramaturgische Rolle und wird als Ausgangspunkt für Spässe mit den handelnden Figuren genutzt.
Mit den Juryentscheidungen und den Preisvergaben ist die 51. Ausgabe von Visions du Réel zu Ende gegangen.
Zum Glück lassen sich die Filme online noch nachholen. Hier also drei Preisträgerfilme in der Einzelkritik.
Auf der Suche nach dem verlorenen Hund
Der Preis in der Kategorie Kurz- und Mittellange Filme geht an: Without (Bez) vonLuka Papić. Ausgehend vom Verschwinden eines kleinen Hundes, wird hier von Gott und der Welt fabuliert. Ein Maler sucht seinen anscheinend verlorenen Hund. Statische Bilder, die gleichzeitig ikonisch und schmutzig aussehen, bilden den Hintergrund für die oft im Off vorgebrachten Ideen zu Hunden, Religion, Vorurteilen und der Welt an sich. Eine schräge Geschichte, an deren Ende zwei Strassenhunde Cervantes „Gespräch zweier Hunde“ (auf)führen und damit den intelligentesten Dialog des Films führen.
Ach ja, der verschwundene Hund des Malers meldet sich telephonisch: alles in Ordnung, es gehe ihm gut.
Without(Bez) (c)Luka Papić
Auf der Suche nach Eisbären
Der Preis der Jugendjury geht an: Churchill, Polar Bear Town von Annabelle Amoros. Im Norden Kanadas sind Eisbären, die in Städte kommen, ein Problem, aber auch eine Touristenattraktion. Der Film zeigt, wie Patrouillen in Autos und Hubschraubern nach Eisbären suchen, um sie anschliessend mit Lärm zu vertreiben und zu vergrämen. Weite Landschaften im Breitbildformat menschen- und bärenleer, aber mit viel Schnee und Eis, und dann tauchen tatsächlich auch vereinzelt Eisbären auf. Eine spielerisch-verspielte Reportage über das Zusammenleben von Mensch und Tier, die sich auch nicht ganz ernst nimmt.
Churchill, Polar Bear Town (c)Annabelle Amoros
Mysterien am Fluss
Der Hauptpreis des internationalen Wettbewerbs geht an ein Hybrid zwischen Spiel- und Dokumentarfilm: L’îlot von Tizian Büchi. Ein ruhiges Wohnviertel ausserhalb von Lausanne, kleine Mehrfamilienhäuser, Kinder spielen auf der Strasse, ein Flüsschen mit verwildertem Uferbereich, alles scheint ganz entspannt. Trotzdem gehen zwei Wachmänner Tag und Nacht durchs Viertel, sperren den Uferbereich mit Flatterband ab, schauen, dass alles ruhig bleibt. Aber zu keinem Zeitpunkt wird enthüllt, warum sie da sind. Immer wieder scheint eine Begründung gleicht kommen zu können, aber nein, der nächste Satz handelt von ganz etwas anderem, und das Mysterium bleibt erhalten. Langsam und in sehr schönen Bildern wird das Viertel erzählt, die Menschen, die dort leben, die Wachleute, man erfährt vieles, während die Spannung in der Luft hängt. Alles bleibt in einem ruhigen Fluss und führt letztlich nur im Kreis, wie die Runden der Wachen. Und am Ende ist man wieder an derselben Stelle wie zu Beginn: am Flussufer, wo vielleicht irgendwann etwas passiert ist, oder eben auch nicht.
L’îlot (c) Tizian Büchi
Das war’s
Es ist interessant, dass doch einige der Preisträgerfilme sich nicht streng in die Kategorie Dokumentarfilm einordnen lassen. Mal ist die „Inszenierung“ klar, mal ist sie subtil, manchmal sieht man sie – vermutlich aus Unkenntnis – gar nicht.
Es gab auf jeden Fall viele künstlerisch spannende, inhaltlich sehr unterschiedliche Filme zu sehen. Der Dokumentarfilm gehört definitiv in die Kinos. Alle Preise gibt es hier.
Drei Filme über Frauen, ganz unterschiedlich, sowohl stilistisch als auch in den Protagonistinnen, dennoch, dreimal Frauen, die am Ende als stark aus dem Film hervortreten.
Der Persönlichste
Fuku Nashi von Julie Sando. Die Regisseurin und ihre japanische Grossmutter. Zwei Frauen, die sich nur langsam öffnen und annähern. Die Frage der eigenen Identität steht im Raum. Ist sie Japanerin, ist sie Schweizerin? Die Grossmutter beantwortet die Frage für die Enkelin anders, als die Enkelin selbst. Das Selbstverständnis ist ein anderes. Wie gehört man dazu, wenn man in Japan als „Halbe“ und in der Schweiz als „Exotin“ gesehen wird? Die letztgültige Antwort steht wohl noch aus.
Fuku Nashi (c) Julie Sando
Der Härteste
Chaylla von Clara Teper & Paul Pirritano ist das Protokoll einer Befreiung. Eine junge Mutter, die versucht, aus einer gewalttätigen Beziehung herauszufinden, aber oft an sich selber scheitert. Ihr selbst fehlt der Glaube, dass sie ein Leben ohne physische und psychische Gewalt haben darf. Sie glaubt nicht, dass es Gerechtigkeit gibt, wenn sie ihren Mann wegen Körperverletzung oder Stalking anzeigt. Und sie glaubt auch nicht daran, dass es Beziehungen gibt, die anders laufen, in denen Respekt herrscht. Und so hadert sie, geht zurück zu ihrem Mann, bekommt ein weiteres Kind, geht weg, klagt an und zweifelt. Am Schluss kommt so etwas wie Hoffnung auf, dass sie jetzt, wo sie nach Jahren auch Prozesse gegen ihn gewonnen hat, endlich frei von Angst und Gewalt wird leben können. Erstaunlich, neben der sehr bewegten Kamera, die immer recht direkt auch die Gefühle zeigt, dass die doch sehr verunsicherte Chaylla diese Nähe über einen langen Zeitraum so zugelassen hat. Das zeugt vom gossen Respekt der Filmemacher ihrer Protagonistin gegenüber.
Chaylla (c)Clara Teper & Paul Pirritano
Der Lustigste
In Ardente·x·s von Patrick Muroni geht es um Pornos. Eine Gruppe junger Frauen in Lausanne, sie haben sich vorgenommen, ethische und dissidente Pornofilme zu machen, und dafür eine Pornofilmproduktion gegründet. Sie arbeiten im Kollektiv, was dann manchmal zu lustigen Problemen führt, wenn zum Beispiel ein Film, trotz guten Drehbuchs, nicht fertig gemacht werden kann, weil zwar mit mehreren Kameras gedreht wurde, aber keine für den Überblick zuständig war. Ergebnis: unschneidbar. An manchen Stellen ist der Film etwas zu geschwätzig. Die jungen Frauen erzählen sich, in schöner Umgebung oder auch in interessanten Situation, Geschichten aus ihrem Leben, oder reden über ihre Gefühle, man wird aber den Eindruck nicht los, dass das alles nur für die Kamera gedacht ist. Hervorragend sind die Szenen bei den Pornodrehs gestaltet, die Schwierigkeiten, die sich ergeben, weil mehrere Kameras um die Darstellerinnen und Darsteller herumstehen, gehen und filmen, werden als ästhetisches Mittel genutzt und bringen so sehr spannende Bilder vom Set. Eine Jugendfreigabe dürfte der Film nicht bekommen.
Ardente·x·s (c)Patrick Muroni
Die Kurzen
Zwei Kurzfilme, die das Medium Film für Abstraktes und Philosophisches nutzen, und dabei eigenständige, schöne Werke entstehen lassen. The Demands of Ordinary Devotion von Eva Giolo bietet Sinnliches und Rundes. Handwerk und Säuglinge, Milch abpumpen und Nuckeln, eine Bolex laden, aufziehen, drehen. Kreise und Kreisbewegungen in einer Schleife aus Assoziationen. Hübsch.
Sad Machines (Las máquinas tristes) von Paola Michaels erkundet die Seele der Maschine. Diverse laufende Roboter klagen ihr Leid, nicht am richtigen Ort zu sein, nicht dazuzugehören. Aus verschiedenen Firmenvideos zu Bewegungsabläufen der Maschinen zusammenmontiertes philosophisches Werk zur Identitätsfrage. Kurzweilig.
The Demands of Ordinary Devotion (c) Eva Giolo
Sad Machines (Las máquinas tristes) (c) Paola Michaels
Besser im Kino
Dass Filme auf einer Leinwand im dunklen Kino besser wirken, ist hinlänglich klar. Dass aber beim Schauen eines Films sowohl ein Gewitter mit Hagelsturm stören, als auch Handwerker, die Wände aufstemmen, ist dann doch irgendwie unfair. So verliert H von Carlos Pardo Ros eindeutig an Kraft. Der Film arbeitet mit sehr bewegter Kamera, mit Tonkollagen und mit Stille. Die Idee ist, die Stunden vor einem tödlichen Unfall beim Stierlaufen in Pamplona 1969 experimentell zu rekonstruieren. Und so tanzt und taumelt die Kamera im Heute durch die feiernden Massen in Pamplona, man ist sehr unmittelbar im Geschehen, und versteht auch, wieso die Gruppe von Freunden damals nicht zusammen fand. Zu voll, zu viel, zu viel Bewegung und Feierwut. Aus einem dunklen Kinosaal käme man vermutlich selbst feiertrunken heraus.
Weiter geht’s im Programm von Nyon. Kategorie auswählen, Vorschaubildchen anschauen, anklicken, Kurzbeschreibung lesen, verwerfen oder auswählen.
Einfache Sache.
Soweit war die intuitive Auswahl erfolgreich und erfreulich.
Gefahren
Was macht ein Filmemacher während eines Lockdowns?
Er filmt natürlich. Daniel Kemény filmt während des langen ersten Lockdowns in Italien sich und seine Freundin. Entstanden ist daraus: Supertempo. Er verwandelt die Monotonie in etwas auch Lustiges, lässt aber Platz für Nachdenkliches. Wie eine Liebe das Eingesperrtsein überlebt, ist dabei ebenso Thema wie Langeweile und leere römische Strassen. Daraus entsteht das präzise Bild einer absurden Situation, die ihre tragischen wie auch komischen Momente hat.
Aus der Erde und zurück unter die Erde: Burial (Kapinynas) von Emilija Škarnulytė. Ein Film über die vielfältigen Nutzungen von, und Problemen mit, Uran. Verwaiste Uranminen, ein litauisches Atomkraftwerk im Rückbau, ein mögliches Endlager für Atommüll in Frankreich, alles in unglaublich schönen, künstlerischen Bildern. Ein fliessender Schnitt, eine Tonspur, in der Geräusche, Töne, Atmos und Musik ein Gewebe bilden, das die Kraft der Bilder noch mal anhebt. Und dann, immer wieder, eine grosse Schlange, die Über-Metapher der Verführung, des Bösen. Eine Stunde Film, die zum Denken und Träumen verführt.
Supertempo (c) Daniel Kemény
Burial (c) Emilija Škarnulytė
Erwachsenwerden
Ramboy von Matthias Joulaud & Lucien Roux ist ein ganz klassischer, ruhiger Dokumentarfilm. Irland im Sommer, grün und grau und Schafe, mittendrin der junge Cian, der über den Sommer auf der Schaffarm seines Grossavater das Handwerk lernen soll. Anfangs folgt nicht mal der Hütehund seinen Kommandos. Bockig, versteht man schnell, sind nicht nur die Schafe, sondern auch der Enkel. In sehr schönen, ruhigen Bildern läuft der Sommer ab, und der Enkel lernt, sehr zur Freude des Grossvaters. Alles andere als klassisch ist How to Save a Dead Friend von Marusya Syroechkovskaya gestaltet. Mit 16 lernt die depressive Teenagerin Marusya den gleich alten Kimi kennen; zwei Seelenverwandte.
16 Jahre lang filmt sie, filmen sie sich. Es entsteht ein impressionistisches Tagebuch voller Liebe, Depression, Drogen und Selbstzerstörung. Die Beobachtung ist nicht gradlinig in der Zeit montiert, sondern geht vor und zurück, und zeigt damit auch das Auf und Ab der Gefühlswelt der beiden Jugendlichen. Dazwischen immer wieder Szenen von Strassenkonfrontationen russischer Jugendlicher mit der Polizei, und die jährliche Neujahrsansprache des Präsidenten, in immer pathetischeren Worten. Die persönlichen Probleme haben ihre Entsprechung, wenn nicht Teile ihrer Ursache, im System, das die beiden umgibt. Und obwohl ab einem Punkt die Regisseurin sich aus dem Kreislauf der Selbstzerstörung herausnimmt, bleibt sie mit Kimi verbunden, auch wenn sie ihn letztlich nicht retten kann.
Ramboy (c) Matthias Joulaud & Lucien Roux
How to save a dead friend (c) Marusya Syroechkovskaya
Bizarre Welten
Um Mikronationen geht es in Liberland von Isabella Rinaldi. Liberland hat Botschaftsräume in Prag und einigen anderen europäischen Städten, gibt online Pässe aus, und hofft bald Fuss auf sein Territorium setzen zu können. Das allerdings ist nicht so einfach. Liberland liegt an der Donau, im Dreiländereck von Kroatien, Serbien und Ungarn. Das Grundstück wird von den kroatischen Behörden verwaltet, die auch den Zugang verbieten, es aber gleichzeitig für serbisches Land erachten.
Kompliziert? Ja.
Parallel versuchen die Liberland-Anhänger in der Gegend sichtbar zu bleiben, und machen per Videos im Netz auf sich aufmerksam. Eine weitere Gruppe ist an diplomatischen Beziehungen zur Mikronation höchst interessiert, nämlich die selbsternannten Mini-Jugoslawen. Sie sehen sich in direkter Nachfolge Jugoslawiens, verehren Tito und veranstalten zu dessen 42. Todestag eine Gedenkveranstaltung. Seltsame Menschen, bizarre Ideen, ein unterhaltsamer Film.
Seit dem 7. April und noch bis Ostern läuft im schweizerischen Nyon das internationale Dokumentarfilmfestival Visions du réel.
Seit mittlerweile 51 Jahren werden hier Dokumentarfilme gezeigt, die in diversen Kategorien um Preise antreten. In diesem Jahr findet das Festival wieder in real existierenden Kinos, mit echten Zuschauern statt, für Fachbesucher ist aber auch eine Online-Akkreditierung möglich. Höchste Zeit also, einen Blick ins Programm und auf die Filme zu werfen.
(c) ch.dériaz
Die Eigenwilligen
Foragers von Jumana Manna. Eine schräge Geschichte von Palästinensern im Golan, die Wildpflanzen sammeln gehen. Die meisten Pflanzen, vor allem essbare Wilddisteln, sind für den Eigenverbrauch, manche werden auf improvisierten Märkten verkauft. Auf der anderen Seite, die israelische Forst- und Parkbehörde, die versucht, die überwiegend alten Männer und Frauen daran zu hindern, und hohe Geldbußen verhängt. Ein absurdes Theater in Art eines Katz- und Mausspiels.
Gejagt wird auch im argentinischen Film Luminum von Maximiliano Schonfeld. Jagdobjekt sind hier allerdings Ufo-Sichtungen. Bereits in den 90er Jahren haben Mutter und Tochter sich mit Phänomenen beschäftigt, die sie eindeutig ausserirdischen Aktivitäten zuordnen. Und so wechselt der Film vom Heute, in einer nächtlichen argentinischen Landschaft, der ideale Projektionsfläche für alle möglichen Ideen, zu rauschigen 90er Jahre VHS Aufnahmen mit toten Rindern und TV-Auftritten der beiden Damen. Gegen Ende des Films kippt die Geschichte vom Beobachtenden, Dokumentierenden ins Experimentelle, als hätten die beiden Frauen den Regisseur überzeugt. Lichtpunkte, die über den Himmel schwirren, immer weiter pixelig vergrössert, unterlegt mit Saint-Saëns „Schwan“, interpretiert auf einer singenden Säge. Die filmischen Genre-Grenzen fliessen ineinander, wie bei den Ufos, man weiss es halt nicht so genau.
Einen 10-minütigen Spass gibt es mit Eine Sekunde in Fränkli von Douwe Dijkstra. Mit viel Witz und technischen Spielereien geht der Regisseur der Frage nach, wer auf den 1 und 5 Franken Münzen zu sehen ist. Und könnte man da nicht auch etwas anderes zeigen? Vorschläge kommen aus dem Off, von befragten Passanten: ein nackter Po, Roger Federer, alles scheint denkbar. Und warum gibt es keine 1 Franken Münzen von 2021 und 2022? Frech und witzig.
Foragers (c)Jumana Manna
Éclaireuses (c) Lydie Wisshaupt-Claudel
Eine Sekunde in Fränkli (c) Douwe Dijkstra
Wachsen und Werden
In Éclaireuses (Leading lights) von Lydie Wisshaupt-Claudel wird eine kleine, spendenfinanzierte Schule portraitiert. Wobei Schule den Kern nicht trifft. Hier werden 6-15-jährige Flüchtlingskinder unterrichtet, aber nicht in einer strengen schul- und lernkonformen Art. Keines der Kinder war jemals in einer Schule, sie sind oft schnell aggressiv und haben keine Vorstellung von Zeitstruktur. Das alles wird mit enormer Geduld von den Lehrerinnen vermittelt, ein Prozess, der dauert, und der Zuschauer ist ganz unmittelbar dabei. Die Kamera ist mitten im Geschehen und wartet ab, bleibt drauf, das fordert auch vom Zuschauer Geduld, erzählt dafür aber um so genauer, was für eine unglaubliche Leistung da erbracht wird.
Getting Old Stinks von Peter Entell ist ein Langzeitprojekt in XL-Version. Über 15 Jahre hat der Regisseur seine Familie, mit besonderem Fokus auf den Vater, gefilmt. Immer wiederkehrende Situationen wie Geburtstage, das Vortragen eines Gedichts, aber auch Gespräche über das Altern. Angelegt als Brief an die früh verstorbene Mutter, ist der Film dennoch hauptsächlich eine Reflexion über das Altern, das Verschwinden und die Familie. Das Material lag dann nach Ende des Drehens noch einmal 15 Jahre in einer Schublade, bevor es jetzt zusammengestellt und präsentiert werden konnte.
Dokumentarfilm ist eine Form der Geduldsübung, immer.
Das war sie also, die Jubiläumsausgabe der Diagonale. Die Kinos waren voll wie in vorpandemischen Zeiten und auf den Caféterrassen trafen sich Filmschaffende und Zuschauer. Wie oft gab es etwas mehr lange Dokumentarfilme(20) als lange Spielfilme(18). Es wurden weiterhin mehr Filme von Regisseuren gezeigt (oder gedreht?) als von Regisseurinnen, etwas mehr Regisseurinnen bei den Dokumentarfilmen.
Dafür waren die Jurys überwiegend von Frauen besetzt.
Dennoch, es bleibt die Frage: Wo sind die ganzen Regisseurinnen?
Die Preise
Zumindest eine Regisseurin findet sich bei den Gewinnern.
Sabine Derflinger gewinnt verdient den Grossen Diagonale Preis Dokumentarfilm für Alice Schwarzer.
Der Grosser Preis Spielfilm geht an RiminivonUlrich Seidl, der Film gewinnt auch für das beste Kostümbild, der Preis geht an Tanja Hausner.
Sowohl der Preis für die beste Kamera, Crystel Fournier, als auch für die beste künstlerische Montage,Joana Scrinzi, gibt es für den Spielfilm Grosse Freiheit. Beide, Fourniers Kamera und Scrinzis Schnitt tragen ganz wesentlich diesen tollen Film. Mehr zu Grosse Freiheithier.
Dass Für die Vielen – Die Arbeiterkammer Wien den Preis für die beste künstlerische Montage gewinnt, erschliesst sich nicht wirklich. Nicht weil etwas an Dieter Pichlers Leistung auszusetzen ist, aber der Film bleibt eine zweistündige Werbung, egal wie ordentlich geschnitten er ist.
Der Publikumspreis geht an Andrina Mračnikar für ihren Film Verschwinden / Izginjanje. Auch ohne den Film gesehen zu haben, es ist immer wieder eine schöne Überraschung, dass Festivalpublikum oft einem (politischen) Dokumentarfilm seinen Preis zuspricht.
Kalt ist es geworden über Nacht und nass. So werden dann die angenehmen Pausen zwischen zwei Vorstellungen plötzlich unangenehm lang. Kein Sitzen in der Sonne, sondern die Suche nach Innenräumen mit heissen Getränken.
Arbeitswelt
Eine Institution ist 100 Jahre alt. Constantin Wulff zeigt, wie diese funktioniert in: Für die Vielen – Die Arbeiterkammer Wien. Der Film kommt komplett ohne Kommentar aus, dennoch wird fast die ganze Zeit geredet. Über die zwei Stunden Länge wird es dann irgendwann zu viel.
Die Funktion der Arbeiterkammer als einerseits Beratungs- und Unterstützungsstelle für alle arbeitsrechtlichen Belange, als auch politische Institution nach Aussen, ist nicht nur wichtig, sondern auch löblich. Aber trotz der ruhigen Kamera, trotz der netten, motivierten und vielsprachigen Mitarbeiter, man wird auf die Dauer müde, dem allen zuzuhören. Zuzuhören deshalb, weil die Bilder sich nicht so wahnsinnig verändern. Beratungen und Teambesprechungen, Pressekonferenzen und Auftritte im Parlament sehen sich irgendwann doch alle sehr ähnlich. Besonders lustig wird es, wenn mittlerweile überholte Ansichten zum Thema Pandemiedauer zu hören sind, oder mittlerweile abgesetzte Politiker einen Kurzauftritt haben. Aber gut, diese Freude war wohl nicht wirklich im Konzept des Films geplant. Der Film wirkt insgesamt mehr gut gemeint als gut, macht über seine Länge mehr Werbung für die Institution Arbeiterkammer, als man sich im Kino anschauen möchte.
(c) ch.dériaz
Assoziative Innenschauen
Acht Kurzfilme der Sektion Innovativ- oder auch Experimentalkino. Die Filme umfassen von 16 mm Arbeiten bis Animation ein breites handwerkliches Spektrum.
KatharinaViktoria 2(021) von Viktoria Schmid lässt ihr Gesicht und das ihrer Schwester in 16 mm Einzelbildern drehen, alterniert sie rhythmisch, um zu sehen, zu zeigen, wie viel Ähnlichkeit zwischen beiden besteht. Kurzweilig – 1Minute – und schön und mit dem satten Projektorknattern im Rücken.
Für Under the microscope von Michaele Grill muss man den Katalogtext gelesen haben. Ohne den Text versteht man nicht, dass es sich bei den pulsierenden, wabernden Formen um Ausschnitte aus Wissenschaftsfilmen der 1920er Jahre handelt. Unterlegt ist das Ganze mit elektronischen Geräuschen.
Auf der Suche nach dem Ich, oder zumindest der inneren Stimme ist Ganaël Dumreicher in Otoportait. Er filmt zunächst sich, steil von oben, mit einer Handykamera. Man beobachtet, wie er etwas versucht zu schlucken. Einen Schlauch? Eine Kamera? Ein Mikrophon? Dann kehrt sich das Innere nach aussen, und Bilder einer Magenspiegelung, mit einer Tonkollage aus Würgen und Schlucken unterlegt. Innen, aussen, innere Stimme, Ich. Ein bisschen gruselig, irgendwie.
Sehr schön ist In the upper room von Alexander Gratzer. Der Animationsfilm zeigt eine Generationsliebesgeschichte. Der Enkel wird erwachsen, während er sich vom geliebten Grossvater verabschieden muss. Schön, schlicht, berührend.
Und wieder rattert der Projektor von hinten für: Das Rad von Friedl vom Gröller. Kreisbewegung in Form von radschlagenden Mädchen.
Nach 7 Jahren sieht Sie möchte dass er geht, sie möchte dass er bleibt von Viki Kühn erstmals die Leinwand. Davor lag der Film in einer 80 Minuten Fassung in der Schublade, am Ende sind 13 Minuten geblieben, die assoziativ von einer Beziehung handeln.
Auch experimentelle Kurzfilme können sich sehr direkt mit pandemischen Massnahmen befassen. Zwei lustige Minuten lang zeigt Friedl vom Gröller in 2020 Zähne: beim Zahnarzt, hinter runter gezogenen Schutzmasken, in Hundeschnauzen. Zähne, die in letzter Zeit tatsächlich selten zu sehen waren.
Noch eine assoziative Reise, diesmal gerichtet an ein noch nicht geborenes Kind. Die Welt ist an ihren Rändern Blau von Iris Blauensteiner und Christine Moderbacher, mischt Archivvideos, Babyultraschall und Selbstgedrehtes, das eigentlich ein anderer Film hätte werden sollen. Der Text gibt den disparaten Bildern einen Rahmen, macht den Gedankenfluss dadurch allgemein verständlich.
Multiplexen
Samstag Nachmittag im Multiplex. Es piept, fiept und klirrt. Das Foyer des Kinos ist voll mit Kindern an elektronischen Maschinen. Dazwischen Diagonalezuschauer und Kinozuschauer auf dem Weg zum aktuellen Blockbuster, es riecht nach Popcorn und Nachos.
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Liebe geht
Para:Dies von Elena Wolff zeigt auf witzige Art, was passiert, wenn Selbstdarstellung wichtiger ist als Treue oder Loyalität. Die Liebe zwischen zwei jungen Frauen zerlegt sich zusehend vor der Kamera für einen fiktiven Dokumentarfilm. Anfangs scheinen sie noch ganz romantisch von ihren Anfängen zu berichten, aber schon da schleichen sich böse Zwischentöne ein. Die Kamerafrau dient zusehends mehr als Reflexionsfläche, als Spiegel für die eigenen Selbstdarstellungen. Im Verlauf des Films wird sie mehr und mehr einbezogen, angesprochen, bleibt aber bis kurz vor Schluss unsichtbar und unhörbar. Als sie dann mit vor ihre Kamera tritt, sich mit ins Bild begibt, schnappen alle Fallen, die vorher von der einen oder der anderen ausgelegt wurden, auf einen Schlag zu. Treue, Loyalität, Liebe, alles egal.
Grenzen
Krai von Aleksey Lapin ist laut Programm ein Dokumentarfilm, dass das nicht so ganz stimmen kann, ahnt man schon nach der Kurzbeschreibung. Hier werden Grenzen ausgelotet, überschritten und umgeformt. Das Ergebnis ist originell.
Das Drehteam kommt ins kleine russische Dorf, aus dem ein Teil der Familie des Regisseurs stammt, vermeintlich, um dort einen Historienfilm zu drehen. Aber recht schnell mischen sich in das Casting mit den Dorfbewohnern auch bizarre Geschichten von verschwunden Pilzsammlern, aus dem Boden austretendem Radon, Maschinen, die nicht mehr laufen, und weitere Skurrilitäten.
Grenzen liefert auch das Bild, in schwarz-weiss und in 4:3 Format gedreht. Innerhalb dieses engeren Rahmens wird durch die Kadrierung das Bild zusätzlich begrenzt, es entstehen guckkastenhafte Räume von eigenwilliger Schönheit.
Die perfekte Szenerie für die absurde Geschichte. Gefragt, warum der Film in der Kategorie Dokumentation läuft, liefert der Regisseur die charmante Antwort: Die Finanzierung war für einen Dokumentarfilm. An sich wären alle diese Einteilungen in Fiktion-, Dokumentar- oder Experimentalfilm gar nicht nötig, aber das hiesse im Fall der Diagonale, das System der Preise neu zu regeln. So wird es dieser Film vermutlich schwer haben in seiner Kategorie einen Preis zu bekommen, aber wer weiss.
(c) ch.dériaz
Das war der letzte Kinoabend, morgen werden die Preise dann vergeben, Prognose wage ich lieber nicht.
Knapp nach dem Frühstück heute ein schräger, eigenwilliger Film: Wander von Rosa Friedrich. Eine surreale Apokalypse, in der tote Fische und Vögel in fluoreszierenden Farben vom Himmel plumpsen, während vier junge Menschen zwischen tosendem Meer, Schlamm und Felsen versuchen, ihre Umgebung, ihre Welt zu begreifen.
Anfangs erweckt der Film bildliche Assoziationen an Bergmanns Das siebente Siegel oder Buñuels L’âge d’or. Die suggestive Musik, die sich mit den Naturklängen mischt, und von schrägen, vielsprachigen Dialogen abgelöst wird, ein wilder (Fehl)Farbenrausch, die erste Hälfte des Films ist wirklich sensationell. Ab der Mitte geht der Geschichte immer wieder etwas die Puste aus. Leider gab es ab der Hälfte auch technische Probleme mit der Tonwiedergabe, sodass man statt Klavier, Klarinette und Stimme so etwas wie elektronische Experimentalmusik zu hören bekam. Insgesamt ein wirklich beeindruckender Film, voller lyrischer Schönheit und wilder Phantasie.
Schatten
(c) ch.dériaz
Als noch freie Platzwahl galt, gab es dicke, amorphe Menschentrauben vor den Kinosälen, und die Zuschauer wollten so früh wie möglich rein, um ihre Lieblingsplätze zu besetzen. Jetzt werden die Plätze beim Buchen zugewiesen, mit dem Ergebnis, dass die Leute in der letzten Minuten kommen, ihre Plätze suchen, und die Vorstellungen immer leicht verspätet beginnen.
Vielleicht geht da irgendein Mittelding?
Das Kurzspielfilmprogramm ist, wie fast alle Kurzfilmprogramme, nahezu ausverkauft. Familie und Schatten in der familiären Vergangenheit dominieren alle drei Filme. In Absprung von Valentin Badura, angesiedelt im ländlichen steierischen Gebiet, entdeckt der Enkel, beim Ausräumen des grossväterlichen Haus, eine unklare Geschichte aus der Zeit des 2. Weltkrieges. Hat der Grossvater, als Wehrmachtsoffizier, einen Deserteur verraten? Und was ist dann mit dem passiert? Der Vater weiss es nicht, und wiegelt ab. Und der Enkel? Am Ende zieht er es vor, die unklare Geschichte zu begraben. Jan Prazak lässt in Alles ist hin eine ältere Obdachlose und einen jungen Musiker in einer Zufalls WG aufeinander treffen. Das ungleiche Paar, das scheinbar nichts gemeinsam hat, entdeckt doch eine Verbindung. Ihre düstere Vergangenheit und seine plötzlich gar nicht so bunte Gegenwart schaffen ein Band, von dem beide profitieren. Familiengeschichte, diesmal im dörflichen Tirol, in Zwölferleitn von Fentje Hanke. Traditionen und unausgesprochene Verletzungen aus der Vergangenheit schicken Enkel und Grossmutter in einen zunächst aussichtslosen Kampf. Aber Stück für Stück klären sich Kränkungen aus der Vergangenheit, dafür zeigt sich die traditionelle Gegenwart im Dorf als viel grösseres Problem. Alle drei Filme sind sauber, wenn auch recht konventionell gemacht, alle drei könnten etwas kürzer sein, ohne dabei zu verlieren, unterhaltsam sind sie aber trotzdem.
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Krieg
Bisher waren weder das Virus noch der Krieg in der Ukraine wirklich Thema in Graz. Weder in den Filmen (die ich gesehen habe) noch in den Gesprächen am Rand.
Bei Signs of war von Juri Rechinsky&Pierre Crom ist es schwierig zu sagen, was man vor sich hat.
Der Pressephotograph Pierre Crom hat zwischen 2014 und 2015 auf der Krim und im Donezk Gebiet photographiert, und manchmal auch gedreht. Diese sehr beeindruckenden Photos sind die Basis des Films. Die zweite Ebene bildet ein Interview mit Crom, in dem er von den Situationen erzählt, in denen die Bilder entstanden sind. Wie er überhaupt dazu kam, dort zu arbeiten, unter welchen Bedingungen er im Verlauf der Zeit und der Konflikte dort gearbeitet hat und was die Arbeit und die Bedingungen mit ihm gemacht haben. Die Erzählung ist gleichzeitig sehr sachlich und doch persönlich und immer eloquent. Seine Bilder brauchen sich auf der grossen Leinwand nicht zu verstecken, ihre technische Qualität erlaubt Schwenks und Bewegungen innerhalb der Photos. Unterlegt ist das Ganze mit einer Tonspur aus Geräuschen, die aus den Situationen zu stammen scheinen, und mit oft bedrohlicher Musik. Das alles entspricht den Hörgewohnheiten, die man zu diesen Bildern hat. Es entspricht in seiner suggestiven Art allerdings auch einem dystopischen Kriegsdrama. Im Nachspann liest man, dass die Töne, zumindest in Teilen, aus Tonarchiven kommen. Das alles ist, besonders Anbetracht der aktuellen politischen, kriegerischen Entwicklungen, emotional sehr aufgeladen.
Und genau da stellt sich dann auch der Frage, was dieses Werk eigentlich ist:
Eine Erinnerung? Eine Reflexion über die Arbeit als Pressephotograph?
Aber ist es auch ein (Dokumentar)Film?
Die Aussagen, Erinnerungen und das Entstehen der Bilder sind so weit über den Zweifel an der Redlichkeit erhaben, und sie sind zweifelsohne extrem interessant. Aber es bleibt die Frage, ob ein Film ein Dokumentarfilm ist, wenn er in wesentlichen Teilen aus Photos, (Archiv-) Geräuschen und Musik besteht.
Viren
Nach Krieg dann also doch noch ein Film, in dem es um die Pandemie geht, aber nicht nur. Der stille Sturm von Cristina Yurena Zerr fängt mit dem ersten Lockdown an. Eigentlich wollte sie mit ihrem Freund nur das Osterwochenende bei dessen Familie in einem 700 Seelen Dorf im Burgenland verbringen, der Lockdown bewegt das Paar dazu, lieber im Familienhaus mit Garten zu bleiben als nach Wien zurückzufahren. Aus dem Wochenendausflug werden zwei Monate, verbracht mit drei Generationen der Familie in einem Haus. Sehr früh im Film spürt man, dass die 94-jährige Grossmutter echte Starqualitäten hat. Und so kommt es immer wieder zu sehr intimen, schönen und lustigen Momenten mit der sehr wachen Oma. Ab der Hälfte etwa öffnet sich die Geschichte etwas mehr, die Pandemie ist immer noch nicht vorbei, es folgt Lockdown auf Lockdown, und immer wieder – kurze – Besuche im Burgenland. So entsteht ein buntes, schönes Panorama einer beeindruckenden Familie, aber auch ein persönliches Stück über Leben und Sterben, soziales Engagement und entspanntes Miteinander. Ein sehr schönes, rundes Erstlingswerk.
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Das beliebte Popcorn sorgt übrigens nicht nur für Maskentragepause, sondern auch für ordentliche Ferkelei im Kino.
Das Multiplexkino Annenhof ist dieses Jahr wieder gleichzeitig als Festivalkino und als „Popcornkino“ in Gebrauch. So treffen verschiedenste Kinofans im Foyer aufeinander, und nicht nur die regulären Besucher tragen riesige Popcorntüten vor sich her. Diese Tüten, respektive ihr Inhalt, scheinen eine der besten Lösungen dazustellen, die Maskenpflicht im Saal zu umgehen, auch wenn es eigentlich heisst: um zu essen/trinken kann die Maske kurz abgenommen werden.
Aber wer definiert kurz?
Geduld
Geduld ist wohl für alle Dokumentarfilmer essenziell, Fridolin Schönwiese hat für seinen Film It works II davon eine Extraportion gebraucht.
24 Jahre nachdem er in einem Kurzfilm 4 behinderte Kinder portraitiert hat, hat er drei von ihnen wieder getroffen, um mit ihnen diesen Langfilm zu machen.
Aus den Kindern sind Erwachsene geworden, mit eigenen Leben, selbstbestimmt, und keineswegs bereit sich „mal eben“ drehen zu lassen.
So hat die Produktion dieses Films 6 Jahre in Anspruch genommen. Das Ergebnis ist jede Geduldsprobe wert.
Hervorzuheben ist die tolle Bildgestaltung, mit Bildern, die häufig extrem nah sind, ohne zu belästigen. Für Vieles, das in den Protagonisten vorgeht, braucht es eine visuelle Übersetzung, die den Protagonisten und ihren Eigenheiten und Reflexionen gerecht wird und nicht einfach 1:1 eine beliebige Situation abfilmt. Und immer wurden Bilder gefunden, all das greift fabelhaft ineinander und unterstützt die Geschichte. Auch als Zuschauer braucht man allerdings den Mut, sich einen langen und auch langsamen Film anzuschauen, genau zu schauen, genau hinzuhören. Die Belohnung bleibt nicht aus. Man sieht einen Film, der ohne Pathos nahe geht.
Fleiss
Kunst ist harte Arbeit, egal ob hinter der Kamera oder auf der Bühne. Just be there von Caspar Pfaundler zeigt das deutlich. Zwei Tanzkompanien, eine in Wien, eine in Taiwan, werden bei ihren Proben gedreht. Lange Einstellungen dominieren, die Kamera oft ganz sanft beweglich, geduldig schauend, aber fast immer auf Abstand von den Probenden. Während in Wien zwei Tänzer ein klassisches Stück proben, ist die Gruppe in Taiwan dem Contemporary Ballet zuzurechnen. Unterschiede, die sich in den Proben nach kurzer Zeit deutlich zeigen. In Wien begreift man den Aspekt der Probe als harte Vorarbeit für den Auftritt in der Staatsoper, während in Taiwan die Proben mehr wie hartes, sportliches Training aussehen. Was gleich bleibt, die Härte, der die Körper ausgesetzt sind, die Suche nach Perfektion, die Wiederholungen. Tanz und Ballett abseits des Glamours und der Show, ein schönes Stück Filmarbeit. Und zumindest bewegungsfreudige Menschen fangen nach kurzer Zeit an, sich mitbewegen zu wollen.
Bilder von Caspar Pfaundler (c) ch.dériaz
Melodram
Die erste Vorstellung, bei der Zuschauer Wartemarken brauchen, und der grosse Saal total ausverkauft ist: die Uraufführung von Märzgrund von Adrian Goiginger.
Der Film ist ein Paradebeispiel dafür, dass, selbst wenn viele Einzelteile super sind, das Gesamtresultat dem nicht unbedingt folgt. Die Geschichte vom jugendlichen Tiroler Bauernsohn, der nicht will, was sein Vater, seine Umgebung von ihm erwarten. Zu sensibel, zu anders, zu fremd fühlt er sich. Das alles ist sehr gut gespielt, von allen Darstellern. Die Berglandschaft, in die er erst verbannt wird, und in die er sich dann 40 Jahre lang freiwillig verzieht, allein mit sich und der Natur, ist toll anzuschauen. Aber der immer wieder bemühte Reflex, Emotionen vor Bergpanorama mit geigenschwerer Musik zuzuschütten, ist schauderhaft. Auf Basis eines Theaterstücks von Felix Mitterer bleibt der Film aber ein kitschiges Alpenmelodram.
Johannes Krisch vor dem Kino (c) ch.dériaz
Frauengeschichte
Auch zur Uraufführung von Sabine Derflingers Film Alice Schwarzer drängeln sich mehr Menschen, als im Saal Platz finden, das ist für einen Dokumentarfilm, der um 21 Uhr an einem lauen Abend läuft, wirklich eindrucksvoll. Ihr Portrait der streitbaren, sprachgewandten und manchmal umstrittenen Alice Schwarzer ist extrem genau recherchiert. Als Journalistin und Vorkämpferin der Frauenbewegung gibt es massenhaft spannendes Archivmaterial, das immer in Beziehung gestellt wird zu Gesprächen mit Schwarzer heute und mit einer ganzen Reihe früherer Weggefährtinnen und Weggefährten. Es entsteht ein sehr dichtes – privates und öffentliches – Bild einer Frau, die wie wenige sonst so viele Jahre prägend in der Frauenbewegung war und immer noch ist. Wer mit ihr aufgewachsen ist, sieht ein Stück der eigenen Geschichte auf der Leinwand, und wer sie nicht kennt, hat hier die Chance sich ein Bild zu machen. Eine sehr starke Arbeit, die 136 Minuten lang interessant bleibt.